Über ein Drittel der Anlage ist schon gebaut: Bei Kosten von ca. 220 Millionen CHF entstehen 28 Solarspiegelreihen, jede 940 Meter lang, mit einer Gesamtfläche von 300’000 m2.

Die Firma Novatec Biosol hat diese Fresnel-Kollektor-Technologie entwickelt und für diese zukunftsweisende Erfindung an der Hannover-Messe den Industriepreis 2009 erhalten.

Spanische Sonne für Basel-Land und -Stadt

(MF) IWB und EBL sind in Spanien am Bau eines solarthermischen 30-MW-Kraftwerks (siehe Meldung vom 6. August 10 >>). Ein Einblick in die Riesenbaustelle in Calasparra, wo das Solarkraftwerk ab April 2012 fünfzig Gigawattstunden Strom produzieren wird, eine Strommenge, die 15’000 durchschnittliche Schweizer Haushalte mit Strom versorgt.


Im Regen verdursten

Energieknappheit auf einem Planeten, dem die Sonne in knapp einer Stunde den gesamten jährlichen Energieverbrauch liefert? Dazu taucht im Roman “Solar” von Ian McEwan ein Vergleich auf: Wir leben mit der Sonnenenergie wie ein Verdurstender, der im strömenden Regen steht und gegen seinen Durst alle Bäume in seiner Umgebung gefällt hat, weil er bisher immer Wasser aus den Bäumen gesogen hat. Es ist ihm bisher noch nicht in den Sinn gekommen, den Kopf in den Nacken zu legen und den Mund dem Regen zu öffnen.

Der Vergleich trifft nicht alle gleich – besonders nicht Urs Steiner, Tobias und Beat Andrist von der Elektra Baselland (EBL) und die Leitung der Industriellen Werke Basel (IWB), die mit ihrem Mut und ihren Finanzen im Sonnengürtel Spaniens ein grosses Solarkraftwerk verwirklichen. Die EBL ist derzeit mit 73 %, die IWB mit 12 % beteiligt. Sie spannen mit der Firma Novatec Biosol aus Karlsruhe zusammen, die das Kraftwerk Puerto Errado II in Calasparra baut und zu 15 % mitbeteiligt ist.

Strom für 15’000 Haushalte
Juan Ricardo Rothe, Baustellenleiter der EBL vor Ort, zeigt mir die Fabrik in Fortuna bei Murcia, die die Sonnenspiegel installationsreif zusammensetzt und pro Tag 1200 m2 Spiegelfläche herstellt. Später führt er mich auf der Riesenbaustelle in Calasparra herum, wo das Solarkraftwerk ab April 2012 fünfzig Gigawattstunden Strom produzieren wird, eine Strommenge, die 15’000 durchschnittliche Schweizer Haushalte mit Strom versorgt.

Der gebürtige Argentinier Juan hat sein Leben lang im Energiebereich gearbeitet – für Siemens in Deutschland, Vietnam, Chile und in der Schweiz, u. a. für AKW und fossile Kraftwerke. Nun krönt er mit sechzig seine Karriere mit der Arbeit für das neue thermische Solarkraftwerk.

Roboter für die Sonne
Wie ein grosser, erstaunlich beweglicher Riesenvogel packt der Roboter in der Fabrikhalle die lange Stahlplatte, lässt sie in präzisem Schwung durch die Luft sausen, legt sie auf eine Unterlage, wo sie gestanzt wird – es gibt keine Schrauben, keine Schweissnähte. Das nächste Roboterungetüm montiert die Abschlusskappen der Spiegelträger, und dann der dritte, noch grössere Maschinenvogel schiebt die Stahlträger in ein Gestell, bringt Klebstoff auf und klebt die aus den USA per Schiff herantransportierten Spiegel auf die Trägerplatten. Jede Bewegung sitzt, ein gespenstischer Maschinentanz, der mich fasziniert und angenehm berührt – für einmal wendet sich Technik nicht gegen Sonne und Erde, sondern bereitet dienend die Aufnahme der unerschöpflichen Sonnengabe vor.

Lichtteppich zwischen den Bergen
Leicht geneigt liegt die Baustelle da, umgeben von Mandelbaum- und Pfirsichplantagen, die sich weisse und rosa Blütenschleier übergeworfen haben – eine Fläche von 60 Hektaren, 84 Fussballfeldern, in einem breiten Tal zwischen bizarre Berge eingebettet, in der sonnenreichsten Gegend Spaniens – mit ca. 1700 Volllichtstunden wird gerechnet, 50 km nördlich von Murcia. Über ein Drittel der Anlage ist schon gebaut: Bei Kosten von ca. 220 Millionen CHF entstehen 28 Solarspiegelreihen, jede 940 Meter lang, mit einer Gesamtfläche von 300’000 m2. Diese Spiegel, deren Neigung dem Einfallswinkel der Sonnenstrahlen angepasst wird, sammeln das Sonnenlicht und konzentrieren es auf ein in sieben Meter Höhe verlaufendes, mit Wasser gefülltes Rohr. Das Wasser wird durch die Sonnenhitze in 270°C heissen Dampf verwandelt, der unter 55 Bar Druck steht. Der Dampf treibt zwei 15 MW-Turbinen an. Der Strom wird ins Stromnetz eingespeist. Ende 2009 hat Spanien die kostendeckende Einspeisevergütung für das Werk gutgeheissen – 33 Eurocents pro kWh, ein das Projekt lukrativ machender Glücksfall – angesichts der kritischen Wirtschaftslage des Landes.

Wüstentauglich
Die Firma Novatec Biosol hat diese Fresnel-Kollektor-Technologie entwickelt und für diese zukunftsweisende Erfindung an der Hannover-Messe den Industriepreis 2009 erhalten. Das Prinzip wird “Concentrating Solar Power” (CSP) genannt. Verglichen mit herkömmlichen CSP-Technologien braucht die Novatec-Anlage ca. 70 % weniger Material. Wegen der eingesetzten Trockenkühlung, des geschlossenen Kreislaufs und der maschinellen Reinigung der flachen Spiegel ist der Wasserverbrauch minimal – wichtig für die Wüstengegenden, wo diese Anlagen hingehören. Die Anlage könnte auch vom wirtschaftlichen Standpunkt aus konkurrenzfähig mit fossilen Kraftwerken werden, wäre ihnen gar überlegen, wenn bei letzteren die Folgekosten für die Umwelt berücksichtigt würden.

Einfach und still
Ich stelle mir vor, wie in einem Jahr hier dank der Sonne massenhaft Strom erzeugt wird, mit Sonnenlicht, Wasser und Spiegeln, so einfach, still, auch wenn die Verwirklichung dieser Technologie grosse Ansprüche an Material, Präzision und Flexibilität stellt. Ständig werden neue Erfahrungen gesammelt. So ist eine weitere Pilotanlage im Bau, um durch höhere Dampftemperaturen und-drucke die Anlage zu verbessern.

Gegenwart und Zukunftsmodell
Das Engagement von EBL und IWB ist zukunftsweisend für die Schweizer Energiepolitik. Sie investieren in moderne Technologie, dort wo diese am meisten bringt. Um die Schweizer Energieversorgung zu sichern, braucht es in allererster Linie die Förderung der Energie-Effizienz bei Gebäuden und Geräten inkl. Stand-bye-Regelungen. Berechnungen zeigen: Allein im Gebäudesektor liesse sich durch Sanierung der 1,5 Millionen energieverschwendenden Gebäude sowie Einführung des Energie-Plus-Standards für Neubauten eine Energiemenge einsparen, die die Kapazität aller fünf Schweizer AKW bei weitem übersteigt. Dies ist zudem die grosse Chance für das einheimische Gewerbe. Weiter braucht es dezentrale Energieanlagen – Sonnenkollektoren, Photovoltaikanlagen, Erdsonden u.a. Für die dann noch nicht gedeckten Strombedürfnisse können Grossanlagen zur Nutzung von erneuerbaren Energien dienen. Hier gehen die EBL und die IWB mit dem Projekt Puerto Erado II in Calasparra beispielhaft voran. Gracias al Sol!

© Text und Bilder: Martin Vosseler

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