07. Feb 2018

Hackstock: Wenn wir keine passenden Schnittstellen für die Anbindung an Smart Home Systeme haben, sind wir in Zukunft nicht dabei und das Heizen wird ausschliesslich von der Stromwelt und Photovoltaik bestimmt. ©Bild: Austria Solar

Solarwärme: 5 Trends, die Solarwärme 2018 wieder in Fahrt bringen

(©CD) Seit Jahren hat Solarwärme mit einer anhaltenden Talfahrt zu kämpfen, der Solarwärmemarkt in Österreich ist in zehn Jahren um zwei Drittel geschrumpft, auch Deutschland verzeichnet seit fünf Jahren einen kontinuierlichen Rückgang. Mit dem Preisverfall bei Photovoltaik und einem Boom bei Wärmepumpen ist eine neue Konkurrenz am Wärmemarkt gewachsen, die Solarwärme zunehmend zu schaffen macht.


Austria Solar Geschäftsführer und Buchautor Roger Hackstock gibt Auskunft, wie es mit Solarwärme weitergeht und welche Chancen für Technologie und Zukunft bestehen. Das Interview führte Cornelia Daniel.

Roger, die Talfahrt bei Solarwärme scheint seit Jahren ungebrochen fortzuschreiten. Wie kann dieser Trend deiner Meinung nach aufgehalten werden?
Die Solarwärmebranche befindet sich im Umbruch, der traditionelle Markt der Kleinanlagen bricht zunehmend weg und wird von Photovoltaik und Wärmepumpen übernommen, dafür werden immer mehr Grossanlagen installiert, bei Betrieben, Siedlungen und im Fernwärmenetz. Diese neuen Megawattanlagen mit mehreren hundert bis tausenden Quadratmetern können den Rückgang am Massenmarkt aber mengenmässig nicht auffangen, zumindest derzeit noch nicht. Die Grossanlagen stellen auch einen völlig neuen Markt dar, auf den sich die Branche erst einstellen muss, wie den Solaranbieten langsam klar wird.

Was ist bei Grossanlagen anders als bei einer Kleinanlage für das Einfamilienhaus?
Man hat mit ganz anderen Kunden zu tun, die wissen wollen, was ihnen die Kilowattstunde Wärme aus der Sonne über 20 Jahre kostet, die Planungen sind viel aufwändiger und dauern länger, Zuverlässigkeit und Fernwartung der Anlage stehen im Vordergrund. Es ist grundsätzlich so, dass die künftigen Herausforderungen bei Solarwärme der Branche mehr abverlangen als bisher, das thematisieren wir stark im Verband. Die Veränderungen gehen von Systemlösungen über radikal vereinfachte Sonnenheizungen bis zur Digitalisierung der gesamten Wertschöpfungskette. Man kann diese Veränderungen in fünf Trends zusammenfassen, die den Solarwärmemarkt stark verändern werden.

Welche Trends sind das?
Das sind zum einen die erwähnten Grossanlagen. Ab einer Anlagengrösse von 350 Kilowatt, das sind 500 Quadratmeter, beginnen die Kosten stark zu sinken. Bei zehnmal so grossen Anlagen gilt mittlerweile die Faustregel, dass eine schlüsselfertige Solaranlage Wärme unter 5 Cent pro Kilowattstunde liefert. Das sind die Grössenordnungen, um die es bei Prozesswärme und Fernwärme geht. Bei grossen Gebäuden und Siedlungen wiederum geht es um eine schlaue Kombination von Wärmepumpen und Solaranlagen, um Synergieeffekte zu nutzen und aus beiden Technologien das Maximum rauszuholen. Mit Erdspeicher und Bauteilaktivierung kann man solare Deckungsgrade von 70 Prozent und mehr erreichen, in manchen Fällen kommt man sogar ohne Zusatzheizung aus und heizt voll solar, zu unschlagbar günstigen Kosten.

Gibt es auch einen Trend am Massenmarkt, oder ist der für Solarwärme bereits verloren?
Hier müssen wir radikal umdenken und fragen: wie klein und einfach kann die Restheizung sein, wenn wir es schaffen, zu zwei Drittel und mehr mit der Sonne zu heizen? Mit den heutigen Niedrigenergiegebäuden im Neubau geht das nämlich relativ problemlos, das muss nicht einmal ein Passivhaus sein. Mit einer 20 Kilowatt Anlage am Dach, das sind 30 Quadratmeter, einem 2000- Liter-Speicher im Keller und Bauteilaktivierung in der Decke kann man locker ganzjährig 70 Prozent mit der Sonne heizen. Die Restenergie ist so gering, dass man dafür keine eigene Heizung mehr braucht. Das ist der dritte Trend der Zukunft, die Sonnenheizung, wo im Speicher eine Elektropatrone steckt, die denkbar einfachste Art der Nachheizung. Braucht man nur mehr sehr wenig Energie zur Sonne dazu, kann man das auf diese Weise machen. Mit einem Ökostromvertrag ist auch die kleine Restheizung ökologisch. Damit könnte Solarwärme der Photovoltaik Paroli bieten, wenn sich das durchsetzt.

Du redest immer von Kilowatt (was mich persönlich natürlich sehr freut – siehe unten :-), meinst aber nicht Photovoltaik sondern Solarwärme, oder?
Das stimmt, es geht darum, die Leistung von Solaranlagen mit anderen Technologien wie Photovoltaik oder Heizkessel zu vergleichen. Damit man ein Gefühl dafür bekommt, dass nicht nur Quadratmeter installiert sind, sondern Heizleistung geliefert wird. Vor allem bei Grossanlagen geht es darum, dass hier Megawattanlagen am Werk sind, was bei Solarwärme nicht so im Bewusstsein ist. Die Umrechnung hat die Internationale Energieagentur IEA festgelegt, man hat sich vor Jahren in der Statistik darauf geeinigt, dass ein Quadratmeter Kollektor 700 Watt Spitzenleistung liefert.

Du sprichst von fünf Trends, welche zwei kommen noch auf die Solarwärme zu?
Der vierte wichtige Trend wird die Digitalisierung bei Solarwärme sein, sozusagen Solarwärme 2.0. Wir hatten im Dezember des Vorjahres einen Workshop mit 35 Teilnehmern, zur Hälfte Solarunternehmen und Zulieferer und zur Hälfte Startups aus dem Bereich Heizen 2.0. Das war für beide Seiten spannend und hat gezeigt, wo wir die Digitalisierung überall nutzen können. Das reicht von der Kundenansprache und Angebotslegung bis zur Planung und Überwachung der Anlagen. Dass man Solaranlagen auf diese Weise auch updaten kann, was selbst bei Rasenmähern schon normal ist, ist in der Solarwärmebranche noch unbekannt. Die Digitalisierung schliesst an den fünften Trend an, der wahrscheinlich die Zukunft der Solarwärme in Gebäuden generell bestimmen wird: Die Anbindung an Smart Home Systeme. Wenn wir da keine passenden Schnittstellen haben, sind wir in Zukunft nicht dabei und das Heizen wird ausschliesslich von der Stromwelt und Photovoltaik bestimmt. Das ist der mächtigste Trend, dem sich Solarwärme gegenübersieht. Wenn wir den ignorieren, sind wir draussen aus dem Heizungsgeschäft, dann bleiben nur noch die riesigen Freiflächenanlagen für die Fernwärme als Geschäftsfeld übrig. Dazu wollen wir es nicht kommen lassen.

Danke, Roger, dass du dir die Zeit für unser Gespräch genommen hast! Was mich besonders freut ist, dass die Branche endlich beginnt in KW und Leistung zu denken und nicht in Quadratmetern. Vor Jahren habe ich schon auf diesen Misstand hingewiesen und einen Vorschlag für eine echte standardisierte Nennleistung auf Kollektorebene gemacht, wie es bei der Photovoltaik seit Anbeginn üblich ist. Die pauschale Nennleistung, die über alle Kollektoren egal welcher Bauart gezogen wird, ist ein erster Schritt, aber reicht meiner Meinung noch nicht um echte Vergleichbarkeit mit der PV herzustellen, aber das ist eine andere Geschichte und sollte definitiv weiterdiskutiert werden.

©Text: Cornelia Daniel, Erstveröffentlichung im Öko-Energie-Blog der Raiffeisen Nachhaltigkeitsinitiative

1 Kommentare
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Georg Hasnelmann @ 09. Feb 2018 13:17

Wenn ich diesen Beitrag lese kommt mir der Bericht von Einstein wieder in den Sinn, der besagt und es werden nur noch Id..... sein.

Heute schon gibt es auch ohne smart -.... sehr gute Konzepte für das solare Heizen, ich denke da an den Schweizer Solar-Pionier der Fa. Jenny AG in Oberburg BE. Sein System Überzeug in ALLE belangen der Solaförderung. Das kann man auf seiner Internetseite sehen und lassen sie die teilweise unbrauchbare vom Bund Quersubventionierten Systeme, ausseracht. (Im übrigen ich habe keinen Vorteil wenn ich solche Aussagen hier verbreite, nur ich besuche die Jenni-Tages Kurse schon seit 2007-08. Und bin immer noch überzeigt von seinem ausgezeichnete Systeme, auch europaweit, aber vorallem in Deutschland. Auch macht er in Bern keine Lobby.
Was aus meiner Sicht sehr schädlich ist die Schweiz und Verboten sein muss.

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