Ludwig Hasler: „Der grösste Feind der Zukunft ist eine beliebte Gegenwart. Wir können uns dann keinen Ort vorstellen, der mindestens so erstrebenswert wäre wie der Status quo.“ Bild: AEE Suisse

Katharina M. Fromm: „Investitionen in den Klimaschutz gehören zu den wirksamsten Konjunkturimpulsen überhaupt!“ AEE Suisse

„Klimaschutz ist langfristig günstiger, wenn wir heute handeln, als wenn wir die Massnahmen auf morgen verschieben“, erklärte Reto Knutti. Bild: AEE Suisse

Zu Wort kamen auch Jugendvertreter, darunter Mitglieder von Jugendparlamenten, Repräsentanten der Klimajugend und Angehörige des Think Tank Foraus. Bild: AEE Suisse

Wirtschaftsvertreter tauschten sich über umgesetzte Massnahmen und die Möglichkeiten im Bereich erneuerbare Energien und Energieeffizienz aus. Bild: AEE Suisse

Gianni Operto: “Wenn Covid eine Mücke ist, dann ist der Klimawandel ein Elefant!“ Bild: AEE Suisse

AEE Suisse-Kongress: „Wir müssen Gefallen kriegen am Wandel, sonst passiert nichts!“

(AN) „Die Coronakrise hat gezeigt, dass wir – wenn wir wollen – sehr rasch handeln können. Das sollte auch für die Klimakrise gelten“, erklärte Gianno Operto an der Eröffnung des AEE Suisse Kongresses im September. „Wir sind auf einem gutem Weg, doch wir brauchen viel mehr Schub: Covid ist eine Mücke, der Klimawandel ein Elefant!“ „Menschen ticken komplizierter. Wir müssen Gefallen kriegen am Wandel, sonst passiert nichts“, erklärte Ludwig Hasler, Philosoph, Physiker und Publizist.


„Doch anders als bei Covid kennen wir die Massnahmen gegen den Klimawandel. Die Rezepte liegen vor, wir müssen sie nur umsetzen“, mahnte Gianni Operto, der Präsident der AEE Suisse. Es gelte, ideologische Gräben zuzuschütten: „Eine Beschleunigung der Umsetzung der Massnahmen ist dringend erforderlich!“ Die Mission Zero, die von AEE Suisse an diesem Tag gestartet wurde, sei möglich. „Der Klimawandel ist kein unausweichliches Schicksal“, ist Operto überzeugt. Was fehle, seien verlässliche politische Rahmenbedingungen. Rund 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer fanden sich am 2. September in Solothurn zum AEE Suisse Kongress 2020 ein.

Kein Zurück in die fossile Welt
„Stehen bleiben ist angesichts des Klimawandels nicht erlaubt“, erklärte Daniel Büchel, Vizedirektor des Bundesamts für Energie, Leiter der Abteilung Energieeffizienz und Erneuerbare Energien sowie Programmleiter von Energie Schweiz. Die Schwierigkeit sei aber die Planung des Unplanbaren. „Wir wissen nie, was hinter der nächsten Kurve ist, wir müssen planen und ständig wieder anpassen.“ Es gelte, Bewährtes weiterzuführen und das, was nicht die erwartete Wirkung zeige, zu korrigieren. „Ein Zurück in die fossile Welt gibt es nicht!“

Mentalitätswandel
Per Video schaltete sich Claude Turmes, Energieminister Luxemburgs, zu und erklärte die Ziele der EU. Er zeigte auf, dass Europa im grossen Stil in die Dekarbonisierung und den Ausbau der erneuerbaren Energien investieren will und bereit ist, den Wandel unter dem Motto ‚Green New Deal‘ stark zu beschleunigen. „Wir müssen unbedingt heute die Infrastruktur für die Mission Zero schaffen“, unterstrich der Politiker, der eine Entwicklung zurück zu Quartierslösungen sieht. Und es brauche auch eine Finanzwende raus aus Öl, Gas und Kohle. Zudem müssten wir dem Konsumwahn den Rücken kehren: „Wir brauchen eine ‚transition intérieure‘“, ist Claude Turmes überzeugt. Denn nur mit einem Mentalitätswandel sei die Energiewende zu schaffen. Das E-Bike, fand der grüne Politiker, sei die weitaus grössere Revolution als das E-Auto!

Ölverbrauch auf Stand 1995
„Aufgrund des Lockdowns ist der Erdölverbrauch während rund zwei Monaten um 17 % auf den Stand von 1995 gesunken“, erklärte Katharina M. Fromm, Vizerektorin Forschung und Innovation der Universität Freiburg. Sie zeigte sowohl die eindrücklichen Reduktionen der Lärmemissionen sowie die der CO2-Emissionen während des Lockdowns auf. Nun gelte es, die Wirtschaft neu aufzubauen: Alle Konjunkturmassnahmen müssten so ausgerichtet werden, dass sie die ökologische Transformation und den Strukturwandel hin zur Klimaneutralität förderten, fordert Katharina M. Fromm: „Investitionen in den Klimaschutz gehören zu den wirksamsten Konjunkturimpulsen überhaupt!“

Partygänger dieser Erde?
„200 Jahre Industrie und Verkehr und die Welt ist voll: sechs Milliarden Menschen, Massenkonsum, Massentourismus, Debakel beim Klima, der Biodiversität. Wir haben die Ressourcen geplündert und selbst den Himmel versaut“, resümierte Ludwig Hasler, Philosoph, Physiker und Publizist. Er appellierte denn auch an den Gestaltungswillen der Anwesenden und forderte mehr Mut zur Veränderung. „Der epochale Wandel ist fällig, keine Frage. Nur: In unseren Köpfen nisten Denkweisen des 19. Jahrhunderts.“ Doch wenn wir die Energiewende herbeiführen wollten, müssten wir zum Wandel verführen, mit der Technik allein seien wir auf dem Holzweg. „Menschen ticken komplizierter. Wir müssen Gefallen kriegen am Wandel, sonst passiert nichts“, erklärte Ludwig Hasler. Es gelte wegzukommen von der wohlorgansierten Verantwortungslosigkeit, eine Selbstachtungsmentalität müsse aufgebaut werden: „Der Mensch muss verführt werden, eine Person zu sein, die Lust darauf hat, einen neuen Weg einzuschlagen und nicht als Partygänger dieser Erde durchs Leben zu gehen. Der Mensch muss dazu motiviert werden, stellvertretend für die Gesellschaft zu handeln“, ist Ludwig Hasler überzeugt. Auch auf die Älteren seiner Generation kam er zu sprechen: „Wir haben alles im Trocknen, wir könnten uns jetzt zurücklehnen. Doch wir können auch die Sorgen der Jungen aufnehmen!“

Zum Referat von Ludwig Hasler auf aeesuisse.ch >>

Generation Greta fordert heraus
„Klimaschutz ist langfristig günstiger, wenn wir heute handeln, als wenn wir die Massnahmen auf morgen verschieben“, erklärte Reto Knutti, Science for Future ETH. „2018 wurden im Jura die geringsten Niederschläge seit Messbeginn gemessen.“ Wir müssten runter auf null CO2-Emissionen, das sei eine fundamentale Veränderung. „Es muss mehr passieren und es muss schneller passieren“, das waren auch Forderungen der Vertreterinnen und Vertreter der ‚Generation Greta‘, die zusammen mit Reto Knutti und der Präsidentin des Think Tank Foraus, Anna Stünzi, den anwesenden Teilnehmenden ins Gewissen redeten. Es drohe eine Klimaerwärmung in der Schweiz um bis zu 7 Grad Celsius bis 2100. Das letzte Mal, als solche Veränderungen stattfanden, allerdings in die entgegengesetzte Richtung, habe Eiszeit in der Schweiz geherrscht. Die Situation zeige sich dramatisch. Zögerliches Handeln müsse der Entschlossenheit weichen, soll das schlimmste Szenario verhindert werden.

Ohne Gesetze geht es nicht
„Der Verzicht aufs Fliegen ist die effizienteste Art, CO2 zu sparen“, führte Reto Knutti aus. Einmal Australien und retour entspreche dem jährlichen CO2-Ausstoss eines Haushalts. 19 % des CO2-Ausstosses der Schweiz gehe denn auch auf das Konto des Fliegens, 26 % auf den Individualverkehr, 16 % auf die Industrie und 11 % auf die Landwirtschaft. Um die CO2-Emissionen auf null zu bringen, braucht es gemäss dem Klimaforscher griffige Gesetze: „Wir haben noch kein grosses Problem ohne Gesetz gelöst!“

Seit 200 Jahren bekannt
Schon im 18 Jahrhundert hätten Forscher die negativen Auswirkungen des Verbrennens von fossilen Treibstoffen ziemlich genau berechnet. „Und die Ölindustrie weiss seit den 1950er Jahren, wie schädlich es ist, fossile Brennstoffe zu verbrennen. Wir haben zwei Drittel der Linzertorte bereits gegessen. Was wir heute essen, ist nicht mehr für unsere Kinder da!“

Nicht abhängig vom Bildungsstand
Den Klimawandel als Problem zu erkennen, sei nicht abhängig vom Bildungsstand. Doch je höher die Bildung eines Menschen sei, desto polarisierter werde das Thema diskutiert, wusste Reto Knutti zu berichten. Er sieht durchaus Parallelen zwischen der Covid-Pandemie und dem Klimawandel: Beide seien komplex, unklar und stellten eine persönliche Bedrohung dar. Beide könnten nur gemeinsam gelöst werden. Auch gebe es bei beiden eine Verzögerung zwischen dem Entscheid und den Konsequenzen. Und bei beiden sei die Wissenschaft wichtig für die Lösung.

Mehr möglich als gedacht
„Die Pandemie findet aber unmittelbar statt, der Klimawandel nicht. Die Lösung des Klimawandels fordert demokratische Prozesse heraus, die zu langsam sind. Doch die Pandemie zeigt, dass weit mehr möglich ist, als wir gedacht haben.“ Knutti fordert angesichts der drohenden Arbeitslosigkeit ein Stimuluspaket für eine nachhaltige Entwicklung, denn Klimaschutz sei günstiger als kein Klimaschutz: „Wir hatten noch nie so viele Möglichkeiten wie heute, um den CO2-Ausstoss zu senken! Wenn wir in der Schweiz nicht zeigen, wie das geht, wie sollen es denn die anderen machen?“, gab Reto Knutti zu bedenken.

Luft nach oben und Beschleunigung
Auftritte von Unternehmen wie Credit Suisse, BKW, IBM oder Brugg Group zeigten, wie fit und bereit die Schweizer Wirtschaft für den Wandel ist. Kritisiert wurden politische Rahmenbedingungen, die nicht selten den tatsächlichen Entwicklungen hinterherhinken oder die unternehmerischen Freiheiten zu stark einschränken. Die Kongressteilnehmenden waren sich einig, dass die Schweiz beim Aufbau einer neuen Energieinfrastruktur noch viel Luft nach oben hat. Die Zeit drängt und entschiedenes Handeln ist gefordert: Die Rezepte für eine erfolgreiche Umsetzung der Energiewende und damit eine überzeugende Antwort auf die Klimakrise liegen alle auf dem Tisch. Was es dringend brauche, sei eine spürbare Beschleunigung des Zubaus an erneuerbaren Energien und eine konsequente Dekarbonisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, lautete die Quintessenz der Beiträge.

Referate und Bilder >>

Text: Anita Niederhäusern, Herausgeberin und leitende Redaktorin ee-news.ch

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1 Kommentare

Max Blatter

"Die Coronakrise hat gezeigt, dass wir ... sehr rasch handeln können." Na ja, also ... mit Ausnahme der Pharma-Branche in Sachen Impfstoff-Entwicklung (die Steilvorlage für diesen Seitenhieb MUSSTE ich nutzen)!

Die Aussage, dass wir "Gefallen am Wandel" finden müssen, trifft m.E. den Kern. Ich denke, dass genau das uns Ingenieuren und Ingenieurinnen im Blut liegt: Wir nutzen die Gesetze der Physik und der Mathematik, um Neues auszutüfteln: Wandel in Reinkultur eben!

Wir sollten vermehrt versuchen, nicht nur unsere Produkte, sondern unsere ganze Art zu denken und zu fühlen(!) den anderen Menschen nahezubringen. Nicht (nur) kopflastig, sondern auch "mit dem Herzen".

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