11. Okt 2019

Felix Nipkow: „Das Phaseout muss gleichzeitig mit dem Phase-in geschehen.“ ©Bild: Patrick Bussmann / SES

Iris Menn: „50 Millionen Flüge gibt es weltweit jährlich. Doch diese werden nur von rund 15 % der Weltbevölkerung beansprucht. 20 % der Weltbevölkerung verbrauchen 75 % der Ressourcen.“ ©Bild: Patrick Bussmann / SES

Sabine von Stockar: „Ein Minergie-P-Gebäude braucht pro Tag noch gerade so viel Strom, wie ein Haarföhn in einer Stunde.“ ©Bild: Patrick Bussmann / SES

„Wir wollen alle, auch ich, dass es unseren Enkeln gut gehen wird!“, äusserte sich Cornelia Meyer, die auf fossile Energien spezialisierte Ökonomin. ©Bild: Patrick Bussmann / SES

„Energie war immer auch Geopolitik“, legte Monika Gisler, Historikerin für Unternehmen Geschichte an der ETH Zürich, dar. „Sie wurde immer auch dazu benutzt, politische Interessen durchzusetzen.“ ©Bild: Patrick Bussmann / SES

Harald Welzer: „Die E-Mobilität ist das Methadon der Autofahrer.“ ©Bild: Patrick Bussmann / SES

„Alle 10 Tage wird weltweit genauso viel erneuerbare Leistung zugebaut, wie sie ein AKW in der Grösse von Beznau aufweist“, schloss Nils Epprecht. Dies sei ihm unter anderem von den Referaten in Erinnerung geblieben. ©Bild: Patrick Bussmann / SES

Claude Longchamp: „Wer am 20. Oktober für die Energiewende stimmen will, der muss wohl eher mit dem Kopf und nicht mit dem Herzen wählen.“ ©Bild: Patrick Bussmann / SES

Maximilian Held: „82 % der Schweizer Emissionen aus dem Transportsektor stammen aus dem Pkw- und Flugverkehr.“ ©Bild: Patrick Bussmann / SES

Toni Gunzinger: „Wird der Solarstrom mit einer Wärmepumpe verwendet, so ist der Strom verglichen mit Öl rund 4 Mal mehr wert. In der Mobilität steigt dieser Wert auf 4-6 Mal, beim Licht auf 10 Mal.“ ©Bild: Patrick Bussmann / SES

Daniel Egger, Abteilungsleiter Marketing & Sales von Climeworks, erklärte dem Publikum, wie das Verfahren von Climeworks funktioniert. ©Bild: Patrick Bussmann / SES

Stefan Gössling: „Unsere Sozialisierung hat teils über das Auto stattgefunden, darum wollen wir auch unbedingt an diesem Modell festhalten.“ ©Bild: Patrick Bussmann / SES

SES Fossil Phaseout Congress: Vom Röschtigraben zwischen Technologiegläubigen und Lebenswandel-Verfechterinnen

(AN) Claude Longchamp brachte es auf den Punkt: „Die Referate am Morgen wiesen alle darauf hin, dass wir den Klimawandel aufhalten können, wenn wir uns anders verhalten. Die Referierenden von heute Nachmittag sind alle davon überzeugt, dass mit Technologie (fast) alles lösbar ist.“ Am Phaseout Congress der SES vom 30.9.19 wurde der Ausstieg aus den fossilen Energien debattiert.


„Energie war immer auch Geopolitik“, legte Monika Gisler, Historikerin für Unternehmen Geschichte an der ETH Zürich dar. „Sie wurde immer auch dazu benutzt, politische Interessen durchzusetzen.“ Die 200 Jahre, während denen die Welt von den fossilen Energien bestimmt wurde, seien historisch gesehen eine ziemlich kurze Zeit. „Ein Staatenbund wie die OPEC würde, wenn wir aus den fossilen Energien aussteigen würden, nicht nur an Wirtschaftskraft, sondern auch an politischem Einfluss verlieren.“ Gisler ist der Meinung, dass beim Umstieg auf erneuerbare Energien insbesondere die Verfügbarkeit von mineralischen Rohstoffen, vor allem die von seltenen Erden, ein Problem werden könnte.

So schnell geht es nicht ohne die Fossilen
„Wir wollen alle, auch ich, dass es unseren Enkeln gut gehen wird!“, äusserte sich Cornelia Meyer, die auf fossile Energien spezialisierte Ökonomin. Das grosse Problem seien aber nicht die kleine Schweiz, sondern die USA, Indien und China, sie seien die grossen Konsumenten fossiler Energie. Unter anderem Arbeitsplätze und der Zugang zur Energie lagen ihr am Herzen. Meyer ist überzeugt, dass es so schnell nicht ohne fossile Energien gehen wird. „Wenn wir ausstiegen, wer will dann noch in Energie investieren?“, meinte sie und präsentierte eine Folie über den Preiszerfall der Aktien von Eon und RWE.

Raus aus der Steigerungslogik
„Mir fällt insbesondere die permanente Steigerungslogik in allen Bereichen auf. Das zunehmende Bewusstsein über den Klimawandel und parallel dazu die Steigerung der Wirtschaftsleistung sind ein Phänomen, das psychologisch erklärt werden muss.“ Darauf wies Harald Welzer, Soziologe & Publizist und Direktor der Stiftung Futurzwei, hin. „Die E-Mobilität ist das Methadon der Autofahrer“, davon ist er überzeugt. Je mehr Angst die Leute vor dem Klimawandel hätten, umso mehr würden sie konsumieren und das möglichst viel, solange es halt noch geht. „Wir müssen aus dieser Steigerungslogik raus und ein Fünftel runter!“ Die Angst sei dabei aber ein schlechter Partner, vielmehr gelte es neue Zukunftsbilder zu entwickeln. Zum Beispiel Visionen von autofreien Städten, wie sie die spanische Stadt Pontevedra schon umgesetzt habe, oder wie in Dänemark, wo viele Städte bereits vom Velo erobert worden seien. Dabei gehe es aber nicht darum, die Verbannung des Verkehrs in den Mittelpunkt zu rücken, sondern eher die Vorzüge der neuen Lebensformen hervorzuheben. „In München zum Beispiel machen die Autoparkplätze 12 % der Stadtfläche aus!“, weiss Harald Welzer zu berichten. Alternativ könnte auf dieser Fläche günstiger Wohnraum gebaut werden, der in deutschen Grossstädten so dringend benötigt wird.

Mit fossilen Energien sozialisiert
„Der Individualverkehr, sprich das Auto, steht in unserer Gesellschaft für Freiheit, Rebellion, Gemeinschaft und dient sogar der Partnerwerbung“, stellte Prof. Dr. Stefan Gössling von der School of Business and Economics an der Linné-Universität in Schweden fest. Unsere Sozialisierung habe zum Teil über das Auto stattgefunden, darin sieht er einer der Gründe, warum wir so überzeugt an diesem Modell festhalten. Den Trend hin zu den grossen SUV erklärt er mit der zunehmenden Unsicherheit in der Gesellschaft: „Wer Angst hat, zieht sich zurück“, erläutert er, eben auch in ein grosses Auto, das Sicherheit vermittelt. Kopenhagen zeige, dass das Velo schneller sei als das Auto, gesünder, billiger und erst noch für mehr Platz sorge.

Nur noch 4 % wilde Säugetiere
„50 Millionen Flüge gibt es weltweit jährlich. Doch diese werden nur von rund 15 % der Weltbevölkerung beansprucht. 20 % der Weltbevölkerung verbrauchen 75 % der Ressourcen“, legte Iris Menn, Geschäftsleiterin von Greenpeace Schweiz, dar. Ein Video der Flugbewegungen zeigte eindrücklich, dass vor allem in Nordamerika und Europa geflogen wird. Menn hatte weitere beeindruckende Zahlen im Gepäck: 36 % der Säugetiere sind Menschen, 60 % Nutztiere. „Nur noch gerade 4 % machen die Wildtiere aus“, erklärte sie. „Bei den Vögeln machen die Nutztiere, wie Hühner, 70 % des weltweiten Bestands aus, nur noch 30 % sind wild lebende Vögel.“ Für die Umweltspezialistin ist es nur eine Frage des politischen Willens, ob wir aus den Fossilen aussteigen, denn dies sei sowohl finanzier- wie auch machbar.

CO2 aus der Atmosphäre filtern und Häuser dämmen
Climeworks hat ein Verfahren entwickelt, das es erlaubt, CO2 aus der Atmosphäre zu filtern. ee-news und die Tagespresse haben bereits mehrmals darüber berichtet. Daniel Egger, Abteilungsleiter Marketing & Sales von Climeworks, erklärte dem Publikum, wie das Verfahren funktioniert. Spannend sind folgende Zahlen: Um 1 % des weltweiten CO2-Ausstosses aus der Luft zu filtern, müssten 250‘000 solcher Anlagen gebaut werden. Und um der Luft eine Tonne CO2 zu entziehen, braucht es 2000 kWh Wärme und 650 kWh Strom.

Bei der Dämmung von Häusern und der nachhaltigen Wärmeproduktion sieht die Situation deutlich besser aus: Die Lösungen sind da. „Die Energie kann dank Photovoltaik am Gebäude selber produziert werden und dann kann das Gebäude über eine Wärmepumpe geheizt werden“, erklärt Sabine von Stockar von Minergie. „Ein Minergie-P-Gebäude braucht pro Tag noch gerade so viel Strom wie ein Haarföhn in einer Stunde.“ Doch leider liege die Sanierungsrate bei nur 1 %. Und selbst im Falle einer Sanierung würden sich nur die wenigsten Gebäudebesitzer für eine neue Heiztechnologie entscheiden. Zudem liefere die Photovoltaik im Winter wenig, genau dann, wenn am meisten Heizbedarf bestehe. Also müsse derzeit CO2-intensiver Strom importiert werden. Um dieses Problem zu lösen, brauchten wir einen massiven Photovoltaikzubau und die Speicherung der Energie für den Winter. Gemäss Sabine von Stocker hat der Ständerat mit dem neuen CO2-Gesetz die Richtung vorgegeben, aber das reiche noch nicht aus. Auch weil die Mustervorschriften der Kantone im Gebäudebereich zu lasch seien und erst einige Kantone die strengeren Mustervorschriften anwenden.

39 % CO2-Emissionen stammen aus dem Verkehr
Maximilian Held vom Institut für Energietechnik der ETH Zürich zeichnete seine Vision der künftigen fossilfreien Mobilität. Die Dekarbonisierung des Transportsektors sei gerade für die Schweiz eine zentrale Herausforderung der Energiewende, da 39 % der CO2-Emissionen vom Verkehr verursacht würden. Wiederum 82 % der Schweizer Emissionen aus dem Transportsektor stammten aus dem Pkw- und Flugverkehr. Er ist überzeugt, dass als erste Massnahme motorisierter Individualverkehr zurückgefahren werden müsste: „Zu Fuss, mit dem Velo oder mit der Bahn muss die Regel sein, und dann kommt erst die Fahrt mit dem Auto.“ Dass Elektroautos zu Hause mit eigenem Strom geladen werden können, findet er einen sehr grossen Vorteil. Gerade im Bereich E-Mobilität habe Norwegen bereits vorgemacht, was möglich sei. Für grosse Lastwagen und den Flugverkehr glaubt er an die Wasserstoffversorgung und alternative Kraftstoffe: „Eine erfolgreiche Dekarbonisierung des Transportsektors steht und fällt mit der ausreichenden Versorgung an CO2-armem Strom“, ist Maximilian Held überzeugt.

Gleichzeitiges Phaseout und Phase-in
Das fossile Phaseout sei auch kostengünstiger als die heutige Energieversorgung. Dafür benötigten wir aber fünf Mal mehr Strom: „Mit der Stromproduktion aus erneuerbaren Energien können wir uns in der Schweiz faktisch selber versorgen, in allen Bereichen, ausser beim Flugverkehr“, legte Felix Nipkow, SES-Projektleiter Strom & Erneuerbare mit seinen Zahlen dar. Das Phaseout müsse aber gleichzeitig mit dem Phase-in geschehen. Ölheizungen müssten verboten werden und die Zahl der Flüge durch eine echte Flugticketabgabe reduziert werden. Die Entwicklung erneuerbarer Treibstoffe für den Flugverkehr könne z. B. mittels Teilzweckbindung der Abgabe finanziert werden.

Erntefaktor der Erneuerbaren
Diese Rechnung geht auch bei Toni Gunzinger, Verwaltungsrat der SCS AG und Dozent an der ETH Zürich auf: Wir brauchen deutlich mehr erneuerbaren Strom, nicht nur Photovoltaik, sondern auch 10 % Windenergie. „Und wir brauchen eine Sanierungsrate von mindesten 4 %, sonst schaffen wir die Energiewende nicht schnell genug!“, ist der Autor von Kraftwerk Schweiz überzeugt, der auch findet, wir könnten auf das Fliegen verzichten. Zudem führte er den Erntefaktor ein: „Der Erntefaktor ist das Verhältnis von Nutzenergie in Bezug auf den Energieaufwand für Herstellung und Betrieb der Anlage. Bei der Wasserkraft beträgt er 50 bis 200, für Windenergie 25 bis 50, bei der Photovoltaik 20 bis 40, bei Kohle 0.2 bis 0.5, beim Verbrennungsmotor 0.1 bis 0.3 und beim AKW gerade Mal 0.01 bis 0.02.“ Wer will bei diesen Erntefaktoren eigentlich noch in Fossile oder Atomkraft investieren? Wichtig sei auch die Effizienz von Strom: „Wird der Solarstrom mit einer Wärmepumpe verwendet, so ist der Strom verglichen mit Öl rund 4 Mal mehr wert. In der Mobilität steigt dieser Wert auf 4-6 Mal, beim Licht auf 10 Mal.“ Er bemängelte zudem, dass die Schweiz nicht ehrgeizig genug sei: „Die Schweizer Wirtschaft generiert 1 % des weltweiten BIP. Hätten wir jedes Jahr ebenfalls 1 % unseres BIP in erneuerbare Energien investiert, hätten wir unsere AKW bereits 2017 abschalten können!“, rechnete Toni Gunziger vor.

CVP als Zünglein an der Waage
„Wer am 20. Oktober für die Energiewende stimmen will, der muss wohl eher mit dem Kopf und nicht mit dem Herzen wählen“, erklärte der Politikwissenschaftler Claude Longchamp, der für die Tagungsbesucher die Bundespolitik analysierte. „Das Zünglein an der Waage hin zu den Erneuerbaren hat in der letzten Legislaturperiode fast immer die CVP gespielt.“ Letztlich seien die Wahlen seit 2011 immer durch äussere Ereignisse bestimmt worden: 2011 durch Fukushima, 2015 durch die Flüchtlingswelle und 2019 werde es ganz sicher der Klimawandel sein, der den Ausschlag geben wird.

Grüner denn grün
Eine abschliessende Diskussion zu konkreten Massnahmen für den Fossilausstieg mit Barbara Günthard-Maier, FDP-Stadträtin Winterthur und Nationalratskandidatin, Stefan Müller-Altermatt, CVP-Nationalrat und Mitglied der Umweltkommission, Roger Nordmann, SP-Nationalrat und Fraktionschef sowie Präsident der Umweltkommission und Präsident von Swissolar, Regula Rytz, Nationalrätin und Präsidentin der Grünen, brachte wenig neue Erkenntnisse, ausser dass die Aussagen von Barbara Günthard-Maier genauso gut zur Grünen Partei passen würden.

„Alle 10 Tage wird weltweit genauso viel erneuerbare Leistung zugebaut, wie sie ein AKW in der Grösse von Beznau aufweist“, schloss Nils Epprecht, SES-Geschäftsleiter. Dies sei ihm unter anderem von den Referaten in Erinnerung geblieben. „Doch vergessen wir nicht: Je weiter wir fortschreiten, umso mehr befinden wir uns auf einer Gipfeltour, dabei wird uns eine Pfadfindermentalität hilfreich sein!“

Zu den Referaten >>

Text: Anita Niederhäusern, leitende Redaktorin und Herausgeberin ee-news.ch

1 Kommentare
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Max Blatter @ 11. Okt 2019 09:36

Man kann die Sache relativ kurz auf den Punkt bringen: Es braucht die Technologien UND die Verhaltensänderungen. So bin ich selbst ausgsprochener Wenig-Flieger und Wenig-Autofahrer (und das ohne jegliche "Selbstkasteiung"). Aber ich plädiere dennoch vehement für die Entwicklung konkurrenzfähiger Flug- und Fahrzeugantriebe auf der Basis erneuerbarer Ressourcen (konkurrenzfähig z.B. auch in Sachen Fluggeschwindigkeit!). Das ist kein Widerspruch, sondern eine logische Ergänzung.

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