03. Mai 2019

Um aufgrund von hohem PV-Zubau im Sommer Netzprobleme zu vermeiden, fordert Roger Nordmann die Nominalleistung auf 35 % abzuregeln: „Damit reduzieren wir die Produktion der Anlagen lediglich um 20 %.“ Bild: A. Niederhäusern

„Die Wartefristen für die Kleine Einmalvergütung, kurz KLEIV, können wir 2019 auf eineinhalb Jahre verkürzen“, wusste Wieland Hintz vom BFE zu berichten. Bild: A. Niederhäusern

Michael Frank: „Die Schweiz kann sich selber mit erneuerbarem Strom versorgen. Aber wollen wir das? Ich erachte es nicht als erstrebenswert.“ Bild: A. Niederhäusern

Christoph Frei: „Digitalisierung, Dekarbonisierung und Dezentralisierung, das sind die 3 D, die alle nicht auf der Energie-Agenda standen, die die Entwicklungen im Energiesektor heute aber hauptsächlich bestimmen.“ Bild: A. Niederhäusern

Die administrativen Aufwände, um eine Anlage anzumelden, sind stetig gestiegen: „11 Dokumente müssen für die Anmeldung unabhängig von deren Grösse ausgefüllt werden“, erklärte David Stickelberger. Bild: Swissolar

Selbst produzierter Solarstrom ist heute in Deutschland sowohl für Haushalte, aber auch für die Industrie günstiger als der Strombezug vom Energieversorger. Grafik: Fraunhofer ISE

Der Aufwand für die Anmeldung einer Photovoltaikanlage ist immens: Er nimmt 8-12 Stunden in Anspruch. Bild: Swissolar

Nationale PV-Tagung: Vom Peak-Shaving auf 35 % vom Nominalwert zu ungedeckten Unternehmensrisiken bis hin zu den 3 D

(AN) Um die Dekarbonisierung und den Atomstrom zu ersetzen, muss der Photovoltaikzubau von heute 0.3 auf jährlich 1.5 Gigawatt Leistung erhöht werden, dies war die Forderung von Swissolar an der Schweizer Photovoltaiktagung vom 26.-27. März 2019. Ein Überblick über die wichtigsten Referate des ersten Konferenztags.


„Digitalisierung, Dekarbonisierung und Dezentralisierung, das sind die 3 D, die alle nicht auf der Energie-Agenda standen, die die Entwicklungen im Energiesektor heute aber hauptsächlich bestimmen“, erklärte Christoph Frei, CEO World Energy Council. Er zeigte sich erfreut darüber, dass die Kilowattstundenpreise der weltweiten kostengünstigsten Photovoltaik-Grosskraftwerke noch einmal gesunken sind: „In Mexiko und Saudi-Arabien sind sie inzwischen unter 2 US-Cents gesunken! Und die Skaleneffekte sind noch nicht ausgeschöpft“, ist der internationale Energieexperte überzeugt. Auch in Bezug auf Speicher zeigte er sich optimistisch: „Denken sie nur an die weltweit rund 40 Millionen Kühlschränke mit einer Leistung von rund 100 Watt.“ Würde man die zu Spitzenlastzeiten für eine Stunde abstellen, wäre schon ein Teil des Problems gelöst: „Die Lösung dazu ist der Chip im Kühlschrank.“ Noch mehr Speicherpotenzial stecke in Kühlhäusern und in der Mobilität. Trotzdem gibt Christoph Frei zu bedenken: „Nur 20 % des weltweiten Energieverbrauchs sind Elektrizität. Wir müssen folglich noch 80 % des Energieverbrauchs ‚verstromen‘ …“

Zubau verfünffachen
Roger Nordmann, der Präsident von Swissolar, stellte den rund 650 Teilnehmenden der PV-Tagung – ein Rekord –, die Berechnungen aus seinem neusten Buch (vorerst nur auf Französisch erhältlich) vor: „20 Terawattstunden Atomstrom, 17 Terawattstunden Strom für die Mobilität sowie 6 Terawattstunden Strom fürs Heizen der Gebäude, also total 40 bis 45 Terawattstunden neue Stromproduktion müssen wir in der Schweiz bereitstellen, um den Atomstrom zu ersetzen und die Dekarbonisierung umzusetzen“, rechnete er vor. Die Energiestrategie 2050 sehe aber nur 12 TWh vor … „Die zusätzliche Stromleistung kann nur die Photovoltaik bringen“, ist Normann überzeugt. Mit einem jährlichen Zuwachs von 0.5% Solarstrom seien wir aber sozusagen im Nachtzug unterwegs. 1 Terawattstunde entspreche übrigens der jährlichen Produktion der Grand Dixence. „Aber wir müssen von heute 2 Gigawatt installierter Photovoltaik-Leistung in 30 Jahren auf insgesamt 50 Gigawatt installierte Solarleistung zubauen.“.“ Das heisst, dass der jährliche Zubau an PV-Anlagen verfünffacht werden muss, von heute 0.3 auf jährlich rund 1.5 Gigawatt (siehe ee-news.ch vom 17.4.2019 >>). Dies sei insbesondere nötig, um günstigen Solarstrom in Speicherseen und mittels Power-to-Gas für den Winter zu speichern. Um im Sommer Netzprobleme zu vermeiden, fordert Roger Nordmann die Nominalleistung auf 35 % abzuregeln: „Damit reduzieren wir die Produktion der Anlagen lediglich um 20 %. Und diese 20 % fallen erst noch insbesondere über Mittag an, wenn der Strom am günstigsten ist, da die Solarstromanlagen am meisten liefern.“ Und diese Massnahme müsse schon heute beschlossen werden, damit die Regeln für den Zubau klar seien. Das Peak-Shaving soll von Swissgrid zentral gesteuert werden. Zugebaut werden sollte gemäss Roger Nordmann insbesondere auch auf grossen Landwirtschaftsdächern und Infrastrukturanlagen, da dieser Strom dann den Netzbetreibern zu praktisch 100% eingespiesen werden könnte.

Importstrategie geht längerfristig nicht auf
Michael Frank, Direktor Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE, bemängelt, dass die Schweiz noch immer nicht über ein Stromabkommen mit der EU verfüge: „Damit werden die Interessen der Schweiz systematisch nicht berücksichtigt, sie wird aus den relevanten Gremien und Märkten der EU ausgeschlossen.“ Er stellt fest, dass sich die Herausforderungen bezüglich Sommer-Winter, Import-Export, Vermarktung der Flexibilitäten der Wasserkraft und Versorgungssicherheit zuspitzen. „Import als langfristige Strategie geht nicht!“, stellt Michael Frank fest. Auch die Speicherreserven sieht er angesichts des aufgrund der Dekarbonisierung ansteigenden Strombedarfs nicht als Garant für die Versorgungssicherheit. Denn wenn in Deutschland mal die Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, sei der Import insbesondere im Winter nicht mehr gesichert. Er sieht einen klaren Trend zur dezentralen Stromversorgung. Es sei zwar lobenswert, wenn die Schweizer Energieversorger in erneuerbare Kraftwerksleistung in der EU investieren würden: „Aber wir brauchen Investitionen in der Schweiz!“ mahnt er. Er bemängelt, dass das Gesetz die freie Produktewahl nicht zulasse. Auch die Netztarifierung müsse angepasst werden, damit die Sektorkopplung nicht behindert werde, die für eine 100 % erneuerbare Energieversorgung wichtig sei. „Die Schweiz kann sich selber mit erneuerbarem Strom versorgen. Aber wollen wir das? Ich erachte es nicht als erstrebenswert“, äusserte sich Michael Frank in einer anschliessenden Podiumsdiskussion.


Gute Neuigkeiten aus dem BFE
„Die Wartefristen für die Kleine Einmalvergütung, kurz KLEIV, können wir 2019 auf eineinhalb Jahre verkürzen“, wusste Wieland Hintz, Fachmann Erneuerbare Energien im Bundesamt für Energie (BFE), zu berichten. „Und die Wartefrist für die Grosse Einmalvergütung, kurz GREIV, kann ebenfalls auf zwei Jahre verkürzt werden.“ Zur Erinnerung: Anfangs 2018 ging das BFE für die KLEIV von einer Wartefrist von zweieinhalb und bei der GREIV sogar von sechs Jahren aus! (siehe ee-news.ch Interview vom 11.1.18 >>). Der Grundbeitrag für die KLEIV und die GREIV bleibt unverändert bei CHF 1400, dazu kommt ein Leistungsbeitrag von CHF 340/kW für Anlagen bis 30 kW, ab 30 kW Leistung sind es CHF 300/kW. Neu können Eigenverbrauchsanlagen übrigens auch bei Grundstücken umgesetzt werden, die einzig durch eine Strasse, ein Eisenbahntrassee oder ein Fliessgewässer voneinander getrennt sind. Solch Anlage gelten unter Vorbehalt der Zustimmung der jeweiligen Grundeigentümerin ebenfalls als zusammenhängend. Bei Zusammenschlüssen zum Eigenverbrauch (ZEV) muss der Solarstrom, der den Mietern verkauft wird, zudem neu billiger sein als der Strom vom Netz. Gemäss Wieland Hintz ist damit neu der Strompreis gemeint, der gelten würde, wenn der Mieter nicht an einem ZEV angeschlossen wäre. Dies ist eine wichtige und erfreuliche Meldung. Sie erlaubt den wirtschaftlichen Betrieb von Photovoltaik-Anlagen in einem ZEV auch dann, wenn der Zusammenschluss jährlich mehr als 100 MWh verbraucht und damit den Strom auf dem freien Strommarkt günstig einkaufen kann. Bisher war der Preis dieses effektiv bezogenen Stroms die Referenzgrösse, was nicht viel Spielraum für die Solaranlage übrig liess. Wie die neue Regelung im Detail angewandt werden soll, wird in der revidierten Fassung des «Leitfaden Eigenverbrauch» zu lesen sein, der voraussichtlich Ende April vorliegen wird.


Zu knapp kalkuliert
„Unsere Umfrage hat gezeigt, dass zwei Drittel der Solarunternehmen zu wenig Mittel zur Verfügung haben, um Innovationen voranzutreiben“, stellte David Stickelberger, Geschäftsleiter von Swissolar fest. Swissolar hat 404 Unternehmen angeschrieben, 101 haben geantwortet. Viele Unternehmen haben in den letzten vier Jahren zu knapp kalkuliert. Knapp 54 % der Unternehmen haben noch einen Gewinn geschrieben, doch nur gerade rund 7 % haben einen Gewinn über 5 % realisiert, die anderen 46 % schrieben Verluste. Über 18 % der Unternehmen haben gar einen Verlust von über 5 % in Kauf nehmen müssen. 40 % der Befragten haben bei dieser Umfrage angegeben, dass sie Mitarbeitende entlassen mussten, 55.9 % haben den Personalbestand erhöht. „Diese Zahlen zeigen, dass die Branche dringend Schub braucht“, ist David Stickelberger überzeugt. „Es geht auch darum, das Know-how zu erhalten.“ Gründe für die Situation seien einerseits der Preisdruck aufgrund von Überkapazitäten 2016, zudem seien die Fördergelder gesunken. Andererseits gingen auch die Bauherren davon aus, dass die Anlagekosten weiter sinken würden, was zu einem härteren Verhandeln bei der Auftragsvergabe geführt habe. Die Modulkosten seien 2018 zwar um 25% gesunken, zurzeit seien sie doch dabei wieder zu steigen, wusste David Stickelberger zu berichten. Aber der Anteil der Modulkosten am Anlagepreis sinke dennoch rapide: Betrugen diese 2006 noch 71 %, sind es heute noch durchschnittlich 45 %. Der Einfluss der Modulkosten auf den Anlagepreis wird folglich immer geringer.

8-12 Stunden Administration pro Anlage
Was indes stetig gestiegen ist, sind die administrativen Aufwände, um eine Anlage anzumelden: „11 Dokumente müssen für die Anmeldung unabhängig von deren Grösse ausgefüllt werden“, erklärte Stickelberger. Dies sind: ein EEA-Gesuch, eine ESTI-Planvorlage, eine Installationsanzeige, ein Sicherheitsnachweis mit Mess- und Prüfprotokoll, ein Abnahme- Inbetriebsetzungsprotokoll, eine HKN-Beglaubigung, die Pronovo-Anmeldung, eine unabhängige Kontrolle sowie die Anmeldung bei der Gebäudeversicherung. „Man kann durchaus von einer unkoordinierten Erfassung sprechen.“ Swissolar will nun Abhilfe schaffen und fasst ein Anlageregister für dezentrale Produktionsanlagen ins Auge, in das die wichtigsten Anlagedaten nur einmal eingegeben werden. Daraus sollen dann automatisch diverse Formulare und Dokumentationen generiert werden können. In einem zweiten Schritt könnten die Daten allen involvierten Akteuren für eine bedarfsbezogene Nutzung zugänglich gemacht werden. Ein ähnliches Tool wurde in Deutschland bereits umgesetzt. Geschätzter Kostenpunkt zum aktuellen Zeitpunkt: CHF 500‘000. Swissolar führt eine Umfrage durch, um das Interesse und die mögliche Finanzierungsart zu eruieren.

An der Umfrage teilnehmen >>

Kann Photovoltaik schon mit Börsenpreisen mithalten?
„Die Kosten von Solarstrom sind in den letzten 40 Jahren um den Faktor 100 gesunken“, freute sich Bruno Burger von Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE. „2004 kostete der Solarstrom einer 10-Kilowattanlage noch 58 Eurocents, heute sind es 12 Eurocents. Bei Freiflächenanlagen sind die Preise pro Kilowattstunde von XXX auf unter 10 Eurocents gesunken.“ Dabei bezieht sich Burger auf den Fördertarif. 2012 sei die Grid Parity für den Haushaltstrom erreicht worden. „Wer heute Strom vom eigenen Dach bezieht, bezahlt nur noch rund einen Drittel des Preises vom Energieversorger“, erklärte Bruno Burger. Die Grid Parity bei Industriestrom sei 2016-2018 erreicht worden. „Und da die Strom-Börsenpreise seit 2017 wieder steigen, wird man in Deutschland bald auch Photovoltaikstrom an der Börse verkaufen können“, zeigt er sich überzeugt. Burger zeigte auf, dass die Strombörsenpreise für Deutschland bereits 20-25 % teurer sind als die Preise für Solarstrom von Grossanlagen. Die Strompreise würden weiter steigen, weil Deutschland weitere AKW, aber auch Kohlekraftwerke abschalte, davon ist Bruno Burger überzeugt. Der dieses Jahr in Deutschland produzierte erneuerbare Strom werde einen Anteil von 45 % am gesamten Stromverbrauch ausmachen. „An gewissen Tagen haben wir 60-70 % erneuerbaren Strom im Netz, und das ist technisch mach- und auch beherrschbar!“, freut sich der Energiespezialist.

Präsentationen der 17. Nationalen Photovoltaiktagung >>

©Text: Anita Niederhäusern, leitende Redaktorin ee-news.ch

2 Kommentare
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Max Blatter @ 04. Mai 2019 10:13

Auch die Forderung von Roger Nordmann, PV-Anlagen generell auf 35% der Nennleistung abzuregeln, erscheint mir ziemlich fragwürdig. Das kann allenfalls eine Übergangslösung sein. Aber auf lange Sicht kann man sich auch mit erneuerbaren Ressourcen eine derartige Energieverschwendung (Verzicht auf 20% der möglichen Energieproduktion!) nicht leisten. Nein: Man gleicht die Spitzen durch intelligentes Eigenverbrauchs- und Lastmanagement aus und/oder man schafft die nötigen Speicherkapazitäten (dezentral, aber mit Zugriff auf die Steuerung durch den Elektrizitätsversorger). – Generell darf man nicht in panischer Hektik falsche Lösungen zementieren!

Max Blatter @ 04. Mai 2019 10:02

Die Aussage des WEC-Generalsekretärs Christoph Frei kann ich nicht nachvollziehen: „Nur 20 % des weltweiten Energieverbrauchs sind Elektrizität. Wir müssen folglich noch 80 % des Energieverbrauchs verstromen“. Will Herr Frei tatsächlich, dass wir 100% des Energieverbrauchs mit Elektrizität abdecken? Wenn ja: Wozu soll das gut sein? Wichtig ist, den Energieverbrauch zu 100% aus erneuerbaren Ressourcen decken; welche Energieträger dabei zum Einsatz kommen, ist sekundär: Elektrizität, erneuerbar erzeugte Brenn- und Treibstoffe (Bio, Power-to-X, Solarchemie, ...), direkte thermische Nutzung (Sonnenkollektoren, Erdwärme, ...). Den gesamten Energieverbrauch zu "verstromen" wäre für mich derart absurd, dass ich mich frage, ob Herr Frei nicht schlichtweg falsch zitiert wurde.

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