"Am deutschen Atomausstieg halten wir fest", steht im Koalitionsvertrag. Stattdessen will die neue Regierung den Anteil der erneuerbaren Energien schon bis 2030 auf 80 Prozent erhöhen.

Deutschland: Atomausstieg geht in die Endrunde - Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen Ende Jahr vom Netz

(SDA) Die Namen Brokdorf und Grohnde standen in Deutschland einst für besonders heftige und zum Teil auch gewalttätige Proteste der Antiatomkraftbewegung. Mitte der 1980er Jahre gingen nahe dieser beiden Dörfer in Schleswig-Holstein und Niedersachsen die heiss umkämpften Reaktoren in Betrieb. Nach rund 35 Jahren ist nun Schluss. Gemeinsam mit dem Block C in Gundremmingen (Bayern) werden Brokdorf und Grohnde bis Jahresende abgeschaltet.


Der langfristig angelegte deutsche Atomausstieg geht jetzt sozusagen in die Endrunde. Von den 19 Reaktoren, die Anfang des Jahrhunderts Strom produzierten, sind die meisten schon lange vom Netz. Nun sind die letzten sechs an der Reihe. Nach Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen schlägt bis Ende nächsten Jahres auch für Isar 2 (Bayern), Emsland (Niedersachsen) und Neckarwestheim 2 (Baden-Württemberg) die letzte Stunde.

Kohle-Aus vielleicht schon 2030
Im Zuge der "Energiewende" plant Deutschland ausserdem den Ausstieg aus der Kohleverstromung, im Idealfall schon bis 2030. Sowohl Atom- als auch Kohlestrom sollen durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Die neue "Ampel"-Koalition aus Sozialdemokraten, Liberalen und Grünen hat ambitionierte Pläne, den Bau von Windrädern, Sonnenkollektoren oder Biostromanlagen zu beschleunigen, damit es am Ende keine "Stromlücke" in Deutschland gibt.

Damit die "Energiewende" gelingt, bleibt noch viel zu tun, wie die nackten Zahlen zeigen. 2020 stammten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 11.3 Prozent des Stroms aus Kernenergie, 16.2 Prozent aus Braunkohle und 7.5 Prozent aus Steinkohle. In diesem Jahr ging der Anteil der Öko-Energien am Stromverbrauch laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) aber zurück, und zwar von knapp 46 Prozent im Vorjahr auf 42 Prozent. Hauptgrund sei eine windärmere erste Jahreshälfte. Der Anteil des Atomstroms wiederum ist dieses Jahr laut Statistischem Bundesamt leicht gestiegen. Mit den letzten sechs Akw fallen Kapazitäten von rund 8500 Megawatt weg.

"Ampel"-Koalition steht hinter Atomausstieg
In der "Ampel"-Koalition, die Europas grösste Volkswirtschaft seit dem 8. Dezember regiert, sind die beiden Parteien vertreten, die den Atomausstieg vor rund 20 Jahren eingeleitet hatten. Die damalige rot-grüne Koalition unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) entschied, dass in Deutschland keine Akw mehr gebaut werden dürfen und die Laufzeit der damals vorhandenen Anlagen begrenzt wird.

Eine christlich-liberale Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) verlängerte 2010 die Laufzeiten wieder um durchschnittlich zwölf Jahre, Brokdorf oder Grohnde hätten dann noch bis in die 2030er Jahre Strom erzeugen dürfen. Aber unter dem Eindruck der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima im März 2011 und der "Atomkraft, Nein Danke"-Haltung in der Bevölkerung vollzog Merkel eine Kehrtwende. Der rot-grüne Atomausstieg wurde im Endeffekt wieder in Kraft gesetzt und in einigen Punkten auch noch verschärft.

Angesichts hoher Energiepreise und auch unter dem Gesichtspunkt des Klimaschutzes gab es in den vergangenen Monaten Forderungen aus dem In- und Ausland, die letzten sechs Atomkraftwerke besser noch nicht abzuschalten. Doch davon will die "Ampel" nichts wissen. "Am deutschen Atomausstieg halten wir fest", steht im Koalitionsvertrag. Stattdessen will die neue Regierung den Anteil der erneuerbaren Energien schon bis 2030 auf 80 Prozent erhöhen.

2% Fläche für Windenergie – Solardächer als Regel
Dafür sollen zwei Prozent der Landesfläche - also mehr als 7000 Quadratkilometer - für den Bau von Windrädern ausgewiesen werden. Gewerbliche Neubauten sollen verpflichtet werden, Solaranlagen auf ihre Dächer zu setzen, bei privaten Neubauten soll das Solardach die Regel werden. Planungs- und Genehmigungsverfahren will die "Ampel"-Regierung "erheblich beschleunigen". Denn zu den jetzt schon mehr als 30 000 Windrädern müssten noch weit über 20 000 hinzukommen. "Dieser Plan ist völlig unrealistisch", sagte der CSU-Politiker Florian Hahn der "Bild"-Zeitung.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schreibt in einer Studie, dass die Abschaltung der letzten sechs Kernkraftwerke in Deutschland die Versorgungssicherheit kurz- und auch langfristig nicht gefährdet. Die Kernkraft werde zunächst hauptsächlich durch fossile Energieträger und Importe ersetzt. Das Institut rechnet deshalb mit einem Anstieg der CO2-Emissionen um 40 Millionen Tonnen. "Das ist nicht gut, es ist aber vor dem Hintergrund der Gefährlichkeit von Kernkraft hinzunehmen", sagte DIW-Forschungsdirektor Christian von Hirschhausen. Das DIW glaubt, dass dieser Effekt mit dem Ausbau der erneuerbarer Energien rasch zurückgeführt werden sollte.

Kritiker monieren, dass Deutschland längere Zeit abhängig von Stromimporten werden könnte, wenn es mit dem Ausbau der Erneuerbaren nicht so schnell vorangeht, wie von der "Ampel" geplant. Dann würde das Land nach dem Atomausstieg am Ende womöglich auch Atomstrom aus Frankreich importieren. "Eine echte Energiewende sieht anders aus", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

©Text: Keystone SDA, Klaus Blume, dpa

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