Barbara Schwickert ist überzeugt, dass Windenergie in der Region ihren Platz hat.

„Mit der Windenergie können wir 2030 26 % des Strombedarfs bereitstellen“, erklärte Hans Winkelmeier.

Obwohl sich die installierte Windkraftleistung in Österreich seit 1997 mehr als verzehnfacht hat, konnten sich die Seeadler und Kaiseradler wieder ansiedeln und auch Grosstrappen haben sich deutlich vermehrt. Grafik: IG Windkraft

Luisa Münter : «Die Früherkennungssysteme Systeme auch mit Vergrämungssystemen kombiniert werden, um die Gefahr von Zusammenstösse noch zu reduzieren.»

Hans Buser « Wenn wir die Empfehlungen für den Vogelschutz im Bereich Windenergie konsequent umsetzten, bleiben noch rund 3 % der Fläche der im Windatlas aufgeführten Gebiete für die Windenergienutzung übrig.»

Stefan Pfenninger : «In der Schweiz sind gemäss unsere Studie insbesondere im Genferseegebiet und auf den Jurahöhen antizyklische Windenergiegebiete zu finden.»

Laura Antonini : «Die KEV kann auf neue Projekte in anderen Kantonen übertragen werden.»

Michael Child : «„In der Schweiz ist eine zu 100 % erneuerbare Energieversorgung bis 2035 umsetzbar, sogar noch schneller als im Rest von Europa.»

Lionel Perret : «Dank dem gezielten Ausbau der Winterenergie können zudem 20 % des Winterstrombedarfs abgedeckt werden, denn 6 der 9 Terawattstunden fallen in den kalten Jahreszeiten an. »

Der europäische Windatlas zeigt: Der Wind macht nicht an der Schweizer Grenze halt!

Suisse Eole Kantonsseminar: Der Wind stoppt nicht an den Grenzen!

(Suisse eole) „Der Wind stoppt nicht an den Grenzen“, erklärte Lionel Perret anlässlich des Kantonsseminars vom 28. November in Biel. Er zeigte auf, dass dank ausgezeichneter Windverhältnisse in der Schweiz und neuster Technik das Windenergieziel des Bundes verdoppelt werden kann, und das bei derselben Anzahl Windenergieanlagen. (Texte en français >>)


„Der Windpark in der Gemeinde Court ist nicht gestorben“, erklärte Barbara Schwickert, Gemeinderätin, Bau-, Energie- und Umweltdirektorin der Stadt Biel einleitend. „Die Bevölkerung hat lediglich noch nein gesagt.“ Sie ist überzeugt, dass Windenergie ihren Platz hat, so hätten 40 Gemeinden einstimmig die Gewichtung des Nationalen Interesses für den Windpark Plateau de Diesse gefordert. Rund 80 Vertreter aus Kantonen, Gemeinden, Energiefachstellen, aber auch Windfachleute und interessierte Personen trafen sich am 28. November in Biel/Bienne, um sich über die neusten Entwicklungen in der Windenergiebrache zu informieren und auszutauschen.

Österreich will 26 % Windstrom bis 2030
Unser Nachbarland Österreich hat uns in Sachen Windenergie mit einem Windstromanteil von 11 % im Jahr 2019 um Meilen überholt. Denn in der Schweiz sind es noch nicht einmal 1 %. Warum das so ist, erklärte Hans Winkelmeier von der IG Windkraft, das Pendant von Suisse Eole in Österreich. „Wir haben einerseits im Osten des Landes mit über 7 Meter pro Sekunde hervorragende Windaufkommen“, wusste der Windfachmann zu berichten. Andererseits würden aber auch im Alpenraum Windenergieanlagen gebaut. Es gelte aber im ganzen Land die Windenergie weiter auszubauen. Dafür wünscht sich Hans Winkelmeier von der Politik eine differenzierte Förderung, damit in allen Gebieten Windenergieanlagen gebaut werden können. Denn bereits 2030 will sich das Land ausschliesslich mit erneuerbarem Strom versorgen: „Mit der Windenergie können wir 26 % davon bereitstellen“, erklärte Hans Winkelmeier. Übrigens: Trotz einer installierten Leistung von über 1300 MW hat sich der der Kaiseradler wieder in Österreich angesiedelt und die Anzahl der Seeadler und Grosstrappen hat sich deutlich erhöht. Windenergienutzung und Vögel sind kompatibel.

Neuste Entwicklungen im Vogel- und Fledermausschutz
Früherkennungsinstrumente wie Radare und Kameras würden einen Beitrag zur Versachlichung des Themas Vogel- und Fledermausschutz bringen, erklärte Luisa Münter von Nateco. „Je nach System, aber auch je nach Vogelart können die Detektionssysteme zum Einzelvogelschutz die Vögel bis zu einer Entfernung von 1000 Meter erkennen.“ Frau Münter erklärte, welche neuen Detektionssysteme auf dem Markt sind und welche Vorteile sie hätten. Es gibt auch Systeme mit Wärmekameras oder Infraroterkennung: „Sie können an den Anlagen selber angebracht werden, am Fusse der Anlagen oder auch freistehend. Und sie können auch erkennen, wie die Vögel der Anlagen ausweichen.“ Zudem könnten die Systeme auch mit Vergrämungssystemen kombiniert werden, um die Gefahr von Zusammenstösse noch zu reduzieren.

Faktisches Aus für die Windenergie
Diesen Sommer hat die Vogelwarte Sempach Empfehlungen für den Vogelschutz im Bereich Windenergie herausgegeben. Hans Buser, Biologe und Ornithologe, hat diese für Suisse Eole analysiert: „Die Vogelwarte Sempach fordert einen Abstand von Windenergieanlagen zu Schutzgebieten, der der zehnfachen Höhe einer Windenergieanlage entspricht. Nehmen wir die Siedlungsgebiete und die militärischen Anlagen dazu, bleiben noch rund 3 % der Fläche der im Windatlas aufgeführten Gebiete für die Windenergienutzung.“ Obwohl die Vogelwarte von „Empfehlungen“ spreche, komme dies in der Realität einem Versuch gleich, die Windenergie zu blockieren und untergrabe die Windenergieziele des Bundes: „Zum Beispiel der Rotmilan weist einen viermal höheren Bestand auf als 2000, das zeigt, dass hier ein Kompromiss zwischen Windenergienutzung und Vogelschutz gesucht werden könnte“, erklärte Hans Buser.

Komplementäre Windregime
„Wir haben im Rahmen unserer Forschung die Windaufkommen in Europa und in den einzelnen Regionen der Schweiz analysiert“, erklärte Stefan Pfenninger von der ETH Zürich. Dabei haben die Forscher festgestellt, dass es in Europa und in der Schweiz sehr wohl komplementäre Windsysteme gibt. Auch innerhalb der Schweiz waren sie zu finden. Und gerade die sind bei einer ausschliesslich auf erneuerbare Energien basierenden Energieversorgung sehr wichtig, denn weht in einer der Regionen kein Wind, gibt es in einer anderen Region ein Windaufkommen. Was auch heisst, dass es durchaus sinnvoll ist, in allen Regionen Windenergieanlagen zu bauen und nicht ausschliesslich an der Nordsee. In der Schweiz sind gemäss den Forschern insbesondere im Genferseegebiet und auf den Jurahöhen antizyklische Windenergiegebiete zu finden.

Investitionshilfen angedacht
438 Windenergieanlagen mit einer Leistung von insgesamt 1014 MW haben in der Schweiz die Zusage für die Kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) erhalten. „Nun kann es aber sein, dass einzelne dieser Projekte aus der Richtplanung raugefallen sind“, erklärte Laura Antonini, die beim BFE für die KEV zuständig ist. „In dem Fall kann die KEV auf Projekte in anderen Kantonen übertragen werden.“ Laura Antonini wusste ebenfalls zu berichten, dass der Bundesrat im September das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation UVEK beauftragt hat, parallel zu den Arbeiten für die Öffnung des Strommarkts eine Vernehmlassungsvorlage zur Revision des Energiegesetzes vorzulegen. Darin sollen auch künftige Investitionsbeiträge für Windenergieanlagen verankert werden.

Weltweit 100 % Erneuerbare
Neo Carbon Energy hat in einer Studie errechnet, dass sich die Welt zu 100 % mit erneuerbaren Energien versorgen kann. „Wir haben für Europa und übrigens auch für die Schweiz zwei Wege hin zu einem zu 100 % erneuerbaren Energiesystem bis 2050 für 20 Regionen Europas simuliert“, erklärte Michael Child, einer der Studienautorn der finnischen Universität Lappeenranta. Bei dem einen Weg tauschen die Regionen viel Strom untereinander aus, bei dem anderen gibt es eine hohe regionale Produktion und wenig Austausch. Mit beiden Modellen ist die zu 100 % erneuerbare Energieversorgung möglich und auch wirtschaftlich dank Windenergie an Land und Prosumers von Solarstrom: „Die Berechnungen haben übrigens gezeigt, dass wir weniger Speicher brauchen, wenn wir den grenzüberschreitenden Austausch von Strom ausbauen“, erklärte Michael Child. „In der Schweiz ist eine zu 100 % erneuerbare Energieversorgung bis 2035 umsetzbar, sogar noch schneller als im Rest von Europa. Die Alternativen, die zu einem zu 100 % erneuerbaren Energiesystem führen, sind alle mit Risiken und hohen Kosten behaftet, warum zögern wir noch?“, gab Michael Child abschliessend zu bedenken.

15 % Windstrom und 20 % für den Winter
„Die Windbranche hat ihre Hausaufgaben gemacht“, erklärte Lionel Perret von Suisse Eole: „Sowohl das Ziel des Bundes von 0.6 Terawattstunden Windstrom im Jahr 2020 wäre schon überschritten und das von 2035 mit 1.7 Terawattstunden Windstrom kann erreicht werden.“ Nur werden die Projekte leider allzu oft durch alle Instanzen bis vor das Bundesgericht gezerrt, so dass wir mit nur 75 MW installierte Windleistung weit hinter unseren Nachbarregionen zurückliegen. „Doch wir können deutlich mehr als das Ziel von 4.3 Terawattstunden Windstrom im Jahr 2050: Aufgrund der Entwicklung der Technologie und besseren Kenntnissen der Windvorkommen haben wir errechnet, dass wir 2050 mit Windenergie 9 Terawattstunden Windstrom liefern können. Und das mit derselben Anzahl von Anlagen, die der Bund für sein Ziel vorgesehen hat.“ Da die Anlagen über immer längere Flügel verfügen, die in Höhen vordringen, in denen der Wind deutlich regelmässiger bläst, ernten die Anlagen immer mehr Strom. „Dank dem gezielten Ausbau der Winterenergie können zudem 20 % des Winterstrombedarfs abgedeckt werden, denn 6 der 9 Terawattstunden fallen in den kalten Jahreszeiten an. Unter dem Strich zeigt unser Masterplan, dass wir damit im Winter nicht mehr Strom importieren müssen als heute. Die Windenergie als Ergänzung zur Wasser- und Solarkraft kombiniert mit Speicherung würde die Importe auf lediglich 5.6 Terawattstunden senken. 2018 waren es 7 Terawattstunden“, schloss Lionel Perret.

Austausch zwischen den Kantonen
Der Anlass gab den Kantonen auch die Gelegenheit, sich untereinander auszutauschen. So war unter anderem zu vernehmen, dass im Kanton Aargau eine Windanlage geplant sei, die jetzt vom ASTRA wegen einer möglichen Auswirkung auf einen Wildtierkorridors in Frage gestellt werde. Während Serge Boschung aus dem Kanton Freiburg berichtete, dass der Kanton auf die Validierung des Kantonalen Richtplans, der 7 Windparks enthalte, von Seiten des Bundes warte. Er hoffe, dass endlich Anlagen gebaut werden könnten und nicht nur Studien gemacht werden müssten. Ein Vertreter aus dem Kanton St. Gallen berichtet indes, dass der Bund vom Kanton 140 bis 400 GWh Windstrom erwarte, sich im Moment auf Kantonsebene jedoch nur 20 GWh in Diskussion befänden. Erfreulich war die Information aus dem Kanton Jura, wo das Parlament am Vortag den kantonalen Richtplan genehmigt hatte.

Verfahren noch nicht eingespielt
Verschiedene Vertreterinne und Vertreter der Kantone ergriffen das Wort und zogen folgende Zwischenbilanz: Im Berner Jura warten 3 von 7 Windparks auf die Bewilligung, in Neuenburg 5, der Kanton Solothurn hätte fünf Standorte und eine Gemeinde, die neu einen Windpark einbringen möchten. Im Kanton Wallis warten 8 Windprojekte darauf, dass es weiter geht. An Projekten und am Willen der Gemeinden fehlt es nicht. Die Verfahren sind aber weit davon entfernt eingespielt zu sein, darin waren sich die Tagungsteilnehmer einig. So dass viel zu viele Windparks auf Gerichtsentscheide warten, obwohl die meisten davon in den Gemeinden oder wie im Kanton Neuenburg auf kantonaler Ebene bereits grünes Licht erhalten haben.

Text und Bild: Anita Niederhäusern im Auftrag von Suisse Eole

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1 Kommentare

Max Blatter

Als regelmäßiger Gönner der Vogelwarte werde ich die Kompromissfähigkeit dieser Organisation (die ich ansonsten sehr schätze) genau im Auge behalten. Ich frage mich, auf welchen Fakten die Empfehlung "Abstand = 10 x Höhe" beruht? Auf den ersten Blick kommt mir dies als simplifizierender und nicht wissenschaftlich untermauerter Schnellschuss vor. Und dann ... bei solchen Dingen frage ich mich immer ein wenig, ob sich manche (nicht alle) Naturschutzorganisationen von Kräften vereinnahmen lassen, die das deutliche Votum des Volkes für die Energiestrategie 2050 noch immer nicht verdaut haben?

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