30. Apr 2018

Martin Jucker: «Bei der Planung schwante mir die Bewirtschaftung eines Hof vor, der nachhaltig, wirtschaftlich und in Sachen Energie eigenständig und von fossilen Brennstoffen unabhängig ist» Bild: Energie 360°

Die CIS-Dünnschicht-Photovoltiakanlage mit einer Leistung 170 kW soll jährliche 170 000 kWh Strom prouduzieren. Bild: Energie 360°

Man hofft, dass das Rafzer Projekt inspiriert, ähnliche Lösungen zu realisieren. Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit lassen sich nicht bloss auf dem Spargelhof erzielen. ©Bild: T. Rütti

Nationalrat Jürg Grossen (elektroplan Buchs & Grossen AG, Frutigen). In seinen Ausführungen konnte er auf 24 Jahre Erfahrung in der Elektro- und Gebäudetechnikplanung zurückgreifen. ©Bild: T. Rütti

Jucker Farm: Was haben Photovoltaik und Spargelanbau gemeinsam?

(©TR) Gerade rechtzeitig zur Spargelsaison 2018 nimmt die Jucker Farm auf dem Spargelhof im zürecherischen Rafz eine Photovoltaikanlage mit Speichersytemen in Betrieb. Statt den Netzanschluss für die Spargelproduktion zu erhöhen, betreibt Energie 360° die Anlage als Contractor, die es auch erlaubt, Spargeln, Heidelbeeren und Kürbisse auf dem Hof zu verarbeiten und zu kühlen.


Entwickelt und realisiert wurde die Anlage auf dem Spargelhof Jucker von Energie 360°, die Photovoltaikanlagen wurde Solvatec gebaut. Die drei Partner hoffen, dass ihr nachhaltiges Konzept in der Landwirtschaft bald Nachahmer findet.

Als Martin Jucker Anfang 2017 über eine Erweiterung des Spargelhofs in Rafz nachdachte, stellte er bezüglich Energieversorgung fest, dass der bestehende Anschluss des lokalen Elektrizitätswerks schlichtweg nicht ausreicht, um den erhöhten Energiebedarf der neuen Kühlanlagen zu decken. Die konventionelle Lösung wäre ein neuer Anschluss gewesen. Doch damit gab sich der stets an Zukunftslösungen interessierte Landwirt Jucker nicht zufrieden: Ihm schwante die Bewirtschaftung eines Hof vor, der nachhaltig, wirtschaftlich und in Sachen Energie eigenständig und von fossilen Brennstoffen unabhängig ist. Also investiert er gemeinsam mit dem Energieversorger Energie 360°AG (Zürich) in eine innovative Gesamtlösung. Statt bloss in einen neuen Stromanschluss. Seit Anfang April liefert eine CIS-Dünnschicht-Photovoltaikanlage mit einer Leistung von 170 kW ausreichend Strom, um die frischen Spargeln, Heidelbeeren und Kürbisse zu kühlen.

Schon bald mit E-Traktor ernten?

Energie 360° entwickelte mit  der RZ Energiemanagement GmbH ein umfassendes Energiekonzept für den Spargelhof, das Kälteversorgung, Abwärmenutzung, Photovoltaik, Batteriesystem und Elektromobilität umfasst. Martin Jucker hat sogar vor, seine Spargeln dereinst mit E-Traktoren zu ernten. «Es wird je länger, je wichtiger, die verschiedenen Energiesysteme intelligent zu koppeln und die Anlagen gleichzeitig auch für Mobilität so weit wie möglich von fossilen zu erneuerbaren Energien zu transformieren», sagt Romeo Deplazes von Energie 360°. Er sowie Martin Jucker rechnen damit, dass ihr Projekt weitere Landwirtinnen und Landwirte inspiriert, ähnliche Lösungen zu realisieren. «Wir machen vor, dass Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit gleichzeitig zu haben sind», so Martin Jucker am 24. April 2018 in Rafz anlässlich des Hofrundgangs mit Vertretern von Presse, Politik und Behörden. 

Das
Energiekonzept Spargelhof
Mit dem Erweiterungsbau des Spargelhofs in Rafz stieg auch der Strombedarf des Areals. Der aktuelle Stromanschluss genügte aufgrund des Leitungsquerschnitts diesem höheren Bedarf nicht mehr. Deshalb hat die Jucker Farm die Vision verfolgt, den Strom hauptsächlich vor Ort mit erneuerbaren Energien zu produzieren und nicht in einen Ausbau des Stromanschlusses zu investieren. In Zukunft soll sich der Hof weitestgehend vom Stromnetz unabhängig versorgen und die Elektromobilität soll mit dem Einsatz von Elektrolastwagen oder -traktoren weiter ausgebaut werden. Die primäre Energiequelle im neuen Konzept ist die Photovoltaikanlage auf der bestehenden und der neuen Halle des Spargelhofs. Mit einer Batterie kann Energie zwischengespeichert und später wieder an den Hof abgegeben werden. Dadurch und dank der intelligenten Steuerung kann verhindert werden, dass der Stromanschluss überlastet wird. Lasten können so angesteuert werden, dass diese primär bei Sonnenschein Strom beziehen. Die grösste Last auf dem Spargelhof ist die Kälteanlage, die für die Kühlung von Spargeln und anderem Gemüse gebraucht wird.

Versorgung über Photovoltaikanlage bei Stromausfall

Die durch ihren Betrieb anfallende Wärme wird für die Erzeugung von Heizwärme und Warmwasser für das Wohnhaus und den Hofladen verwertet. Das Batteriesystem ist fähig, ein Inselsystem aufzubauen. Das heisst, dass sich der Spargelhof bei einem Stromausfall in Rafz über die Photovoltaikanlage versorgen kann. Oder in zwei Sätzen zusammengefasst: Das intelligente Energiesystem des Spargelhofs Rafz optimiert die Energieflüsse auf dem Areal. Dadurch wird der Spargelhof weitgehend unabhängig vom Stromnetz.

Schwermetallfreie Dünnschicht-Solarzellentechnologie
Das Energiesystem des Spargelhofs enthält viele innovative Ansätze, etwa eine neue, schwermetallfreie Dünnschicht-Solarzellentechnologie, die bessere physikalische Eigenschaften aufweist. Sie wurde von Solvatec verbaut und soll erklärtermassen «eine zuverlässige Stromversorgung auf dem Hof sicherstellen». Firmengründer Dominik Müller: «Im Sommer ist der Strombedarf für die Kühlanlage sehr hoch. Unsere Photovoltaikanlage, das leistungsstarke Batteriesystem und das intelligente Energiemanagement gewährleisten, dass der Bedarf gedeckt ist.» Der Anschluss des Hofs ans Stromnetz dient lediglich der Optimierung des Betriebs, ergänzt Landwirt Jucker: «Unser Hof könnte das ganze Jahr über ohne externe Stromversorgung funktionieren.» Für die Partnerunternehmen liegen die Vorteile der gemeinsam realisierten Lösung auf der Hand: hohe Eigenversorgung mit Notstrombetrieb, optimale Nutzung erneuerbarer Energien und stabile Betriebskosten für die nächsten anderthalb Jahrzehnte.

Jucker Farm setzt auf Contracting-Lösung
Jucker hat sich für eine Contracting-Lösung entschieden: Dabei finanziert Energie 360° das Rafzer Energiesystem und betreibt es mindestens während der nächsten 15 Jahre. Energie 360° übernimmt die Verantwortung, den Spargelhof während dieser Zeit sicher mit Kälte, Wärme und Strom zu versorgen und das System laufend an die Anforderungen auf dem Hof anzupassen. Die Jucker Farm AG selbst muss dabei keine Investitionskosten tragen.

Cleantech-Wirtschaft als Exportschlager
Gastreferent in Rafz war der Berner Oberländer Nationalrat und Unternehmer Jürg Grossen. In seinen Ausführungen konnte er auf immerhin 24 Jahre Erfahrung in der Elektro- und Gebäudetechnikplanung zurückgreifen – Bereiche, die immer stärker im Zentrum der Umsetzung der Energiewende stünden. «Energieeffizienz und Gebäudeautomation sind dabei die zentralen Pfeiler», so der Nationalrat der Grünliberalen Schweiz. Entsprechend gewachsen sei auch das Bewusstsein der Firmen- und Gebäudebesitzer sowie der Mieterinnen und Mieter. «Wir haben unser bestehendes Firmen- und Wohngebäude in Frutigen zu einem weitgehend eigenversorgten und intelligenten ‹Smart Grid Ready-Gebäude› weiterentwickelt. Unser Stromverbrauch beträgt heute weniger als 20 Prozent des schweizerischen Durchschnitts von gleichartigen Gebäuden, der Wärmeverbrauch nur noch 25 Prozent.» Er ruft dazu auf, es dem Beispiel des Spargelhofs gleichzutun. Denn im Schweizerischen Gebäudepark schlummere ein riesiges Potential für Energieeinsparungen sowie die Produktion von erneuerbarer Energie.

Energiekonzept Spargelhof, Rafz

  • Contractor gesamtes Energiesystems
    Firma 360°AG (Zürich)
  • Photovoltaikanlage
    Leistung 170 kWp, prognostizierte jährliche Stromproduktion ca. 170 000 kWh/Jahr, schwermetallfreie Dünnschicht-Solarzellentechnologie (CIS) mit verbesserten physikalischen Eigenschaften (verbessertes Schwachlicht- und Temperaturverhalten), Partner: Solvatec AG (Basel)
  • Batteriesystem inkl. Energiemanagement
    Leistung Batteriespeicher 160 kW, Kapazität Batteriespeicher 192 kWh, intelligentes Energiemanagement für die optimale Nutzung des Stroms aus der Photovoltaikanlage und zur Verhinderung von zu hohen Leistungsspitzen im Stromnetz durch Ansteuerung der Kälteanlage, der Photovoltaikanlage und des Speicherlademanagements, fähig für Inselbetrieb bei einem Stromausfall. Partner für Hardware: Solvatec, Partner für Energiemanagement: Energiemanagement GmbH (Waldkirch SG).
  • Kühlanlage und Abwärmenutzung
    Kälteanlage für die Kühlung von fünf Kühlzellen zwischen 2° C und 8° C (Pluskälte) sowie zwei Kühlzellen mit –20° C (Minuskälte) und zur Klimatisierung des Hofladens, Nutzung der Abwärme aus der Kälteanlage für die Erzeugung von Heizwärme sowie Warmwasser für das Wohnhaus und den Hofladen.
  • Ausblick
    Ausbau der Elektromobilität mit Elektrolastwagen und Elektrotraktoren. Bereit für modularen Weiterausbau zum 100% unabhängigen Energiehof unter Berücksichtigung des technischen Fortschritts und der wirtschaftlichen Aspekte.

Faktenblatt Energiesystem Spargelhof >>

©Text: Toni Rütti, Redaktor ee-news.ch

3 Kommentare
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Tobias Meier @ 01. Mai 2018 12:11

@Hans:
Der Speicher ist aus Deutschland von der Firma Pfenning (individuelle Anfertigung) mit Lithium-Eisphosphat Zellen. Bei den Modulen handelt es sich um CIS Module (Kupfer,Indium,Selen) vom Hersteller eterbright.
MFG Tobias Meier, Energie 360°

Hans @ 01. Mai 2018 04:50

Bitte etwas mehr Detail! Welcher Speicher (Hersteller, Modell), welche Chemie von den Modulen und Speicher usw. uswf. Mir ist das alles zu feierlich statt faktisch.

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