01. Mär 2018

„Es wäre sinnvoll, wenn wir die Verkehrswende auch als Anstoss nähmen, um nicht die Auto-Mobilitätsfalle weiter zu zementieren, in der wir uns bereits befinden.“ Anita Niederhäusern

Elektromobilität: Ein Weg raus aus der Auto-Mobilitätsfalle?

(©AN) Wurden 2016 noch zwei Millionen Elektroautos gezählt, waren es 2017 bereits drei Millionen. Das ist einerseits erfreulich, verfügt doch der Elektromotor über eine Effizienz von 90 %, der Motor von Benzinautos jedoch nur über eine Effizienz von 27 %. Bedauernswert wäre es, wenn wir mit der Elektromobilität die Auto-Mobilitätsfalle weiter zementieren.


Gemäss den Berechnungen von Toni Gunzinger, Autor des Bestsellers Kraftwerk Schweiz, arbeiten Elektromotoren mit einer Effizienz von mindestens 90 %, die Motoren von Benzinautos weisen indes eine erbärmliche Effizienz von gerade mal 27 % auf. Gemäss Gunziger haben aber Benzinmotoren diesen Wirkungsgrad nur im optimalen Bereich. Offenbar sind aber gerade die Autos in der Schweiz deutlich übermotorisiert und laufen meist in einem ineffizienten Betriebspunkt. Der Wirkungsgrad ist dann eher um 14%.

Werden die Elektroautos auch noch mit erneuerbaren Energien betankt, ist das eindeutig sehr erfreulich für die CO2-Bilanz. Unter der Bedingung, dass wir bei den Batterien der Elektroautos nicht dieselben Fehler begehen wie bei den Benzinautos. Das heisst: nicht einfach drauflos produzieren, ohne uns Gedanken dazu zu machen, welches die effizientesten und nachhaltigsten Batteriesysteme sind. Deren Materialien müssen unter Berücksichtigung höchster Nachhaltigkeitsstandards abgebaut werden. Zudem müssen geschlossene Kreisläufe für möglichst alle Materialien, die wir darin verwenden, so rasch wie möglich umgesetzt werden.

Steh- und nicht Fahrzeuge
Elektroautos sind zwar super, aber a) ist deren Reichweite zu kurz, und b) sind die Ladezeiten viel zu lang. Das ist die landläufige Meinung. Dabei wird oft nicht die ganze Rechnung gemacht, denn Autos sind vor allem Steh- und nicht Fahrzeuge: Sie werden durchschnittlich 2 Stunden pro Tag „bewegt“, die restlichen 22 Stunden stehen sie in Tiefgaragen und auf Parkplätzen. Genau in dieser Zeit können sie geladen werden. Das ist übrigens der Grund, warum sich in der Schweiz bald fortsetzen wird, was in Deutschland mittlerweile schon weit verbreitet ist: Grossverteiler wie Aldi und Co setzen auf Photovoltaikstrom auf ihren Geschäften, aber immer öfter auch auf Elektrotankstellen – ein willkommenes Zusatzgeschäft! Und erst noch spielend leicht zu betreiben, verglichen mit einer konventionellen Tankstelle.

Tiefe Unterhaltskosten und eigener Treibstoff
Spielend leicht ist auch der Unterhalt von Elektroautos, verglichen mit dem von Benzin- und Dieselautos. Die Kosten sind deutlich geringer, da es keine Kupplung, weniger Flüssigkeiten, kaum Verschleissteile und generell weniger bewegliche Teile im Motor und im Antriebsstrang gibt. So müssen beispielsweise keine regelmässigen Öl- und Filterwechsel und schon gar keine Abgastests vorgenommen werden. Verfügt man über eine eigene Photovoltaikanlage, kann man das Auto sogar mit eigenem Strom tanken!

Mobilität bleibt ein Flächenfresser
Der astronomische Flächenverbrauch der individuellen Mobilität, der in der dicht besiedelten Schweiz doppelt schwer ins Gewicht fällt, wird oft einfach ausgeklammert. Auf kraftwerkschweiz.ch > Automobilität belegt Prof. Toni Gunzinger das mit eindrücklichen Zahlen:

Die individuelle Mobilität (Strassen und Parkplätze) verschlingt rund 1‘200 km2 Fläche oder rund 300 m2 Fläche pro Fahrzeug.

Zum Vergleich:

  • Alle Gebäude der Schweiz für Wohnen, Arbeiten, Bildung, Sport, Erholung etc. benötigen „nur“ 400 km2 Fläche oder 50 m2 Fläche pro Person.
  • Jedes zusätzliche Motorfahrzeug benötigt zusätzlich 300 m2 versiegelte Fläche.
  • Der Flächenverbrauch hängt übrigens sehr von der Art der Fortbewegung hab: Damit sich ein Fussgänger frei bewegen kann, benötigt er im Durchschnitt 1 m2, die Fahrradfahrerin 10 m2, der ÖV (pro Person) in urbanen Gebieten 15 m2 und gemittelt für die Schweiz 25 m2 und der Autofahrer 100 m2.

Auch diese Zahlen stammen von kraftwerkschweiz.ch > Automobilität.

Fünfmal teurer
Das Bundesamt für Strassenverkehr beziffert die Kosten des Strassenverkehrs – ohne externe Kosten – auf jährlich CHF 8.3 Mrd. Toni Gunziger argumentiert, dass die Rechnung rund fünfmal teurer sei, weil diese Rechnung nur die Nationalstrassen beinhalte, nicht aber die Kantons- und Gemeindestrassen. Er errechnet für das Strassennetz, das 80’00 km umfasst – 2000 km Autobahnen, 35‘000 km Kantonsstrassen, 45‘000 km Gemeindestrassen – einen Neuwert von rund 600 Mia. CHF, was jährliche Unterhaltskosten von nahezu 45 Mia. CHF nach sich zieht.

Auto-Mobilitätsfalle!
Elektromobilität leistet sicher einen sehr wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigeren Zukunft. Das ist unbestritten. Nur wäre es sinnvoll, wenn wir die Verkehrswende auch als Anstoss nähmen, um nicht die Auto-Mobilitätsfalle weiter zu zementieren, in der wir uns bereits befinden:

  • Bei etwa einem Drittel der Autofahrten beträgt die zurückgelegte Distanz mit dem Auto weniger als 500 m, diese mit einem Elektroauto zurückzulegen, ist nicht weniger sinnlos als mit einem Benzinauto. Eine solche Distanz kann problemlos zu Fuss zurückgelegt werden und damit leisten wir eh noch einen Beitrag an unsere Gesundheit.
  • Bei einem weiteren Drittel der Autofahrten sind wir weniger als 5 km unterwegs. Diese Distanz kann spielend mit dem Velo oder dem Elektroveol zurückgelegt werden.
  • Für längere Fahrten ist tatsächlich das (Elektro-)Auto geeignet.

Doppelt so schnell mit dem Velo
Vor zwei Wochen fuhr ich rund 2.5 km in der Innenstadt von Freiburg mit dem Velo in knapp 10 Minuten. Damit war ich mindestens doppelt so schnell, wie die Menschen, die mit auf vier Rädern unterwegs waren: Einerseits dank grünen Ampeln, aber auch dank verstopften Strassen. Ich fuhr vorbei an stehenden Autos und an Bussen, die nicht weiterfahren konnten, weil ihnen rücksichtlose Autofahrer die Busspur versperrten. Und trotzdem haben immer noch viele von uns das Gefühl, dass sie mit dem Auto am schnellsten unterwegs sind …

Weitere Informationen:

Anita Niederhäusern, Chefredaktorin und Herausgeberin ee-news.ch

1 Kommentare
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Dirk Volkmann, Düsseldorf @ 02. Mär 2018 08:43

Das Auto ist tatsächlich ein gigantischer Flächenfresser. Wenn allerdings zur e-Mobilität das Carsharing und das selbstfahrende Auto dazu kommt, und nur so hat die ganze Sache einen Sinn, reduziert sich der Fahrzeugbestand automatisch.
Die innerstädtische Mobilität einer Großstadt wie Wuppertal kann mit 20'000 Autos, die selbst fahren und einem nicht mehr gehören, abgewickelt werden und das ist rd. 10% des derzeitigen Fahrzeugbestandes. Rosige Zeiten brechen an, wenn Parkplätze und Parkhäuser, Garagen und Stellplätze nicht mehr benötigt werden. Derzeit verbrauchen Stehzeuge mehr Fläche als der Mensch selbst zum Wohnen.

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