27. Jan 2018

Prof. R. Wüstenhagen: „Manchmal neigt man dazu, die Risiken im Ausland zu unterschätzen, weil man beispielsweise mit dem energiepolitischen Prozess weniger gut vertraut ist. Das Gras ist nicht immer grüner auf der anderen Seite.“ Bild: Daniel Ammann

Rolf Wüstenhagen: „Zum Teil schnitten diese Windprojekte sogar besser ab als jene im Ausland“

(BFE) Für's BFE untersuchte HSG-Professor Rolf Wüstenhagen mit seinem Team, wer in Erneuerbare investiert und warum die meisten Investitionen im Ausland getätigt werden: „Wir stellten fest, dass diejenigen Investoren, die Windenergieprojekte in der Schweiz realisieren konnten, mit der Performance zufrieden waren.“


Ein Interview aus energeia 1/2018 des BFE.

Wie wirkt sich das revidierte Energiegesetz auf die Bereitschaft von Investoren aus, in erneuerbare Energien zu investieren?

Positiv ist sicherlich die Signalwirkung, dass 58 Prozent der Stimmbevölkerung im Frühjahr 2017 für dieses Gesetz gestimmt haben. Dies gibt den Investoren Vertrauen, dass die Energiepolitik wirklich in diese Richtung gehen wird. Kritisch ist hingegen die enthaltene zeitliche Befristung für die Förderung von erneuerbaren Energien, etwa mit dem Auslaufen des KEV-Modells.

Warum?
Dies wirkt verunsichernd. In anderen Ländern wie Italien und Deutschland machte man ähnliche Erfahrungen, wenn es zu grundlegenden Veränderungen bei der Einspeisevergütung kam. Es gab zunächst einen Rush, weil möglichst viele ihr Projekt noch mit der Förderung realisieren wollten. Nach der Torschlusspanik kam es dann zum Einbruch der Investitionen.

Welche erneuerbaren Energien sind heute für Schweizer Investoren attraktiv?
Sonne, Wind und Wasser sind am attraktivsten, haben aber alle ihre spezifischen Herausforderungen. Der Fokus unserer Studie lag auf Wind- und Wasserkraftinvestitionen. Wir stellten fest, dass diejenigen Investoren, die Windenergieprojekte in der Schweiz realisieren konnten, mit der Performance zufrieden waren. Zum Teil schnitten diese Projekte sogar besser ab als jene im Ausland. Es stecken jedoch viele unrealisierte Windprojekte in der Pipeline, weil die Bewilligungsverfahren viel länger dauern als in anderen Ländern.

Das Energiegesetz will diesen Bewilligungsprozess erleichtern.
Ja, für Investoren besteht Hoffnung. Der Guichet unique und die Abwägung von nationalen Interessen sowie anderen Schutzinteressen bei Energieprojekten könnten ein Stück weit helfen. Doch in der Praxis wird das neue Energiegesetz nicht als der grosse Wurf betrachtet. Denn weiterhin werden zahlreiche Akteure in ein Windprojekt involviert sein – auf kommunaler, kantonaler und nationaler Ebene. Mich hat es überrascht zu sehen, wie komplex das Verfahren in der Praxis ist – aufgrund der föderalen Vielfalt. Eine Harmonisierung der Bewilligungsverfahren wäre hilfreich.

Wie wirkt sich die komplexe Ausgangslage auf die Finanzierbarkeit von Windprojekten aus?
Jedes Risiko hat seinen Preis. Muss man Investoren für hohe Risiken entschädigen, dann wird dies relativ teuer. Wenn ein Windprojekt zehn bis zwölf Jahre für die Realisierung braucht und es selbst nach sechs bis acht Jahren noch scheitern kann, zieht dies eher risikofreudige Investoren an. Ein Vergleich: Man kann in französische oder griechische Staatsanleihen investieren. Für griechische Staatsanleihen ist die Risikoprämie wesentlich höher. Investitionen sind möglich, aber nur zu einem höheren Preis. Rahmenbedingungen wie für französische Anleihen zu schaffen, wäre für alle Beteiligten günstiger.

Wer investiert heute in erneuerbare Energieprojekte?
Eine grosse Vielfalt, darunter sind kleine Energieversorger, Pensionskassen, Versicherungen, Private, Hausbesitzer und Landwirte. Sie beurteilen die Attraktivität von Investitionen aus unterschiedlichen Perspektiven und ziehen verschiedene Vergleichsobjekte heran. Ein Energieversorger fragt sich etwa, ob er in ein Windprojekt in der Schweiz oder im Ausland investieren soll. Eine Pensionskasse hingegen vergleicht Investitionen in erneuerbare Infrastruktur eher mit Immobilien oder Staatsanleihen.

Wie systematisch vergleichen Investoren ihre Optionen?
Oft ist es eine Mischung aus einem Kopf und einem Bauchentscheid. Steht man zum Beispiel vor der Entscheidung, ein langwieriges Windprojekt in der Schweiz zu entwickeln oder einen schlüsselfertigen Windpark im Ausland zu kaufen, dann werden nicht nur nüchtern Renditen kalkuliert. Ein Stück weit ist es rational, dass 70 Prozent der Investitionen ins Ausland fliessen. Manchmal neigt man jedoch dazu, die Risiken im Ausland zu unterschätzen, weil man beispielsweise mit dem energiepolitischen Prozess weniger gut vertraut ist. Das Gras ist nicht immer grüner auf der anderen Seite.

Liegen Investoren mit ihren Einschätzungen meist richtig?
In Umbruchphasen liegen sie auch mal systematisch daneben. Wir haben in Fallstudien die erwarteten Renditen von Investitionen in ausländische Wind- und Gaskraftwerke mit den tatsächlich erzielten Renditen verglichen. Es zeigt sich, dass einige Beteiligungen an Gaskraftwerken rückblickend Fehlinvestitionen waren, weil man die Preise für Spitzenlast überschätzt hat. Die Windenergie-Investitionen wiesen eine bessere Performance auf und wichen weniger stark von den Erwartungen ab.

Welchen Einfluss hat der Strompreis auf die Investitionsbereitschaft?
Die meisten Investoren reagieren empfindlich auf schwankende Strompreise. Wenn man sie vor Strompreisrisiken schützt, reduziert dies das wahrgenommene Risiko und damit die Finanzierungskosten. Um neue Technologien anzuschieben, war eine umfassende Absicherung des Strompreisrisikos, etwa durch die KEV, sinnvoll. In einer nächsten Phase der Marktentwicklung ist es sinnvoll, Investoren angemessen an den Risiken zu beteiligen, indem beispielsweise ein Teil der Erlöse fix aus einer Einspeiseprämie stammt, während ein anderer Teil variabel am Strommarkt erwirtschaftet werden muss. Dies schafft Anreize für nachhaltige Investitionen.

Warum empfehlen Sie, dass Investoren den gemeinsamen Dialog suchen sollen?
Im Energiemarkt finden sich heute Investoren mit unterschiedlichen Risiko-Rendite-Erwartungen. Pensionskassen suchen langfristig sichere Anlagen und nehmen dafür auch tiefere Renditen in Kauf. Währenddessen wollen Energieversorger höhere Renditen erzielen, dafür gehen sie höhere Risiken ein. Ein Beispiel: Pensionskassen reagieren sensibel auf operative Risiken, weil sie keine Erfahrung im Stromhandel besitzen. Energieversorger besitzen diese Kompetenzen. Deswegen wäre es naheliegend, dass Pensionskassen sich mit risikofreudigeren Investoren zusammentun.

Wo liegt das Problem?
In unserer Studie haben wir Investoren gefragt, mit wem sie am liebsten investieren würden. Überraschend zeigte sich: Gleich und gleich gesellt sich gern, obschon ein Investorenmix sinnvoller wäre. Wichtig ist folglich die kulturelle Übersetzungsarbeit. Durch Aha-Effekte infolge von persönlichen Begegnungen kann man die verschiedenen Investorengruppen am ehesten dazu ermuntern, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Welche gemeinsamen Investitionen gelten heute als innovativ?
Neue Investitionsmodelle sind etwa Crowdfunding und Corporate Power Purchase Agreements (PPAs). Bei Letzterem schliesst ein industrieller Stromkunde wie Apple oder IKEA einen langfristigen Abnahmevertrag mit einem Produzenten von erneuerbarer Energie ab und sichert die Investition so gegen Strompreisrisiken ab. Manche Firmen kombinieren das mit Green Bonds, d.h. Unternehmensanleihen zur Finanzierung erneuerbarer Energien.

Hat Crowdfunding noch mehr Potenzial?
Crowdfunding spielt bislang vor allem bei gemeinschaftlichen Solarprojekten eine Rolle, könnte aber auch auf Stromspeicher übertragen werden. Innovationspotenzial gibt es ebenfalls an der Schnittstelle zur Immobilienfinanzierung, wenn etwa PV-Anlagen und Batteriespeicher Teil der gemeinsamen Infrastruktur in einem Mehrfamilienhaus werden – ähnlich einem Fahrstuhl.

PS: Lesen Sie den Gastbeitrag von Rolf Wüstenhagen zur Studie im BFE-Blog unter www.energeiaplus.com/category/energeia.

Text: energeia 1/2018 des BFE

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