09. Feb 2018

Ilkka Virkajärvi, Technischer Direktor der finnischen Firma Ductor, die eine neuartige biologische Stickstofftrennung für den Biogasbereich auf den Markt bringt, bei seinen Laborversuchen im Helsinki Science Park. ©Bild: D. Jensen

Umweltminister Kimmo Tiilikainen: „Wir wollen weg von der Pipelinewirtschaft hin zur Bioökonomie.“ ©Bild: D. Jensen

Anne Paadar, Mitarbeiterin der Biogas Jeppo Ab, vor der Biogas-Tankstelle in Jeppo. ©Bild: D. Jensen

Blick auf eines der beiden Kohlekraftwerke in Helsinki, das in den nächsten Jahren vom Netz geht. ©Bild: D. Jensen

Finnland: Getreideernte im Schnee

(©DJ) Ende Oktober. Die Sonne scheint. Während die finnischen Radiosender tagsüber für den frühen Abend den ersten Schneefall ankündigen, rauschen Dutzende Mähdrescher in Westfinnland über die Felder, um Bohnen, Raps und Hafer zu dreschen. Die Temperatur liegt bei etwas über Null Grad, die Landwirte auf ihren Traktoren und Erntemaschinen tragen Mützen und Handschuhe. Als gegen späten Nachmittag tatsächlich die Sonne weicht und die ersten zarten Flocken fallen, da wirkt der goldgelb aufblitzende Hafer auf den Korntanks vollends surreal.


Kurt Stenvall nickt. „Ja, so eine späte Ernte hatten wir hier noch nie“, seufzt der Endfünfziger. Der Geschäftsführer der Jeppo Biogas Ab, eine der nördlichsten Biogasanlagen Europas im Westen Mittelfinnlands, weiss auch nicht so recht, was er sagen soll, zuckt ziemlich ratlos die Schultern. „Wir hatten in dieser Region einen extrem kalten Sommer, nie über 20 Grad Celsius. Als dann das Getreide Ende September endlich reif war, setzte der Regen ein, vier Wochen lang“, klagt Stenvall über das extreme Wetter. Klimawandel?

3500 von 50‘000 geplanten Gasautos
Während an diesem denkwürdigen Oktobertag zumindest auf den Feldern der finnische Elch steppt, ist an der Tankstelle der Jeppo Biogas Ab eher weniger los. „In der Regel fahren hier täglich bis maximal fünf Autofahrer vor und tanken Biomethan“, erklärt Stenvall nüchtern. Es sei weniger Nachfrage vorhanden, als man noch vor vier Jahren, beim Start der Biogasanlage, erhofft habe, räumt er freimütig ein. Richtig erstaunlich ist die schwache Nachfrage nach diesem Kraftstoff allerdings nicht, denn in ganz Finnland gibt es gegenwärtig gerade mal 3500 angemeldete Gasautos. Zwar hat sich die aktuelle Koalitionsregierung in Helsinki das energie- und klimapolitische Ziel gesetzt, in den nächsten Jahren bis zu 50‘000 gasbetriebene Autos auf die Strassen zu bringen, doch hilft den Anbietern von Biomethan augenblicklich noch nicht sonderlich weiter. Trotzdem setzt Stenvall auf die Mobilität, weil seiner Ansicht nach der finnische Strommarkt bei einem Verbraucherpreis von elf Cent pro Kilowattstunde für die Biogasnutzung wenig wirtschaftliche Perspektiven biete. Obendrein weckt der Markt für landwirtschaftliche Zugmaschinen neue Hoffnungen. So beabsichtigt der skandinavische Hersteller Valtra mit einem neuen mit Biomethan betriebenen Traktor eine klimafreundlichere Ära in der Landwirtschaft einzuläuten. Klar, dass das neue Valtra-Modell auch schon auf der Biomethan-Tankstelle von Jeppo für Promotionszwecke betankt wurde.

4.5 Millionen Kubikmeter Biogas
Dennoch, nur ein kleiner Anteil des in Jeppo erzeugten Biogases, maximal der Energiewert von fünf Gigawattstunden, geht bislang in die Tanks. Dabei ist die Biogasanlage, deren Fermenter-Technologie von der niedersächsischen Weltec Biopower GmbH geliefert wurde, erstaunlich gross. So verarbeitet sie aktuell rund 120‘000 Kubikmeter Gülle, die von rund 150 Viehhaltern mit einer Betriebsgrösse von 20 bis 200 Hektar Land, bezogen wird. In der Mehrzahl sind es Schweinehalter; hinzukommen noch drei grosse gewerbliche Schweinzüchter, die ohne Land Fleisch produzieren. Darüber hinaus werden noch Gemüse- und Schlachtabfälle sowie Gras und Stroh aus kommunaler Pflege vergoren. Insgesamt werden rund 4.5 Millionen Kubikmeter Biogas auf der Anlage jährlich erzeugt, die zu einem guten Drittel vom kleinen lokalen Stromnetzbetreiber Jeppo Kraft Andelslag, zu 22.5 Prozent vom Schlachtunternehmen Snellman Ab in Jakobstad und weiteren sechs in der Region aktiven Unternehmen betrieben wird.

Eine Verstromung ist in Jeppo wegen der niedrigen Einspeisevergütung bis heute keine wirtschaftliche Option. Stattdessen wird das Biogas mit einer Druck-Wasser-Wäsche zu Biomethan veredelt und zwei grossen Unternehmen bereitgestellt. Zum einen ist es der nur ein paar Kilometer entfernte Hersteller von Sandpapieren, das Unternehmen Mirka, der das Gas per Pipeline für die Dampferzeugung nutzt und dafür den früher eingesetzten Brennstoff Holzhackschnitzel einspart. „Wir können unser Biomethan für den halben Preis im Vergleich zur festen Biomasse bereitstellen“, hebt Stenvall hervor. Der zweite grosse Gas-Kunde ist der Mitgesellschafter der Biogasanlage, der Schlachtbetrieb Snellman Ab im 40 Kilometer entfernt liegenden Jakobstad; via Gastank-Lastzüge wird das Unternehmen mit Biomethan versorgt und deckt damit weitestgehend seinen Energiebedarf.

Biogas für Mobilität gute Perspektive
Dagegen spielt die Bereitstellung von Wärme qua Biogas in der Region von Jeppo keine Rolle. Das hat gute Gründe. „Nur im Süden Finnlands existiert überhaupt ein Gasnetz. Weiter im Norden gibt es hingegen viele regionale Wärmenetze, die auf der Basis von Holz betrieben werden“, erklärt Stenvall in seinem gemütlichen Büro, „das ist im Gegensatz zu Biogas von Fall zu Fall auch günstiger, weil in der finnischen Holzindustrie einfach viel Restholz anfällt.“ Angesichts dessen, und das wiederholt Stenvall gerne, sehe er für Biogas in einem CO2-freien Finnland bis 2045 vor Allem in der Mobilität das eigentliche Einsatzgebiet. „50‘000 Gasautos in Finnland bis 2030 ist für uns also tatsächlich eine gute Perspektive“, unterstreicht Stenvall und verweist auf einen Kraftstoffpreis, der unter einem Euro liege. Allerdings mahnt der Biogasbetreiber eine langfristig verlässliche Energiestrategie seitens Helsinki und Brüssel an.

Holz deckt ein Fünftel des Primärenergieverbrauch
Apropos Holz. Davon hat Finnland reichlich. Fast 90 Prozent der gesamten Landfläche ist von Forst und Wald bedeckt. Trotz einer intensiven Holz- und Papierindustrie wachse der Forstbestand, so beteuern zumindest die amtlichen Statistiken. Wie dem auch sei, die feste Biomasse spielt im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern in der Energieversorgung eine grosse Rolle. Rund ein Fünftel des Primärenergieverbrauchs deckt Finnland mit Holz ab. Eine Besonderheit ist die energetische Nutzung von Torf, der nach finnischer Diktion als nachwachsender Rohstoff zu bewerten sei - wächst doch Torf, wenngleich sehr langsam, über einen langen Zeitraum nach: rund einen Zentimeter pro hundert Jahre. Aber nicht nur die energetische Verwertung der festen Biomasse wird als wichtig erachtet, auch deren stoffliche Verwertung.

Weg von Pipelinewirtschaft hin zu Bioökonomie
Diesbezüglich bringt es der finnische Umweltminister Tiilikainen auf den Punkt: „Wir wollen weg von der Pipelinewirtschaft hin zur Bioökonomie.“ Mit diesem Motto will sich Finnland in Zeiten weltweit knapper werdenden Ressourcen international positionieren; dafür hat die amtierende Regierung einen ambitionierten „Fahrplan für eine Kreislaufwirtschaft bis 2025“ aufgelegt. Obendrein haben die Finnen Ende 2016 in Helsinki den ersten internationalen Kongress zum Thema Kreislaufwirtschaft veranstaltet, der vom finnischen Innovationsfonds Sitra organisiert wurde. Die Botschaft dieses Kongresses war klar umrissen: statt auf Werkstoffe mit fossiler Provenienz wollen die Finnen vornehmlich auf holzbasierte Materialien setzen. Manche Kongress-Teilnehmer träumten sogar von Flugzeugen aus Holzverbundstoffen. Bis es dazu tatsächlich kommt, ist sicherlich noch ein langer Weg zu gehen. Dass man dieses Ziel aber konsequent verfolgt, bekräftigen Mitarbeiter von Sitra, die mit einem Jahresetat von 30 Millionen Euro aktuell den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten in diesen Bereich setzt; so bereitet die Sitra derzeit den zweiten internationalen Kreislaufwirtschafts-Kongress vor, der in Japan stattfinden soll.

Etablierung einer Kreislaufwirtschaft
In dieser von der finnischen Regierung proklamierten Etablierung einer Kreislaufwirtschaft sollen auch die Vorteile von Biogas eine integrale Rolle einnehmen. In der energetischen Verwertung von Reststoffen aus Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft sowieso, aber auch in der Aufbereitung von urbanen und industriellen Abwässern. Darüber hinaus pflichtet Umweltminister Tiilikainen dem Biogasprozess auch hinsichtlich eines nachhaltig gestalteten Nährstoffmanagements eine grosse Bedeutung bei. Grosse Hoffnungen setzt man unter anderen in das noch junge finnische Unternehmen Ductor, das mit einigen Patenten sowohl auf spezielle Bakterienstämme als auch auf das Verfahren zur mikrobiologischen Stickstoff- und Phosphattrennung, in die Biogasbranche drängt.

Stickstoffe und Phosphate kostengünstige separiert
Geschäftsführer Ari Ketola erläutert bei der Präsentation der Versuchsanlage in der Nähe der südfinnischen Stadt Tampere, wie er sagt, „grossen Chancen der von seiner Firma entwickelten Biotechnologie“ für diejenigen Biogasanlagen-Betreiber, die bislang ein Problem mit latenter Nährstoffüberfrachtung haben. Durch das neuartige Verfahren können Stickstoffe und Phosphate zukünftig auf kostengünstige Art und Weise separiert werden. Dies bringe zwei Vorteile. Einerseits können die von Stickstoff befreiten Gärreste problemlos aufs Feld gebracht werden, andererseits kann man die separierte Fraktion als Dünger gewinnbringend und gezielt im Pflanzenbau einsetzen. Ob sich die auf einem Flyer zu lesende Zeile „Ductors bahnbrechende Innovation wird die Welt verändern“ bewahrheiten wird, sei jedoch dahingestellt, denn eine Landwirtschaft, die gewerbliche Viehhaltung ohne Flächenbindung betreibt ist, steht eben im krassen Widerspruch zu einer Kreislaufwirtschaft und verkörpert vielmehr eine industrielle Wirtschaftsweise, bei der die natürlichen Kapazitäten der Kulturlandschaften offensichtlich schon heute deutlich überreizt werden.

Ansonsten gäbe es die Nährstoffüberfrachtung in vielen Regionen in dem extremen Ausmasse nämlich gar nicht. Dass Ductor nun für diese Art von Fleischproduktion mit angeschlossenen Biogasanlagen eine profitable Lösung offeriert, ist zwar ehrenwert, aber letztlich aber dann doch nur eine Fehlerkorrektur im falschen Rahmen. Nichtsdestoweniger: Das Ductor-Verfahren ist nicht nur wegen der Novelle der Düngeverordnung hochinteressant. Es ist ein intelligentes Verfahren, um Nährstoffe nachhaltig zu managen. So liegen nach Aussage von Aarre Viiala, Geschäftsführer der deutschen Unternehmenstochter von Ductor, schon vier Bestellungen aus den Reihen der deutschen Biogaswirtschaft auf seinem Düsseldorfer Schreibtisch. Es fehlen nur noch die letzten Genehmigungen von den Behörden, dann geht es nach dem Start eines Versuchsreaktors im emsländischen Haren in die nächste Runde des finnischen Newcomers. Im Sinne der Kreislaufwirtschaft ist Ductor politische Rückendeckung aus Helsinki auf jeden Fall sicher.

©Text: Dierk Jensen

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