Anita Niederhäusern: „Deutschland hat es seit 2000 geschafft, den Erneuerbaren-Anteil bereits mehr als zu verzehnfachen. Allein mit einer Verdoppelung hätten wir in der Schweiz sogar bereits einen Teil der Verkehrs- und Wärmewende gemeistert!“

In der Schweiz dauert alles etwas länger – trotz besten Voraussetzungen leider auch der Weg zu einer erneuerbaren Energieversorgung

(AN) Deutschland ist im Jahr 2000 mit einem Erneuerbaren-Anteil am Strommix von rund 5 Prozent gestartet und hat mittlerweile einen Erneuerbaren-Anteil von über 50 Prozent erreicht, Windstrom macht 25 Prozent aus und Solarstrom 10 Prozent. Österreich wies im Jahr 2000 einen Wasserstromanteil am Strommix von ca. 60 Prozent auf, inzwischen kamen noch gut 12 Prozentpunkte Windstrom und 3 Prozentpunkte Solarstrom dazu. Die Schweiz ist zwar wie ihr östlicher Nachbar mit einem Anteil von ca. 60 Prozent Wasserstrom am Strommix gestartet, hat aber 2020 immer noch nicht die 70-Prozent-Marke beim Strom aus neuen Erneuerbaren erreicht.


Am 13. Mai war Österreich Europas Windstromland Nummer 1. „Dabei wurde deutlich, welches Potential in der Windkraft in Österreich steckt“, bemerkt Stefan Moidl, Geschäftsführer der IG Windkraft. An jenem Tag erzeugten die österreichischen Windenergieanlagen 73.3 Mio. kWh Windstrom und somit 50.5 Prozent des gesamten österreichischen Stromverbrauchs. Was übrigens der Hälfte der jährlichen Windstromerzeugung 2020 in der Schweiz entspricht. Zudem war an diesem Tag der Windstromanteil in Österreich der höchste in ganz Europa. Alle erneuerbaren Energien zusammen erzeugten am 13. Mai sogar 133 Prozent des österreichischen Stromverbrauchs. Über das Jahr gesehen decken die erneuerbaren Energien in Österreich bereits 75 Prozent des Stromverbrauchs.

Schlusslicht in Europa
Ganz anders in der Schweiz: Der Windstromanteil beträgt hierzulande gerade einmal 0.2 Prozent, der Solarstromanteil knapp 5 Prozent. Photovoltaik wird zügig zugebaut, aber nicht schnell genug. Schlimmer sieht es bei der Windenergie aus: Wir haben 42 Windenergieanlagen – Österreich, das nur doppelt so gross ist wie die Schweiz, hat über 1300. Zusammen mit der Slowakei und Slowenien bildet die Schweiz bei der Produktion von Windstrom das Schlusslicht in Europa.

Über die Hälfte bereits geschafft
Um von 60 Prozent Wasserstrom (Stand Jahr 2000) auf 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Quellen zu kommen, müsste die Schweiz den Erneuerbaren-Anteil noch nicht einmal verdoppeln. Deutschland hat es seit dem Jahr 2000 geschafft, den Erneuerbaren-Anteil bereits mehr als zu verzehnfachen und hat damit die Hälfte des Wegs bereits geschafft. Allein mit einer Verdoppelung hätten wir in der Schweiz sogar bereits einen Teil der Verkehrs- und Wärmewende gemeistert! Um eine Stromversorgung aus 100 Prozent erneuerbaren Quellen zu erzielen, bräuchte unser nördliches Nachbarland gegenüber dem Jahr 2000 eine Verzwanzigfachung und es befindet sich bereits auf gutem Weg dazu.

Verkehrs- und Wärmewende
Wir in der Schweiz haben mit unseren grossen Speicherseen sogar wesentlich bessere Möglichkeiten als Deutschland, das Energiesystem auf 100% Erneuerbaren umzustellen. Trotzdem hinken wir hinterher! Fazit: Hätten wir wie Deutschland unsere Hausaufgaben gemacht, könnten wir bereits heute unseren Strom zu 100 Prozent aus Erneuerbaren produzieren und uns daran machen, den Verkehr und die Wärmeversorgung auf erneuerbare Technologien umzustellen. Denn 70 Prozent unseres Energieverbrauchs sind immer noch fossil.

In 10 Jahren, locker!
Bene Müller, Geschäftsführer von Solarcomplex erklärt: „An vielen Tagungen, zu denen ich in der Schweiz eingeladen war, habe ich diese Tatsache angesprochen. Dabei habe ich immer wieder erlebt, dass die Potentiale der Erneuerbaren in der Schweiz und Möglichkeiten, sie zu realisieren, im Inland krass unterschätzt werden. Wenn alle Schweizerinnen und Schweizer es wollten, wäre der Umstieg auf 100 Prozent Erneuerbare im Stromsektor in der Schweiz in 10 Jahren zu machen. Locker!“

1 Milliarde pro Monat für fossile Energien
Unser Wasserstromanteil von knapp 60 Prozent wird schon vom Klimawandel in Frage gestellt. Der Temperaturanstieg beträgt bei uns bereits 2 Grad. Die Gletscher schmelzen rasant. Es gibt schon Gemeinden, die aus Wassermangel das Wasser der Stauseen für die Trinkwasserversorgung und die Landwirtschaft nutzen wollen statt für die Stromproduktion. Im Wasserschloss Europas wird das Wasser knapp. Gleichzeitig geben wir monatlich durchschnittlich 1 Mrd. Schweizer Franken für fossile Energien aus.


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90 Prozent Wirkungsgrad statt 30 Prozent
Der Benzinmotor hat einen maximalen Wirkungsgrad von 34 Prozent. In der Realität ist dieser Wert von der Tourenzahl des Motors abhängig, er liegt in der Praxis zwischen 15 Prozent und 27 Prozent. Zudem stammt das Erdöl für den Antrieb des Autos nicht aus der Schweiz. Ein Elektroauto dagegen weist einen Wirkungsgrad von über 90 Prozent auf. Fast jedes zweite Haus wird in der Schweiz noch mit Heizöl geheizt. Eine Umstellung auf Wärmepumpen wäre lohnenswert, denn sie produzieren mit 1 Kilowattstunde Strom bis zu 4 Kilowattstunden Wärme. Zudem kann die Antriebsenergie in der Schweiz produziert werden: mit einer Solaranlage auf dem Hausdach oder mit Wasser- und Windstrom aus dem Stromnetz.

Wenn wir alle unsere elektrischen Geräte sowie Fahrzeuge und Wärmesysteme mit Strom aus einheimischen erneuerbaren Energien betreiben, ist das nicht nur gut für die Umwelt, sondern dann bleibt auch das Geld im Land! Was hindert uns also daran, die Energiewende zügig umzusetzen? Eben: In der Schweiz dauert alles immer ein bisschen länger, auch die Energiewende …!

Anita Niederhäusern, Herausgeberin ee-news.ch und pelletpreis.ch

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2 Kommentare

Max Blatter

Ja, leider stimmt das! Tatsächlich war Deutschland um die Jahrtausendwende noch weit abgeschlagen, was den Anteil der "Erneuerbaren" am Strommix betrifft. Die Schweiz und Österreich waren etwa gleichauf, wobei Österreich den Rest mit Kohlekraft deckte, die Schweiz mit Nuklearenergie.

Damals war ich auch noch der Meinung, in Anbetracht des Klimawandels sei Nuklearenergie das kleinere Übel als Kohlekraftwerke.

Inzwischen hat sich vieles geändert! Tatsächlich hat uns Deutschland überflügelt – obschon wir bezüglich Wasserkraft mit unserer geografischen Lage geradezu im Schlaraffenland sitzen. Fukushima hat zudem gezeigt, dass Nuklearenergie nicht Teil einer sinnvollen Lösung sein kann, nicht einmal einer Übergangslösung.

Insofern kann ich Anita Niederhäusern nur beipflichten: Die Schweiz darf nicht auf den Lorbeeren ausruhen, die sie noch vor zwanzig Jahren zu Recht trug, die inzwischen aber ziemlich vertrocknet sind!

Simeon Räber

Guten Tag Frau Niederhäuser
Der Vergleich mit unserem nördlichen Nachbarn hinkt doch sehr - hat Deutschland viel die besseren Standorte für Windkraft und werden da auf riesigen landwirtschaftlichen/freien Flächen Solaranlagen installiert. Dagegen werden in der Schweiz hauptsächlich auf Gebäuden PV-Anlagen gebaut, was mit mehr Aufwand und Kosten verbunden ist, dafür unsere Landschaft schützt. Gemäss Ihren Zahlen liegen wir ja sogar vor Österreich, was der Anteil der Solarenergie (3% vs. 5% in der CH) betrifft! Auch befinden sich etliche Windparks im Bewilligungsverfahren - meist blockiert durch Anwohner, Landschafts- und Naturschützer. Eine breite demokratische Abstützung ist sicher sinnvoll, damit die Energiewende auch weiterhin von der Bevölkerung mitgetragen wird. Auch der Ausbau von Wasserkraft wird meist durch Naturschützer blockiert (siehe Grimsel- und Triftprojekt).
Machen wir uns also nicht schlechter, als wir sind!
Beste Grüsse
Simeon Räber

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