03. Jun 2019

Christoph Ostermann: „Wir sind als erster und einziger Speicherproduzent Deutschlands mit einem landesweiten Netzwerk aus Heimspeichern präqualifiziert, das heisst, wir dürfen als akkreditierter Anbieter am Regelenergiemarkt teilnehmen.“

Christoph Ostermann, CEO von Sonnen: „Es ist kein Kampf zwischen Gut und Böse, sondern einer zwischen Technologien“

(AN) Im Februar kam die Meldung, dass Sonnen von Shell aufgekauft wurde. Der Batterie-Pionier will weltweit wachsen: „Dank dem starken Partner Shell können wir dies schneller und kostengünstiger tun“, erklärte Christoph Ostermann, CEO von Sonnen, anlässlich eines Intersolar-Standgesprächs vom 16. Mai an der The Smarter E in München.


Wir waren ein bisschen erstaunt, als wir Ihre Meldung gelesen haben: „Shell kauft Sonnen“
Shell seht für uns Synonym ist für Gas und Erdöl, selbst wenn wir wissen, dass Shell auch in Erneuerbare investiert. Der Beigeschmack bleibt trotzdem. Denn der Löwenanteil des Geschäfts ist immer noch fossil. Hat Shell ganz einfach am meisten Geld geboten?
Nein, bei der Energiewende geht es darum, aus der alten Energiewelt eine neue zu machen. Wenn wir die alten Spieler der Energiewelt dazu gewinnen können, sich auch zu ändern, dann kommen wir wesentlich weiter, als wenn wir es allein versuchen oder gegen sie ankämpfen. Deswegen sehen wir dieses Thema nicht ideologisch, sondern vielmehr pragmatisch. Wir glauben, dass die Messlatte, nur die ist, ob jemand etwas dazu beitragen kann, die Energiewende weiter voranzutreiben oder nicht. Und wir glauben, dass Shell sehr viel dazu beitragen kann. Unter anderem deswegen, weil Shell mit seiner Sparte New Energies jährlich auch 1-2 Milliarden Dollar in Erneuerbare investiert.

Shell könnte auch mehr tun
Nun, man kann sagen, dass sie mehr machen könnten, aber man kann auch sagen, dass das ganz schön viel ist. Denn Shell gehört ja zu den grössten Cleantech-Investoren der Welt. Und wir von Sonnen finden, dass das ganz schön viel ist. Die Energiewende ist ja nicht etwas, das einfach so passiert. Wir haben ja in Kürze das 20-jährige Jubiläum des EEG in Deutschland. Wir könnten sagen, wir haben ganz schön viel erreicht. Aber wir könnten auch sagen, dass wir nicht so viel erreicht haben, weil unser Stromemix ja immer noch zu gut 60 % fossil und nuklear ist. Was ich damit sagen will: Es ist einfach ein Prozess und dieser Prozess dauert jetzt schon 20 Jahre. Und man muss einem grossen Spieler wie Shell zugestehen, dass er mehr Zeit braucht für die Umstellung als nur eine Nacht, eine Woche, einen Monat oder ein Jahr.

Das heisst, die Bilanz von Shell stimmt Sie positiv?
Ich sehe, dass das, was Shell tut, sehr kraftvoll und beeindruckend ist. Ich bin zutiefst überzeugt, dass da ein Wandel im Gange ist und auch davon, dass wir froh sein können über jeden, der dazu beiträgt. So sehen wir das zumindest. Wir sehen den Wandel nicht so sehr als den Kampf zwischen Gut und Böse, sondern viel mehr als einen Kampf zwischen den verschiedenen Technologien und Geschäftsmodellen. Wir freuen uns über jeden, der unsere Technologie im Speziellen und Cleantech im Allgemeinen annimmt und weiterträgt. Ich glaube, dass es auch hilft, den Prozess zu beschleunigen, und dass es besser ist zusammenzuarbeitene.

Braucht Sonnen auch einen Investor, um weiterwachsen zu können?
Das hat auch eine Rolle gespielt, denn wenn Sie sich hier auf der Messe umschauen, dann sehen Sie zum Beispiel hinter uns BYD, ein Multi-Milliarden-Dollar-Konzern, dann daneben LG, auch ein Multi-Milliarden-Dollar-Konzern. Und unsere Mitbewerber dort drüben gehören unterdessen dem Energieversorger EnBW, wie man gut sehen kann. Wir haben Tesla, die Powerwalls bauen. Und dieser Markt ist ja immer noch ein vergleichsweise kleiner Nischenmarkt. Wenn dieser Markt nun aus der Nische heraustritt und ein Massenmarkt wird, dann muss man schon sehr gut aufgestellt sein, um nicht an Relevanz zu verlieren und möglicherweise vom Markt zu verschwinden. Darum ist es auch gut, einen grossen und starken Partner zu haben, der uns hilft, mit seinen Ressourcen und seiner weltweiten Organisation auch in neue Märkte einzutreten. Unsere Vision war und ist es, saubere und bezahlbare Energie für alle zu liefern.

Je mehr Leute unsere Produkte kaufen, umso schneller gelingt es, uns den Klimazielen von Paris anzunähern. Diese zu erreichen, ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe und wir haben ja eigentlich gar keine Zeit mehr. Ich habe drei Kinder und mein jüngster Sohn ist drei. Er wird später nicht fragen: „Papa, was hattest du für eine Einstellung?“, sondern: „Papa, was hast du getan?“ Es geht bei der Energiewende nicht so sehr um Haltung, Meinungen oder Ideologien, sondern es geht darum, wer was tut und wer nichts tut. Wenn Shell, Energieversorger, Autokonzerne oder wer auch immer was tun, bin ich dafür, Hauptsache, die tun was und das hilft. Wie Erich Kästner gesagt hat: „Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es!“ Das finden wir auch, auch wenn viele denken, dass das vielleicht zu pragmatisch und vereinfachend ist. Für uns ist das aber der einzige Massstab, der messbar und für die Zukunft relevant ist.

Ist Sonnen nun organisatorisch eine Tochtergesellschaft von Shell?
Ja, Shell ist 100%iger Eigentümer von Sonnen. Aber wir sind eine nicht integrierte Company, so dass man bei uns auch keine Logos von Shell sieht, sondern nur unser schönes Sonnen-Logo. Wir behalten unsere Eigenständigkeit . Das betrifft nicht nur unsere Marke, sondern auch unsere Strategie und unser Managementteam. Sonnen bleibt Sonnen, und das war ein Punkt, der uns und auch Shell ganz wichtig war. Der auch dazu geführt hat, dass wir sagten „Shell ist ein guter Partner, die lassen uns unseren Weg weitergehen und helfen uns dabei.“

Als ich vor zwei Jahren ein Interview mit Philipp Schröder von Sonnen geführt habe (siehe ee-news.ch vom 26.6.17 >> ), erwähnte er, dass Sonnen dank seinem virtuellen Kraftwerk einer der grössten Energieversorger Deutschlands werden will. Im Heimspeichermarkt sind Sie ja Marktführer. Sind Sie dem Ziel des grössten deutschen Energieversorgers inzwischen wieder etwas näher gekommen?
Wir sind dem schon ein bisschen näher gekommen. Interessanterweise haben wir das auch mit Shell gemeinsam, denn Shell hat das Ziel – wie in der Presse zu lesen war, der grösste Energieversorger der Welt zu werden. Wir sind in der Tat weitergekommen, weil sich die Anzahl der Speicher erhöht hat. Aber auch weil wir als erster und einziger Speicherproduzent Deutschlands mit einem landesweiten Netzwerk aus Heimspeichern präqualifiziert sind, das heisst, wir dürfen als akkreditierter Anbieter am Regelenergiemarkt teilnehmen. Wir können nicht nur ein Haus energieautark machen, sondern können unsere Produkte auch in einen breiteren Kontext stellen und damit auch helfen, die Netze zu stabilisieren, den weiteren Ausbau von Trassen zu vermeiden und die Volatilität der erneuerbaren Energien zu managen. Die Kunden, die uns erlauben, mit ihren Speichern das Netz zu stabilisieren, versorgen wir mit freien Strommengen grüner Energie. Das ist eine Win-win-Situation.

Wir wollen dieses Angebot noch ausbauen, denn wir sehen uns nicht nur als Hardware-Hersteller, sondern wir sehen uns als Dienstleister für saubere und bezahlbare Energie für alle. Auch wenn diese Services heute erst einen kleinen Teil unseres Umsatzes ausmachen. Aber wir arbeiten uns da langsam hoch, das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Aber der Tag wird kommen, an dem wir plötzlich systemrelevant sind.


So funktioniert das virtuelle Kraftwerk von Sonnen.


Video: Sonnen

Sie sind in Deutschland als Stromanbieter tätig, dann auch in Österreich und Australien. Gibt es weitere Länder?
Natürlich. Sie kommen ja zum Beispiel aus der Schweiz, da haben wir auch Installationspartner...

Mit Ihren Speichern und als Partner von Tiko, aber nicht als Stromanbieter
Ja, das stimmt. Leider ist die regulatorische Situation in jedem Land anders, so dass wir auch nur kurz in Österreich als Dienstleistungsanbieter tätig waren. Wir müssen unser Geschäftsmodell in jedem Land etwas anpassen. Was wir in Deutschland machen, machen wir auch schon in UK und Australien. In den USA ist es sehr, sehr schwierig, aber wir haben dort auch eine Tochtergesellschaft und verkaufen Speicher. Und wir haben dort auch erste Pilotprojekte, bei denen wir als Energiedienstleister auftreten, aber wir haben das noch nicht grossflächig ausgerollt. Auch in Europa möchten wir in anderen Ländern unsere Stromprodukte anbieten. Wir arbeiten daran, dass weitere Länder dazu kommen.

Gibt es noch weitere Märkte, die Sie angehen möchten?
Wir möchten natürlich international weiter wachsen und wir glauben, dass es auch immer mehr Märkte gibt, die sich unserer Technologie öffnen, auch weil sie für den Endkunden wirtschaftlich Sinn machen. Wir schauen uns da gerade asiatische Märkte an wie Japan. Irgendwann wird auch China ein Markt für uns sein. Auch über Indien werden wir nachdenken. Wir schauen uns Lateinamerika an, verschiedene karibische Staaten. Wir sind zum Beispiel in Puerto Rico tätig, das ist ein ganz wichtiger Markt für uns. Wir haben gerade die ersten Anlagen nach Mexiko geliefert. Wir sind daran eine Partnerschaft für Chile, Kolumbien und Peru aufzubauen. Wir wollen sehr gern global weiterwachsen.

Was Sie in dem Tempo ohne einen starken Partner wie Shell nicht machen könnten
Genau, so schnell und effektiv wäre das sonst nicht möglich. Wir sind ja immer noch ein kleines Unternehmen, auch wenn wir deutlich gewachsen sind und jetzt 600 Mitarbeitende beschäftigen. Wenn man dann mit einem grossen Partner zusammenarbeitet, geht es einfach viel schneller und kostengünstiger.


Weitere Interviews, die anlässlich von The Smarter E geführt wurden:



©Text: Anita Niederhäusern, leitende Redaktorin und Herausgeberin ee-news.ch

1 Kommentare
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Max Blatter @ 07. Jun 2019 17:16

Auch bei den Erdölkonzernen weiss man, dass die Tage der fossilen Brenn- und Treibstoffe gezählt sind (auch wenn die leitenden Manager das wohl nicht so klar formulieren würden). Mit Sicherheit stehen aber die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich mit den "Erneuerbaren" befassen, voll und ganz hinter der Sache. Und das sind ja zum Teil auch Kaderleute! Pro memoria: Einer der ersten bedeutenden Hersteller von Fotovoltaik-Panels, ARCO Solar, war Tochter eines US-Ölkonzerns. Oder BP selbst interpretierte sein Namenskürzel (leider nur vorübergehend) als "Beyond Petrol". Geben wir auch den Ölmultis eine "zweite Chance"!

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