09. Aug 2019

4200 Menschen sind bislang in dem neuen Heidelberger Stadtteil eingezogen. 2022 sollen es dann bis zu 6800 sein, die in den 3700 Wohneinheiten ein neues Zuhause finden. Zudem sollen bis zu 6000 Arbeitsplätze in dem Stadtteil entstehen. ©Bild: Venus

Im Juli feierten Bewohner und Gäste das zehnjährige Bestehen des jungen Stadtteils Bahnstadt. Jeder zweite Bewohner der über 4000 Bewohnenden ist jünger als 30 Jahre alt, jeder fünfte Bahnstädter ist ein Kind oder ein Jugendlicher. Bild: Ch. Buck

Als „Stadt der kurzen Wege“ konzipiert, findet man im Viertel alles für den täglichen Bedarf, Jobs sollen zum Beispiel in dem 22 Hektar grossen Bahnstadt-Campus geschaffen werden, dessen Herzstü ck sind die Büro- und Laborgebäude SkyLabs. ©Bild: Buck

Die Promenade der Bahnstadt. ©Bild: Christian Buck

Aktiver Stadtteil in Passiv-Bauweise: In Heidelberg entsteht mit der Bahnstadt die grösste Effizienz-Siedlung der Welt

(©BJ) Der Baumarkt hat die Auflagen geschafft, das Kino mit seinen 15 Sälen ebenso wie die Kindergärten, eine Schule, das Bürgerzentrum, die Feuerwache und ein Wellnesscenter. Allesamt sind die Gebäude des neuen Heidelberger Stadtteils Bahnstadt in Passiv-Bauweise konzipiert. In der Summe ergibt sich daraus die grösste Passivhaus-Siedlung der Welt, wie die nordbadische Universitätsstadt stolz verkündet.


Auf der 116 Hektar grossen Fläche nahe des Hauptbahnhofs ist der Passivhaus-Standard verbindlich vorgeschrieben. Die Baumarkt-Leitung, so erzählt man in der Stadt, habe anfangs geglaubt, die Verwaltung würde für sie doch wohl eine Ausnahme machen. Aber daraus wurde nichts – solche Ausnahmen gab es nicht. Nun steht das Gebäude mit seiner 9800 Quadratmeter grossen Verkaufs- und Lagerhalle am Rande des neuen Stadtteils und hält ebenso selbstverständlich den Effizienzstandard ein, wie alle anderen Objekte. Sogar die vorgeschriebene Dachbegrünung wurde auf dem Gebäude umgesetzt – was die Baumarktkette nun auch an anderen Standorten realisiert hat.

0.13 Tonnen CO2 pro Person und Jahr
„Ein Stadtteil mit internationalem Modellcharakter“ freut man sich im Rathaus, wo man nachgerechnet hat: Die gebäudebezogenen CO2-Emissionen lägen in der Bahnstadt nur noch bei 0.13 Tonnen pro Person und Jahr – eine Einsparung von rund 94 Prozent gegenüber anderen Gebäuden in Heidelberg. Im Schnitt kommt man in der badischen Kommune, in der rund 160‘000 Menschen leben, auf zwei Tonnen pro Person und Jahr.

Ein Sprecher von Bürgermeister Eckart Würzner (parteilos) verweist denn auch auf die lange Historie Heidelbergs als Umweltstadt. Man habe sich schon Anfang der 1990er Jahre den Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben. Bereits 1997 starteten Stadt und Stadtwerke zusammen ein ambitioniertes Förderprogramm für Solarstrom, das eine kostendeckende Vergütung von bis zu 1.58 Mark je Kilowattstunde gewährte. Bald darauf wurde in Heidelberg mit 300 Kilowatt die grösste Gemeinschaftsanlage Deutschlands gebaut. „Stadt der Zukunft“ nannte sich Heidelberg schon damals.

Neue Massstäbe
Heute, wo die Photovoltaik längst etablierte Technik ist, geht es darum, das Bauen neu zu denken. Da das Bahnstadt-Viertel eines der grössten Stadtentwicklungsprojekte in ganz Deutschland ist, hatte man dort die Chance, neue Massstäbe zu setzen. Bis zur Fertigstellung werden rund zwei Milliarden Euro investiert.

Den Passivhaus-Standard verbindlich festzuschreiben, sei formal nicht schwierig gewesen, heisst es seitens der Stadtverwaltung. Die Stadt habe das Areal gekauft, auf dem sich früher der Güter- und Rangierbahnhof befand. Anschliessend verkaufte sie die Grundstücke weiter an die Bauträger und schrieb die entsprechenden baulichen Verpflichtungen in die Kaufverträge hinein.

Für die Nichtwohngebäude musste man die bautechnischen Details allerdings erst noch definieren. Welche energetischen Kennwerte legt man etwa für einen Baumarkt zugrunde? Dass eine Halle, die so hoch ist wie drei gewöhnliche Stockwerke, nicht anhand der sogenannten Energiebezugsfläche bewertet werden kann, versteht sich von selbst. „Das war natürlich Neuland. Oft ging es um Einzelfallentscheidungen“, sagt Robert Persch vom Heidelberger Amt für Umweltschutz. Deshalb sei Pragmatismus beim gesamten Vorgehen unbedingt nötig gewesen.

Grundsatz von max. 15 kWh pro Quadratmeter
Als grundsätzliches Kriterium eines Passivhauses gilt ein Jahresheizwärmebedarf von maximal 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Mit dem Energiebilanzierungs- und Planungstool PHPP (Passivhaus Projektierungs-Paket), das vom Passivhaus Institut in Darmstadt erarbeitet wurde, wird dieser ermittelt.

Der Kennwert gilt auch für Nichtwohngebäude, ebenso wie die Vorgabe zur Luftdichtheit des Gebäudes. Der Luftaustausch pro Stunde durch unkontrollierte Fugen muss beim Test mit einem Unter-/ Überdruck von 50 Pascal kleiner sein als das 0.6-fache des Hausvolumens. Weil die Einhaltung dieses Wertes zwingend mit einem Differenzdruck-Messverfahren (meistens als Blower-Door-Test bezeichnet) nachgewiesen werden muss, hat der Bauherr zugleich die Sicherheit, dass alle am Bau beteiligten Handwerker präzise Arbeit leisten.

Eine Gebäudehülle, die so luftdicht ist, braucht zwingend eine kontrollierte Be- und Entlüftung. Immer wieder kursiert daher das absurde Gerücht, man könne oder dürfe in Passivhäusern die Fenster nicht öffnen. „Natürlich öffnen wir Fenster, wann wir wollen!“ zitiert das Passivhaus Institut einen Bewohner der Bahnstadt. Speziell den zur nächtlichen Abkühlung im Hochsommer nötigen Luftwechsel erreiche man am besten mit geöffneten Fenstern, betont das Institut in seiner Wissensdatenbank.

Gekühlt wird mit Fernwärme
Eine Herausforderung ist im Passivhaus stets der Umgang mit der Klimatisierung, weil auch diese natürlich möglichst energieeffizient erfolgen soll. In einem vernünftig konzipierten Wohnhaus ist eine solche nicht nötig, Verschattungselemente und nächtliche Durchlüftung vermeiden eine zu starke Überhitzung. In gewerblich genutzten Objekten ist das anders. Wo viel Abwärme entsteht, etwa durch den Betrieb von Servern, kommt man um eine Kühlung oft nicht herum. Das gleiche gilt dort, wo viele Menschen die Raumluft erwärmen, im Kino etwa.

Für das Kino in der Heidelberger Bahnstadt haben die Stadt als Baubehörde und die Stadtwerke als Energielieferant zusammen eine effiziente Lösung für die Klimatisierung entwickelt, die dem Passivhaus-Gedanken gerecht wird: Gekühlt wird mit Fernwärme. Die Wärme, die im Sommer mit 85 Grad im Gebäude ankommt, wird mit einer Adsorptionskältemaschine zur Erzeugung von Kälte genutzt. Eine solche sorptionsgestützte Kühlanlage wird nicht mit elektrischer, sondern mit thermischer Energie angetrieben, was deutlich effizienter ist. Eine klassische Kompressionskältemaschine kommt in dem Kino nur noch zur Abdeckung von Spitzenlasten zum Einsatz. „Wir kommen so auf eine Jahresarbeitszahl von sechs“, sagt Persch, der zuständige Mitarbeiter im Umweltamt. Das heisst: Aus einem Anteil Strom werden sechs Anteile Kälte gewonnen.

Die Wärmeversorgung des gesamten Stadtteils erfolgt durch das Holz-Heizkraftwerk im Nachbarstadtteil Pfaffengrund. Das dort verwendete Holz stamme aus der Landschaftspflege in der Region, betont die Stadt. Es werde aus einem Umkreis von 50 Kilometern angeliefert.

Preislich auf Augenhöhe mit Bau auf Basis der Energieeinsparverordnung
Für Wohnungsinteressenten stellt sich bei einem solch ambitionierten Vorhaben natürlich die Frage der Kosten. Die Antwort mag überraschen: Die lägen auf Augenhöhe mit den Kosten eines Baus auf Basis der Energieeinsparverordnung (EnEV), sagt Persch. Wie kann das sein? Der Mitarbeiter des Heidelberger Umweltamtes erklärt das mit der kompakteren Bauart. Weil Passivhäuser es nahelegen, die Gebäudehülle in Relation zur Wohnfläche möglichst knapp zu halten, wird eher mal auf Erker und ähnliche Elemente verzichtet. Trotzdem, sagt Persch, gelinge eine „interessante Architektur“.

Vier bis fünf Stockwerke sind die Häuser hoch, manche auch sechs. Sie werden überwiegend von Bauträgern realisiert. Aber auch einzelne Baugruppen sind auf dem Gelände aktiv, also Bauwillige, die gemeinsam ohne einen Bauträger ein Grundstück kaufen und in Eigenregie bebauen. Am Ende werden rund die Hälfte der Wohnungen Eigentumswohnungen sein, die andere Hälfte Mietwohnungen.

Nachfrage lässt Preise steigen
Dass die Wohnungen in der Bahnstadt heute für stattliche Preise von zumeist 4500 bis 5000 Euro pro Quadratmeter angeboten werden, liegt nicht am Baukonzept, sondern schlicht an der Entwicklung des Immobilienmarktes. Vor sieben Jahren, als die ersten Bewohner einzogen, hätten die Preise noch um 3000 Euro gelegen, heisst es in der Stadtverwaltung – bei seither unverändertem Baukonzept. Heidelberg erlebte eben den gleichen Preisanstieg, den alle beliebten Städte in den vergangenen Jahren verzeichneten, seit Investoren sich angesichts der Niedrigzinsen um alle verfügbaren Objekte balgen.

4200 Menschen sind bislang in dem neuen Heidelberger Stadtteil eingezogen. Im Jahr 2022 sollen es dann insgesamt zwischen 6500 und 6800 Menschen sein, die in den 3700 Wohneinheiten ein neues Zuhause finden. Zudem sollen zwischen 5000 und 6000 Arbeitsplätze in dem Stadtteil entstehen. Damit würde die Bahnstadt sogar einen Überhang an Einpendlern haben – es entsteht offenbar ein aktiver Stadtteil in Passiv-Bauweise.

„Stadt der kurzen Wege“
Unterdessen haben die Stadtplaner auch die Hoffnung, dass möglichst viele Menschen in ihrer direkten Umgebung arbeiten werden. Als „Stadt der kurzen Wege“ konzipiert, wird alles für den täglichen Bedarf im Viertel angeboten, Jobs sollen zum Beispiel in dem 22 Hektar grossen Bahnstadt-Campus geschaffen werden, dessen Herzstück das Büro- und Laborgebäude SkyLabs darstellt. Auch soll es in einem anderen Gebäude mit rund 19‘000 Quadratmetern viel Raum für Forschung und Hightech-Unternehmen geben.

Man greife ein Prinzip auf, das sich in der Heidelberger Altstadt seit Jahrhunderten bewähre, betont die Stadt: die enge Verzahnung von Wissenschaft, Gewerbe, Wohnen und Kultur in einem Quartier. So gehen in der Bahnstadt neue Bautechnik und uralte Erkenntnisse der Stadtplanung eine interessante Symbiose ein.

©Text: Bernward Janzing

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