11. Jan 2018

Wieland Hintz: „Der wichtigste Punkt für mich bei der Direktvermarktung ist, dass der Strom wirklich am Markt ist. Dass Akteure, die anderen Strom vermarkten, auch erneuerbaren Strom vermarkten.“ Foto: Swissolar

Direktvermarktung: Der Kindergarten für die Integration der Erneuerbaren in den Strommarkt

(©AN) Wenn es um Solarenergie geht, ist Wieland Hintz der Fachmann im Bundesamt für Energie (BFE). Ein Gespräch über das neue Energiegesetz und die Direktvermarktung, dem Kindergarten für die Integration der erneuerbaren Energien in den Strommarkt.


Herr Hintz, Sie sind
als Fachspezialist Erneuerbare Energien beim Bundesamt für Energie (BFE) am PV-Update in Olten vom 6. Dezember etwas unter Beschuss geraten. Gibt es Themen, die von der Branche immer wieder falsch verstanden werden?
Wieland Hintz: Ja, zum Beispiel der Wartelistebescheid, den man von der Swissgrid bekommt. Er wird oft als eine Art Vertrag und Zusicherung verstanden. Dies ist aber nicht der Fall, es ist lediglich eine Anmeldebestätigung. Was ebenfalls oft falsch verstanden wird, ist die Energiestrategie und der vermeintliche Geldregen. Viele glauben, dass sich mit der Energiestrategie jetzt auch die finanziellen Schleusen öffnen würden. Das Energiegesetz hat sich aber in den Jahren der Beratung im Parlament von 2013 bis 2016 sehr stark verändert. Es waren sehr komplexe Beratungen, bei denen viel mehr Themen reingespielt haben, als am Anfang erwartet wurde. Was am Ende rausgekommen ist, ist komplexer, als die Allgemeinheit vielleicht wahrnimmt. Im Bereich Photovoltaik hat das erhebliche Auswirkungen, weil letztendlich gar nicht so viel mehr Geld zur Verfügung steht, wie allgemein erwartet wird.

Wo sehen Sie die grössten Stolpersteine in der Umsetzung?
Wir haben immer noch sehr viele Anlagen, die auf der Warteliste stehen, und das ist eine sehr grosse Hypothek. Gerade bei den Anlagen über 100 Kilowatt, von denen nur noch sehr wenige in die KEV kommen – nämlich nur noch die, die sich bis zum 30.6.12 angemeldet haben. Von den Anlagen, die sich ab 100 kW nach diesem Datum angemeldet haben, stehen mit einer Leistung von insgesamt 1.2 Gigawatt auf der Warteliste. Bevor wir neu angemeldete Anlagen mit der grossen Einmalvergütung fördern können, müssen wir diese Warteliste abbauen, das wird nach unseren Berechnungen rund sechs Jahr dauern. Das ist schon eine unbefriedigende Situation, die aber durch die begrenzten Mittel gegeben ist.

Also besteht die Gefahr, dass die Liste so lang bleibt?
Das hängt sehr stark davon ab, wie viele Anlagen für die grosse Einmalvergütung 2018 angemeldet werden. Ich bezweifle, dass es so viele sein werden wie 2012 und 2013, das sind ja die, die wir jetzt abbauen müssen. Bei der kleinen Einmalvergütung ist die Wartefrist nun auch von neun Monaten auf über zweieinhalb Jahre angestiegen. Das liegt daran, dass jetzt alle Anlagen zwischen 30 und 100 Kilowatt, die schon vor langer Zeit gebaut wurden, nun auch in die kleine Einmalvergütung rutschen und praktisch mit demselben Budget bedient werden müssen wie vorher die Anlagen mit einer Leistung bis 30 Kilowatt. Dadurch entsteht die lange Wartezeit. Das Problem hier ist, dass man sich erst anmelden kann, wenn die Anlage schon gebaut ist. Man muss die Anlage bezahlen und dann mindestens zweieinhalb Jahre warten, bis die Einmalvergütung kommt.

Bei der grossen Einmalvergütung ist es ja das Gegenteil, da muss man sich zuerst anmelden, und erst dann darf man bauen
Bei der grossen Einmalvergütung kann man auch vorher bauen, aber wir empfehlen, die Anlagen anzumelden und auf einen positiven Entscheid zu warten.

Was ist für Installateure das Wichtigste ab 2018?
Dass man sich sehr genau mit dem Eigenverbrauch auseinandersetzt, weil die Fördermittel praktisch nur noch auf die Einmalvergütung abstellen, die durchschnittlich 25 Prozent oder maximal 30 Prozent der Investitionskosten abdeckt. Es ist wichtig, dass man für die restliche Investition die Erträge sichert und das macht man am besten durch einen hohen Eigenverbrauch. Hier gibt es sehr viele Möglichkeiten, stark abhängig von der jeweiligen Liegenschaft und davon, ob es sich um ein Einfamilienhaus oder ein Mehrfamilienhaus oder ein KMU handelt. Hier sollten die Installateure ihre Kunden sehr genau beraten und darüber informieren, welche Eigenverbrauchsmöglichkeiten es für den jeweiligen Fall technisch gibt und was das finanziell bedeutet.

Auf was muss ich achten, wenn ich selber eine Anlage bauen möchte? Einen guten Installateur suchen oder soll ich mich auch selber informieren?
Ich würde mich auf jeden Fall selber gut und unabhängig informieren. Da kann zum Beispiel EnergieSchweiz weiterhelfen, aber auch Swissolar. Ich persönlich würde auch mehrere Offerten einholen und den Anbietern auf den Zahn fühlen. Am besten geht dass, wenn man allen dieselben Fragen stellt, so findet man relativ schnell raus, wer das beste Know-how und auch das beste Angebot hat.

Welche Fragen könnten das sein?
Insbesondere Fragen zum Eigenverbrauch, denn diese gehen sehr stark über den Anlageverkauf heraus. Hier muss man verstehen, was wann verbraucht wird, ob man tagsüber zu Hause oder nicht. Bei den Mehrfamilienhäusern gibt es ja die Möglichkeit der Eigenverbrauchsgemeinschaft, auch hier ist es sehr wichtig, dass der Installateur das nötige Know-how hat.

Ich würde gerne noch auf die Direktvermarktung zu sprechen kommen. Wie sinnvoll ist die? Es sind ja wohl kaum fünf Prozent der Stromproduktion, die jetzt in der KEV sind und nun mittels der Direktvermarktung auf Markt getrimmt werden sollen.
Für den Betreiber macht das kein grosser Unterschied. Wir sprechen ja von sehr grossen Anlagen...

Ab 500 Kilowatt Leistung?
Ab 500 Kilowatt für jene, die in der KEV sind und ab 100 Kilowatt für alle Anlagen, die noch in die KEV kommen. Dabei reichen die Investitionen von 100‘000 Franken bis in die Millionen. Meine persönliche Meinung dazu: Wer einen Kaufvertrag und auch einen Wartungsvertrag für eine solche Anlage abschliesst, der schafft es auch, einen Direktvermarktungsvertrag zu machen. Das ist eigentlich keine Hexerei, weil der regulatorische Rahmen relativ fix ist. Der Direktvermarkter reicht das Geld, das er am Markt erzielt, weiter an den Betreiber, und die Lücke zwischen diesen Erlösen und dem Vergütungssatz wird von der Pronovo (ehemals Swissgrid) aus dem KEV-Topf geschlossen. So ändert sich im Schnitt eigentlich nichts. Bei Anlagen, die steuerbar sind, wie zum Beispiel bei Biomasseanlagen, kann es interessant sein, die Produktion so zu steuern, dass höhere Erträge am Markt erzielt werden können.

Der wichtigste Punkt für mich bei der Direktvermarktung ist, dass der Strom wirklich am Markt ist. Dass Akteure, die anderen Strom vermarkten, auch erneuerbaren Strom vermarkten. So kann der Strommarkt an die Einspeisung von erneuerbaren Energien gewöhnt werden und die Entwicklung neuer Produkte wird ermöglicht, so zum Beispiel Speicherwasserkraft in Kombination mit Wind- und Solarkraft. Da sind nun die grossen Stromhändler in der Schweiz gefragt, das zu tun.

Also ist die Direktvermarktung der Kindergarten für die Integration der Erneuerbaren?
Genau, das ist ein guter Vergleich!

Eine Grundsatzfrage: Im Stromnetz müssen die Hoch-, Mittel- und Niederspannungsebenen möglichst gut aufeinander abgestimmt sein, damit das gesamte Netz stabil ist. Ist es aus dieser Perspektive sinnvoll, die Stromproduktion auf Marktreife zu trimmen, da ja physikalische Grenzen gegeben sind?
Ich bin da ein bisschen überfragt, da ich auf diesem Gebiet Laie bin. Aber momentan ist auf den Strommärkten europaweit festzustellen, dass die Produktionsportfolios der grossen Energieversorger sehr schlecht mit der Realität an den Strommärkten zusammenpassen. Insbesondere durch bestehenden die Überkapazitäten und weil die Erneuerbaren nun am Markt sind, sich aber über die Förderung finanzieren.

Für mich sind diese Erneuerbaren die neue Kernenergie: Sie sind günstig und laufen immer und die anderen Produktionstechnologien müssen die Lücke zwischen dieser Produktion und dem Verbrauch decken. Der wichtige Unterschied ist, dass KKW Bandenergie produzieren und die Einspeisung der Erneuerbaren Schwankungen verzeichnet. Und die Kunst ist es nun, ein Marktdesign zu schaffen, das dafür sorgt, dass die konventionellen Kraftwerke diese schwankende Produktion mit dem ebenfalls schwankenden Verbrauch in Übereinstimmung bringt und trotzdem Erträge erwirtschaftet. Es gilt hier, die richtigen Marktanreize zu schaffen, damit Investitionen in diese steuerbaren Technologien getätigt werden. Da befinden wir uns in einer Übergangsphase zwischen den neuen und dem alten System und daran wird sehr intensiv in allen Ländern gearbeitet. Das ist sehr schwierig und führt zu Doppelspurigkeiten und Reibungsverlusten.

Wenn Sie für 2018 drei Wünsche offen hätten für die Solarenergie, was würden Sie sich wünschen?
Sinkende Photovoltaikpreise, eine agile Branche, die die Möglichkeiten ausschöpft, die die neue Verordnung bietet, insbesondere den Eigenverbrauch. Und dass die Photovoltaikbranche Gesamtlösungen verkauft, sprich für die Gebäude die beste Lösung findet. Das heisst auch, dass sie an die Dekarbonisierung im Gebäude denkt, und da spielt auch die Solarthermie eine wichtige Rolle!

©Text: Anita Niederhäusern, Herausgeberin und leitende Redaktorin ee-news.ch

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