06. Mai 2019

Der Netzwärmebedarf für den Winter 2022/2023 beträgt 10‘647 Megawatt. Der deutliche Anstieg geht auf die von der EU geforderte schrittweise Erhöhung der Transportkapazitäten und auf das erhöhte Nord-Süd-Gefälle aufgrund des Atomausstiegs zurück.

Deutsche Bundesnetzagentur: Netzreservebedarf reduziert sich im Winter 2019/2020 um 1474 Megawatt

(ee-news.ch/bnetza) Die deutsche Bundesnetzagentur hat die erforderliche Netzreserve für das kommende Winterhalbjahr 2019/2020 und das Jahr 2022/2023 bestätigt. Die Übertragungsnetzbetreiber hatten der Bundesnetzagentur am 28. Februar 2019 ihre Systemanalyse und den daraus resultierenden Bedarf an Netzreservekraftwerken zur Bestätigung vorgelegt.


Es gebe nach wie vor einen Bedarf an Netzreserve, um das deutsche Stromnetz in kritischen Situationen stabil zu halten. Dies zeige auch die Bedeutung eines zügigen Netzausbaus, erläutert Jochen Homann, Präsident der deutschen Bundesnetzagentur. Für den kommenden Winter bestehe wieder ein Bedarf, der aus inländischen Reservekraftwerken bereits gedeckt werden können. Wie im vergangenen Jahr müsse von den deutschen Übertragungsnetzbetreibern keine Leistung aus ausländischen Kraftwerken beschafft werden, so Homann weiter.

Temporärer Rückgang des Netzreservebedarfs
Der Bedarf an Erzeugungskapazitäten aus Netzreservekraftwerken liegt im Winter 2019/2020 bei 5126 Megawatt. Verglichen mit dem für den vergangenen Winter festgestellten Bedarf in Höhe von 6600 Megawatt reduziert sich der Netzreservebedarf um 1474 Megawatt. Ein wichtiger Grund liegt laut Bundesnetzagentur in Fortschritten bei der effizienteren Ausnutzung des vorhandenen Netzes, vor allem hinsichtlich des witterungsabhängigen Freileitungsmonitorings. Dabei wird die Leitungsauslastung der Aussentemperatur angepasst. Zudem habe die Fertigstellung der Leitungen Hamburg/Nord-Dollern, Elbekreuzung, St. Peter-Norf, Wehrendorf-St. Hülfe sowie Fellerhöfe-St. Tönies wie erwartet dazu beigetragen, den Netzreservebedarf zu senken. Dies unterstreiche die Bedeutung des Netzausbaus nach Ausschöpfung von Effizienzreserven.

Signifikanter Wiederanstieg des Netzreservebedarfs
Zusätzlich wird regelmässig der Bedarf für einen weiter in der Zukunft liegenden Winter ermittelt. Für den diesmal betrachteten Winter 2022/2023 beträgt der Netzreservebedarf 10‘647 Megawatt. Der deutliche Anstieg gegenüber dem Winter 2019/2020 habe folgende Gründe:

1. Schrittweise Erhöhung der Transportkapazitäten: Nach der neuen europäischen Stromhandelsverordnung von 2019 muss der Umfang an Transportkapazitäten, der Stromhändlern für den grenzüberschreitenden Stromhandel zur Verfügung steht, in den nächsten Jahren schrittweise erhöht werden. Um diese zusätzlichen Kapazitäten bereitzustellen, werden die Übertragungsnetzbetreiber regelmässig zusätzliche Redispatch-Massnahmen durchführen müssen. Die erfolgreiche Umsetzung des geplanten Netzausbaus bleibt wesentliche Bedingung dafür, die erwarteten Steigerungen infolge der verpflichtenden Kapazitätssteigerungen an den Grenzen bis zum Jahr 2025 zu dämpfen und langfristig die Netzreserve abzulösen.

2. Erhöhtes Nord-Süd-Gefälle durch Atomausstieg: Ende 2022 gehen die letzten deutschen Atomkraftwerke ausser Betrieb. Hierdurch wird sich das Gefälle der installierten Erzeugungskapazitäten zwischen Nord- und Süddeutschland vergrössern. Die dadurch bedingte Zunahme des Transportaufkommens zwischen dem erzeugungsreichen Norden und dem vergleichsweise erzeugungsarmen Süden Deutschlands erhöht den Redispatchbedarf.

Künftige Bedarfsermittlungen werden die Umsetzung der Empfehlungen der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung und den dann zu erwartenden Kraftwerkspark und Netzausbaustand berücksichtigen. Durch die jährliche Bedarfsanalyse soll sichergestellt werden, dass dies in dem Fall rechtzeitig erfolgt.

Keine Kontrahierung ausländischer Kraftwerke
Der ermittelte Netzreservebedarf im Winter 2022/2023 ist zwar höher ist als die zu diesem Zeitpunkt voraussichtlich verfügbare Leistung der inländischen Netzreservekraftwerke. Von einem Interessenbekundungsverfahren zur Beschaffung von Netzreserveanlagen aus ausländischen Kraftwerken wird derzeit allerdings noch abgesehen. Dafür sprechen u.a. folgende Gründe:

 - Der Bedarf für Winter 2022/23 ist noch mit hohen Unsicherheiten behaftet.

 - Es ist noch offen, in welchem Umfang zur Deckung des Redispatchbedarfs tatsächlich auf vertragliche Netzreservekraftwerke zurückgegriffen werden muss oder ob ein regional koordinierter Redispatch mit den Übertragungsnetzbetreibern der Nachbarländer einfachere und ebenso zuverlässige Lösungen erbringt.


 - Es ist heute noch nicht absehbar, in welchem Umfang im Winter 2022/2023 Leitungen vorübergehend abgeschaltet werden müssen, um den Netzausbau in diesen Trassen zu ermöglichen.


 - Die deutsche Bundesregierung erarbeitet derzeit ein Massnahmenpaket (Aktionsplan Stromnetze), um den Redispatchbedarf weiter zu senken.


Die Bundesnetzagentur hält daher an der Praxis fest, Netzreserve im Ausland erst zu kontrahieren, wenn die Bedarfsanalyse für den unmittelbar folgenden Winter einen entsprechenden Bedarf ergibt.

Erzeugungsleistung für Netzstabilität
Die Vorhaltung der Netzreserve dient dazu, Überlastungen im Übertragungsnetz zu verhindern, die aufgrund des unzureichenden Netzausbaus bestehen. Bei hoher Stromnachfrage und gleichzeitig hoher Erzeugung aus Windenergieanlagen muss das überlastete Netz stabilisiert werden. Dann wird Erzeugungsleistung vor dem Engpass vermindert und gleichzeitig die Erzeugungsleistung hinter dem Engpass erhöht.

Dieser „Redispatch“ genannte Ausgleichsmechanismus wird zunächst mittels am Markt agierender Kraftwerke durchgeführt. In bestimmten Netzsituationen reichen diese Kraftwerke jedoch nicht zur Netzentlastung aus. In diesen Fällen müssen zusätzlich Netzreservekraftwerke eingesetzt werden. Die Netzreserve besteht aus zur Stilllegung angezeigten Kraftwerken, die systemrelevant sind und deshalb nicht stillgelegt werden dürfen. Kraftwerke aus der Netzreserve dürfen nicht mehr am Stromerzeugungsmarkt eingesetzt werden, sondern ausschliesslich auf Anforderung der Netzbetreiber zum Redispatch. Die Netzreservekraftwerke sind daher nur noch in relativ wenigen Stunden eines Jahres in Betrieb.

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Text: ee-news.ch und Deutsche Bundesnetzagentur

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