Die Hintergründe des Netzstresstests in Deutschland werfen beim Bee Fragen auf. So basiert die Simulation auf dem Jahr 2012, was zwar in der Stromerzeugung ausgeglichen werden kann, jedoch Fragen bei der hinterlegten maximalen Stromlast aufwirft.

Stresstest zum deutschen Stromsystem: Habeck hält AKW-Reserve für nötig – Bee hält dagegen und fordert mehr Erneuerbare

(ee-news.ch) Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, Tennet und Transnet BW haben die Ergebnisse des zweiten Netzstresstests (zweite Sonderanalyse Winter 22/23) vorgelegt. Sie hatten im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz von Mitte Juli bis Anfang September 2022 in einer Sonderanalyse die Sicherheit des Stromnetzes für diesen Winter unter verschärften äusseren Bedingungen untersucht. Anlass dafür war, dass aufgrund der Dürre im Sommer, des Niedrigwassers in den Flüssen, des aktuellen Ausfalls rund der Hälfte der französischen Atomkraftwerke und der seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine insgesamt angespannten Lage auf den Energiemärkten eine Reihe von Unsicherheitsfaktoren bestehen, die unter bestimmten Umständen zu einer Kumulation von Risiken führen.


Der zweite Stresstest untersucht daher verschiedene Szenarien und nimmt die Netzsituation in den Blick, insbesondere auch das Zusammenspiel mit den europäischen Nachbarländern, da die Situation Deutschlands durch die geographische Lage und die Verbindungsleitungen zu elf europäischen Ländern besonders von der Entwicklung in Europa abhängt. Der zweite Netzstresstest kommt zu dem Ergebnis, dass stundenweise krisenhafte Situationen im Stromsystem im Winter 22/23 zwar sehr unwahrscheinlich sind, aktuell aber nicht vollständig ausgeschlossen werden können. Daher werden eine Reihe zusätzlicher Massnahmen empfohlen, damit es auch in diesen sehr unwahrscheinlichen Szenarien nicht zu einer kurzzeitigen Lastunterdeckung oder Stromausfällen aufgrund von Netz-Stresssituationen kommt. Die im Stresstest empfohlen Massnahmen sind zum Teil bereits umgesetzt oder in Umsetzung, z.B. die Nutzung von Kraftwerksreserven und die Marktrückkehr von Kohlekraftwerken. Weitere Massnahmen sind in der unmittelbaren Vorbereitung und werden mit einer dritten Novelle des deutschen Energiesicherungsgesetzes (Ensig 3.0) umgesetzt, u. a. die zusätzliche Stromproduktion in Biogasanlagen sowie Massnahmen zur Höherauslastung der Stromnetze/Verbesserung der Transportkapazitäten.

Zeitlich und inhaltlich begrenzte AKW-Reserve
Als neue Massnahme hinzu kommt jetzt die AKW-Reserve. Dazu erklärte der deutsche Wirtschafts- und Klimaschutzminister Habeck: „Die Ergebnisse des Stresstests bedeuten aber auch, dass wir zur Absicherung für den Notfall für den Winter 22/23 eine neue zeitlich und inhaltlich begrenzte AKW-Einsatzreserve aus den beiden südlichen Atomkraftwerken Isar 2 und Neckarwestheim schaffen. Die beiden AKW Isar 2 und Neckarwestheim sollen bis Mitte April 2023 noch zur Verfügung stehen, um falls nötig, über den Winter einen zusätzlichen Beitrag im Stromnetz in Süddeutschland 2022/23 leisten zu können. Das heisst auch: Alle drei derzeit in Deutschland noch am Netz befindlichen Atomkraftwerke werden planmässig Ende 2022 regulär vom Netz gehen. Am Atomausstieg, wie er im Atomgesetz geregelt ist, halten wir fest. Neue Brennelemente werden nicht geladen und Mitte April 2023 ist auch für die Reserve Schluss. Die Atomkraft ist und bleibt eine Hochrisikotechnologie und die hochradioaktiven Abfälle belasten zig nachfolgende Generationen. Mit der Atomkraft ist nicht zu spielen. Eine pauschale Laufzeitverlängerung wäre daher auch im Hinblick auf den Sicherheitszustand der Atomkraftwerke nicht vertretbar.“

Erneuerbare statt atomare Reserve mit fraglichen Prämissen nutzen
Der Bee hat die Eckdaten aus dem Stresstest analysiert. „Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Kernkraftwerke in diesem Winter voraussichtlich nicht erforderlich sind“, sagt Bee-Präsidentin Simone Peter. „Ihre Bedeutung für die Energiesicherheit sinkt noch weiter, wenn die anderen Massnahmen aus dem Stresstest umgesetzt werden. Es gilt sicherzustellen, dass Kraftwerke, die in der Sicherheitsreserve stehen, gar nicht zum Einsatz kommen. Der Vorrang der Erneuerbaren ist vielmehr zu sichern.“

Die Hintergründe des Stresstests werfen beim Bee auch Fragen auf. So basiert die Simulation auf dem Jahr 2012, was zwar in der Stromerzeugung ausgeglichen werden kann, jedoch Fragen bei der hinterlegten maximalen Stromlast aufwirft. Fakt sei, dass sich die Maximalstromlast in den vergangenen Jahren drastisch verringert habe – von ca. 92 Gigawatt (GW) in den Jahren 2012 und 2014 auf im Mittel unter 84 GW in den Jahren 2015 bis 2022. Sofern der Stresstest keine Anpassung der Stromlast und hierbei vor allem der maximalen Stromlast aus dem Jahr 2012 vorgenommen hat, ergibt sich eine Differenz von einer bis zu 8 GW höhere maximale Stromlast, als diese selbst im Extremfall der letzten Jahre zu erwarten wäre. Durch eine solche potenziell hohe Stromnachfrage entsteht dann auch ein hoher Bedarf an Kraftwerken, womit auch die AKW-Reserve begründet wurde.“

Wetterausnahmejahr 2012 zugrunde gelegt
Zudem sei das absolute Wetterausnahmejahr 2012 zugrunde gelegt worden. Das allein schaffe einen deutlichen Spielraum, denn seit Februar 2012 gab es keine vergleichbar kalte Phase mehr, auch nicht tageweise. Selbst die kältesten Tage waren im Bundesdurchschnitt um einige Grad wärmer als der kälteste Tag im Februar 2012. Ein weiterer kräftiger Spielraum sei bei den für den Winter wichtigen Annahmen zur Wärmelast eingebaut worden: „Im Stresstest wurde für die erste Februarwoche eine deutlich höhere Wärmeleistung angenommen, als die Erdgasszenarien der Bundesnetzagentur sie ihn ihren maximalen Werten annimmt. Auch das bedeutet einen erheblichen Spielraum, der über die Notwendigkeit des Einsatzes von Kraftwerken entscheidet“, so Peter.

Effekte des Marktes nicht simuliert
Des Weiteren werde im Rahmen des Stresstests nicht berücksichtigt, dass höhere Strompreise schon heute zu sinkendem Verbrauch durch die Stromkunden führen. Die Effekte eines Marktes werden somit überhaupt nicht simuliert. „Hier versteckt sich ein dritter Spielraum, der in die Grundannahmen der Stresstests eingeflossen ist“, so Peter. „Anstatt weiterhin Aufmerksamkeit auf eine gefährliche, teure Technologie zu lenken, sollten wir uns den echten Potenzialen für diesen und alle kommenden Winter zuwenden. Der Bee hat in seinem Befreiungspaket gezeigt, welche Massnahmen erforderlich sind, um zusätzliche Leistungen der erneuerbaren Energien zu erschliessen. Und zwar kurz- und mittelfristig. Die Kombination aus den erneuerbaren Masseträgern Wind und Solar, zusammen mit flexiblen Optionen wie der Bioenergie, Wasserkraft, KWK-Anlagen, Speichern und der Lastverschiebung in Verbindung mit der lange ersehnten Wärmewende bringen uns sicherer, wärmer und sauberer durch die kalte Jahreszeit als es die Atomkraft jemals konnte.“

Bee: Energieversorgung am Scheideweg: erneuerbares Befreiungspaket statt fossiler Energiekrise >>

Text: ee-news.ch, Quellen: Deutsches Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (Bmwk), Deutscher Bundesverband Erneuerbare Energie e. V. (Bee)

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