Die Strompreisentwicklung im Grosshandel zeigt seit August 2021 einen historisch einmaligen Anstieg. Treiber sind sehr hohe Strompreise in Europa, die hohen Gas-, Kohle- und CO2-Preise sowie die französischen AKW. Bild: Baumberger/Suisse Eole

Elcom: Deutlich höhere Stromtarife und eine unsichere Versorgungssituation für den kommenden Winter - Engpässe nicht ausgeschlossen

(Elcom) Die Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom hat sich an ihrer Jahresmedienkonferenz zur erwarteten Preis- und Tarifentwicklung sowie zur Einschätzung der Versorgungssicherheit im kommenden Winter geäussert. Gemäss einer Umfrage der ElCom unter Energieversorgungsunternehmen werden die Tarife in der Grundversorgung im kommenden Jahr bei vielen Anbietern deutlich angehoben. In Bezug auf die Versorgungssicherheit für den kommenden Winter bleiben laut ElCom Unsicherheiten bestehen. Je nach Entwicklung seien auch Engpässe nicht ausgeschlossen. (Texte en français >>)


Die Strompreisentwicklung im Grosshandel zeigt seit August 2021 einen historisch einmaligen Anstieg. Bedeutender Treiber für die aktuell sehr hohen Strompreise in Europa und damit auch in der Schweiz sind die Gaspreise, die im Zuge des Ukraine-Russland-Kriegs ausserordentlich stark anstiegen. Preistreibend wirkten zuletzt auch die nochmals stark gestiegenen Kohlepreise, die hohen CO2-Preise sowie die unterdurchschnittliche Verfügbarkeit der französischen Kernkraftwerke in den letzten Monaten.

Auswirkungen auf die Tarife
Mit zeitlicher Verzögerung wird der Preisanstieg am Markt 2023 auch die Endkunden in der Grundversorgung erreichen, da viele Verteilnetzbetreiber einen Grossteil ihres Stroms am Markt beschaffen. Die höheren Beschaffungskosten werden sie über höhere Tarife an die Kunden in der Grundversorgung weiterreichen. Das Ausmass der Energietarifsteigerungen bei den Verteilnetzbetreibern für 2023 ist aktuell schwer zu prognostizieren und wird zwischen den verschiedenen Versorgern unterschiedlich ausfallen. Ein allfälliger Tarifanstieg hängt nicht nur von der weiteren Preisentwicklung am Markt ab, sondern auch von der jeweiligen Beschaffungsstrategie sowie dem eigenen Produktionsportfolio eines Energieversorgungsunternehmens. Generell dürfte der Energietarifanstieg geringer ausfallen, je höher der Anteil eigener Energieproduktion eines Energieversorgungsunternehmens ist und je grösser der Anteil längerfristig am Markt beschaffter Energie ist.

Ausserdem ist zu berücksichtigen, dass der Anteil Energie im Stromtarif eines durchschnittlichen Haushalts etwa 38 Prozent ausmacht. Der Stromtarif setzt sich aus dem Preis für die Energie, den Netznutzungsentgelten sowie den kommunalen und kantonalen Abgaben sowie dem eidgenössisch erhobenen Netzzuschlag zusammen. Vom Preisanstieg im Grosshandel ist in erster Linie der Energiepreis betroffen.

Umfrage der ElCom zu erwarteten Energietariferhöhungen
Die ElCom hat zu den erwarteten Tariferhöhungen im Mai 2022 eine Umfrage unter 613 Energieversorgungsunternehmen gemacht (Rücklauf: Antworten von 172 EVU). Demnach wird ein Grossteil der befragten Netzbetreiber für das kommende Tarifjahr je nach Beschaffungsprofil im Durchschnitt rund 47 Prozent (gewichtet) höhere Energietarife verrechnen. Diese belasten Grossverbraucher und Haushalte gleichermassen. Für einen 5-Zimmer-Haushalt mit einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 4500 Kilowattstunden würde das einen Anstieg des Strompreises von rund 21 Rappen pro Kilowattstunde im Jahr 2022 auf knapp 25 Rappen pro Kilowattstunde für 2023 oder eine finanzielle Mehrbelastung von rund 180 Franken pro Jahr bedeuten. Betriebe mit einem Jahresverbrauch von 150‘000 Kilowattstunden müssten mit Mehrkosten von rund 6000 CHF rechnen (Zahlen exkl. Mehrwertsteuer). Die Unterschiede können im Einzelfall jedoch auch höher sein.

Die definitiven Strompreise für die Endkundinnen und Endkunden in der Grundversorgung werden von den Versorgern bis Ende August eingegeben und von der ElCom Anfang September bekannt gegeben.

EVU können freiwillige Massnahmen vorsehen
Die ElCom weist darauf hin, dass die EVU im Rahmen des bestehenden Rechts- und Regulierungsrahmens Möglichkeiten haben, freiwillig Massnahmen vorzusehen, um die Preissteigerungen zu dämpfen. So könnte etwa die inländisch produzierte Energie aus erneuerbaren Energiequellen in der Grundversorgung priorisiert und vollständig in den Gestehungskosten verrechnet werden, der Gewinn könnte kurzfristig reduziert werden und Unterdeckungen aus Vorjahren könnten tarifneutral ausgebucht, statt in die Tarife 2023 eingerechnet werden.

Versorgungssicherheit Winter 2022/2023
Entscheidend für die Versorgungssicherheit im kommenden Winter ist neben der Verfügbarkeit der inländischen Produktion aus Kernkraft vor allem auch die Exportfähigkeit der Nachbarländer. Aufgrund der voraussichtlich geringen Verfügbarkeit der französischen Kernkraftwerke auch im kommenden Winter dürften Importe aus Frankreich in diesen Monaten nur sehr begrenzt möglich sein. Die Preise in Frankreich für den Winter 2022/23 sind denn auch deutlich höher als jene von Deutschland und der Schweiz. Der strukturelle Importbedarf der Schweiz im Umfang von ca. vier Terawattstunden im Winterhalbjahr dürfte deshalb primär durch Importe aus Deutschland, Österreich und Italien gedeckt werden müssen. Die Exportfähigkeit dieser Länder wiederum hängt allerdings stark von der Verfügbarkeit der fossilen Brennstoffe ab.

Strategische Hydroreserve
Entlastende Faktoren sind dagegen die aktuell gute Verfügbarkeit der schweizerischen Kernkraftwerke und ein reduzierter Verbrauch der Industrie bei anhaltend hohen Preisen. Für den kommenden Winter laufen zudem die Vorbereitungsarbeiten, um neben der vorgezogenen Beschaffung von Regelenergie erstmals auch eine strategische Hydroreserve vorzuhalten.

Unsicherheiten bezüglich der Versorgungssituation dürften also bis im kommenden Winter bestehen bleiben.

Text: Eidgenössische Elektrizitätskommission (ElCom)

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1 Kommentare

M. Müller

Wer kümmert sich darum, dass die Bauern im Herbst nicht wieder mit tonnenweise fossiler Energie Gras und Mais trocknen, um damit noch mehr Milchprodukte herzustellen, deren Verkauf wir dann wieder subventionieren müssen?

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