„Ich habe viele spannende Menschen kennengelernt, die sich einen grossen Teil ihres Lebens mit erneuerbaren Energien auseinandergesetzt haben und viele tolle, innovative Projekte. Es ist beeindruckend, was alles läuft!“ ©Bild: L. Pitsch/proimagehub

Das neue ADEV-Kleinwasserkraftwerk Moosbrunnen 3 an der Emme in Gerlafingen ist derzeit im Bau und wird noch diesen Frühling den Betrieb aufnehmen. ©Bild: Lukas Pitsch

Eines der wichtigsten Projekte der ADEV 2021 war der Wärmeverbund Lehenmatt-Birs, ein bikantonales Projekt mit Beteiligung der beiden Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft, an dem die ADEV und die IWB je 50 Prozent halten. ©Bild: IWB

Auf Areal Erlenmatt Ost liefert die ADEV Wärme und Strom und stellt E-Mobilität mit bi-direktionalem Laden zur Verfügung, und das alles mit einem sehr hohen Eigendeckungsgrad. ©Bild: Lukas Pitsch

In der Stadt Laufenburg will die ADEV zwei bestehende Wärmeverbünde zusammenschliessen und weiter ausbauen. Geplant ist, die ganze Altstadt und angrenzende Gebiete zu heizen. ©Bild: Gerry Thönen

Thomas Tribelhorn: «Es macht Spass, Teil der Energiewende zu sein» – Rückblick auf das 1. Jahr bei der ADEV

(AN) Seit einem Jahr leitet Thomas Tribelhorn die ADEV Energiegenossenschaft: „Es läuft enorm viel!“ stellt der Betriebswirtschaftler fest. Nach 16 Jahren in der Geschäftsleitung eines Medizinaltechnik-Unternehmens hat er, ein Nachdiplomstudium in «Renewable Energy Management» in der Tasche, zur ADEV gewechselt. Ein Rückblick auf das erste Jahr. „Um wirklich klimaneutral zu werden, muss die Schweiz noch viel mehr machen!»


Seit dem 18. Januar 2021 sind Sie Vorsitzender der Geschäftsleitung der ADEV Energiegenossenschaft. Wie sieht die Bilanz des ersten Jahres aus?

Sehr gut sieht sie aus. Ich habe viele spannende Menschen kennengelernt, die sich einen grossen Teil ihres Lebens mit erneuerbaren Energien auseinandergesetzt haben. Ich habe ganz viele tolle, innovative Projekte kennengelernt. Es ist beeindrucken, was alles läuft, auch im Kleinen. Zuerst war ich ein bisschen frustriert, dass es in der Schweiz mit den Erneuerbaren und der Energiewende einfach nicht vorwärts geht. Und dann wurde ja im Verlaufe dieses Jahres auch noch das CO2-Gesetz abgelehnt. Doch es laufen so viele kleine und mittelgrosse Projekte, und ich bin zuversichtlich, dass diese den Energiesektor von unten nach oben verändern. Diese Initiativen machen mir Mut, dass es vorwärts geht und wir die Ziele, die wir erreichen müssen, doch noch erreichen werden – auch wenn sie heute noch weit entfernt erscheinen.

Sie kamen ja aus einem Medizinal-Tech-Unternehmen. Und jetzt haben Sie zu einer Energiegenossenschaft gewechselt. Welche Unterschiede stellen Sie fest?
Als ich die Firma verlassen habe, waren wir 620 Mitarbeitende. Bei der ADEV sind wir 17 Festangestellte und rund 28 Teilzeitangestellte, die als Anlagenwarte tätig sind. Als ich bei diesem Medizinal-Tech-Unternehmen angefangen habe, waren wir 45 Mitarbeitende, wir waren also auch ein kleiner Familienbetrieb. Und das ist das, was mir zusagt. Am Ende war die Firma für mich einfach zu gross geworden. In den Konzernstrukturen ging das Persönliche und der direkte Kontakt mit allen verloren. Wir haben dann auch den Schritt an die Börse gemacht, und das war noch einmal eine ganz andere Welt: Man springt nur noch von Quartalszahlen zu Quartalszahlen. Der langfristige Horizont rückt völlig in den Hintergrund. Bei der ADEV gibt es Projekte, die 30 Jahre oder länger dauern. Hier habe ich das gefunden, was ich suchte.

Ist auch die Firmenkultur ähnlich, wie sie zu Beginn in Ihrem früheren Unternehmen war?
Genau, das ist absolut vergleichbar. Das war sehr familiär, wie heute bei der ADEV. Man kann auf jeder Stufe sehr viel bewirken. Alle ziehen am selben Strick für unser gemeinsames Ziel: Die Energiewende. Jede und jeder ist wichtig. Wir sind ein Team mit klaren Aufgaben, aber helfen einander auch. Wenn ein Mitarbeiter ausfällt, hat das Auswirkungen auf alle anderen. Wir hatten im Herbst einen Todesfall im Team. Das hat uns alle sehr mitgenommen.

Welches waren die wichtigsten Projekte 2021?
Eines der wichtigsten war sicher der Wärmeverbund Lehenmatt-Birs, ein bikantonales Projekt mit Beteiligung der beiden Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft, an dem die ADEV und die IWB je 50 Prozent halten. Wir nutzen mittels Wärmepumpen die Abwärme der Abwasserreinigungsanlage Birsfelden, um das Basler Lehenmatt-Quartier und weitere umliegende Wohnquartiere zu beheizen. Mit 10 Megawatt Leistung im Endausbau entsteht hier einer der grössten Nahwärmeverbünde der Schweiz. Anfang Sommer 2021 starteten die Bauarbeiten für dieses Leuchtturmprojekt.

Im Wärmebereich verfolgen wir noch weitere, grössere Projekte: In der Stadt Laufenburg sollen zwei bestehende Wärmeverbünde zusammengeschlossen und weiter ausgebaut werden: Einerseits der Wärmeverbund des Gesundheitszentrums, welcher das Wasser des Rheins und das Grundwasser mittels Wärmepumpe nutzt, und andererseits der bestehende Wärmeverbund der Stadt Laufenburg, der heute mit einer Holzschnitzelfeuerung Teile der Altstadt beheizt. Geplant ist, die ganze Altstadt und angrenzende Gebiete zu heizen.

In Allschwil planen wir zudem ein grösseres Nahwärmenetz, das Wasser von Brunnen, die nicht mehr in Betrieb sind, als Wärmequelle nutzen könnte. Neben den oben erwähnten Projekten erreichen uns immer wieder Anfragen von Gemeinden, die neue Nahwärmeprojekte realisieren oder bestehende an einen externen Partner übergeben möchten. Im Wärmebereich läuft extrem viel, schweizweit.

Gab es auch in den anderen Technologien herausragende Projekte?
Genau: Unser neues Kleinwasserkraftwerk Moosbrunnen 3 an der Emme in Gerlafingen ist derzeit im Bau und wird noch diesen Frühling den Betrieb aufnehmen. Teile der Turbine sind bereits eingesetzt. Das ist umso erfreulicher, da heute kaum mehr neue Kleinwasserkraftwerke gebaut werden. Moosbrunnen 3 wird über eine Leistung von 280 Kilowatt verfügen und jährlich 1.4 Millionen Kilowattstunden Strom produzieren. Am selben Kanal gehören der ADEV noch zwei weitere Wasserkraftwerke. Alle drei zusammen werden jährlich 4.9 Millionen Kilowattstunden Strom liefern.

Und im Solarbereich?
Da wird es zunehmend schwieriger, Projekte umzusetzen. Es ist genügend Geld vorhanden, und Investitionen in Solaranlagen rentieren in der Regel. Das haben auch Investoren, Genossenschaften oder Quartierentwickler gemerkt und bauen die Anlagen lieber gleich selber. Grössere Anlagen müssen erkämpft werden. Trotzdem konnten wir ein spannendes Projekt realisieren: Ein Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) zwischen einem Hallenbad und einer Tennishalle.

Wie sieht es im Bereich Windenergie aus?
Wir bauten diesen Winter die älteste und einst grösste Windenergieanlage der Schweiz zurück, die wir als Energiepioniere 1994 auf dem Grenchenberg errichtet hatten. Leider wurde unser Standort als Kompensationsmassnahme für den neuen Windpark auf dem Grenchenberg gestrichen, so dass wir keine Ersatzanlage planen können.

Ansonsten ist es leider etwas «windstill» im Moment, auch wenn wir bei einigen interessanten Windenergieprojekten mit an Bord sind: Wir sind an diversen Projekten in der Inner- und Ostschweiz dran. Im Kanton Luzern stehen 22 Standorte für den Richtplan zur Diskussion. Wir haben analysiert, wo wir uns beteiligen könnten. Im Dezember trafen wir uns mit einem Projektentwickler im süddeutschen Raum. Wir hoffen, dass wir auch dort wieder Projekte mitentwickeln und realisieren können.

Im deutschen Ettenheim sind Sie noch beteiligt?
Nein, leider nicht mehr. Auch dort wurde letztes Jahr ein Windpark zurückgebaut, bei dem wir eine Anlage finanziert und betrieben hatten. Am neuen Windpark, der dort erstellt wurde, konnten wir uns nicht beteiligen.

Inwieweit kann die ADEV planen, in welchen Bereichen sie investieren wird? Das Beispiel Wärmeverbünde zeigt ja exemplarisch, dass hier insbesondere geänderte politische Rahmenbedingungen dazu geführt haben, dass das Geschäft jetzt boomt.
Natürlich haben wir in unserer Strategie die Ziele für die einzelnen Technologien festgelegt. Aber die Umsetzung hängt – nebst den politischen Rahmenbedingungen – insbesondere auch von den Kontakten ab, die wir nutzen können. Das Ausschreibungsbusiness ist manchmal hart und undurchsichtig. Schon oft investierten wir viel Zeit in eine Offerte, und am Ende ging der Auftrag trotzdem an den «Platzhirsch». Wir landeten mehrmals auf dem 2. Platz, obwohl wir überzeugt waren, dass unser Angebot nicht schlechter war, als das des Erstplatzierten. Aber gegen den regionalen Bekanntheitsgrad anzukommen, ist unglaublich schwer. Im Gegenzug stellen wir aber auch fest, dass es überall dort, wo man die ADEV kennt, relativ gut läuft. So dürfen wir uns voraussichtlich am ersten Ausbauschritt eines sehr grossen und vielversprechenden Projekts in der Westschweiz beteiligen. Es geht um einen kleinen Stadtteil, der gebaut wird.

Und es geht um Wärme?
Das gesamte Paket: Wärme, einen ZEV, E-Mobilität und allenfalls auch Kühlen, also das gesamte Paket!

Inwiefern strahlt das Projekt Erlenmatt Ost aus und wie läuft es dort?
Erlenmatt Ost ist ein sehr gutes Vorzeigebeispiel für eine solche Gesamtlösung. Wir decken in diesem Quartier ja bekanntlich Wärme, Strom und E-Mobilität ab, sogar mit bi-direktionalem Laden – und das alles mit einem sehr hohen Eigendeckungsgrad. Dieses Projekt hilft uns bei anderen Eingaben, oder wenn wir uns irgendwo vorstellen, um unsere Kompetenzen aufzuzeigen.

Die Energieversorgung auf dem Areal läuft bestens. Davon überzeugten wir uns selbst im Rahmen unseres Weihnachtsessens, das wir im alternativen Restaurant Silo genossen – dem letzten Gebäude, auf dem wir Ende 2020 eine Solaranlage installiert haben. In den nächsten zwei bis drei Jahren werden noch drei weitere neue Gebäude in der Erlenmatt Ost gebaut.

Diese drei Gebäude werden dann ins das Quartier-Energiekonzept eingebunden?
Genau, das war von Anfang an so vorgesehen. Heute beliefern wir rund 500 Bewohnerinnen und Bewohner in rund 230 Wohnungen mit 100 Prozent eigener Wärme und rund 70 Prozent eigenem Strom. Im Endausbau werden es rund 300 Wohnungen sein. Und als Neuheit werden wir einen Bogen zu unseren eigenen Wasserkraftwerken Moosbrunnen 1 und 2 spannen, deren Produktion wir bilanztechnisch im 15-Minuten-Takt direkt ins Quartier Erlenmatt Ost liefern können.

Das müssen Sie mir erklären
Wir sind dafür mit dem Stromhändler Fleco Power eine Kooperation eingegangen. Das Unternehmen wird uns den Strom, den wir im Moosbrunnen produzieren, bilanztechnisch im Viertelstundentakt in die Erlenmatt Ost liefern. Im Unterschied zu konventionellen Herkunftsnachweisen ist die neue «Durchleitung» also auch zeitlich gekoppelt. So ist garantiert, dass das Wasserkraftwerk in Echtzeit genau die Menge Strom einspeist, die in der Erlenmatt konsumiert wird. Diese Art von Stromdurchleitung in einen eigenen ZEV wurde bis anhin noch kaum realisiert, wir mussten für die Umsetzung kämpfen.

Weshalb liefert die ADEV den Strom nicht an die örtliche Energieversorgerin?
Früher lieferten wir den Strom der Moosbrunnen-Kraftwerke an die örtliche Tochterfirma einer grossen Schweizer Energieversorgerin. Diese bezahlte uns jedoch nur 2.3 Rappen pro Kilowattstunde – was einem tiefen Marktpreis für konventionell erzeugten Strom entspricht. Realistische Gestehungskosten für Strom aus neuen Kleinwasserkraftwerken liegen hingegen bei 13 bis 15 Rappen pro Kilowattstunde.

Diese Benachteiligung der Betreiber von Kleinwasserkraftwerken hat uns bewogen, uns bei der Eidgenössischen Elektrizitätskommission ElCom für eine korrekte Auslegung des Energiegesetzes und der Energieverordnung einzusetzen. Dank einem wegweisenden erstinstanzlichen Entscheid der ElCom sieht es gut aus, dass Kleinproduzenten wie wir zukünftig einen Preis für unseren Strom erhalten, der dem Gesetz entspricht. Allerdings hat die unterlegene Energieversorgerin das Urteil mittlerweile ans Bundesverwaltungsgericht weitergezogen.

Welches sind Ihre drei wichtigsten Wünsche an die Energiepolitik?
Erstens: Stabile Rahmenbedingungen! Insbesondere wären gleichbleibende, schweizweit einheitliche Rückliefertarife sehr wichtig. Diese sollten eine gewisse Höhe haben und für 20 Jahre gelten, damit bei neuen Projekten Investitionssicherheit besteht. Heute können die Energieversorger die Rückliefertarife jederzeit eigenmächtig anpassen, auch bei bestehenden Projekten. Das erschwert die Planung von Investitionen.

Mein zweiter Wunsch wäre, dass der Photovoltaik-Ausbau massiv vorangetrieben wird, insbesondere auch von Fassadenanlagen für den Winterstrom.

Und der letzte Wunsch ist die massive Beschleunigung des Ausbaus der Windenergie, auch sie ist systemrelevant für die Winterstromversorgung. Denn die Schweiz hat ein grosses Windenergiepotenzial, aber nur rund 40 Windanlagen. Damit hinken wir unserem Nachbarland Österreich extrem hinterher, das mit einem Anteil von 60 Prozent Wasserstrom ähnliche Bedingungen wie wir hat, aber kein Atomkraftwerk betreibt und dafür 1300 Windanlagen hat.

©Text: Anita Niederhäusern, leitende Redaktorin und Herausgeberin ee-news.ch und pelletpreis.ch

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