Rafael Stadelmann: „Doch wir können uns glücklich schätzen: 2020 war für viele Branchen ein sehr schwieriges Jahr, für die Photovoltaikbranche jedoch ein Superjahr!“

Rafael Stadelmann: „Hochschnellende Nachfrage, Covid-19-Pandemie, Lieferengpässe - 2020 waren die Herausforderungen vielfältig! Und immer mehr fehlen auch die Fachkräfte…“

(©AN) Rafael Stadelmann, Geschäftsführer Solarmarkt GmbH: „2020 konnte die Photovoltaikbranche ein Marktwachstum von bis zu 40 % verzeichnen. Und das in einem Jahr mit Lock- und Teillockdowns sowie Lieferengpässen! Auch wenn wir über das Mass viel gearbeitet haben, können wir uns glücklich schätzen, in der heutigen Wirtschaftslage in einem Boom-Markt tätig zu sein und die Energiewende voranzutreiben.“ Ein Gespräch vom 22. Januar über die gemeisterten Herausforderungen 2020 und die neuen 2021. (Interview en français >>)


2020 explodierte der Photovoltaikmarkt in Deutschland. Wie entwickelte sich dieser in der Schweiz?

Bei uns hat der Markt auch enorm zugelegt, wir gehen von einem Zubau von 420 bis 450 Megawatt Leistung aus, die 2020 in der Schweiz ans Netz angeschlossen wurden. Die definitiven Zahlen werden jedoch erste im Juni bekannt gegeben. Zum Vergleich: 2019 wurden insgesamt 336 Megawatt zugebaut. Somit beträgt das Marktwachstum 35 bis 40 %! Als grösster Händler in der Schweiz haben wir davon natürlich auch profitiert.

Was hat das für Solarmarkt bedeutet? Arbeit ohne Ende?
2020 war ein extrem schwieriges Jahr: Einerseits gab es die etwas überraschende, extrem gute Auftragslage zu bewältigen. Wir hatten schon rund 15 % Wachstum antizipiert, aber dann stieg ab Anfang Februar die Nachfrage sehr stark, darunter waren Grossprojekte und vieles mehr. Dieser Anstieg war insbesondere deshalb extrem schwierig zu managen, weil fast gleichzeitig auch die Lieferkette aus China aufgrund der Covid-Pandemie ins Stocken geriet. Und ein Grossteil der Module, die in der Schweiz verbaut werden, sind nach wie vor chinesische Produkte.Dann gab es Lieferengpässe in Italien, von wo wir teilweise unsere Montagesystem beziehen. Das war extrem herausfordernd. Gleichzeitig wussten wir nicht, wie stark die Auswirkungen von Covid auf die Investitionen im Photovoltaikbereich sein würden.

Die unklare Lage durch Covid 19 führte auch dazu, dass wir sehr vorsichtig mit dem Einstellen neuer Mitarbeiter agierten, so dass wir in dieser Phase extrem viele Überstunden gemacht haben. Doch wir sind zum Glück ein Superteam bei Solarmarkt, es gelang uns, die grosse Nachfrage abzuarbeiten. Über Weihnachten haben wir dann eine Woche länger geschlossen, um die Überstunden teilweise wieder abzubauen. Der Einsatz der Mitarbeitenden war gewaltig.


Die Solarmarkt GmbH
Die Solarmarkt GmbH ist der führende Schweizer Grosshändler für Photovoltaikkomponenten und unterstützt Planer und Installateure bei der Auswahl und Auslegung von optimal aufeinander abgestimmten PV-Systemen. Das Leistungsspektrum beinhaltet darüber hinaus die technische Beratung sowie regelmässige Schulungen für Installateure.

Die Solarmarkt GmbH ist eine Tochtergesellschaft der BayWa r.e. renewable energy GmbH, die in den Geschäftsfelder Solar-, Wind- und Bioenergie sowie Geothermie aktiv ist.


Aber Stellen wurden keine geschaffen?
Ende Jahr konnten wir sieben neue Stellen schaffen, um uns etwas Luft zu verschaffen. Doch 2020 waren wir durchs Band gefordert: Zuerst beim hohen Auftragsvolumen, dann bei der Lieferkette, die dieser nicht gerecht werden konnte, und zu guter Letzt hatten wir Mühe mit der Ausliefergeschwindigkeit. Wir hatten zum Beispiel eine Phase, während der wir im Tessin zu wenige Lastwagen hatten, weil wir an einigen Tagen einfach zu viele Anlagen ausliefern mussten.

Und das war also absolut nicht vorhersehbar anfangs Jahr?
Nein, überhaupt nicht. Phasenweise hat es sich dann auch etwas auf die Qualität ausgewirkt: Unsere Responsezeiten wurden länger, die Lieferqualität der Lieferanten wurde schlechter, auch wir hatten eine höhere Fehlerquote bei der Auslieferung, weil schlichtweg zu wenig Personal da war, um so viel Material auszuliefern. Ich denke das lebten viele in unserer Branche sehr ähnlich durch. Doch wir können uns glücklich schätzen! Denn 2020 war für viele Branchen ein sehr schwieriges Jahr, für die Photovoltaikbranche jedoch ein Superjahr!

Welche Segmente haben am meisten zugelegt?
Eigentlich alle. Im Einfamilienhausbereich wurde zum Beispiel sehr viel gebaut. Ich denke auch, weil viele nicht in die Ferien gefahren sind. Wir hatten schönes Wetter und die Besitzerinnen und Besitzer haben auch auf ihre Dächer geschaut und bemerkt, dass da noch Potenzial brachliegt. Auch im industriellen Bereich wurde viel gebaut, weil die Anlagen aufgrund des Preiszerfalls der letzten Jahre einfach nicht mehr so teuer sind. Für Unternehmen, die wirtschaftlich gut dastehen, die zum Beispiel Prozesswärme brauchen, rechnen sich die Anlagen sehr schnell. Auch für alle, die einen gewissen Eigenverbrauch haben, ist Photovoltaik interessant. Daher hat dieser Bereich stark zugelegt.

Und im Endeffekt haben auch Grossinvestoren Anlagen gebaut, dort, wo sie unter guten Bedingungen den Strom verkaufen können oder auch in allen Fällen, wo der Eigenverbrauch in den Gebäuden hoch ist. Im Gebäudebereich wurden wieder wirklich grosse Anlagen im Megawattbereich gebaut. Die konnten wir in den Jahren 2016 bis 2018 überhaupt nicht mehr realisieren. Denn Anlagen über 30 Kilowatt Leistung wurden damals praktisch nicht mehr gebaut.

Und wie sieht es für 2021 aus?
Nun, jetzt bremst uns grad der etwas harte Winter! Und wenn viel Schnee liegt, sind die Menschen immer weniger empfänglich für Solarstrom. Doch es sieht ganz so aus, als könnten wir in diesem Jahr noch einmal mit einem starken Wachstum rechnen, vielleicht nicht mehr ganz so hoch wie im letzten Jahr. Ich gehe stark davon aus, dass wir zu wenige Fachkräfte haben werden. Denn wenn ich mit den Installateuren spreche, dann sind die schon fast ausgebucht. Der Fachkräftemangel ist ein grosses Problem in unserer Branche. Und es braucht Zeit, um neue Fachkräfte auszubilden. Daher wird das Wachstum nicht einfach in diesem Tempo weitergehen, weil wir schlichtweg zu wenig Leute haben, die die Anlagen auf die Dächer bringen. Der Bund ist hier in der Verantwortung Angebote für Umschulungen in die Solarbranche zu schaffen.

Von welchen Fachkräften sprechen wir? Zum Beispiel Elektriker?
Die Elektriker machen einen wesentlichen Teil der Installationen. Die Vorschriften von Elektro Suisse und dem ESTI verlangen, dass gewisse Tätigkeiten von zertifizieren Fachkräften ausgeführt werden und das sind im Endeffekt die Elektriker. Es gibt aber auch gewisse Quereinsteigermöglichkeiten, bei denen die nötigen Zertifikate erworben werden können. Wie zum Beispiel die NIV 14 Ausbildung, bei denen gewisse Handwerker die für die Photovoltaik nötigen Fähigkeiten erlernen können, um die Installationen durchführen zu dürfen. Aber diese Ausbildungen müssen zuerst einmal absolviert werden.

Der Fachkräftemangel bezieht sich jetzt nicht nur rein auf die Installation, sondern auch auf die Planung und die Projektierung der Anlagen. Denn dazu braucht es zum Beispiel Umweltingenieure oder Solarteure, die über eine entsprechende Grundausbildung verfügen. Doch die Menschen sind noch zu wenig sensibilisiert für diese Branche. Die möglichen Anwärter wissen zu wenig über diese Ausbildung und darüber, was diese Fachkräfte alles machen können. Es ist auch zu wenig bekannt, was es inzwischen heisst, eine Photovoltaikanlage zu planen und auf ein Dach zu bauen, die von Haushaltstrom über die Wärme und den Antrieb für Elektroautos alles liefern kann. Das ist sehr spannend! Leider verfügt die Branche noch über zu wenig „Sexappeal“ und ist zu wenig bekannt, um genügend Fachkräfte zu rekrutieren. Die Arbeit ist faszinierend, sehr interessant und sehr zukunftsorientiert. Die Weiterbildung zum Solarteur wird leider zu wenig nachgefragt. Aber sie dauert ca. 1 Jahr und schliesst an eine Berufsausbildung an, daher können wir die Fachkräfte nicht von heute auf morgen aufbauen.

Also sie dauert ca. 1 Jahr und setzt eine Berufsausbildung voraus? Oder kann man sie auch berufsbegleitend machen?
Genau, beides ist möglich. Der grösste Teil derjenigen, die diesen Weg einschlagen, sind heute aber Elektriker, die sich in diese Themen eingelesen haben, und Solarfirmen, die sich über Jahre auf Photovoltaik spezialisiert haben. Was wir seit vergangenem Jahr ganz stark merken, ist, dass ganz viele wieder in diese Branche zurückkehren, weil mehr läuft. Wir haben sehr viele neue Kunden.

Unternehmen, die wieder Photovoltaik machen, oder ganz neue?
Teilweise ja, das sind Unternehmen, die weniger oder gar keine Photovoltaik mehr installiert haben, weil es weniger Arbeit gab. Die sind jetzt wieder zurück in der Branche. Das sind in erster Linie Elektriker, die der Branche den Rücken gekehrt haben, weil der Markt in den letzten Jahren so stark umkämpft war und die sich angesichts der dünnen Margen wieder auf Elektroinstallationen konzentriert haben. Die Solarteure mussten weitermachen, um zu überleben.

Aber nicht nur die Elektriker sind zurück, es gibt auch viele kleine innovative und neue Unternehmen und Startups. Die holen sich jetzt auch die nötigen Zertifikate und arbeiten dafür manchmal auch noch mit anderen Firmen zusammen, mit Elektrikern, die für sie die Abnahmen machen. Das ist sicher positiv.

Also läge noch mehr Wachstum drin, wenn nicht die Fachkräfte fehlen würden?
Genau, dem ist so. Ich denke, dass es noch ein gewisses Wachstum geben wird, aber noch einmal 40 % ist aufgrund des Fachkräftemangels schlichtweg nicht möglich. Das sehe ich bei unseren grössten etablierten Kunden, die sind alle schon ziemlich ausgebucht.

Wie sieht es denn bei den Lieferketten aus? Hat sich die Situation jetzt wieder beruhigt?
Die hat sich vorübergehend im Herbst und Winter wieder beruhigt, das sieht aber jetzt wieder sehr schwierig aus, denn wir in der Schweiz oder auch in Europa sind nicht die einzigen, die Photovoltaik nachfragen. Weltweit findet ein unglaublicher Boom statt. In Asien wird zurzeit extrem viel zugebaut, was dazu geführt hat, dass die Preise angestiegen sind. Dies ist aber nicht nur der Nachfrage, sondern auch den Transportwegen geschuldet. Die Preise für das Verschiffen der Container hat sich verdrei- oder gar vervierfacht, weil es einfach zu wenig Container gibt. Insbesondere auch aufgrund der Schutzkleidungen, die verschifft werden. Da die Photovoltaik-Nachfrage in China und in Asien so hoch ist, wird primär dieser Markt beliefert, was dazu führt, dass für Europa die Preise wieder steigen. Dies wird dazu führen, dass insbesondere die Modulpreise im ersten und zweiten Quartal 2021 wieder nach oben gehen könnten. Wie sich die Lage entwickeln wird, ist ungewiss. Wir erhalten aber noch genügend Ware und unsere Verfügbarkeit ist bis auf Weiteres noch gewährleistet. Wir haben schon Jahre erlebt, da sind die Preise nur so gepurzelt, weil die Ware in den Lagern rumlag, das ist zurzeit definitiv nicht der Fall.

Stecken Sie jetzt so tief im Geschäft, dass sie gar nicht längerfristig planen, sagen wir bis 2025?
Wir planen immer im Zeitraum von drei bis fünf Jahren und erstellen entsprechende Budgets. Angesichts der Ziele der Energiestrategie 2050 haben wir 2020 natürlich einen guten Schritt vorwärts gemacht, aber dieses Tempo müssen wir nun aufrechterhalten, und sogar noch ausbauen. Denn um die Ziele auch zu erreichen, reichen jährlich 400 MW nicht. Das ist für unsere Branche natürlich positiv, weil wir damit rechnen, dass wir in den nächsten 10 Jahren weiterhin Wachstum verzeichnen werden.

Also keine ruhigen Jahre in Sicht!
Nein, definitiv nicht, aber die wollen wir auch nicht!! Wir sind ja als Branche auch keine ruhigen Jahre gewohnt. Die politischen Zeichen mit der Friday-for-Future-Bewegung seit 2019 sind extrem positiv, aber auch die Energiestrategie sowie gewisse Teile der Mustervorschriften der Kantone, der MuKEn, beflügeln den Markt.

Letztere haben einen direkten Einfluss auf Ihr Geschäft?
Genau, natürlich nur in den Kantonen, in denen sie angenommen wurden. Im Aargau sind sie ja leider aufgrund eines Referendums an der Urne knapp gescheitert. Das ist natürlich sehr schade. Wir waren davon ausgegangen, dass das Referendum aufgrund der aktuellen Stimmung in der Gesellschaft nicht scheitern würde. Hier wurde uns schon bewusst, dass die Stimmung auch wieder kippen kann. Wir sind weiterhin von politischen Rahmenbedingungen abhängig. Die nächste entscheidende Hürde ist das Referendum gegen das CO2-Gesetz.

Doch prinzipiell stehen wir gut da, die wichtigen Wegweiser sind gesetzt. Im Energiemix gehört die Photovoltaik-Sparte einfach dazu und mittlerweile ist sie auch sehr gut etabliert, so dass ich davon ausgehe, dass sie sich weiter positiv entwickelt.

Sind die Rahmenbedingungen, die der Bund gesetzt hat, gut für Sie oder möchten Sie mehr?
Ich bin der Meinung, dass die Regelungen in vielen Bereichen sehr gut sind. Ich möchte auch keine „Überförderungen“, auch wenn das einige vielleicht nicht cool finden. Denn unsere Branche wird immer öfter ohne Förderung leben können. Solange aber die verschiedenen Branchen-Lobbys so stark gegen eine Strompreiserhöhung agieren, die kommen muss und kommen wird, braucht es Förderung. Wir sind bei allen Produkten ein Hochpreisland, aber nicht beim Strom. Der kostet bei uns weniger als in unseren Nachbarländern. Solange das so ist, brauchen wir Förderinstrumente. Diese sind im Leistungsbereich bis 30 Kilowatt aktuell gut, hier sind Photovoltaikanlagen in den meisten Fällen wirtschaftlich, so dass sie mittlerweile für fast jedes Haus dazugehören wie eine Heizung.

Für grosse Anlagen und auch für spezielle Standorte brauchen wir aber auch angesichts der Energiestrategie 2050 Rahmenbedingungen, die auch hier einen vernünftigen Business Case erlauben. Das können zum Beispiel Lawinenverbauungen sein, die im Winter extrem gut besonnt sind. Oder Projekte an Staumauern, bei denen im Winter aufgrund der Reflexion des Schnees sehr hohe Solarerträge möglich sind. Da laufen auch bereits verschiedene Projekte. Bei vielen dieser Projekte ist zwar die Realisierung möglich, aber bei denen die Wirtschaftlichkeit nicht gegeben ist, weil die Anlagenanforderungen relativ komplex sind. Aber auch grosse Anlagen mit wenig Eigenverbrauch benötigen Anreize. Denn genau diese Projekte sind für die Energiewende auch sehr wichtig. Hier brauchen wir von der Politik noch zusätzliche Anreize.

Wie sieht es mit den Speichern aus? Gehören die inzwischen auch schon fast zu einer Photovoltaikanlage?
Speicher gehören immer mehr dazu, auch wenn da der tiefe Strompreis ein Hindernis für die Wirtschaftlichkeit ist. So lässt sich der Strom aus dem Speicher nicht immer als wirtschaftlicher Strompreis abbilden, aber es kommt sehr auf die Komplexität der Anlage an. Rechnet man nur den Eigenverbrauch eines Einfamilienhauses, ist die Amortisationszeit relativ hoch. Da aber viele Netzbetreiber den Solarstromüberschuss nur sehr gering entschädigen, bauen doch viele Hausbesitzer eine Batterie ein. Auch wenn die Wirtschaftlichkeit nicht auf jeden Fall gegeben ist, verliert man auf die Laufzeit des Speichers gesehen kein Geld. Aus Autonomie- und Autarkie-Gedanken wird daher immer öfter auch ein Speicher eingebaut.

Wie sieht die Marktentwicklung für Speicher aus?
2018 und 2019 war der Markt relativ stabil, davor wuchs er stetig. 2020 legte der Markt wieder zu. Das liegt auch daran, dass die Speicherpreise relativ stabil sind – im Moment sind es ja insbesondere Lithium-Ionen-Batterien – auch die ganze Elektromobilität will diese Speicher. Andere Technologien werden kommen, aber die sind im Moment noch nicht massentauglich, weil sich die Preise aufgrund der Mengen noch nicht runterskalieren lassen. Aber es gibt sicher noch verschiedene neue Technologien. Aufgrund der hohen Nachfrage aus dem E-Mobilitätsbereich haben die grossen Player wie Huawei, BYD und LG Chem viel investiert und haben bei den Lithium-Ionen-Batterien noch gewisse Skaleneffekte erzielt, was zu sinkenden Preisen geführt hat. Zudem werden die Systeme immer intelligenter und dadurch steigen die Einsatzmöglichkeiten. Daher geht es bei den Speichern wieder bergauf, sogar in der Schweiz. Aber im Vergleich zu Deutschland, wo fast jedes Einfamilienhaus mit einer Photovoltaikanlage auch mit einem Speicher ausgerüstet wird, ist es bei uns vielleicht erst jedes fünfte, sechste.

Und bei den Grossanlagen?
Das ist ein anderes Thema. Hier kommen Speicher inoch selten zum Einsatz. Natürlich gibt es gewisse Business-Cases mit Peak-Shaving, die mit Batterien wirtschaftlich interessant sein können, auch im Bereich von Notstromlösungen. Oder bei Prozessen, die absolut ausfallsicher sein müssen. Wenn verschiedene Elemente wie Eigenverbrauch, Peak-Shaving und USV miteinander kombiniert werden, gibt es dann plötzlich Business-Cases, die interessant sein können.

Was ist USV?
Unterbrechungsfreie Stromversorgung.

Ah!
Bei solchen Fällen lohnt es sich, die einzelnen Lastprofile genauer zu studieren, weil dann Batterien plötzlich sinnvoll sein können. Und in diesen Fällen werden auch Batterien bei Grossanlagen verbaut.

Und die Elektromobilität?
Die ist natürlich extrem wichtig, da gibt es ganz viele neue Geschäftsfelder, die kommen werden. Bei uns sind das primär der Verkauf von Ladesäulen mit der ganzen Steuerung, die es ermöglicht, die Überschüsse in der Autobatterie zu speichern. Ziel wäre hier natürlich das bidirektionale Laden, da gibt es bisher aber nur wenige Automobilhersteller, die darauf schon eigestiegen sind. Das wird sicher in Zukunft noch mehr kommen, aber die Automobilbranche kämpft immer noch mit der Frage der Reichweite und der Garantiedauer. So ein Auto muss ja mindestens 10 Jahre laufen und die Reichweite muss stimmen. Daher wollen die Hersteller im Moment noch nicht unbedingt bidirektional laden, aber das wird kommen, das wird sich in den Köpfen auch noch ändern. Dann werden dann auch bidirektionale Ladesäulen vermehrt nachgefragt werden. Da gibt es aktuell nur sehr wenige Produkte auf dem Markt, die das können und die sind noch sehr hochpreisig. Aber allein für die Steuerung des Überschusses gibt es schon sehr gute Lösungen, die es erlauben, Solarstrom gezielt und intelligent mit verschiedenen Ladeströmen im Elektroauto zu speichern. So dass man am Morgen aufsteht und weiss, dass das Auto vorwiegend mit Solarstrom vollgeladen ist, selbst wenn ein Teil über Nacht geladen wurde.

Das wäre schon cool. Jetzt sind wir auf einmal da, wo wir immer hinwollten!
Ja, das ist total lässig, das habe ich jetzt gerade bei mir zu Hause eingebaut. Wir machen uns übrigens auch gerade Gedanken, unsere Aussendienstflotte mit E-Autos auszustatten. Bei unseren Schwestergesellschaften In Deutschland ist das schon Schnee von gestern. Die Abrechnung ist auch klar, weil in Deutschland der Strommarkt liberalisiert ist. Egal wo Fahrer von E-Autos zahlen, tun sie dies mit ihren SIM-Karten und egal wo sie tanken, werden die Beträge zusammengezogen und sie können den Preis von ihren Leasinggesellschaften wählen. Was das Stromtanken angeht, ist uns Deutschland gefühlte 10 Jahre voraus! Bei uns ist das für ein Unternehmen noch hochkomplex, denn wer zahlt wo welche Stromkosten und wo wird fakturiert, das ist noch nicht geregelt.

Gibt es bei Solarmarkt neue Produkte?
Aufgrund der neuen MuKEn steigt die Nachfrage nach Produkten für die Gebäudeintegration. Denn nun müssen sich die Architekten mit dem Thema auseinandersetzten. Das spüren wir jetzt sehr gut. Einerseits bei unserem eigenen Indachsystem Arres. Andererseits gehen wir auch immer mehr in die Fassade rein, mit verschiedenen Glaselementen und Farben. Farblich und von der Struktur her ist heute alles möglich, das geht bis zum Mickymaus-Symbol, und auch ohne dass die Zellen sichtbar sind. Die Anlagen kommen wie eine Glasfassade daher. Es gibt verschiedenste Glastypen, die hier angewendet werden können. Das gefällt natürlich auch den Architekten und wird immer mehr nachgefragt. Zudem haben wir dieses Jahr das erste Produkt aufgenommen für Gehwegplatten, die im Garten eingesetzt werden können.

Noch kein Produkt für uns, aber in der Forschung werden bereits Lackierungen entwickelt für die Automobilindustrie, die bei E-Autos eine gewisse Grundladung ermöglichen. Was für uns auch sehr spannend ist, sind die aufstrebenden Power-to-Gas-Technologien wie zum Beispiel Wasserstoff. In diesen Bereichen ist die Schweiz ganz gut unterwegs, weil ja gerade die Hauptverkehrsachsen mit Wasserstofftankstellen ausgebaut werden. In einer ersten Phase primär für Lastwagen und später denke ich auch für Kleinverbraucher interessant.

War 2020 auch sonst ein besonderes Jahr?
Genau, wir hatten unser 30-Jahr-Jubiläum. Unsere Veranstaltungen zu diesem Anlass kamen natürlich zu kurz! Trotzdem war das für unsere Firma ein grosses Ereignis. Wir konnten uns den Spirit aus den ersten Jahren bis heute bewahren. Ich bin wirklich gerne Geschäftsführer von Solarmarkt, weil ich mit Menschen zusammenarbeiten darf, die Photovoltaik total cool finden. Wir machen das wirklich gerne und wir sind dadurch auch teilweise sehr leidensfähig (lacht). Der Spirit ist wirklich sensationell und dass wir den in diesen 30 Jahren so aufrechterhalten konnten, das ist wirklich genial!

Anmerkung der Redaktion: Solarmarkt gehört zur deutschen BayWa r.e.-Gruppe. Ende 2020 gab diese bekannt, dass sich der schweizerische Infrastruktur-Investor Energy Infrastructure Partners zu 49 % am Unternehmen beteiligt. Siehe ee-news.ch vom 21.12.20 >>

©Interview: Anita Niederhäusern, leitende Redaktorin ee-news.ch

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1 Kommentare

Max Blatter

Ich sag's ja immer: "Corona" hat auch eine sympathische Seite! Dafür, dass die Entwicklung, Zulassung, Verteilung und Applikation der Impfstoffe so harzig lief und läuft, kann "sie" ja nichts ...

Wie wir das Beste daraus machen, hat (unter anderem) die Solarbranche gezeigt ... danke!

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