Die Studie schätzt den möglichen Ausbau der Speicherkapazität im Wallis auf 655 Millionen m3. Dazu müssten neue Speicheranlagen gebaut, bestehende ausgebaut und neue natürliche Seen genutzt werden. ©Bild: Etat du Valais / François Perraudin

Potenzial der Wasserkraft im Wallis: Grundlagenstudie schätzt Winterpotenzial aus der Wasserkraft auf über 2200 GWh

(PM) Eine Grundlagenstudie zum Potenzial der Wasserkraft im Wallis, welche von den Forces Motrices Valaisannes (FMV) im Auftrag des Departements für Finanzen und Energie erarbeitet wurde, listet die Wasserkraftwerke und mögliche Ausbaupotenziale auf Walliser Boden auf. Die Studie stellt erstmals den Grundsatz der «multifunktionalen Nutzung des Wassers in Einzugsgebieten» in einem überregionalen Kontext in den Vordergrund. Reprise vom 23.11.20  (Article en français >>)


Um die Herausforderungen eines Ausbaus der Wasserkraft zu bewältigen, die sich aus der Energiestrategie 2050 des Bundes und der Vision 2060 des Kantons ergeben, muss die Wasserkraft im Wallis den wachsenden Winterbedarf decken, den Zeitplan der Heimfälle berücksichtigen und ein nachhaltiges Gleichgewicht in Bezug auf die Umwelt herstellen. Der Absicht des Kantons folgend, eine aktive Rolle für die Versorgungssicherheit des Landes zu übernehmen, liefert die Studie ein vollständiges Bild des zusätzlichen Winterpotenzials aus der Wasserkraft, das im Wallis auf über 2200 GWh geschätzt wird. Dies erfordert einen Ausbau der Speicherkapazität um 655 Millionen m3. Die Studie präsentiert auch die weiteren Schritte, welche mit den verschiedenen beteiligten Akteuren eingeleitet werden sollen.

Die Herausforderungen der Schweizer und Walliser Energiepolitik
Die Energiestrategie 2050 des Bundes zielt darauf ab, den Energieverbrauch zu senken, die Energieeffizienz zu verbessern, erneuerbare Energien zu fördern und schrittweise aus der Kernenergie auszusteigen. Die kantonale Vision 2060, ‚Energieland Wallis‘, bereitet eine langfristige Versorgung mit 100 % erneuerbarer und einheimischer Energie vor. Diese ehrgeizige Politik bringt eine Reihe von Herausforderungen mit sich. Heute machen die Atomkraftwerke 35 % der Schweizer Produktion aus. Der Ausstieg aus der Atomenergie und der gleichzeitige Verzicht auf fossile Energieträger zur Erreichung der Klimaneutralität bedeutet weniger planbare Elektrizität im Winter, wenn der Verbrauch höher ist als im Sommer. Um dieses erhebliche Winterdefizit auszugleichen, die Importe auf ein Minimum zu reduzieren und zu den strategischen Zielen beizutragen, will der Kanton den Anteil der Wasserkraft, die das Rückgrat der Schweizer Versorgung bildet, erhöhen.

Die Studie der FMV als erster Meilenstein in den Diskussionen
In diesem Zusammenhang hat der Bund die Kantone kürzlich aufgefordert, das Potenzial der Wasserkraft auf ihrem Gebiet zu untersuchen. Das Departement für Finanzen und Energie (DFE) hatte dies bereits vor einem Jahr antizipiert, indem es die Forces Motrices Valaisannes (FMV) mit der Durchführung einer solchen Analyse beauftragte. Das jetzt fertiggestellte Dokument mit dem Titel ‚Grundlagenstudie zum Potenzial der Wasserkraft im Wallis‘ bietet einen Überblick über die Wasserkraft. Diese gross angelegte Studie listet die im Wallis gelegenen grossen Wasserkraftwerke, ihre spezifischen Merkmale und die möglichen Entwicklungen an mehreren Standorten auf. Sie integriert auch Kriterien des Umweltschutzes und die Heimfall-Agenda mit Blick auf die Multifunktionalität der Ressource Wasser. Diese Analyse ist der erste Schritt für die anstehenden Diskussionen über die Schutz-und Nutzungsplanungen innerhalb der verschiedenen Einzugsgebiete im Wallis zusammen mit den beteiligten Akteuren in den Bereichen Politik, Energie und Umwelt.

Ein richtungsweisendes Vorgehen in überregionalen Einzugsgebieten
Die Grundlagenstudie hebt das Prinzip des integralen Wassermanagements in einer überregionalen Vision hervor. Die hundertjährige Geschichte der Wasserkraft in den Alpen war bisher vor allem durch eine Entwicklung gekennzeichnet, die den lokalen Bedürfnissen von Wirtschaft und Bevölkerung entspricht. Jedes bestehende Wasserkraftwerk wurde auf der Grundlage eines spezifischen technischen Konzepts gebaut.

Für eine rationelle Nutzung und nachhaltige Bewirtschaftung des Wassers ist heute ein Überblick über alle in die Rhone fliessenden Nebenflüsse erforderlich. Dies gilt sowohl für die Wasserkraftproduktion und -verwertung als auch für die Nutzung des Wassers für den Trinkwasserverbrauch, die Bewässerung und die Industrie (bspw. durch die Nutzung bestehender Stauseen als Mehrzweckspeicher), sowie dessen Schutz im Rahmen der Erhaltung der Biodiversität oder des Managements der Naturgefahren.

Identifizierung eines Winterpotenzials von 2’200 GWh
Aus Sicht der Produktion zeigt die Bestandsaufnahme, dass bestimmte Einzugsgebiete aufgrund ihrer Topographie und Hydrologie das Potenzial haben, die Winterproduktion zu erhöhen. Die FMV hat identifiziert, wo und wie dies gemacht werden kann. Mit diesem Ansatz haben Spezialisten ein Winterpotenzial von rund 2’200 GWh im Wallis ermittelt. Dies entspricht in etwa dem vom Bund angestrebten Ausbau der Speicherproduktion für den Winterstrom. Dieses Potenzial kann weitgehend durch die Verlagerung der Energie vom Sommer in den Winter und durch die Erhöhung der Speicherkapazität realisiert werden. Die Idee besteht darin, überschüssige Solarenergie im Sommer zu nutzen, um Wasser in die Stauanlagen zu pumpen und dort zu speichern. Somit wird eine gewinnbringende Komplementarität von Sonne und Wasser geschaffen. Die Speicher funktionieren dabei wie alpine Batterien, so kann prioritär das Wasser im Winter turbiniert werden, wenn der Energiebedarf hoch ist. Dabei handelt es sich um die Vision einer saisonalen Verschiebung der Energie vom Sommer in den Winter. Dies unterscheidet sich von den Pumpspeicherwerken, die für den kurzfristigen Einsatz verwendet werden.

Der Ausbau der Speicherkapazität wird auf 655 Millionen m3 geschätzt und ergibt sich aus dem Bau von neuen Speicheranlagen, durch den Ausbau von bestehenden Speicheranlagen (Staumauererhöhung) oder die Nutzung von neuen natürlichen Seen als Folge des Gletscherrückzugs. Mit seiner heutigen Produktion von rund 10'000 GWh verfügt das ‚Wasserkraftwerk Wallis‘ nach wie vor über eines der grössten erneuerbaren Energiepotenziale des Landes, um eine sichere und nachhaltige Energieversorgung in der Schweiz und im Wallis zu gewährleisten.

Ein Instrument zur Interessenabwägung zwischen Ökologie und Energie
Dieses Winterpotenzial konzentriert sich auf einige wenige Alpenregionen. Die Studie der FMV zeigt, dass 80 % dieses Potenzials in Schutzgebieten liegt. Aus diesem Grund dient die Studie als ein erster Schritt auf der Suche nach Synergien zwischen der Produktion erneuerbarer Energien und dem Umweltschutz. Ökologische Aspekte (Schutzgebiete, Biotop-und Auenschutz, Fischwanderung, Schwall und Sunk, Geschiebehaushalt usw.) sind Herausforderungen, die in alle zukünftigen Projekte integriert werden müssen. In diesem Sinne will die Studie Diskussionen für eine Interessenabwägung anregen und anstossen. Insofern ist diese Grundlagenstudie ein erster Schritt zu den von der Bundesgesetzgebung geforderten Schutz-und Nutzungsplanungen. In allen Fällen müssen die Rahmenbedingungen festgelegt werden, damit die Wasserkraft ihre Rolle als Pfeiler der Energiestrategie 2050 spielen kann.

Ein Werkzeug, um 60 % der Produktion in Walliser Hände zu bekommen
Die Studie berücksichtigt ebenso die Heimfall-Agenda. Die Konzessionsgemeinden als Eigentümer der Wasserrechte sind wichtige Akteure, um das Ziel von 60 % der Wasserkraftproduktion in Walliser Händen zu erreichen und die Wertschöpfungskette im Wallis aufrechtzuerhalten. Als echtes strategisches Instrument hebt die Studie die bestehenden Wasserrechtskonzessionen und deren Ende auf überregionaler Ebene hervor.

So sollen Diskussionen über deren Optimierung und/oder Harmonisierung angeregt werden. Ebenso dient die Studie den Konzessionsgemeinden und dem Kanton als Grundlage, um in Partnerschaft mit der FMV, den regionalen Energieversorgungsunternehmen und den historischen Betreibern eine Strategie für die anstehenden Heimfälle der Wasserkraftwerke zu entwickeln. Mit diesem Ziel, nach Abschluss sämtlicher Heimfälle 60 % der Produktion in Walliser Hand zu halten, können die Partner somit die Gesamtheit des ‚Wasserkraftwerks Wallis‘ und dessen Optimierung unter Einbezug einer Analyse der Einzugsgebiete und Berücksichtigung der Multifunktionalität des Wassers betrachten.

Multifunktionalität des Wassers als übergeordnetes Ziel
Der Kanton ist sich des klimatischen, demografischen und wirtschaftlichen Wandels bewusst und strebt eine multifunktionale Bewirtschaftung des Wassers an. In diesem Zusammenhang spielen Wasserspeicher eine wichtige Rolle und sollten für unterschiedliche Zwecke eingesetzt werden können, wie beispielsweise für die Verwendung von Wasser als Trinkwasser, zur Bewässerung, für die künstliche Beschneiung und die Industrie, aber auch für den Schutz vor Hochwasser, die Minderung der Auswirkungen von Trockenperioden und schliesslich den Schutz der Gewässer und Förderung der Biodiversität. Dieses Prinzip der multifunktionalen Nutzung des Wassers muss an die zukünftigen Herausforderungen angepasst werden und künftig Bestandteil aller neuen Konzessionen sein.

Bericht Grundlagenstudie zum Potenzial der Wasserkraft im Wallis >>

Text: Kanton Wallis, Präsidium des Staatsrats, Kanzlei IVS

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