EDF hätte dafür bis 2025 vierzehn der 56 Reaktoren schliessen müssen. Unter Präsident Emmanuel Macron wurden diese Pläne um eine Dekade auf 2035 aufgeschoben. Bild: SES

SES: La grande nation nucleaire – Frankreich hält an der Atomkraft fest

(SES) Der Atomausstieg beginnt. In der Schweiz hat die BKW das Atomkraftwerk Mühleberg vom Netz genommen und baut es in den nächsten 15 Jahren zurück. Auch in Frankreich hat EDF mit dem AKW Fessenheim zwei Reaktoren ausser Betrieb genommen. Doch anders als die Schweiz hat Frankreich weder ein AKW-Neubauverbot noch sonstige Atomausstiegspläne beschlossen. Vielmehr hält Frankreich an der Atomtechnologie fest, sowohl im Zivilen als auch Militärischen. Die 56 Reaktoren in frankreichweit 18 Zentralen haben ein Durchschnittsalter von 35.1 Jahren.


Auch in der Schweiz zeichnet sich nicht ab, dass der Atomausstieg im nächsten Jahrzehnt vollzogen wird. Während die Betreiberinnen mit immer weitergehenden Laufzeitverlängerungen liebäugeln, steckt die Schweiz nach wie vor Geld in die (Euratom-)Forschung und investiert in die Entwicklung neuer Reaktorsysteme. Wie sich die Zukunft der Schweizerischen Atombranche entwickelt, hängt nicht zuletzt von Westeuropa ab und insbesondere von Atommächten wie Frankreich und Grossbritannien. Sie geben den Takt vor bei der Weiterentwicklung neuer Reaktoren und der Laufzeitverlängerung bestehender AKW.

Blick gen Westen
Mit der Artikelserie «Fokus Frankreich: La Nation Nucléaire» wirft die Schweizerische Energie-Stiftung SES einen Blick über die Grenze auf unseren westlichen Nachbarn Frankreich, die Atomnation par excellence. In einer losen Serie publiziert die SES Fachartikel und Einschätzungen von diversen Schweizer und französischen Experten zur Lage der französischen Atomnation. Dabei geht es nicht ausschliesslich um die Zukunft des (ehemals) deutsch-französischen Prestigeprojekts «Evolutionary Power Reactor» (EPR), ein Druckwasserreaktor der Generation III+. Wir untersuchen, analysieren und vergleichen ebenso das Thema Stilllegung, die Diskussion um die Laufzeitverlängerung, der Umgang mit dem Atommüll und die Planung der Tiefenlager sowie die Überschneidungen der militärischen und zivilen Atomindustrie.

Der französische AKW-Park
2018 deckte der französische AKW-Park 78 Prozent des französischen Strombedarfs. Frankreich hat somit den höchsten Anteil nuklear erzeugten Stroms weltweit. Zum Vergleich: In der Schweiz liefern die fünf AKW rund 35 Prozent der Elektrizität (Stand 2019), der Strommix wird von der Wasserkraft dominiert. 56 Reaktoren in frankreichweit 18 Zentralen mit einem Durchschnittsalter von 35.1 Jahren (Stand Juli 2020) tragen zu diesem Rekord bei. Betreiberin ist die quasi-staatliche Électricité de France (EDF). Mit 82.5 Prozent ist der französische Staat Mehrheitsaktionär des Stromriesen. Die erneuerbaren Energien fristen im Vergleich ein Schattendasein: 10 Prozent entfallen auf Wasserkraft, 4 Prozent auf Wind, 2 Prozent auf Photovoltaik. Die fossilen Energieträger Kohle und Gas tragen mit 3 respektive 7 Prozent bei.

Energiewende à la française
Die französische Energiewende sieht von Grund auf anders aus als jene der Schweiz. Unter Präsident François Hollande legte die Regierung im Jahr 2015 mit dem «Gesetz zur Energiewende für grünes Wachstum» den Grundstein für eine nachhaltige Energiepolitik. Dieses sah nicht nur eine Reduktion des Energiekonsums um 50 Prozent gegenüber 2012 und der Treibhausgasemissionen um 75 Prozent gegenüber 1990 bis 2050 vor, sondern ebenso einen Abbau des Atomanteils an der französischen Stromproduktion auf 50 Prozent binnen zehn Jahren. EDF hätte dafür bis 2025 vierzehn Reaktoren schliessen müssen. Unter Präsident Emmanuel Macron wurden diese Pläne um eine Dekade auf 2035 aufgeschoben. Im aktuellen mehrjährigen Energieplan (Programmation Plurianielle de l’Énergie PPE) hält Macron an diesen Zielen fest.

Französische Atompolitik vor grossen Herausforderungen
In den letzten 20 Jahren wurde praktisch die gesamte Atomindustrie aus unterschiedlichen Gründen verstaatlicht. Einerseits weil der Bau der EPR-Reaktoren in einem finanziellen Desaster mündete und andererseits, weil mit Atomstrom kaum Gewinn erwirtschaftet wird. Verschiedene Restrukturierungen und Fusionen der Atomindustrie endeten darin, dass der Staat Mehrheitsaktionär wurde und mit Staatsmitteln Hilfe leisten musste (z.B. Areva, Framatome oder EDF). Unter anderem wird dies damit gerechtfertigt, dass insgesamt 220'000 Arbeitsplätze von der Atomindustrie abhängen. Das Verhältnis des französischen Staates zur Atomindustrie ist daher zwiegespalten. Die Stromversorgung und viele Arbeitsstellen sind vom Weiterbetrieb der AKW abhängig. Gleichzeitig macht die Atomindustrie negative Schlagzeilen mit Sicherheitsproblemen, kaum zu deckenden Kosten und Konstruktionsfehlern. So schafft es Macron immer wieder, die Benefits der Atomenergie zu erwähnen und gleichzeitig verneint die Regierung, eine im Herbst 2019 in Auftrag gegebene Studie zur Realisierung sechs weiterer EPR sei als Neubauplan zu verstehen. Den Entscheid zum Bau neuere EPR in Frankreich vertagte Marcron auf die Zeit nach seiner möglichen Wiederwahl im Jahr 2021. Wenn Deutschland 2022 den Atomausstieg vollzogen hat, dann wird das nukleare Knowhow in Europa noch stärker von Frankreich und dessen Atomindustrie abhängen.

Text: Schweizerische Energie-Stiftung

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