Ein grosses Hindernis für den schnelleren Ausbau des Frackings war oft der ungenügende Ausbau des Pipeline-Systems. Bild: jwigley auf Pixabay

In ihrem 2018 erschienenen Buch „Saudi America: The Truth About Fracking and How It’s Changing the World” bezweifelt Bethany McLean, dass das Fracking-Geschäftsmodell auf lange Sicht überlebensfähig ist.

Erdöl und Erdgas: Läutet die Coronakrise das Ende des Frackings in den USA ein?

(WS) Die Schieferölrevolution in den USA begann um das Jahr 2008, als der Erdölpreis auf dem Weltmarkt bis gegen 150 US$ pro Fass anstieg. Angesichts von Preisen um 40 US$ pro Fass strauchelt nun die Branche, die verseuchte Böden und Grundwasser zurücklässt. Im Juni meldete die Firma Chesapeake Energy, Pionierin der Schiefergasförderung, Konkurs an.


Bei Fracking wird Wasser in den Boden gepumpt, das über 1000 toxische, biozide oder anderwärtige gesundheitsgefährdende Substanzen beinhaltet. Auch das zurückfliessende Wasser ist ein Problem. Denn dieses ist zusätzlich mit Stoffen angereichert, die im Untergrund vorkommen: Schwermetalle, Salze, radioaktive Stoffe. Auch grosse Mengen an Sand kommen zum Einsatz. Doch die tiefen Erdölpreise zwingen die Branche nun in die Knie. Sie hinterlässt in den USA, dem einzigen Land, wo Fracking überhaupt im grossen Stil angewendet wird, desaströse Umweltschäden.

Immer wieder werden die technischen Innovationen bei der Förderung durch Fracking als Hauptgründe für dieses Verfahren angegeben. Dabei sind es hauptsächlich die drei folgenden Gegebenheiten, die es den USA erlaubten, unabhängiger vom saudischen Erdöl und den politisch unzuverlässigen Förderländern wie Venezuela und Nigeria zu werden:

  • Juli 2005: Unter Druck durch Vize-Präsident Dick Cheney (der Wurzeln in der Erdölindustrie hat) verabschiedet der US Kongress den „Clean Energy Act“, der Erdöl- und Erdgasbohrungen in grossen Tiefen von den Auflagen des Grundwasserschutzes ausnimmt. Dies erlaubt das Einpressen von grossen Mengen Chemikalien bei der Anwendung der Fracking-Technologie.

  • Ab 2006: Die Erdölpreise steigen stark an, nachdem das globale Fördermaximum bei den (günstigen) konventionellen Erdölvorkommen erreicht wurde. Diese höheren Preise ermöglichen den Konzernen die Beschaffung der Finanzmittel, um die teure Förderung mittels Fracking zu finanzieren.

  • 2010: Die US-Börsenaufsicht ändert die Regeln zur Bewertung der Öl- und Gaskonzerne. Von nun an dürfen unkonventionelle Lagerstätten (tight oil, das mittels Fracking gefördert wird) in den Bilanzen als Reserven angerechnet werden, auch wenn eine wirtschaftliche Förderung noch nicht nachgewiesen ist. Dies erlaubte Zugang zu neuem Geld auf den Finanzmärkten.

Wohl konnten die USA in den letzten Jahren die tägliche Fördermenge an Rohöl markant erhöhen und erreichten wieder die Mengen von 1970, als die USA beim konventionellen Erdöl den Peakoil überschritten. Die Menge Rohöl mittels Fracking überstieg aber nie die 60-%-Marke der Gesamtmenge des in den USA geförderten Rohöls. Die Förderung mittels Fracking plafonierte um 6 Mio. Fass pro Tag.

Saudi America
In ihrem 2018 erschienenem Buch „Saudi America: The Truth About Fracking and How It’s Changing the World” bezweifelt Bethany McLean, dass das Fracking-Geschäftsmodell auf lange Sicht überlebensfähig ist. Dazu schrieb sie auch ein Essay in der New York Times „The Next Financial Crisis Lurks Underground“: https://www.nytimes.com/2018/09/01/opinion/the-next-financial-crisis-lurks-underground.html?searchResultPosition=1


Und nur kurz nach Beginn der Coronakrise zeigt sich, wie sehr sich die US-Fracking-Industrie mit ihren Finanzierungsmodellen verrechnet hat. Dazu die New York Times vom 20. März 2020: https://www.nytimes.com/2020/03/20/business/energy-environment/coronavirus-oil-companies-debt.html?searchResultPosition=1


Am 10. April 2020 legt Bethany McLean in der New York Times nach und nennt Amerikas Energieunabhängigkeit eine Illusion, die über billige Schulden finanziert wurde: https://www.nytimes.com/2020/04/10/opinion/sunday/coronavirus-texas-fracking-layoffs.html?searchResultPosition=1


The Economist macht auch klar, dass die gesamte Industrie vom Preiszerfall des Erdöls betroffen ist: https://www.economist.com/briefing/2020/04/08/an-unprecedented-plunge-in-oil-demand-will-turn-the-industry-upside-down

Im Juni wurde für die Firma Chesapeake Energy, Pionierin der Schiefergasförderung mittels Fracking, die die USA wieder als Erdgasexporteur etablierte, die Schuldenlast zu gross und sie musste Konkurs anmelden:
https://www.economist.com/business/2020/07/02/how-chesapeake-energy-changed-the-world

https://www.nytimes.com/2020/06/09/business/energy-environment/chesapeake-energy-bankruptcy-protection.html?searchResultPosition=1

https://www.nytimes.com/2020/06/28/business/economy/chesapeake-energy-bankruptcy.html?searchResultPosition=2.

Tausende Fracking-Bohrlöcher
Ein wichtiger Teilbereich der Fracking-Industrie war die Pipeline-Infrastruktur, da tausende Fracking-Bohrlöcher mit den Abnehmern verbunden werden mussten. Ein grosses Hindernis zum schnelleren Ausbau des Frackings war oft der ungenügende Ausbau des Pipeline-Systems. Und jetzt, mit mehreren Fracking-Firmen in finanziellen Nöten, fehlen auch die nötigen Mittel und der politische Wille, um Pipelines weiter auszubauen. So wurde die Atlantic Coast Pipeline vorläufig auf Eis gelegt Die Dakota Access Pipeline muss stillgelegt werden, bis eine Untersuchung abgeschlossen ist. Der industriefreundliche Supreme Court hat entschieden, die Silllegung nicht auszusetzen. Und die New York Times fragt sich, ob Pipeline-Projekte in der Zukunft noch eine Chance haben.

https://www.nytimes.com/2020/07/05/business/atlantic-coast-pipeline-cancel-dominion-energy-berkshire-hathaway.html?searchResultPosition=1.

https://www.nytimes.com/2020/07/06/us/dakota-access-pipeline.html?searchResultPosition=1

https://www.nytimes.com/2020/07/06/us/politics/supreme-court-keystone-xl-pipeline.html?searchResultPosition=1

https://www.nytimes.com/2020/07/08/climate/dakota-access-keystone-atlantic-pipelines.html?searchResultPosition=3

Die Zeiten für die Fracking-Industrie waren auch schon rosiger. Ob da die Übernahme von Noble Energy durch Chevron etwas ändern kann, bleibt fraglich. Die WOZ zur Situation der fossilen Industrie und deren Investoren in Coronazeiten:
https://www.nytimes.com/2020/07/20/business/energy-environment/chevron-noble-oil-mergers.html?searchResultPosition=1

https://www.woz.ch/2029/fossile-konzerne/eine-branche-am-abgrund https://www.woz.ch/2029/fossile-investitionen/milliarden-in-den-sand-gesetzt

Aber auch andere, nicht konventionelle Erdölvorkommen, wie etwa Ölsande, sind immer weniger begehrt in diesen Coronazeiten. Dazu The Economist: https://www.economist.com/graphic-detail/2020/07/20/oil-giants-are-dumping-the-cruddiest-and-most-expensive-hydrocarbons

https://www.economist.com/business/2020/07/18/oil-giants-want-to-own-only-the-cheapest-cleanest-hydrocarbons

Auch wenn die Erdölindustrie und insbesondere die Fracking-Industrie harte Zeiten durchleben, so hängt die Welt doch immer noch am fossilen Tropf: Rund 80 % des weltweiten Energieverbrauchs ist immer noch fossil. So schnell wird sich das nicht ändern.

Siehe auch Buchbesprechung: „Fracking – Energiewunder oder Umweltsünde?“, ee-news.ch 23.8.16 >>

Text: Walter Stocker, Geologe und ehemaliger Präsident von ASPO Schweiz

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1 Kommentare

Max Blatter

Ich sag's ja immer: Corona ist eine freche kleine Göre, hat aber auch ihr Gutes!

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