Krisztina André hat grosses Verständnis für Extinction Rebellion, die mutig genug sind, ihre Angst zu äussern. Jetzt fehle nur der letzte Schritt: eine solare Wende so schnell wie möglich einzuleiten. ©Bild: AEE

Interview mit Krisztina André: Solarmodule sind die effektivste Friedenswaffe

(AEE) Krisztina André ist Vorständin beim deutschen Bündnis Bürgerenergie e. V. und Mitgestalterin des Europäischen Green New Deals der European Spring Koalition. Sie war ausserdem Listenkandidatin für das Europäische Parlament für die ‚Bewegung Demokratie in Europa – DiEM25‘ und setzt sich für die Integration von Frauen in die Energiewende ein.


Wir haben uns mit ihr getroffen und über ihre politischen und persönlichen Anstrengungen, Feminismus und ihr eigenes Mobilitätsverhalten gesprochen.

Frau André, der Green New Deal ist ein ziemlich ehrgeiziges Massnahmenpaket für einen nachhaltigen ökologischen Wandel, der den Menschen und der Wirtschaft in Europa zugutekommen soll. Welche Rolle haben Sie bei der Erarbeitung gespielt?

Der Green New Deal ist ja eigentlich kein europäisches Kind. Bekannte Gesichter sind beispielsweise die Globalisierungskritikerin Naomi Klein, die US-Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez und Senator Bernie Sanders oder der US-amerikanische Umweltaktivist Bill Mc Kibben. Massgeblich wurde das Paket also in Amerika erarbeitet. Wir sind jetzt dabei, dessen europäische Schwester, den Green New Deal für Europa, zu finalisieren. Abgeschlossen ist das aber noch nicht – als Grassroots-Bewegung müssen Perspektiven aus verschiedenen europäischen Ländern, von Portugal bis Polen, berücksichtigt werden. Nur wenn sich jedes Land äussern kann, sind wir demokratisch. Ich bin in all dem eine von vielen Personen! Seit längerer Zeit beschäftige ich mich mit Herz und Verstand mit Energieunabhängigkeit und Elektromobilität, weshalb das auch die Themen sind, die ich versucht habe, in den Green New Deal reinzubringen. Natürlich ist nicht alles, was ich gern darin gesehen hätte, auch wirklich reingekommen.

Was fehlt aus Ihrer Sicht?

Ich würde gern die genossenschaftliche Idee, wie etwa Bürgerbeteiligung in Energiegenossenschaften, stärken. Länder wie Deutschland und Österreich haben eine lange Tradition, was Genossenschaften angeht. In anderen europäischen Ländern wird ihnen bei dem Thema eher Skepsis entgegengebracht. Das ist absolut nachvollziehbar, denn einige osteuropäische Länder konnotieren mit Genossenschaften eine kommunistische Idee. Wir müssten das also so aufsetzen, dass es tatsächlich eine Partizipation 2.0 hervorbringt.

Sehen Sie sich eher als Politikerin, Aktivistin, Vorständin – oder wie würde Ihre Selbstzuschreibung lauten?

Das ist eine sehr gute Frage! Ich bin out of the box, ich bezeichne mich eher als Scannerin, die sich immer dann in Felder einarbeitet, wenn es relevant für das Gesamtbild erscheint. Alles andere werfe ich ab – wie eine Biene, die nur so lange auf bestimmten Blumen sitzen bleibt, bis sie genug Nektar aufgesogen hat. Meine Beschäftigung mit der Politik ist aus der Not heraus geboren. Vieles was ich mache, entstand aus Ungeduld. Man kann sagen: Ungeduld ist die treibende Kraft, zu der sich gelegentlich Wut mischt – das kommt aber auf die Situation an und erklärt sich auch durch meine eigene Lebensgeschichte.

Können Sie das genauer ausführen?

Ja, ich stamme aus Kriegs-Jugoslawien, wobei meine Familie einer Minderheit angehörte. Vor dem Bürgerkrieg hatte ich eine sehr schöne Kindheit, dann kam diese riesige Veränderung und ich habe die Erfahrung gemacht, was Krieg und Zukunftsängste bedeuten. Geopolitische Kriege sollen aus der Welt geschaffen werden, deswegen setze ich mich mit aller Kraft für die Ernte von Sonne und Wind ein. Mit anderen Worten: Solarmodule sind die effektivste Friedenswaffe.

Schon in der Grundschule haben mich zwei Sachen fasziniert, die ich heute versuche umzusetzen. Das erste ist die Selbstverwaltung und wie entscheidend es ist, sie zu beherrschen, wenn Krisen am Horizont erscheinen. Dann braucht es Menschen, die Verantwortung übernehmen und sich mit systematischer Selbstverwaltung auskennen. Zweitens war ich seit ich denken kann ein grosser Turbinen-Fan. In der Schule ging es schon um Energiegewinnung aus Wasserkraft als natürliche Quelle. Die Energiefrage hat mich deshalb immer sehr beschäftigt, weil der Homo sapiens ein fragiles Wesen ist, das extremen Energieinput von aussen braucht, um zu überleben. Hinzukommt, dass meine Familie seit Generationen mit Elektronen zu tun gehabt hat. In der Werkstatt meines Opas wurde beispielsweise Teslas Ei des Kolumbus gebaut. Man kann sagen: Ich bin zwischen Spulen aufgewachsen (lacht). Aber: Weil ich ein Mädchen war, durfte ich keinen technischen Beruf ergreifen. Erfahrungen wie diese haben mich immer wieder um die Frage kreisen lassen: Wie kann ich selbst zu einer Welt beitragen, die für Mädchen und Frauen sicher, gerecht und partizipativ ist? Darum vertrete ich jetzt Bürgerenergie in einem Industrieland – weil ich glaube, wenn wir den Ausbau der Erneuerbaren hier schneller vorantreiben können, dann schaffen wir es überall.

Auch wenn uns öffentliche Meinungen weismachen wollen, dass wir uns bereits in post-feministischen Zeiten befänden, ist es offensichtlich, dass wir immer noch gegen (gesellschaftliche) Ungerechtigkeiten kämpfen. Gerade die Klimakrise zeigt: Sie verschärft bestehende soziale Ungleichheiten, weil die Folgen der menschengemachten Erderhitzung leider Frauen stärker betreffen, die ohnehin schon benachteiligt sind. Wie bringen wir das Thema höher auf die Agenda?

In den jetzigen Strukturen ist das sehr schwierig. Denn Frauen, die es in Führungspositionen schaffen, sind die starken Frauen. Wir leben in einer Alpha-Gesellschaft – und das ist ungünstig für Krisenzeiten, weil es mehr um Machterhalt als um die Sache geht. Deshalb ist es an der Zeit, dass beta-gesellschaftliche Strukturen entstehen, in denen viele Frauen – und übrigens auch Männer – mehr zuhause sind. Es ist ja vollkommen klar, dass Männer nicht alles falsch machen. Dennoch müssen wir das Alpha-Denken und die institutionell gefestigten Machtstrukturen zur Seite legen, sodass wir in einem kooperativen Beta-Netz die Welt in Ordnung bringen können.

Frauen sind auf allen Ebenen der Klimapolitik, Klimaforschung und der Erneuerbare-Energien-Branche unterrepräsentiert. Das ist nicht nur schlecht, weil die Vielfalt fehlt, sondern auch, weil somit männliche Perspektiven stärker berücksichtigt werden. Wie gelingt es, diesen Status Quo zu verändern?

Ganz wichtig bei allen Machtpositionen: eine Geschlechterquote als Basis, auch wenn klar ist, dass die Quote allein nicht reichen wird. Da brauchen wir schon breitgefächerte Massnahmen, um die Sichtbarkeit von Frauen zu erhöhen. Ein Beispiel: Beim Bündnis Bürgerenergie bauen wir gerade ein Gender-Programm auf. Eine Massnahme davon ist eine Datenbank von Akteurinnen in erneuerbaren Energien, vor allem im Bereich dezentrale Energiewende und Elektromobilität. Dass Frauen sehr oft unsichtbar sind, wollen wir ändern, damit sie sowohl gesehen als auch gehört werden. Noch stehen wir ganz am Anfang dieser Open-Source-Datenbank, ich erhoffe mir aber, dass vor allem junge Frauen von ihr profitieren, weil es sie bestärken könnte, sich in diese Branche zu wagen. Vielleicht kann diese Datenbank der Anstoss sein, sich auch physisch stärker zu vernetzen. Ich fände es beispielsweise schön, wenn viele engagierte Frauen, die die Fridays-for-Future-Bewegung hauptsächlich antreiben, perspektivisch die Potenziale der dezentralen Energiewende erkennen und für sich das Recht auf Nutzung von Sonne und Wind einsetzen und sich vielleicht sogar in der Erneuerbare-Energien-Branche einen Job suchen würden.

Kommen wir auf Ihr eigenes Energiepotenzial zu sprechen: Wie kamen Sie zum Bündnis Bürgerenergie und welche thematischen Schwerpunkte setzen Sie?

Im Europawahlkampf war ich sehr stark eingebunden mit DiEM25, für die ich auf der EP-Kandidatinnenliste stand. In dieser Zeit habe ich sehr stark für den Green New Deal geworben und war entsprechend viel unterwegs. Ich habe überall auf allen Ebenen versucht, das Thema durchzuboxen und war seit längerer Zeit auf der Suche nach einer Organisation, in die ich mich langfristig einbinden kann. Beim deutschen Bündnis Bürgerenergie hat es sich dann so ergeben, dass ein Vorstandsposten frei wurde, für den ich empfohlen wurde – als sehr aktive Frau in diesem Feld. Weil der Vorstand männlich geprägt war, habe ich gesagt, dass ich es nur unter der Bedingung mache, dass noch eine andere Frau in den Vorstand berufen wird, sodass es zu einer 50/50-Aufteilung kommt. Ich denke, in solchen Situationen ist es wichtig, klare Kante zu zeigen, damit sich etwas verändert. Jetzt sind wir zwei Frauen und zwei Männer. Da wir in der Konstellation noch nicht lange bestehen, sind wir gerade dabei, uns zu ordnen. Mein inhaltlicher Fokus liegt aber jetzt schon auf Mobilität, Sektorenkopplung und Speichertechnologien. Ich sehe hier und in Schwarmspeichern das grösste Potenzial, Photovoltaik und Windenenergie in grossem Stil zu nutzen. Dank des sogenannten Winterpakets der Europäischen Kommission sehe ich eine enorme Chance besonders für Frauen, weil es uns eine Teilhabe in der Energiewelt als Bürgerinnen ermöglicht. Diese Richtlinie muss im Jahr 2021 auch von Deutschland umgesetzt werden. Ich bin sehr hoffnungsvoll, dass es zur Minderung der Ungleichheit beitragen wird.

Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus und wieso kommen wir in Deutschland mit der E-Mobilität so schlecht voran?

Batterieelektrisch ist die Zukunft! Wasserstoff ist teuer, zentralistisch, energie- und wartungsintensiv. Am ehesten gibt es da Potenziale in der Industrie und eventuell im Flugverkehr. Ich vertrete aber eine all electric world. Zu allererst finde ich es schwierig, wie die E-Mobilität in einigen Medien falsch thematisiert wurde. Aus meiner Sicht waren das oft technisch deformierte Informationen. Der Ruf der E-Mobilität innerhalb der Bevölkerung ist unberechtigterweise schlecht. Das liegt eben auch an der Medienberichterstattung. Die momentane Verwirrung um die höhere E-Auto-Kaufprämie, die weiterhin nicht in Brüssel, sondern in Berlin stockt, ist auch nicht hilfreich. Eine echte Wende ist aber schon unterwegs. Tony Seba, Stanford-Dozent, beschreibt in seinem Buch ‚Saubere Revolution 2030 in Energie und Verkehr‘ sehr genau, mit welcher rasanten Geschwindigkeit dieser disruptive Prozess ablaufen wird. Seine Analysen geben mir viel Hoffnung: eine unvermeidliche technisch-wirtschaftliche Entwicklung, die zugleich eine gesellschaftliche und ökologische Revolution ist, wird uns zu (einer Versorgung mit)nahezu 100 % erneuerbaren Energien führen.

Mein Fokus liegt deswegen einerseits etwa in der Kopplung der lokalen Photovoltaik- und Windenergie, andererseits in E-Autos, deren Batterien gleichzeitig als Schwarmspeicher funktionieren können. Eine wunderbare kommunale Lösung wird im niederländischen Utrecht seit ein paar Jahren umgesetzt: Jeder parkende Renault Zoe wird mit bidirektionalen Wechselstromeinheiten ans Netz gebunden. Der Projektinitiator erklärt, dass mit 50‘000 E-Autos ein komplettes Kohlekraftwerk ersetzt werden kann. Deswegen bemühe ich mich, dass die ISO 15118 für Bidirektionalität bald in unserem täglichen Leben präsent wird.

Haben Sie ein eigenes Auto?
Ja, mein Mann und ich haben uns vor ein paar Jahren für ein E-Auto entschieden und sind seitdem nur elektrisch unterwegs. Abhängig vom Wetter plane ich nach etwa 170 Kilometern einen Stopp ein, um 20-30 Minuten zu laden. Ich finde das auf Langstrecken vertretbar! Zumal wir schon ein etwas älteres, günstigeres Modell haben.

In der aktuellen politischen Debatte entsteht oft der Eindruck, dass die Verantwortung auf engagierte Individuen abgewälzt wird. Glauben Sie an die Macht des Individuums?

Es ist ein schöner Ausweg, die Verantwortung auf das Individuum zu übertragen. Wir haben es viel mit Ablenkungsmanövern zu tun, wenn beispielsweise über die Nachhaltigkeit von Seifen diskutiert wird. In der Debatte um Klimaschutz und Nachhaltigkeit wird aus meiner Sicht eine Sau nach der anderen durchs Dorf getrieben. Die Lasten werden auf die Kleinsten schon in der Schule übertragen, das finde ich ganz schwierig. Hier müssen Politik und Industrie Verantwortung übernehmen. Deswegen habe ich auch so grosses Verständnis dafür, was Extinction Rebellion macht. Die haben Angst und sind mutig genug, das auch zu äussern. Jetzt fehlt nur der letzte Schritt: eine solare Wende so schnell wie möglich einzuleiten. Das müssen wir von der Politik einfordern, die Wende aber auch selbst mitgestalten.

Dieser Artikel ist im Renews, dem Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien, erschienen. Das Gespräch hat Ilka Müller geführt.

Text: Deutsche Agentur für Erneuerbare Energien (AEE)

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