02. Okt 2019

Die Produktion der süssen Versuchung ist sehr energieintensiv. ©Bild: Ludwig Weinrich GmbH & Co. KG

Das 800 kW-Blockheizkraftwerk ist das Kernstück der neuen energetischen Anlage. Foto: ©Bild: Energieagentur NRW, Lara Blankenberg

Schokoladenhersteller Weinrich: Vom drittgrössten Stromverbraucher Herfords zum Eigenerzeuger

(ee-news.ch) Schokolade hat im ostwestfälischen Herford Tradition. Ob Trüffel, Bio- oder Fairtrade – bei der Firma Ludwig Weinrich finden Schokoladenliebhaber seit 1895 alles, was das Herz begehrt. Doch die Produktion der süssen Versuchung hat ihren Preis: Bis vor Kurzem musste das Unternehmen für seine energieintensive Produktion jährlich 1.4 Millionen Euro für neun Millionen Kilowattstunden Strom ausgeben. Das bedeutete Platz drei in der Rangliste der grössten Stromverbraucher in Herford.


Das gehört jetzt der Vergangenheit an: Mit einem neuen, modernen Energiekonzept kann die Firma nun zwei Drittel des Strombedarfs der Schokoladenproduktion aus Eigenerzeugung decken und gleichzeitig bis zu 1924 Tonnen CO2 im Jahr einsparen.

Eine hochmoderne Energiezentrale
Dafür sorgen ein 800 kW-Blockheizkraftwerk des Berliner Herstellers SES Energiesysteme GmbH, eine Absorptionskältemaschine (AKM), Speicher sowie ein zuschaltbarer Spitzenlastkessel, die für die Produktion von 22‘500 Tonnen Schokolade im Jahr ganzjährig Wärme, Kälte und Strom bereitstellen. Die Anlagen wurden innerhalb einer neuen Energiezentrale errichtet, um dort die Erzeugung von Strom, Heiss-, Warm- und Kaltwasser mittels des Blockheizkraftwerks (BHKW) zu bündeln. Da das Firmengelände mitten in einem Herforder Wohngebiet liegt, wollte die Firma Weinrich mit dem Bau der Energiezentrale, ausserhalb der Produktionshalle, mehr Platz für die Produktion schaffen. Die neuen Anlagen ersetzen einen Dampfkessel und dezentrale Kälteanlagen.

Die Idee und der Wunsch für mehr Energieeffizienz existierten bereits seit längerem – dringend wurden die Überlegungen zum Energieverbrauch jedoch, als die Druckmessung des 40 Jahre alten Dampfkessels anstand. Der Dampfkessel hätte die nächste innere Druckmessung nicht überstanden, er war einfach in die Jahre gekommen und ineffizient. Eine Modernisierung stand sowieso an. So kam es zu der Idee, eine Energiezentrale als kleines Kraftwerk vor dem Tor des Werkes zu bauen. Im Januar 2018 begannen schliesslich die Arbeiten an der neuen Energiezentrale und wurden nach nur wenigen Monaten im Herbst desselben Jahres fertiggestellt.

1 Million Tafeln täglich
Der Umbau musste schnell gehen – in der Schokoladenfabrik in Herford wird schliesslich ständig Energie gebraucht. Täglich gehen hier eine Million Tafeln Schokolade vom Band. Um die Produktion der zertifizierten Schokolade zu stemmen, arbeiten mehr als 300 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in drei Schichten von Sonntagabend bis Freitagabend in der Produktion an den Schokoladen-Rezepturen. In das öffentliche Netz fliesst somit nur ein kleiner Teil des Stroms, und das auch nur am Wochenende. Mit der Eigenerzeugung aus Energie kann Weinrich nun zwei Drittel des Strombedarfs decken. Das fehlende Drittel wird mit 100 Prozent Grünstrom abgedeckt.

Hitze, Wärme und Kälte für die Schokoladenproduktion
Zur Erhitzung und Abkühlung der Kakaomasse werden Strom, Heiss-, Warm- und Kaltwasser bei der Produktion benötigt. Strom und Wärme werden dafür über das BHKW und die installierten Wärmetauscher erzeugt und für die Produktion bereitgestellt. Die Kälte wiederum wird mit Hilfe der vorhandenen Absorptionskältemaschine produziert. Da für die Schokoladenproduktion auch Kälte benötigt wird, wurde dies bei der Planung der Energiezentrale berücksichtig und das BHKW grösser ausgelegt, als für die reine Wärmeproduktion notwendig war. So wird die zusätzlich erzeugte Wärme mit Hilfe der Absorptionskältemaschine in Kälte umgewandelt. „Durch den Einsatz der AKM werden allein 600‘000 kWh eingespart, da nicht über Kompressionskälte gearbeitet wird“, erklärt der Betriebsleiter. Das BHKW läuft auf 100 Prozent, nur am Wochenende wird auf 60 Prozent gedrosselt, was für den Bedarf der Produktion an diesen Tagen reicht.

Eine weitere Besonderheit der Anlage sind die drei Speicher der Energiezentrale, die den Verbrauch der erzeugten Medien entkoppeln. Die Wasserspeicher für Heiss-, Warm-, und Kaltwasser sollen einen kontinuierlichen und ruhigen Lauf des Kraftwerks bei produktionsbedingten schwankenden Energieverbräuchen ermöglichen. Zur Energiezentrale gehört auch ein 1-MW-Spitzenlastkessel, der dann einsetzt, wenn die Energieverbräuche (Wärme) zu hoch sind und nicht mehr über das BHKW abgedeckt werden können. Ausserdem dient er als Redundanz – wenn das BHKW unter Umständen, z. B. bei der Wartung, ausfallen sollte. In diesem Fall kann der Spitzenlastkessel die Wärmebereitstellung komplett übernehmen.

Digitalisiertes Kontrollsystem
Die hochmoderne Energiezentrale kann mittels eines digitalen Kontrollsystems ständig überwacht und bei Problemen per Fernwartung bedient werden. Die Anlage wurde auf die Firma Weinrich zugeschnitten. Auch das Kontrollsystem wurde von der Firma Schaper Steuerungstechnik aus Herford passgenau geschrieben. Über einen Bildschirm können alle Prozesse in der Steuerungszentrale überwacht und kontrolliert werden. Auch die Vernetzung der einzelnen Komponenten wird angezeigt sowie die Menge an Energie und die Temperaturen, die aktuell erzeugt werden. So weiss Ludwig Weinrich immer genau wo Anomalien sind, wie viel Energie gerade erzeugt wird, welche Lastengänge aktuell vorhanden sind und wo die Ströme hingehen.

Die Firma Weinrich, die mit Energiemanagement nach ISO 50001 geprüft ist, hat rund fünf Millionen Euro in die moderne Energiezentrale investiert. An Förderungen wurden auch Tilgungszuschüsse der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sowie BAFA-Zuschüsse für die Speicher wahrgenommen. Bei den hohen Stromkosten für die Produktion soll sich die Anlage nach Angaben des Unternehmens bald gerechnet haben. Das moderne Energiekonzept reiht sich ein in die Nachhaltigkeitsstrategie der Firma. Seit den 1990er Jahren setzt das Familienunternehmen bereits auf Nachhaltigkeit und produziert Bio- und Fairtrade-Schokolade.

Text: ee-news.ch, Quelle: Energieagentur NRW

1 Kommentare
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Max Blatter @ 04. Okt 2019 11:02

Weinrich? Noch nie gehört! Aber vielleicht liest man ja demnächst Ähnliches vom Nestlé-Konzern und insbesondere von meinem Lieblings-Schokoladenhersteller Cailler aus Broc im Kanton FR ;-)

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