22. Mär 2019

Das Hagener Projekt soll zeigen: Kritik und Sorgen, dass die wachsende Anzahl Elektroautos das Stromnetz belasten wird, lassen sich mit Hilfe der V2G-Technologie – und einer Tasse Tee – aus dem Weg räumen. ©Bild: THM

Die Vehicle-to-Grid-(V2G)-Technologie steht in den Startlöchern. ©Bild: THM

Vehicle-to-Grid: E-Autos stabilisieren das Stromnetz – erstes E-Fahrzeug für die Erbringung von Primärregelenergie zugelassen

(ee-news.ch) Elektroautos, wie der Nissan Leaf, besitzen eine bidirektionale Schnittstelle, die es ermöglicht nicht nur Strom zu tanken, sondern diesen bei Bedarf auch wieder in das Netz einzuspeisen. Der Energieversorger Enervie aus Hagen hat seit Juni 2018 rund 5 dieser Autos in Betrieb. Die dazu passende Lade- und Energiemanagement-Technologie stammt vom Münchner Unternehmen The Mobility House (TMH).


Anfang des 4. Quartals 2018 zählte das deutsche Kraftfahrtbundesamt 195‘500 Elektroautos und Plugin-Hybride auf deutschen Strassen. Die Eine-Million-Grenze wird wohl erst im Jahr 2022 geknackt. Ein enormes Potenzial: Denn entgegen seiner eigentlichen Aufgabe steht ein durchschnittliches Auto bis zu 95 Prozent der Zeit herum, ohne bewegt zu werden. Zeit, die mit der so genannten Vehicle-to-Grid-(V2G)-Technologie besser genutzt werden kann. Bei Überproduktion erneuerbarer Energien können bidirektionale E-Fahrzeuge Strom aufnehmen. In Zeiten eines erhöhten Energiebedarfs können die mobilen Batteriespeicher diesen dann auf dem Primärregelenergiemarkt in Regelleistung umsetzen. Versorgungsengpässe werden dadurch ausgeglichen.

E-Mobil als Regelkraftwerk zugelassen
Um diese Aufgabe übernehmen zu dürfen, musste der Nissan Leaf in Kombination mit der intelligenten Steuerung von TMH zunächst als Regelkraftwerk zugelassen werden. Übertragungnetzbetreiber Amprion legt hierfür hohe technische und regulatorische Anforderungen fest. Nachdem lange an der Hard- und Software gearbeitet wurde, hat TMH das Fahrzeug im Oktober 2018 schliesslich als Regelkraftwerk präqualifiziert und wurde erfolgreich in das deutsche Stromnetz integriert – ein grosser Schritt auf dem Weg zur Etablierung der V2G-Technologie.

THM fordert nun, dass die marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Nutzung dieser Technologie geschaffen werden. Es müsse belohnt werden, dass nicht alle Autos gleichzeitig ans Netz gehen, wenn die Menschen um 17 Uhr von der Arbeit nach Hause kommen. Man brauche daher ein dynamisches Anreizsystem. Durch das Dual-Use-Prinzip könne Elektromobilität auf Dauer günstiger werden als herkömmliche Automobile.

Viele kleine Schritte machen irgendwann den Unterschied
Ein Auto allein mache jedoch noch keinen grossen Unterschied. Um die Schwankungen der erneuerbaren Energien signifikant ausgleichen zu können, bedürfe es mehrerer Millionen bidirektionaler E-Autos, erklärt THM-Geschäftsführer Fendt. Aber jedes Auto sei wichtig, man müsse klein anfangen und sich sukzessive steigern.

Neben den Verbrauchern müsse man auch auf höherer Ebene umdenken. Die zukünftigen E-Autos werden alle bidirektional ausgestattet sein. Technisch gesehen sei das kein Problem, so Fendt. Die Herausforderung bestehe darin, Marktregularien anzupassen und zwei Industrien zusammen zu bringen. Deutschland müsse die Erneuerbare-Energien-Branche und die Automobilbranche mit intelligenter Software verbinden. Momentan seien da andere Länder stärker und experimentierfreudiger. Zurzeit sind es vor allem Modelle von Mitsubishi und Nissan, die bei der V2G-Technologie hervorpreschen. Die deutschen Hersteller sind noch zurückhaltender. Laut Aussage eines VW-Sprechers, prüfe Volkswagen derzeit den Serieneinsatz einer bidirektionalen Ladefunktion. Wenn die Prüfungen positiv verlaufen, werde die Technologie in den kommenden Jahren schrittweise in allen E-Fahrzeugen verfügbar sein.

Auf eine Tasse Tee
Voraussetzung für das bidirektionale Laden ist nach heutigem Stand ein sogenannter Chademo-Ladeanschluss. Die Abkürzung lässt sich auf den japanischen Satz ‚Ocha demo ikaga desuka‘ zurückführen – was so viel bedeutet wie ‚Wie wärs mit einer Tasse Tee?‘ und auf die Ladezeit eines E-Autos von 15 bis 30 Minuten anspielt. Die in Japan entwickelte Schnittstelle steht in Konkurrenz zum CCS-Anschluss (Combinded Charging System), auf das die europäischen und US-amerikanischen Autohersteller setzen. CCS steckt jedoch noch in den Kinderschuhen, was Bidirektionalität angeht.

Batterieverschleiss beherrschbar
Und was ist mit der Lebensdauer der Batterie? Wird die durch das ständige Be- und Entladen nicht drastisch reduziert? Diese kritischen Fragen kann Marcus Fendt nicht ganz von der Hand weisen: „Der Batterieverschleiss ist beherrschbar, wenn das Laden intelligent erfolgt. Das heisst, dass die Autos bestenfalls kurz vorm Losfahren geladen werden und auch nicht komplett entladen werden. In Kooperation mit der TU München haben wir festgestellt, dass je nach Anwendung ein vorzeitiges Altern der Batterien zwar nicht komplett verhindert werden kann, aber sehr gut beherrschbar ist.“

Das Hagener Projekt soll zeigen: Kritik und Sorgen, dass die wachsende Anzahl Elektroautos das Stromnetz belasten wird, lassen sich mit Hilfe der V2G-Technologie – und einer Tasse Tee – aus dem Weg räumen.

Text: ee-news.ch, Quelle: Energieagentur NRW

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