19. Nov 2018

Andreas Meyer Primavesi: „Schlecht konzipierte Lüftungen haben zum negativen Image geführt, nicht der Nutzen der Lüftungen.“ Bild: Minergie

Minergie: Warum Minergie den sommerlichen Wärmeschutz – dank Lowtech – 4-mal höher ansetzt als die SIA

(AN) Minergie „rated“ national die Gemeinden, vereinfacht die Lüftungsanforderungen für Modernisierungen und bezieht die E-Mobilität ein. Ein Gespräch mit Andreas Meyer Primavesi, Geschäftsleiter Minergie, über die neuen Anforderungen, Low- statt Hightech und ein Blick in die Zukunft.


Siehe auch Beitrag zum Minergie-Rating vom 17.11.8 >>

Die kontrollierten Lüftungen bleiben umstritten. Was ändert sich mit der heute angekündigten Vereinfachung der Anforderungen bei
Minergie-Modernisierungen?

Wenn eine Lüftung richtig geplant, gebaut und betrieben wird, dann sorgt sie für gute Raumluft, verhindert Bauschäden und Schimmelbildung und erhöht erst noch die Energieeffizienz, das ist unbestritten. Schlecht konzipierte Lüftungen haben zum negativen Image geführt, nicht der Nutzen der Lüftungen. Mit der Anpassung der Anforderungen bei Modernisierungen möchten wir die Planung und den Bau vereinfachen, so dass die Lüftungskonzepte fast ohne Leitungen und heruntergehängte Decken möglich sind. So wird auch der Unterhalt einfacher. Doch einen „Nachteil“ gibt es dabei schon: Wir geben den Bewohnern auch wieder einen Teil der Verantwortung zurück, denn mit diesen Konzepten müssen sie zum Beispiel die Türen zu gewissen Räumen selber öffnen, um für einen genügenden Luftwechsel zwischen den Räumen zu sorgen. Genügend Frischluft und entsprechende Abfuhr der gebrauchten Luft aus der Wohnung sind aber weiterhin sichergestellt.

Eine zweite Änderung ermöglicht, dass alle Bewohner von neu gebauten Minergie-Gebäuden in Zukunft die Lüftung ihrer Wohnung selber steuern können. Dadurch kann auch zu trockene Luft durch zu vieles Lüften verhindert werden. Für beide Änderungen bezüglich der Lüftung gilt, dass die Planer die Verantwortung übernehmen, um intelligente und auf die Bewohner der einzelnen Gebäude angepasste Lüftungskonzepte zu entwickeln. Dafür muss der Planer das Nutzerverhalten der Hausbewohner einbeziehen.

Musste beim sommerlichen Wärmeschutz nachgebessert werden? Der ist ja eigentlich schon länger Bestandteil der Minergie-Anforderungen.

Stimmt, wir bessern nach, denn Behaglichkeit im Winter und im Sommer ist ein Urthema von Minergie. Dass wir die Anforderungen anpassen, hat damit zu tun, dass die SIA die entsprechenden Normen angepasst hat. Die Kantone und die Bewilligungsbehörden haben nun eine Weile gebraucht, um sich über die Umsetzung einig zu werden. Doch der Nutzen ist gross, und da darf die Umsetzung auch etwas aufwändiger werden. Denn mit der Klimaerwärmung steigen die Anforderungen an den sommerlichen Schutz. Die neue SIA-Norm verlangt, dass die Temperaturen im Sommer in den Wohnungen während 400 Stunden 26.5 Grad nicht überschreiten dürfen. Das finden wir von Minergie deutlich zu hoch. Denn wenn wir das Problem Überhitzung nicht baulich lösen, halten unweigerlich die Klimaanlagen Einzug in die Wohnungen - und zwar oft unsachgemäss nachgerüstet. Das müssen wir verhindern. Darum dürfen die Räume in Minergie-Neubauten künftig nur an 100 Stunden wärmer als 26.5 Grad sein. Das ist mit einer guten Ausrichtung der Fenster, optimierten Fensterflächen, Storen, genügend Masse und einer guten Gebäudehülle machbar. Dazu haben wir mit dem Einbezug der Fensterlüftung, Free-Cooling und einer Nachtauskühlung auch mit der kontrollierten Lüftung gute Alternativen zu Kühlgeräten, also Low- statt Hightech!


Modernisierungsrate liegt noch hinter den Zielen
Ein Gartenzwerg lädt ab sofort mit dem Slogan «Ärmel hoch!» zur Gebäudemodernisierung ein. «Du hast ein Haus, dann mach was draus!», leitete Christian Glauser seine Präsentation zur neuen Förderinitiative ein. Laut dem Leiter der kantonalen Energiefachstelle, Kanton Bern, liegt die Modernisierungsrate des Gebäudeparks Schweiz immer noch weit hinter den angestrebten Zielen der Energie-Strategie zurück. Dabei würde eine höhere Sanierungsrate nicht nur der Umwelt bzw. dem Klima nutzen, sondern dank eines breit angelegten Förderprogrammes auch jedem einzelnen Bauherrn sowie dem lokalen Gewerbe. Mit der neuen «Ärmel hoch!»-Kampagne werde zusätzliche Aufmerksamkeit geweckt und gezielt den kantonalen Programmen zugeführt. Eine breit angelegte Plakatkampagne wird dabei mit gezielter Online-Bewerbung, insbesondere auch auf Immobilien-Portalen, ergänzt. Teilnehmende Kantone sind neben Bern auch Basel-Stadt und Freiburg.


Stichwort e-Mobilität, wie sehen die Lösungen von Minergie aus?

Eigentlich ganz banal, aber sie haben grosse Wirkung: Minergiebauten verfügen ja über Photovoltaikdächer oder auch Fassaden, die in der Regel auf den Winterstrom- und Wärmebedarf ausgelegt sind. Also ist es absolut sinnvoll, den Stromüberschuss von Frühling bis Herbst fürs Elektroauto zu nutzen. Wir schreiben aber nicht den Einbau einer Batterie vor, sondern nur den Einbau von Leerrohren, damit später, wenn gewünscht, eine Ladestelle für ein oder mehrere Elektroautos installiert werden kann. Das kostet sozusagen nichts. Eine Nachrüstung ohne bereits vorhandenes Leerrohr könnte indes ins Geld gehen.

Fast 50‘000 Gebäude sind Minergie zertifiziert. Angesichts des Baubooms der vergangenen Jahre aus meiner Sicht nicht ausreichend. Wurden Chancen verpasst?

Für mich ist das Glas eher halbvoll als halbleer. Im Neubau haben wir einen Anteil von regional 10 bis 20 Prozent. Doch Sie haben recht, wollen wir die CO2-Ziele für 2050 und die 2000 Watt-Gesellschaft erreichen, ist das natürlich nicht genug. Rückblickend stelle ich fest, dass Minergie in 20 Jahren sehr viel erreicht hat. Denn dank dem Label sind Bauten entstanden, die gezeigt haben, dass Dämmung, Photovoltaik und Wärmepumpen funktionieren und absolut Sinn machen. Es galt lange die allgemeine Meinung, dass all das nichts bringt. Vorausblickend haben Sie jedoch recht, wenn wir in 20 Jahren erst 100‘000 Minergie-Bauten haben, reicht das definitiv nicht. Eine Beschleunigung ist indes politisch umstritten. Dabei war der Weg vom 25-Liter-Haus pro Quadratmeter Wohnfläche auf die im neuen Energiegesetz festgeschriebenen 3.5 Liter auch dank Minergie gut möglich. Minergie-P zeigt mit durchschnittlich etwa 2 Litern und Minergie A mit rechnerisch null Litern, dass auch der nächste Schritt machbar ist. Doch dafür braucht es eine integrale Denkweise: Optimale Dämmung, eine luftdichte Gebäudehülle, Wärmerückgewinnung beim Lüften, Eigenstromproduktion– und den politischen Willen, diese Massnahmen durchzusetzen, um die die fossilen Energien aus den Gebäuden zu verbannen und eine Verbreitung von Klimageräten in Wohnbauten zu limitieren!

Siehe auch Beitrag zum Minergie-Rating vom 17.11.8 >>

Interview: Anita Niederhäusern, leitende Redaktorin und Herausgebering ee-new.ch

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