01. Nov 2018

Das Areal ist ein urbaner Mikrokosmus mit 370 Wohnungen, Restaurants, Gästehaus, Läden, Atelier und anderes mehr. Die Bewohnenden entwickeln das Areal ständig weiter. ©Bild: T. Rütti

Der Gesamtenergiebedarf des Areals wurde mit den Anforderungen des «2000-Watt-Areal-Labels» verglichen. Die Baugenossenschaft «mehr als wohnen» befindet sich «auf dem Zielpfad der 2000-Watt-Gesellschaft». ©Bild: T. Rütti

Die Erwartung, dass die Häuser mit Komfortlüftung gegenüber den Häusern mit Abluftanlagen 50% oder noch weniger Heizwärme verbrauchen würden, hat sich zum Erstaunen der Studienautoren nicht bestätigt. ©Bild: T. Rütti

«mehr als wohnen»: Hunziker-Areal auf dem Zielpfad der 2000-Watt-Gesellschaft

(©TR) Das erfolgreich realisierte Projekt «2000-Watt-Areal – mehr als wohnen» wurde im Rahmen des BFE-Leuchtturmprogramms des Bundesamtes für Energie erarbeitet. Die mehrjährige Studie befasste sich mit der Ermittlung und Optimierung des Energieverbrauchs auf dem Hunziker Areal in Zürich-Leutschenbach. Am 24. Oktober 2018 wurde der Schlussbericht zur Optimierung des Gesamtenergieverbrauchs erörtert.


Der Auftrag von «mehr als wohnen» als Innovations- und Lernplattform ist es, Praxis-Erfahrungen systematisch zu erforschen und die ermittelten Erkenntnisse als Impuls weiterzugeben. Dies, um einen Beitrag zur Stadtentwicklung und zum «Wohnen der Zukunft» zu leisten, auch in Verbindung mit dem Amt für Hochbauten der Stadt Zürich. Einmal im Jahr wird auf das zurückliegende Forschungsjahr zurückgeblickt, diesmal mit dem Kernthema «2000-Watt-Areal – mehr als wohnen». Präsentiert wurde es von Martin Ménard, Lemon Consult AG, am 24. Oktober 2018 auf dem Hunziker-Areal. Die ermittelten Ergebnisse einer mehrjährigen Studie, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Energie BFE und lemonconsult, können eine wertvolle Grundlage bei der Weiterentwicklung der veranlassten Massnahmen zur Energieeffizienz bilden. Aber auch bezüglich Produkte und relevante Standards und Normen wie etwa des Minergie-Standards und ganz speziell des «2000-Watt-Areal»-Labels.

Arealzielwert wurde knapp eingehalten
Die Projektbeteiligten wurden phasenweise mit Anfragen zu Heizung, Lüftung und Eigenverbrauch aus der ganzen Schweiz überhäuft. Dies zeigt, dass es das vorliegende Leuchtturmprojekt neben neuen fachlichen und technischen Erkenntnissen geschafft hat, die Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Wenn man die gewichtete Energiekennzahl nach dem Aspekt Minergie betrachtet, so wird der intern gesetzte Arealzielwert von 30 kWh/m2 im Durchschnitt über alle Häuser knapp eingehalten. Auch die Erkenntnisse nach zwei ausgewerteten Betriebsjahren sind sehr erfreulich und zeigen, dass die ambitionierten Planungswerte eingehalten werden. Die Baugenossenschaft «mehr als wohnen» befindet sich offenbar auf dem Zielpfad der 2000-Watt-Gesellschaft.

Gesamtenergiebedarf Wärme und Strom
Der gemessene Gesamtenergiebedarf (Wärme und Strom) wurde mit den Anforderungen «2000-Watt-Areal-Label» von Energiestadt verglichen. Ein weiterer Schwerpunkt: Der Vergleich der unterschiedlichen Lüftungssysteme bezüglich Energieeffizienz, Luftqualität und Behaglichkeit. Es wurde bereits bei der Planung des Hunziker-Areals darauf geachtet, dass im Haustechnikbereich diverse Wärme- und Stromzähler installiert werden. Auch wurde bei jeder Nutzeinheit auf dem Areal ein «Smart Meter» installiert. Nach Absprache mit dem Datenschutzbeauftragten der Stadt Zürich konnten die ermittelten Messdaten für das Forschungsprojekt in anonymisierter Form verwendet werden. Um das Areal inklusive Haustechniksysteme Heizung, Warmwasser, Lüftung und Strom aller Häuser gesamtheitlich erfassen zu können wurde ein detailliertes Messkonzept ausgearbeitet. Das Auswerten der Messdaten zeigte, dass höher aufgelöste Messdaten ohne die richtige Verarbeitung und Analyse nicht unbedingt zu besseren Aussagen führen.

Stromverbrauch und -produktion
Neben dem Wärmebedarf ist vor allem der Elektrizitätsverbrauch der Bewohner und Nutzer für die Optimierung des Gesamtenergieverbrauchs des Areals entscheidend. Die lokal ansässigen Gewerbebetriebe machen ein Drittel des Gesamtarealverbrauchs aus. Effiziente Küchengeräte, zentrale Tiefkühlanlagen und Waschküchen, sowie suffiziente Bewohner tragen zum sparsamen Stromverbrauch auf dem Areal bei. Wenn der durchschnittliche Allgemeinstromverbrauch (7.6 kWh/m2) und der durchschnittliche Wohnstrom (12.1 kWh/m2) summiert werden, entsteht ein spezifischer Stromverbrauch von 19.7 kWh/m2. Bei Vergleichen mit dem Schweizer Durchschnitt (SIA 380/4) von 27.0 kWh/m2 und dem Gebäudepark Modell (Prognose Stromverbrauch für das Jahr 2050 von 23.4 kWh/m2) schnitt das Hunziker-Areal mit seinen gemischten Nutzungen sehr gut ab. Neben dem Stromverbrauch wurden auch die Produktionsdaten ausgewertet. Das Areal erreicht heute einen Deckungsgrad von 25 %. Das heisst, ein Viertel des Stromverbrauchs kann direkt vor Ort produziert werden. Der Eigenverbrauchsanteil des gesamten Areals liegt bei 92 %. Somit wird nur 8 % des produzierten Stroms in der Jahresbilanz in das Netz zurückgespiesen.

Heizung und Warmwasser
Die Regelung der Heizung der 13 Häuser basiert auf einer Systemlösung, welche selbstoptimierend funktioniert. Dazu werden Temperatur und relative Feuchte aller Nutzeinheiten auf dem Areal gemessen und online an einen Server übermittelt. Pro Haus können sodann die Temperatur- und Feuchtigkeitsdaten visualisiert werden. Ein grosser Vorteil ist die Messung der Raumtemperaturen in den Wohnungen. Mit Hilfe dieser Angaben konnten die Probleme bei der Einregulierung systematischer angegangen und behoben werden. Das zusätzliche Optimierungssystem war gerade in diesem Bereich sehr hilfreich, um die Heizkurve im Betrieb optimal einzustellen. Die Aktivierung der so genannten «prädiktiven Regelung» und der Selbstoptimierung erfolgten erst nach Abschluss der hydraulischen Einregulierung der Heizungsanlage in der ersten Heizperiode. Der durchschnittliche Wärmeverbrauch für Warmwasser liegt mit 16 kWh/m2 pro Jahr rund 20 % unter den Planungswerten. Andere Wohnsiedlungen in der Stadt Zürich bzw. in der Schweiz weisen vergleichbare oder höhere Werte auf. Die Effizienz der eingebauten Frischwasserstationen, der sparsame Warmwasserverbrauch der Bewohnenden sowie die Abwärmenutzung aus der gewerblichen Kälte sind Gründe für den im Vergleich zu den SIA Standardwerten eher tiefen Wärmeverbrauch für Warmwasser.

Die Lüftung
Auf dem Hunziker-Areal sind vier Gebäude mit Zu-/Abluftanlagen mit Wärmerückgewinnung (Komfortlüftung) und neun Gebäude mit Abluftanlagen mit Aussenluftdurchlässen (ohne Vorwärmung der Aussenluft) und ohne Wärmerückgewinnung ausgerüstet. Dank der Nutzung der hochwertigen Abwärmequelle des angrenzenden städtischen Rechenzentrums erhielt die Baugenossenschaft eine Ausnahmegenehmigung und durfte bei den Abluftanlagen auf eine Wärmerückgewinnung verzichten. Pro Lüftungssystem wurde ein Gebäude ausgewählt, in dem in jeweils fünf Wohnungen CO2-, Temperatur- und relative Feuchtigkeits-Messgeräte installiert wurden. Ebenso wurde, wo möglich, eine Messung der Zu- und Abluftvolumenströme an den Lüftungsauslässen vorgenommen. Die Raumluftqualität ist in den ausgewählten Wohnzimmern weitgehend sehr gut. Anders in den Schlafzimmern, dort lag die Luftqualität bei mehreren Messungen über den Grenzwerten. Trotz teilweise schlechter Luftqualität in den Schlafzimmern zeigten sich 85 % der Bewohnenden bei einer gross angelegten Komfortumfrage zufrieden mit dem Raumklima. Die Raumlufttemperatur war in den meisten der ausgewählten Wohnungen sehr gut.

Überraschung bei Häusern mit Komfortlüftung
Eine überraschende Erkenntnis gab es bei den vier Häusern, welche mit einer Komfortlüftung ausgerüstet sind: Bei ihnen liegt der Heizwärmeverbrauch markant über den Planungswerten. Die Erwartung, dass die Häuser mit Komfortlüftung gegenüber den Häusern mit Abluftanlagen 50 % oder noch weniger Heizwärme verbrauchen würden, hat sich nicht bestätigt. Die Häuser mit Komfortlüftung verbrauchen aber immerhin 20% weniger Heizwärme als jene mit Abluftanlagen. Obwohl der Aussenluftanteil in den Häusern gegenüber den Normwerten reduziert wurde, weisen die vier mit einer Komfortlüftung ausgestatteten Häuser einen relativ hohen Stromverbrauch für die Lüftung auf. Ein Grund für die zu hohen Stromwerte der Häuser mit zentraler Komfortlüftung könnte eine mangelhafte Steuerung und Inbetriebnahme sein. Die Gebäude mit Abluftanlagen schnitten bei den Auswertungen bezüglich des Energieverbrauchs der Lüftung sehr gut ab. Allerdings gaben knapp 40% der befragten Bewohner an, immer oder häufig Zugluft in der Wohnung wahrzunehmen. In keinem der Häuser wurde das Prinzip der Kaskadenlüftung umgesetzt. Mit Ausnahme der Wohnungslüftungsgeräte in Haus B sind alle Lüftungsanlagen einstufig und permanent im Betrieb.

Eine Innovations- und Lernplattform
Autoren des vorliegenden Forschungsprojektes waren Martin Mühlebach, Martin Ménard und Lara Carisch, alle von Lemon Consult AG, Zürich. Auch involviert: Die Net Workers AG (Engeneering), Givisiez FR. Für die BFE-Programmleitung war Yasmine Calisesi zuständig, die BFE-Projektbegleitung lag bei Marc Köhli. Subventionsgeberin war die Schweizerische Eidgenossenschaft, handelnd durch das Bundesamt für Energie BFE. Subventionsempfänger war die Zürcher Baugenossenschaft «mehr als wohnen». Geleitet wurde der Informationsabend von der Kommunikationsverantwortlichen Roseli Ferreira der Genossenschaft «mehr als wohnen».

«10 Jahre gesammelte Erfahrungen»
Im Jubiläumsheft «Eine Vision wird real – 10 Jahre gesammelte Erfahrungen» stellt die Baugenossenschaft die Highlights der Periode 2007 bis 2017 dar. Unter anderem ist zu erfahren, dass das 40'200 Quadratmeter grosse Hunziker Areal in Zürich-Leutschenbach heute «ein urbaner Mikrokosmus mit 370 Wohnungen, Restaurants, Gästehaus, Läden, Atelier und anderes mehr» ist. Geboten werden hier immerhin 150 Arbeitsplätze und Wohnraum für 1'200 Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen. Die Bewohnenden entwickeln das Areal ständig weiter, unter anderem indem sie in Quartiergruppen mitwirken, an Workshops und Abstimmungen teilnehmen sowie ihre Ideen in demokratischen Prozessen aktiv einbringen. Vor allem: «mehr als wohnen» ist mit besten Werten als 2000-Watt-Areal zertifiziert. Das heisst, dass die Erstellung und der Betrieb der Gebäude und der Alltagsmobilität bereits den Zielwerten der 2000-Watt-Gesellschaft entsprechen.

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©Text: Toni Rütti, Redaktor ee-news.ch, Quelle: Schlussbericht «mehr als wohnen» >>

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