25. Okt 2018

Andresen Mitglied (mit dem roten Stecker) setzt mit der nordfriesischen Genossenschaft eE-4mobile mit einem Netz von Stromtankstellen, E-Fahrräder-Flotten und lokaler Promotion von E-Autos erste elektromobile Akzente. Bild: Dierk Jensen

Bevor Ölfirmen wie BP und global agierenden Konzerne den mittelständisch Entrepreneuren den Rang abgelaufen haben, will GP Joule den für die Kraftstoffproduktion benötigten Wasserstoff schon bald aus Windstrom vor Ort bereitzustellen. Bild: D. Jensen

Die nordfriesische Genossenschaft eE-4mobile setzt mit einem Netz von Stromtankstellen, E-Fahrräder-Flotten und lokaler Promotion von E-Autos erste elektromobile Akzente. Bild: Dierk Jensen

Wasserstoff oder gleich direkt E-Mobilität? Strom auf jeden Fall gibt es im Norden Deutschland zu viel, weil die Stromtrassen fehlen. Bild: MV München

Grünen Strom vor Ort verwerten: Wenn jede 10. Kilowattstunde aus Wind, Sonne und Biogas gar nicht eingespeist werden kann

(DJ) Während der Anteil des erneuerbaren Stroms Deutschland stetig wächst, stottert die Energiewende im Wärme- und Mobilitätsbereich. Dabei gibt es in manchen Regionen Norddeutschlands Windstrom seit Jahren schon im „Überfluss“. Aufgrund von Netzengpässen kann so allein in Schleswig-Holstein 2017 mehr als jede 10. kWh aus Wind, Sonne und Biogas gar nicht eingespeist werden. Über die zähe Umsetzung der Sektorenkopplung.


Aufgrund des Stromüberflusses sei die anderweitige Nutzung von Strom, ob nun der Mobilität, im Wärmebereich, in der Speicherung oder sonstigen Anwendungen, wichtiger denn je. Wackere Vorreiter engagieren sich im hohen Norden in der nach wie vor zähen Sektorenkoppelung.

Predigender Pionier der Sektorenkoppelung
Früher wäre er wahrscheinlich Pastor geworden. Er hätte in einer kleinen nordfriesischen Backsteinkirche von der Kanzel Predigten gehalten und seine Gemeinde wohl mahnend ins Gebet gerufen. In Zeiten der sogenannten Energiewende und des offenbar schon einsetzenden Klimawandels ist Christian Andresen aus dem Örtchen Sprakebüll nicht im Gotteshaus aktiv, sondern vielmehr so etwas wie ein predigender Pionier der Sektorenkoppelung. Als Geschäftsführer der im Jahre 2004 gegründeten Sonnenenergie Andresen GmbH (SEA) plant, betreibt und betreut er zusammen mit einem Team von derzeit 20 Mitarbeitern Windparks und PV-Anlagen. Ihn nervt ungemein, dass mittlerweile viele dieser Anlagen oft abgeschaltet werden, weil das Netz aufgrund von Engpässen den erzeugten Strom nicht aufnehmen kann.

Strom für E-Fahrräder und -Autos
„Deshalb müssen wir jetzt endlich zusehen, dass wir vor Ort mehr aus unserem Strom machen“, sagt der 39-Jährige, der in Osnabrück Landwirtschaft studierte. „Wir als Planer und Serviceunternehmen von Wind und Solar sind genau an der Schnittstelle von einerseits Produktion und andererseits Einspeisung von grünem Strom. Deshalb haben wir vor einigen Jahren damit begonnen, die Elektromobilität vor Ort zu aktivieren.“ So ist Andresen Mitglied in der nordfriesischen Genossenschaft eE-4mobile, die mit einem Netz von Stromtankstellen, E-Fahrräder-Flotten und lokaler Promotion von E-Autos erste elektromobile Akzente setzte. Im Zuge dieser Aktivitäten kam das so genannte „Dörpsmobil“ hinzu, bei dem sich die Gemeinde Sprakebüll, nach dem Vorbild der Nachbargemeinde Klixbüll, auf Initiative des örtlichen Bürgerwindparks ein E-Fahrzeug anschaffte, das von Gemeindemitgliedern geteilt wird.

Die Hälfte der 22 Kommanditisten fährt elektrisch
Aber nicht nur die kleine Kommune ist in die elektromobilen Startlöcher gegangen, auch die Bürger der Dorfgemeinde meinen es ernst. „Tatsächlich fährt mehr als die Hälfte der 22 Kommanditisten unseres Bürgerwindparks schon ein Elektroauto“, freut sich Andresen und blickt schon mal in die Zukunft. „Obwohl fast alle Leute, die elektrisch fahren, begeistert sind, muss man Autohändler immer noch eher dazu zwingen, elektrische Modelle anzubieten“, klagt Andresen über eine Branche, die sich nach wie vor schwerfällig verhält. Dabei böte die Region einen interessanten Markt. „Es gibt allein in Nordfriesland 30‘000 Zweitautos, die müssen als erstes elektrisiert werden“, pointiert Andresen seine Parole. Dabei ist Andresen wahrlich nicht jemand, der Wasser predigt und am Ende Wein trinkt. Nein, er fährt selber elektrisch und auch auf seinem landwirtschaftlichen Betrieb will er die fossilen Treibstoffe langfristig verbannen. Gerne würde er einen elektrischen Traktor fahren, wenn denn die Hersteller bloss schon so weit wären. Vor kurzem hat er sich einen elektrischen Radlader auf den Hof geholt. „Gespeist mit dem eigenen Solarstrom vom Dach hebe ich den Selbstversorgungsgrad unseres landwirtschaftlichen Betriebes noch mal an“, freut sich Andresen über kleine Fortschritte in der Sektorenkoppelung.

Solange Ölheizungen noch gefördert werden
Allerdings verweist er auch ziemlich ernüchtert auf die Widersprüche, die blockierend wirken: Solange der Einbau von neuen Ölheizungen in der Bundesrepublik noch gefördert werde, welche in Dänemark im Übrigen gänzlich verboten ist, solange werde es mit der Sektorenkoppelung im Wärmebereich nur sehr schleppend vorangehen. Eine Aussage, die auch ein Rainer Christiansen bestätigen kann. Der Geschäftsführer des Windparks Barslund in der Gemeinde Grossenwiehe plant mit seinen Gesellschaftern im Zuge der Errichtung einer 3.7 MW-Testanlage von Senvion den Bau einer Power-to-Heat-Anlage. „Doch bislang sind noch viele Fragen offen“, erwidert Christiansen etwas desillusioniert die Frage nach dem Stand der Dinge. „Die Politik hofiert zwar die Sektorenkoppelung bei jeder Gelegenheit, doch muss man leider feststellen, dass es mit den derzeitigen rechtlichen Bestimmungen kaum möglich ist, ein Power-to-Heat-Projekt wirtschaftlich zu betreiben“, so Christiansen. Er verweist auf die EEG-Umlage und die Netzengelte, die auf den Wärmepreis zu entrichten sind. „Das ist umso weniger nachvollziehbar, weil wir in unserem Fall eine eigene Stromleitung von der Windenergieanlage zum Heizkessel bauen und wir zudem mit einer noch zu gründenden Wärmegenossenschaft ein schon bestehendes Nahwärmenetz erweitern würden.“

Rund ein Drittel des Stroms der 3.7-MW-Testanlage will man für die Wärmeversorgung abzweigen. Angedacht ist ein Wärmepreis von rund acht bis neun Cent pro Kilowattstunde. Das wäre gegenwärtig ungefähr der gleiche Wärmepreis, den die Nutzer von Ölheizungen zahlen. „Nur mit so einem Preis können wir die Bewohner im Dorf auch überzeugen, ihre alten Anlagen still zulegen und sich an einem zukünftigen Wärmenetz auf der Basis von Windstrom zu beteiligen“, meint Christiansen.

Wind und Wäre passen gut zusammen
Indessen fordert Jan Schmitz, dass „man so ein Projekt einfach mal machen muss“. Der Energie- und Umweltmanager von der Recase Regenerative Energien GmbH hat zusammen mit der Firma Gottburg Energie- und Wärmetechnik GmbH & Co. KG aus Leck im Auftrag der Grossenwieher eine Grobkalkulation des Wärmeprojektes erarbeitet. „Wind und Wäre passen gut zusammen“, unterstreicht Schmitz, „wenn der Wind bläst, dann gehen in dieser Region tendenziell die Heizungen an.“ Zudem gibt es noch einen positiven Aspekt, der für eine Wärmenutzung aus Strom spricht: Die Stromvermarktung könnte bei Überangeboten auf die Wärmeerzeugung ausweichen und den geplanten Pufferspeicher mit einem Volumen von 1600 Kubikmeter kostengünstig aufheizen.

Wasserstoffbusse- und Züge
Das ist eine von vielen Varianten der Sektorenkoppelung, wie sie vom Branchenverband watt 2.0 und einem ihrer Mitglieder, die GP Joule aus den Reussenkögen, seit vielen Jahren vehement gefordert wird. Und bevor Ölfirmen wie BP und andere global agierenden Konzerne den mittelständisch strukturierten Entrepreneuren aus den Reihen der deutschen Erneuerbaren Energien-Branche den Rang abgelaufen haben, beabsichtigt GP Joule den für die Kraftstoffproduktion benötigten Wasserstoff am Raffinerie-Standort Heide schon bald aus Windstrom bereitzustellen. Aber nicht nur für industrielle Zwecke will GP Joule zukünftig Wasserstoff aus Windstrom herstellen: Aktuell nimmt das Projekt zweier Linien-Wasserstoffbusse, die von Niebüll nach Husum (40 km) verkehren sollen, Gestalt an. Nach Angaben des Firmensprechers Tim Bovi nehmen die Busse, gespeist mit Wasserstoff von GP Joule Elektrolyseuren, ihren Fahrbetrieb schon Ende des Jahres auf.

Aber nicht nur auf den Strassen, sondern auch auf den Schienen will GP Joule angreifen. Derzeit läuft die Ausschreibung für den Ersatz von über alten 50 Dieselloks in Schleswig-Holstein, an der sich auch Alstom mit Wasserstoff-Loks beteiligt und GP Joule als Subkontraktor als Wasserstofflieferant auftritt. Ganz nach der Devise: „Mit Volldampf vom Norden“ – wider der zähen Sektorentrennung!

©Text: Dierk Jensen

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