Anita Niederhäusern: „Die grosse Trockenheit einerseits und die wütenden Stürme andererseits zeigen: Der Klimawandel ist ein Monster, dessen Auswirkungen wir gerade erst erahnen.“

Trocken, trockener, am trockensten - sonnig, sonniger, am sonnigsten – und wir zögern immer noch mit der Sonnenergie!

(AN) 2018 wird wohl das wärmste Jahr der Schweiz sein seit dem Start der Erhebungen im Jahr 1864 durch MeteoSchweiz. Und es wird wohl auch eines der trockensten Jahre werden. Mitte Oktober und die Menschen schwimmen im Rhein und in der Aare. Während das Wasserschloss Schweiz Risse kriegt, zaudern wir immer noch mit der Sonnenenergie, während das Parlament für Wasserkraft weibelt.


Die Nullgradgrenze stieg diesen Sommer auf 4600 Meter über Meer. Die ersten Gletscher sind definitiv und unwiderruflich Schnee von gestern und die Bewohner der Dörfer sowie die Bäche in ihrem Einzugsgebiet spüren erstmals eine Trockenheit, die sie sich kaum hätten vorstellen können. Weitere werden folgen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Auf meinem Balkon leuchten derweil die letzten Peperoni nun schön rot, normalerweise ernte ich sie grün. Die Gurken schlagen neu aus. Wasser – aus dem derzeit noch verlässlichen Wasserhahn – sei Dank.

Rhein, Aare und Konsorten erreichen historische Tiefststände, Niederschläge ebenso. Ein Landwirt, der auf dem elterlichen Hof notabene nur noch halb so viel Vieh hat wie sein Vater und eine sehr viel extensivere Landwirtschaft betreibt, erklärte mir kürzlich, er verfüttere seinen Tieren schon seit fast zwei Monaten Heu. Nicht er tue sich leid, sondern die Tiere täten ihm leid, die gerne frisches Gras fressen würden. Doch die Natur gebe uns zurück, was wir ihr angetan hätten.

Mehrzwecknutzen“ von Wasserressourcen
Das Wasserschloss Europas kriegt Risse. Neue Begriffe, die selber keinen einzigen Tropfen Wasser zu produzieren vermögen, werden kreiert, wie zum Beispiel „Mehrzwecknutzen“ der Wasserressourcen. Wir hatten bis anhin in der Tat so viel von diesem blauen Gold, dass wir uns nicht vorstellen konnten, dass dies nicht in Stein gemeisselt ist. Unser Wasser muss reichen für die Landwirtschaft, die Tiere, für die Wasserstromproduktion, für den Tourismus – sowie notabene für die Beschneiung und uns. Wir wissen in der Tat nicht, wie viel wir zur Verfügung haben, dazu gibt es nur grobe Schätzungen. Es ist ein bisschen wie beim Erdöl … Erste Vorstösse im Parlament verlangen eine Erhebung. Der Bundesrat hat den Auftrag gefasst. Wer wieviel wann von unserem blauen Gold brauchen darf, wird garantiert die nächste harte Diskussion sein, die wir führen werden. Ich hoffe sehr, dass sich die Forscher nicht verkalkuliert haben, die uns für die Wintermonate generell mehr Regen vorausgesagt haben, sonst geht uns das Ganze noch härter an die Substanz. Was würde passieren, wenn die Trockenheit noch zwei Monate anhielte?

Gekonnte Verdrängung in den Parlamenten
Ausser für die Wasserkraftwerke im direkten Einzugsgebiet von noch vorhandenen Gletschern wird das Wasserkraftjahr 2018 ein miserables sein. Auch das ist heute schon klar, trotz dem niederschlagreichen Start ins Jahr. Ein Teil des im Frühling immer noch meterhochliegenden Schnees ist aufgrund der früh einsetzenden hohen Temperaturen ganz einfach verdampft. Die Wasserkraftpolitiker verdrängen die Wasserverknappung gekonnt erfolgreich. Und das auch auf parlamentarischer Ebene.

AKW kühlen, aber mit was?
Bei den AKW sieht es nicht viel besser aus. Auch sie können nur mit dem blauen Gold gekühlt werden, insofern es denn genügend und nicht in zu hohen Temperaturen vorhanden ist. Sonst gilt auch hier, dass die Leistung zurückgefahren werden muss.

Aber Sonne, Sonne, Sonne, Sonne und noch einmal Sonne. Auch wenn sie uns nicht durch die sogenannten Dunkelmonate bringen wird: Sonne ist der absolut wichtigste Teil unserer Energieversorgung, für das Wachstum unserer Pflanzen, aber auch für den Strom und die Wärme. 50 Milliarden Kilowattstunden könne sie uns jährlich liefern, meldet inzwischen auch das BFE (siehe ee-news.ch vom 29.9.18 >>). Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen! Denn 2017 betrug der Stromverbrauch der Schweiz 58.8 Milliarden Kilowattstunden. Und noch besser: Solarstrom ist heute schon konkurrenzfähig zu anderen Energieträgern und wird immer noch günstiger.

Sozusagen Sonne zum Zmorge, zum Zmittag und zum Znacht oder andersrum: zum Entrée, als Hauptgang und zum Dessert. Ergänzt durch Wasser- und Windstrom und gewürzt mit Biomasse.

Monster Klimawandel
Eine auf erneuerbare Energien basierende Energieversorgung ist machbar und erst noch wirtschaftlicher, als an alten Zöpfen festzuhalten. Nur müssen wir das Machbare ohne zu zögern in die Tat umzusetzen. Denn wie die grosse Trockenheit einerseits und die wütenden Stürme andererseits zeigen: Der Klimawandel ist ein Monster, dessen Auswirkungen wir gerade erst erahnen. „Womöglich liegt die grösste Tragik im neurotischen 21. Jahrhundert darin, dass die eigentliche Gefahr und die Herausforderung der Gegenwart eben nicht die Unmittelbarkeit einer Finanzkrise oder eines Terrorakts besitzt. Diese Herausforderung heisst Klimawandel, und der vollzieht sich derart schleichend, dass sich unser Bewusstsein Schritt für Schritt darauf einrichten kann“, schreibt Michael Herrmann in ‚Der Bund‘ vom 16.10.18. „Wir sehen und erleben ihn, und trotzdem fehlt ihm irgendwie der letzte Schrecken. Dumm nur, dass er, wenn der Schrecken einmal da ist, keine Notfallübung von der Notenbank, kein Sicherheitsaufgebot ihn noch stoppen kann.“

Auch die Digitalisierung allein wird uns da nicht raushelfen. Nur Massnahmen, die schnell, kompetent und effizient umgesetzt werden.

Anita Niederhäusern, Herausgeberin und leitende Redaktorin ee-news.ch

show all

1 Kommentare

Martyn

Well said!

Kommentar hinzufügen

Newsletter abonnieren

Top

Gelesen
|
Kommentiert