11. Okt 2018

Einbetonierte Komponenten wie diese Brandschutzklappen können gar nicht oder nur mit hoher Kostenfolge erneuert werden. Bild: Ensi

AKW-Sicherheit: 40-jährige einbetonierte Brandschutzklappen - vernachlässigen die Betreiber des AKW Gösgen den Brandschutz ?

(TR) Die Betreiberfirma des AKW Gösgen wehrt sich gegen Vorwürfe, sie vernachlässigten die Brandschutz. Das Ensi hat aber ein Nachrüstungskonzept verlangt, wie Radio SRF berichtet. Auf Anfrage von ee-news.ch erklärt Valentin Schmidt von der Schweizerischen Energie-Stiftung: «Die Probleme mit den Brandschutzklappen im AKW Gösgen zeigen beispielhaft die Problematik der Überalterung von Atomkraftwerken auf.»

Valentin Schmidt, Leiter Politik & Kommunikation der Schweizerischen Energie-Stiftung, fügt an: «Ursprünglich konzipiert für eine Laufzeit von 30 bis 40 Jahren stellt man heute fest, dass nicht alle Komponenten einer Technologie aus den 60er/70er-Jahren des letzten Jahrhunderts auf den neusten Stand der Technik gebracht werden können. Einbetonierte Komponenten wie diese Brandschutzklappen können gar nicht oder nur mit hoher Kostenfolge erneuert werden. Hinzu kommt das Problem, dass die ursprünglichen Hersteller zum Teil nicht mehr existieren.»

«Da muss man auch Druck machen»
Im Radiobericht von Klaus Ammann (SRF) wird ein Mann zitiert, der seit den 1980er-Jahren als Mitarbeiter einer Zulieferfirma im Kernkraftwerk Gösgen tätig war. Früher sei alles in Ordnung gewesen, doch heute werde der Brandschutz vernachlässigt. «Das neue Strahlenschutzgesetz sagt, dass ein Kernkraftwerk laufen kann, wenn es dem neusten Stand der Technik entspricht. Und das ist leider halt in Gösgen und in den anderen Kernkraftwerken nicht mehr der Fall. Ihre Zeit ist abgelaufen, und da muss man auch Druck machen», so der ehemalige Mitarbeiter einer Zulieferfirma, der anonym bleiben möchte.

«Keine Brandschutzklappen mehr auf Lager»
Ganz konkret meint er die sogenannten Brandschutzklappen, die beim Bau fest einbetoniert wurden. Von diesen gibt es rund 700 im Kernkraftwerk Gösgen. Das sind Klappen, die sich im Brandfall schliessen, um zu verhindern, dass sich das Feuer von einem Raum in andere Räume ausbreitet. Die allermeisten dieser Brandschutzklappen seien so alt wie das Kernkraftwerk – nämlich fast 40-jährig. «Da kann man gar nichts mehr reparieren. Es gibt keine Hersteller mehr», so der ehemalige Mitarbeiter der Zulieferfirma. Zudem habe das AKW Gösgen keine Brandschutzklappen mehr auf Lager.

Sicherheitsbestimmungen nicht nach unten korrigieren
Valentin Schmidt (SES) lässt in seiner Stellungnahme verlauten: «Was in der vorliegenden Situation sicher die falsche Lösung wäre, ist, die geltenden Sicherheitsbestimmungen nach unten zu korrigieren, damit die AKW weiter am Netz bleiben können. Der Atomausstieg darf keinesfalls auf Kosten der AKW-Sicherheit geschehen. Doch genaue solche Bestrebungen sind in der Schweiz aktuell zu beobachten – etwa bei den geltenden Strahlendosis-Limiten oder den Ausserbetriebnahmekriterien, die im Rahmen der Revision der Kernenergieverordnung (KEV) aufgeweicht werden sollen. Die Schweiz braucht eine Strategie, wie die Ablösung der alten Schweizer AKW durch erneuerbare Energien konkret geschieht.»

«Zum Teil ist auch das Metall oxidiert»
Einer, der als Lüftungstechniker genau solche Brandschutzklappen in Atomkraftwerken getestet hat, ist  Jürg Joss, Automationstechniker. Er engagiert sich heute in der atomkritischen Organisation «Fokus Anti-Atom». «Es wurden Fette verwendet, die eingetrocknet sind. Auch ist  Staub in diesen Klappen vorhanden, der die Gängigkeit nicht garantiert. Und dann ist das Alter des Materials, das dazu führen kann, dass eine Klappe auch in sich kollabieren kann – bei hohen Temperaturen», erklärt er den Abnutzungseffekt der Brandschutzklappen.» Zudem sei die Mechanik zur Betätigung der Klappen teilweise nicht geschützt, in einem Gehäuse integriert. «Und zum Teil ist auch das Metall oxidiert, was dann auch wieder zur Schwergängigkeit der Klappen führt», so der Präsident von FokusAntiAtom.

Massnahmen gefordert
Weil ein Brand in einem Atomkraftwerk katastrophale Folgen haben kann, seien umgehend Massnahmen zu ergreifen, fordern die Kritiker – nicht nur in der Schweiz. Auch in vielen anderen Kernkraftwerken in Europa seien die Brandschutzklappen alt und in problematischem Zustand. Zu diesem Schluss kommt das Recherche-Netzwerk Correctiv, das auch in Deutschland und Frankreich mit Experten, Kraftwerksbetreibern und Aufsichtsbehörden gesprochen hat.

«Gösgen ist brandschutztechnisch sicher»
Beim Kernkraftwerk Gösgen hat man für die Kritik kein Verständnis. Barbara Kreyenbühl, die Leiterin Kommunikation, betont: «Das Kernkraftwerk Gösgen ist brandschutztechnisch sicher. Brandschutz ist ein dauernder Prozess und das KKG modernisiert seine technischen Brandschutzeinrichtungen fortlaufend.» Die sicherheitsrelevanten Systeme seien mehrfach vorhanden. «Brandschutz, Löscheinrichtungen und die Betriebsfeuerwehr garantieren den Brandschutz im Kernkraftwerk Gösgen voll und ganz.»

Ensi steht hinter AKW Gösgen
Diesen Befund – dass der Brandschutz gewährleistet sei – bestätigt auch das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi auf Anfrage. Laut Klaus Ammanns SRF-Bericht habe allerdings die Aufsichtsbehörde bei einer Routinekontrolle im Jahr 2016 tatsächlich Probleme beim Brandschutz festgestellt. Das Ensi schreibt auf seiner Website: «Bei einem Test von Brandschutzklappen im Schaltanlagengebäude am 15. Dezember 2016 erreichten nicht alle Klappen exakt die vorgesehene Endstellung. Dies manifestierte sich in einer fehlenden Rückmeldung der Endschalter.» Anlässlich einer durch das Vorkommnis ausgelösten Inspektion im April 2017 stellte auch das Ensi fest, dass die Brandschutzklappen des betroffenen Typs «nicht mehr dem heutigen Stand der Technik entsprechen». Es verlangte deshalb vom AKW Gösgen ein Konzept für deren Ersatz einzureichen.

Eine Million pro Jahr für Brandschutz
Ein erstes solches Konzept haben die Betreiber des AKW Gösgen Ende 2017 eingereicht. Im Frühling dieses Jahres aber hat das Ensi ein weiteres sogenanntes Detailkonzept verlangt, das die Betreiberin vor wenigen Tagen eingereicht hat, wie Barbara Kreyenbühl bestätigt. «Was drinsteht, will die Kommunikationsverantwortliche des AKW Gösgen nicht verraten», so Klaus Ammann in seinem SRF-Bericht.

Geringe Bedeutung für die nukleare Sicherheit
Nur so viel: «Das Kernkraftwerk Gösgen modernisiert die technischen Brandschutzeinrichtungen wie erwähnt fortlaufend. Zu diesen Einrichtungen gehören die Brandmeldeanlage mit Brandmeldezentrale, mit Brandmeldern und mit Brandschutztüren. In den letzten Jahren hat das AKW Gösgen eine Million Franken pro Jahr für den Brandschutz ausgegeben. Das Ensi prüft zurzeit die neuen Pläne des AKW Gösgen zur Verbesserung des Brandschutzes. Grundsätzlich misst das Nuklearsicherheitsinspektorat dem Vorkommnis «eine geringe Bedeutung für die nukleare Sicherheit» bei.

©Text: Toni Rütti, Redaktor ee-news.ch, Quelle SRF-Bericht von Klaus Ammann

2 Kommentare
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JJ @ 11. Okt 2018 21:17

Brandschutz in Gösgen nicht Gewährleistet! Siehe: https://www.fokusantiatom.ch/?page_id=1223

Author @ 11. Okt 2018 12:09

Welche Welt setzt auf erneuerbare Energie, nur die wo sich später abhängig machen wollen. Alle anderen bauen neue Kernkraftwerke.

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