12. Sep 2018

„Die die Stilllegung des AKW Mühleberg als glückliches Event zu berichten, ist geschmacklos gegenüber den künftigen Generationen, die für das finanzielle Desaster noch sehr, sehr lange bezahlen werden.“ Anita Niederhäusern

AKW Mühleberg: „Embedded Journalists“ berichten von letzter Revision – haben wir wirklich alles im Griff?

(AN) Die BKW hat für die letzte Revision des AKW Mühleberg in gekonnter Weise die PR-Maschine angeworfen: Die Medien sind darauf angesprungen. Tageszeitungen, Radio und Fernsehen berichten über „unser“ schönes, altes AKW, im dem – oh je! – zum letzten Mal eine Revision durchgeführt wird. Wie rührend! Die Schreiberlinge berichten wie mit Weichspüler gewaschen: Das Thema Sicherheit ist dabei kaum mehr eine Zeile wert.


Im Schweizer Radio berichtet ein Journalist sichtlich gerührt über die auf Einladung der BKW erfolgte Besichtigung des sich im Geriatrie-Status befindenden AKW Mühleberg. Wie schön doch das Kraftwerk sei, wie himmlisch der Blick ins blaue Abklingbecken. Andere füllten ganze Zeitungsseiten mit der vordergründig letzten Etappe des AKW Mühleberg; Sicherheitsthemen wurden fast überall unter den Tisch gewischt. Das Anstimmen einer Hymne auf das AKW Mühleberg ist der BKW sichtlich gelungen. Die kritischen Stimmen sind in den Medien fast gänzlich verklungen. Der überwiegende Teil der Journalistinnen und Journalisten ist unkritischer denn je. Es wird ja bald abgestellt, das AKW Mühleberg. Ende 2019 ist es soweit. Da ist es doch durchaus gestattet, der BKW die letzte Revision etwas zu versüssen. Wer kritische Themen anschneidet, wird als Stänker abgetan. Aber letztendlich geht es nicht ums Stänkern, sondern um unser aller Sicherheit.

Denn trotz der letzten Revision des AKW Mühleberg und der absehbaren Abschaltung:

  • werden die Horizontalrisse nicht kleiner, auch wenn die Vertikalrisse mit riesigen Klammern gesichert sind;

  • ist das Abklingbecken, in dem die „verbrauchten“ Brennstäbe – wie beim Unglücksreaktor in Fukushima – abkühlen, weiterhin im oberen Teil des Reaktors aufgehängt. Genau diese Sonderkonstruktion führte unter anderem in Japan fast zum Supergau im Reaktor 4, zusätzlich zur Kernschmelze in den Reaktoren 1,2 und 3. Wäre das geschehen, wäre wohl die Grossregion Tokio verstrahlt worden.

  • bleibt ein schwerer Atomunfall bis fünf Jahre nach der Stilllegung des AKW Mühleberg jederzeit möglich,


  • bleibt der Rückbau des AKW ein Abenteuer mit ungewissem Verlauf;


  • bleiben unsere AKW das grösste finanzielle Desaster in der Schweizer Geschichte und damit ein Kapitel, das noch etliche Generationen beschäftigen wird;


  • bleibt die Entsorgung von Atommüll weltweit ein ungelöstes Problem.

Niemand will es mehr hören, ich weiss, ich bin eine Stänkerin und höre meine Kritiker schon dagegen halten: „Schliesslich ist die BKW das erste Unternehmen, das ein AKW in der Schweiz abstellt. Schliesslich ist schon bald Ende 2019 … Schliesslich haben wir ja das ENSI! Schliesslich sind wir ein hochtechnisiertes Land, das alles im Griff hat.“

Ich bleibe nachdenklich: Am Tag des Supergaus in Fukushima und in den darauffolgenden Tagen und Wochen traten Vertreter des ENSI fast täglich vor die Medien, um zu berichten, dass unsere AKW sehr viel sicherer seien als die japanischen. Bei uns könne so etwas ausgeschlossen werden. Und trotzdem wurden unsere AKW seither laufend nachgerüstet, um die Sicherheit zu erhöhen, wie das ENSI immer wieder stolz berichtet.

Auf der Homepage des ENSI war vor dem Supergau in Fukushima zu lesen, dass unsere AKW so sicher seien wie die japanischen AKW. Japan wurde dabei sozusagen als die Wiege der modernen Technologien dargestellt. Nach dem Supergau in Fukushima wurde dieser Eintrag gelöscht.

Die BKW streut uns gekonnt Sand in die Augen. Die Medien lassen sich einwickeln. Einzelne wurden persönlich eingeladen und berichten nun als embedded Journalists. Bereits 2017 organisierte die BKW Abschiedstouren durch das AKW, mit Festwirtschaft und Kinderbetreuung. Fehlt nur noch, dass sie auf Schulen zugeschnittene AKW-Mühleberg-Abschiedsanlässe durchführt, damit unsere Schulklassen nicht mehr auf den Mont Crosin pilgern, um die Windturbinen zu besichtigen und zu sehen, wie die Energiezukunft aussieht, sondern beim AKW Mühleberg eine schwarze Schleife der Trauer niederlegen.

Die letzte Revision und die Stilllegung des AKW Mühleberg als glückliches Event zu verkaufen und darüber zu berichten, ist geschmacklos gegenüber den künftigen Generationen, die für das finanzielle Desaster noch so lange bezahlen werden, wie wir uns das heute kaum vorstellen können, auch dann, wenn es zu keinem Zwischenfall kommt. Dies ist aber auch beschämend mit Blick auf die vom Supergau in Fukushima betroffenen zig Tausend Menschen. Sie sind die Zeugen des unverantwortlichen Handelns von AKW-Betreibern und -Aufsichtsbehörden.

Anita Niederhäusern, leitende Redaktorin und Herausgeberin ee-news.ch.

2 Kommentare
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Max Blatter @ 14. Sep 2018 10:24

"Wir"? "Wir" haben gar nichts im Griff! Das ist aber auch nicht unsere Aufgabe. ICH vertraue darauf, dass die BKW als Anlagenbetreiber und das ENSI als Aufsichtsbehörde "alles im Griff" haben, jedenfalls so weit das überhaupt möglich ist. (Wie schon Erich Kästner wusste: Das Leben ist immer lebensgefährlich!) Jedenfalls bin ich überzeugt, dass beide mit vollem Verantwortungsbewusstsein an IHRE Aufgabe herangehen; dafür geht MEIN Dank sowohl an die BKW als auch ans ENSI. Man kann Neil Armstrongs erste Worte auf dem Mond umdrehen: Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Sprung hinein in die Schweizerische Energiewende!

heinbloed @ 13. Sep 2018 00:46

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