09. Aug 2018

Die Bahnstadt in Heidelberg ist aktuell die grösste Passivhaus-Siedlung. Bei einigen Wohnungen sorgen teilweise grosse Balkone für Verschattung. ©Bild: PHI

Bei Hitze öffnen wir in unserem Passivhaus nachts die Fenster. So kühlt das Haus bis zum Morgen angenehm aus. Tagsüber sind die Jalousien geschlossen, damit die Wärme draussen bleibt“, erklärt der Passivhaus-Bewohner Bertold Kaufmann. ©Bild: PHI

Passivhäuser: Praxis belegt angenehmes Klima auch bei Sommerhitze

(PM) Passivhäuser können an heissen Sommertagen spürbar kühler sein als herkömmliche Gebäude. Die gute Wärmedämmung hält die Hitze draussen. Ausserdem gibt es wirksame Strategien zur sommerlichen passiven Nachtauskühlung. Ein angenehmes Sommerklima nachzuweisen ist auch eine der Anforderungen bei der Qualitätsprüfung zum zertifizierten Passivhaus.


"Zahlreiche Beispiele aus der Praxis zeigen sehr deutlich, dass Passivhäuser auch in Hitzeperioden ein gutes und kühles Innenklima aufweisen. Allerdings ist dazu eine fachgerechte Planung unverzichtbar“, erklärt Zeno Bastian vom Passivhaus Institut.

Gute Planung wichtig
Überhitzung in Gebäuden ist im Sommer ein allgemeines Problem, gerade bei konventionellen Gebäuden. Mit Blick auf den Klimawandel wird sich das Problem häufen. Verbreitet wird teilweise die Meinung, dass gerade gut gedämmte Gebäude von Überhitzung betroffen seien. Diese Behauptung ist nicht haltbar. " Es gibt bestimmt auch vereinzelt gut gedämmte Gebäude, die im Sommer überhitzen. Durch eine sorgfältige Planung insbesondere mit dem Planungstool PHPP kann das Problem jedoch schon im Vorfeld vermieden werden. Definitiv überhitzen Gebäude mit keiner oder mit wenig Dämmung. Diese Gebäude sind nicht nur im Sommer zu warm, sondern auch im Winter zu kalt“, so Zeno Bastian. Der Architekt leitet den Bereich Gebäudezertifizierung beim Passivhaus Institut.

Passive Kühlmassnahmen
Passivhäuser zeichnen sich unter anderem durch eine hochwertige Wärmedämmung, Fenster mit Dreifach-Verglasung sowie eine luftdichte Gebäudehülle aus. Im Winter sorgt die Wärmerückgewinnung der Lüftungsanlage dafür, dass die Luft vorgewärmt ins Haus kommt. Was bei Kälte die Wärme im Haus hält, hilft gleichzeitig im Sommer: Die Hitze kommt langsamer ins Haus. Damit sich ein Passivhaus während einer sommerlichen Hitzeperiode möglichst gar nicht oder nur langsam aufheizt, gibt es sogenannte passive Kühlmassnahmen. Die können auch in konventionellen Gebäuden helfen, den sommerlichen Komfort ohne zusätzliche aktive Kühlung weitgehend zu erhalten:

  • Eine aussenliegendeVerschattung ist die erste und wichtigste Massnahme gegen eine Aufheizung der Innenräume. Aussenliegende Jalousien oder Rollos sollten daher an heissen Tagen möglichst ganz geschlossen bleiben. Diese Option ist auch im Altbau gegeben, dort ist jedoch der Wärmeeintrag über Wände und Dach deutlich höher.
  • Passive Nachtauskühlung: im Laufe des Sommertages wird es auch im Passivhaus ein wenig wärmer. Daher ist es wichtig, die Wärme nachts, wenn es kühler ist, am besten über offene Fenster wieder abzulüften. Dadurch kühlen die Innenräume des Gebäudes ab. Die Wände und Decken speichern dann diese Kühle für den nächsten Sommertag. Diese Option ist auch im Altbau gegeben. Im Passivhaus hält der kühle Zustand jedoch deutlich länger.
  • Wenn es nicht möglich ist, Fenster zu öffnen, dann kann nachts kühle Aussenluft auch über die Lüftungsanlage (Sommerbypass) in die Wohnung gesaugt werden. Da die Lüftungsanlage jedoch kleinere Luftmengen ins Haus bringt als geöffnete Fenster, ist die nächtliche Fensterlüftung effektiver.
  • Ist es am Vormittag nach der nächtlichen Abkühlung drinnen kühler als draussen, dann sorgt die Wärmerückgewinnung der Lüftungsanlage im Passivhaus dafür, dass die frische Luft schon vorgekühlt ins Haus kommt: Die Lüftungsanlage gibt die Wärme der Aussenluft an die Abluft ab, bevor sie ins Gebäudeinnere kommt. Die Abluft wird nach aussen abgeführt. Nach innen gelangt dann nur die vorgekühlte Luft. Diese Option gibt es nur bei einem Passivhaus mit einer Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung.
  • Energieeffiziente Haushaltsgeräte und energiesparende Beleuchtung senken nicht nur die Stromrechnung. Sie produzieren auch weniger unnötige Abwärme. So bleibt das Haus im Sommer länger kühl.
  • Warmwasserleitungen müssen gut wärmegedämmt sein. Das reduziert nicht nur die Energieverluste, sondern mindert auch die Aufheizung der Innenräume im Sommer.

Qualität prüfen
Wenn ein Passivhaus-Zertifizierer damit beauftragt wird, die Qualität der Planung zu prüfen, dann untersucht er auch das sommerliche Verhalten des Gebäudes. Werden die Kriterien für die sommerliche Behaglichkeit nicht eingehalten, wird er eine Änderung der Planung veranlassen. In besonderen Fällen können zusätzliche Massnahmen oder auch eine aktive Kühlung eine zweckmässige Ergänzung sein. Zum Beispiel dann, wenn sommerliche Lüftungsstrategien in Innenstädten wegen Verkehrslärm oder wegen Einbruchschutz nicht umsetzbar sind, wenn extreme klimatische Bedingungen herrschen oder wenn ein geänderter bzw. ein erhöhter Komfortanspruch besteht.

Aktive Kühlung in Einzelfällen
Zu den besonderen Fällen zählen in Deutschland derzeit vor allem Bürogebäude mit erhöhten internen Wärmelasten. Ausserdem kann es in besonders stark verdichteten Innenstadtlagen einen längeren Zeitraum geben, in dem die nächtliche Abkühlung nicht weit genug geht. Dann kann es notwendig werden, auch in Wohngebäuden eine kleine aktive Kühlung vorzusehen.

Kühlung mit erneuerbarer Energie
Wegen der geringen Wärmelasten reicht im Pass ivhaus in jedem Fall ein kleines Kühlgerät mit geringer Leistung und damit geringem Stromverbrauch aus. „Eine Photovoltaikanlage produziert gerade an heissen Sommertagen besonders viel Strom. Wer diese auf dem Dach installiert, kann mit selbst erzeugter erneuerbare r Energie direkt das Kühlgerät seines Passivhauses versorgen“, so Zeno Bastian. Das Passivhaus Institut empfiehlt, vor dem Einbau bzw. der Nachrüstung mit einer aktiven Kühlung eine fachgerechte Beratung einzuholen.

Text: Passivhaus Institut

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