28. Jul 2018

Eine ehrliche und fundierte Debatte darüber, ob zu Teilen des Netzausbaus realistische Alternativen bestehen, hat aus der Sicht des Wissenschaftlers bisher jedoch kaum stattgefunden. Bild: Öko-Institut

Broschüre "Transparenz Stromnetze": Netzausbau in Deutschland benötigt klares Energiewende-Konzept

(ee-news.ch) Solange unklar ist, ob im in Deutschland 2030 Kohlekraftwerke mit einer Leistung von null oder über 30 GW Leistung betrieben werden und die Spannweite der erneuerbaren Erzeugungsleistung bei 150 bis 220 GW liegt, kann eine sachgerechte Netzplanung kaum gelingen. Es gibt Hinweise, dass durch eine stark dezentral ausgeprägte Energiewende einzelne Elemente des geplanten Netzausbaus vermieden oder zeitlich verschoben werden könnten. Das zeigt der Bericht "Transparenz Stromnetze" des Öko-Institut.


Die Energiewende in Deutschland zügig strukturieren, Effekte einer Dezentralisierung umfassender analysieren und ein „Expertengremium Netze“ einrichten: Dies sind einige der übergeordneten Empfehlungen des Projekts Transparenz Stromnetze, dessen Ergebnisse nun in der Broschüre „Transparenz Stromnetze – Stakeholder-Diskurs und Modellierung zum Netzausbau und Alternativen“ öffentlich zur Verfügung stehen. Im vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt hat das Öko-Institut Entwicklungsszenarien im Stromsektor untersucht, die über den aktuellen Netzentwicklungsplan hinausreichen.

Im Fokus: erneuerbare Energien, Kohleausstieg und dezentrale Energiewende
Zu den wichtigsten untersuchten Szenarien gehören der Verzicht auf die HGÜ-Leitung (Hochspannungs-Gleichstromübertragung) Südostlink, der zügige Kohleausstieg, die dezentrale Energiewende sowie der Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien auf 85 Prozent des Bedarfs. Alle Szenarien wurden in einem Partizipationsprozess von verschiedenen Interessensgruppen definiert und nach der Analyse des Öko-Instituts intensiv diskutiert.

„Die aktuellen Szenarien des Netzentwicklungsplans sind ambitionierter als frühere Varianten“, hebt Christof Timpe, Leiter des Bereichs Energie & Klimaschutz am Öko-Institut, hervor. „Doch gibt es auch weiterhin kein Szenario, das die Verpflichtung zur CO2-Minderung abbildet, die sich für Deutschland aus der Klimaschutz-Vereinbarung von Paris ergibt.“

Politische Entscheidungen dringend notwendig
Um über einen geeigneten Aus- und Umbau des Stromnetzes entscheiden zu können, empfiehlt das Öko-Institut mit Blick auf die deutsche Bundesregierung und Bundestag, die anstehenden Schritte der Energiewende zügig zu definieren. Dazu bedarf es rascher energie- und klimapolitischer Entscheidungen – nicht nur über die quantitativen Ziele für die Minderung von Treibhausgasen, sondern auch über den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien und einen baldigen Kohleausstieg. „Solange unklar ist, ob im Jahr 2030 Kohlekraftwerke mit einer Leistung von null oder über 30 Gigawatt Leistung betrieben werden und die Spannweite der erneuerbaren Erzeugungsleistung bei 150 bis 220 Gigawatt liegt, kann eine sachgerechte Netzplanung kaum gelingen“, so Timpe. „Auch wenn der Netzausbau nicht grundsätzlich in Frage zu stellen ist, so besteht doch das Risiko, dass das Netz anders ausgebaut wird, als es später tatsächlich benötigt wird.“

Reduzierter Netzausbau erfordert ehrliche Debatte
Kritiker der aktuellen Netzentwicklungspläne verweisen darauf, dass durch eine dezentral ausgestaltete Energiewende ein Teil des Netzausbaus vermieden werden könnte. „Es gibt in der Tat Hinweise, dass durch eine stark dezentral ausgeprägte Energiewende einzelne Elemente des heute geplanten Netzausbaus vermieden oder zumindest zeitlich verschoben werden könnten“, so Timpe. „Dies wäre aber nur möglich, wenn wir uns gesellschaftlich darauf verständigen könnten, einen sehr starken Zubau von Windkraftanlagen nahe der Zentren des Stromverbrauchs zu akzeptieren.“ Eine ehrliche und fundierte Debatte darüber, ob zu Teilen des Netzausbaus realistische Alternativen bestehen, hat aus der Sicht des Wissenschaftlers bisher jedoch kaum stattgefunden.

Text: ee-news.ch, Quelle: Öko-Institut

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