29. Jun 2018

Helge Hartwig: „Es geht in allen Photovoltaik-Segmenten behutsam aufwärts, so dass sich die Frage stellt, wie steil die Wachstumskurve sein wird. Das ist nicht zuletzt auch branchenintern eine strategische Frage.“ ©Bild: Ernst Schweizer AG

Helge Hartwig: „Ich glaube nicht, dass es für die Photovoltaik standardisierte Fassadensysteme geben wird.“

(AN) „Im Normalfall wird in Deutschland versucht, auf Eigenverbrauch zu setzen, da er in vielen Fällen bereits wirtschaftlich ist. Die Förderung über das EEG ist eine Art Backup.“ Ein Standgespräch am 21.6.18 in München mit Helge Hartwig, Leiter Verkauf und Technik PV-Montagesysteme von der Ernst Schweizer AG.


An der Intersolar Europe in München schauen wir bei Unternehmen vorbei, um uns mit ihnen über Produkte und Projekte auszutauschen. Da Helge Hartwig seit langem im Photovoltaikmarkt tätig ist und einen guten Einblick in die neusten Entwicklungen hat, geht dieses Gespräch über die Produkte der Ernst Schweizer AG hinaus.

Herr Hartwig, wir haben Donnerstag kurz nach 9 Uhr. Gestern war der erste Messetag. Sind Sie gut gestartet?
Doch, sehr gut! Wir sind zwar in Halle A3, so dass es morgens immer eine Weile dauert, bis die Besucher durch die beiden ersten Hallen bis zu uns gelangen. Aber die Messe ist für uns dennoch sehr gut gestartet.

Vor einem Jahr haben Sie davon gesprochen, dass sich in Deutschland eine zaghafte Wende ankündigt. Nun sagt der deutsche Bundesverband Solarwirtschaft für Deutschland einen Leistungszuwachs von 40 bis 50 Prozent an. Was sind die Treiber dafür?
Die Bedingungen haben sich etwas verbessert, so dass die Photovoltaik immer profitabler wird und die Branche an Fahrt gewinnt. Es brauchte auch einfach Zeit nach den rabiaten Kürzungen der Förderungen in den vergangenen Jahren, bis die Hausbesitzer wieder an die Photovoltaik glaubten.

Sprechen Sie die Änderungen hin zu den Ausschreibungen an?
Nein, die Ausschreibungen betreffen uns nicht, da wir ja mit Solrif und mit dem MSP ausschliesslich auf dem Dach unterwegs sind (siehe Textkasten). Und auch weil der Preiskampf in diesem Segment sehr extrem ist und wir zudem noch von der Schweiz aus den Markt bearbeiten.

Aber die Einspeisevergütung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz gibt es noch?
Die gibt es noch für uns und ist für die Ausschreibungsobergrenzen entscheidend. Die liegt im Moment in Deutschland bei 750 kW, sprich bei Anlagen bis zu dieser Grenze kommen wir mit unseren Montagesystemen immer wieder mal zum Zug.

Und für Anlagen bis zu 750 kW gibt es noch eine garantierte Einspeisevergütung?
Genau, wenn auch eine bescheidene. Das ist eine Art Backup für diese Anlagen, sozusagen die Rückfalloption. Im Normalfall wird in Deutschland versucht, auf Eigenverbrauch zu setzen. Es gibt in Deutschland auch Mieterstrommodelle, so dass sich für alle die Frage stellt, ob sich Eigenverbrauch lohnt. Die Bedingungen sind ähnlich wie in der Schweiz, es gibt eine Einspeisegrenze, ich bin mir nicht mehr sicher ob es im Moment 70 oder 90 Prozent sind.

Insgesamt sind die Modelle denen in der Schweiz sehr ähnlich, ausser dass man in Deutschland den Solarstrom nicht mehr jederzeit vollständig einspeisen kann und es verstärkt zu Eigenverbrauch geht. Sprich, das Nadelöhr ist an einer anderen Stelle als in der Schweiz. Offensichtlich sind die Systeme zum Mieterstrom jedoch kompliziert und es braucht sehr viel Papier dafür, deswegen haben sie sich noch nicht so schnell entwickelt. Aber das gewinnt langsam an Bedeutung.

Ich stelle fest, dass die Anlagen tendenziell etwas kleiner gebaut werden und sich die Frage der Batterie fast immer stellt, da Anlagen auch abgeregelt werden können. Ohne Speicher erreichen die Anlagen oft rund 30 Prozent Eigenverbrauch, mit Speicher sind auch 60 Prozent möglich. Daher wünschen sich viele Kunden einen Speicher.

Also alles im grünen Bereich?
Insgesamt nimmt die Branche wieder etwas an Fahrt auf, das sagt nicht nur der BSW Solar, sondern das wurde auch an einem europäischen Meeting festgestellt. Aber unter den Regierenden gibt es eine extreme Furcht, dass sich irgendein Parameter dreht und es plötzlich wieder einen so starken Zubau geben wird, wie in den Boomjahren in Deutschland. Daher wird im Zweifelsfall dann kaum etwas an der Förderung geändert oder es werden eben relativ komplexe Mieterstrommodelle eingeführt, über die in einem Haus mehrere Mieter mit Strom vom Dach versorgt werden.

Also entwickelt sich der Markt besser, weil in allen Segmenten etwas mehr läuft?
Das ist in der Tat so, es geht in allen Segmenten behutsam aufwärts, so dass sich die Frage stellt, wie steil die Wachstumskurve sein wird. Das ist nicht zuletzt auch branchenintern eine strategische Frage: Will man eher etwas optimistischer schätzen, um den Markt zu befeuern und die in Deutschland erwünschten zwei Gigawatt Zubau zu erreichen, oder schätzt man etwas vorsichtiger, so dass man in die Reichweite von 2 Gigawatt Zubau kommt?

Sind die denn in Reichweite?
Doch, das könnte möglich sein. Letztes Jahr wurden 1.7 Gigawatt gebaut und 2018 ist erfreulich gut gestartet.

Und die Marktaussichten in der Schweiz?
Für uns ist es insbesondere wichtig, dass wir neben dem Integrationssystem Solrif jetzt auch das Flachdach System für Süd und Ost-Westausrichtung(MSP-FR-S, MSP-FR-EW) haben, die wir behutsam weiterentwickelt haben. Denn die Montagesysteme sind kein Boommarkt. Jüngstes Beispiel dafür, wie schwierig der Markt ist, ist das Unternehmen Schletter, dass im April Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet hat. Das Unternehmen hat viele Jahre konsequent ausschliesslich auf Montagesyteme gesetzt: Die Produkte wurden geprüft, waren gut dokumentiert und es gab für jede Anwendung auch noch die passende Schraube. Schletter hat auch immer die neuen interessanten Märkte bearbeitet, hatte viele Niederlassungen, auch in den USA.

Bei der Ernst Schweizer AG sind wir sehr viel vorsichtiger unterwegs, sicherlich auch, weil wir Teil einer Firma sind, die breit aufgestellt ist und die „Booms und Busts“ wenn möglich vermeidet, da wir langfristig wachsen wollen. Wir sind gespannt, ob Schletter sich wieder zurückmeldet, falls ja, sind sie vermutlich sehr viel schlanker aufgestellt.

Wir haben vorhin darüber gesprochen, dass noch die Angst besteht, der Photovoltaikmarkt könne wieder nach oben durchbrechen
Das ist vor allem in Deutschland der Fall. Und auch Länder, die neu am Markt sind, versuchen diese Entwicklung zu vermeiden. Überall stellt sich ja auch die Frage, inwieweit die Energieversorgungsunternehmen (EVU) Teil vom Business werden oder nicht. Solange noch nicht geklärt ist, wer sich um die Infrastrukturen kümmert und wie die dann bespielt werden, wird versucht, den Marktzuwachs zu drosseln.

Eine notwenige Bremse?
Es ist natürlich schon klar, dass wir eine gute Infrastruktur brauchen. Und wir brauchen meiner Meinung nach auch sehr viel mehr erneuerbaren Strom, um den Atom- und Kohlestrom abzulösen. Aber ich glaube, dass man auf der Bremse bleibt, weil die grossen Energieversorger noch daran sind, sich neu zu organisieren. Verschiedene EVUs haben sich nun auf verschiedene Sparten spezialisiert. Der eine macht mehr Infrastruktur, der andere mehr Netzdienstleistungen und so weiter. Aber es ist absehbar, dass sich die EVUs im erneuerbaren Bereich in Stellung bringen, bis hin zu E.on, E.off, also Badbanks, in die die risikoreichen Technologien ausgelagert werden, und alles andere, was zukunftsfähig ist, von den Mutterhäusern weiter betrieben wird.

Gibt es noch irgendeinen Stolperstein, der die Photovoltaik in Europa ausbremsen könnte?
Nein, das glaube ich nicht, denn einerseits sind wir zu weit, andererseits hat sich die Photovoltaik bewährt. Nun kommt die Intelligenz der ganzen Systeme ins Spiel, mit der sehr viel aus der Produktion rausgeholt werden kann, auch dank Apps. Da sind wir dann beim Thema Datenschutz, das wir ja von anderen Bereichen her kennen. Mit dem muss man im Strombereich noch etwas ungenierter umgehen, dann kann das auch ein sehr interessantes Business sein. Die Intelligenz muss noch ins System rein, und dann können wir wieder Gas geben. Ich vermute, dass man sich in Ländern wie Deutschland, in dem schon 43 Gigawatt insgesamt installiert sind phasenweise mehr als 7 GW pro Jahr, sagt, wenn wir dann so weit sind, dann geben wir wieder Gas und dann kommen wir sehr schnell zu mehr Solarstrom.

Wenn der Preis noch einmal sinkt, wird sich meiner Meinung nach die Photovoltaik einfach durchsetzen
Ich bin bei der Preisfrage da anderer Meinung: Den Preiskampf, den sich die Branche zum Teil heute bietet, finde ich ungesund. Eigentlich ist die Photovoltaik ja heute schon konkurrenzfähig. Es ist eher aus der Dynamik heraus, dass die, die Anlagen bauen wollen, feststellen, dass der Kampf um Preisnachlässe nach wie vor funktioniert. Wenn ein Preis in Frage gestellt wird, gibt es Preisnachlässe. Das ist ein Überbleibsel aus der Zeit, als die Branche noch in der Konsolidierung war. Die einen machen da noch mit, die anderen sagen, darum geht es schon lange nicht mehr, sondern es geht darum, dass man ein verlässlicher Partner ist. Die Anlagen müssen langfristig Qualität aufweisen, und der Installateur übernimmt ja auch die Gewährleistung.

Daher finde ich, wir müssten eher rauf mit den Preisen. Mich ärgert das, wenn die Medien immer wieder auf den Preisen rumreiten. Nicht nur der Preis des Stroms ist entscheidend, sondern Solarstrom hat auch einen ideellen Wert, es geht ja auch um Unabhängigkeit, Klimaschutz und eine Energiewende, die viele Qualitäten hat. Doch das wird überhaupt nicht thematisiert. Auch davon, dass die Netze entlastet werden, wird nicht gesprochen.


Ernst Schweizer AG – langjährige Erfahrung mit Montagesystemen

An der Intersolar stellte die Ernst Schweizer AG seine Montagesysteme Solrif und MSP vor. Ein Gespräch mit Helge Hartwig, Leiter Verkauf und Technik PV-Montagesysteme der Ernst Schweizer AG, über die Weiterentwicklungen.

Herr Hartwig, w
as stellen Sie aus?
Wir haben wie immer ein paar Innovationen dabei. Das ist das SolarTerra-Modul mit dem farblich entsprechenden Solrif-Montagesystem (siehe ee-news.ch vom 5.10.17 >>). Es ist unser farblicher Eyecatcher auf dem Stand. Andere Anbieter zeigen ihre Module an der Intersolar auch mit dem Solrif-System, aber bei denen ist es natürlich die schwarze Version. Die Terrakotta-Version eignet sich vor allem für Gebäude, die unter Heimatschutz stehen und wurde eigens für die SolarTerra-Module produziert. Für den Export liefern wir in rund 60 % der Fälle immer einen Rahmenbausatz für die Module sowie eine Einfassung.

Gibt es denn Weiterentwicklungen des MSP-FR-EW-Systems?
Wir haben von Hilti ja im Prinzip zwei Systeme übernommen und nun vier daraus entwickelt, die zusammenpassen und mit relativ wenig Komponenten auskommen. Ost-West-Ausrichtung und Schrägdach hatten wir bereits, nun bieten wir das System auch so an, dass es als alleinstehendes System nach Osten, Westen oder Süden aufgeständert werden kann. Wir haben das mit sehr wenig neuen Teilen gemacht und auch unsere bewährte Lastwanne aus der Ost-West-Variante dazu angepasst. Zudem haben wir das Trapezblech weiterentwickelt, das nun nur noch mit 4 statt wie von Hilti angedacht mit 9 Schrauben befestigt wird.

Und alle diese Systeme passen zusammen, die Klemmen sind zum Beispiel überall dieselben, da waren die Systeme bei Hilti noch nicht so kompatibel. Ganz neu dazugekommen ist ein Einlegesystem, das wir von der Firma Bosshard übernommen und verbessert haben. Damit haben wir ein überschaubares Sortiment, mit dem wir jedoch alle wichtigen Anwendungen abdecken können.



Gibt es noch neue Entwicklungen bei der Photovoltaik, die in der letzten Zeit veröffentlicht wurden?
Weniger bei der Photovoltaik selber als beim elektrischen, bei intelligenten Speicher- und Ladesystemen, bei der Haustechnik und Gebäudeautomation, da gibt es neue Entwicklungen, die mich nicht in dem Sinne überrascht haben, aber die zeigen, wie Vernetzung fortschreitet.

Gibt es bei den Montagesystemen noch bahnbrechend Neues?
Diesbezüglich wurde ich auch schon gefragt, wo die Reise hingeht. Mit Schrauben und so, das ist zwar ganz nett. Aber der Punkt ist: Ich habe ein Produkt und das funktioniert. Bei der Ballastierung kommen wir zum Beispiel mit deutlich weniger Gewicht aus als andere. Die Frage ist, wo ist da der Trick. Wir sind auf jeden Fall erfreut, dass die, die Neuentwicklungen rausbringen, auch nicht mit weniger Gewicht auskommen. Wir fragen uns natürlich immer, ob alles passt, auch vor dem Hintergrund, dass die Stürme immer heftiger werden, die Extremereignisse immer häufiger. Da stellt sich die Frage, ob die Montagelösungen, auch wenn sie normengerecht ausgelegt werden, sicher genug sind. Wenn dann häufiger etwas in dem Bereich passiert, der nicht von der Norm abgedeckt wird, ist das auch nicht schön, dann müssen die Lösungen angepasst werden.

Die Ernst Schweizer AG ist ja mit Solrif und den anderen Montagesystemen genau am richtigen Punkt, wir wollen ja in der Schweiz 50 % des Strombedarfs auf und ums Gebäude produzieren!
Genau, und da sind wir natürlich bei Schweizer mit unserer Erfahrung im Fassadenbau auch die Richtigen. Und auch weil für uns das Bauen für Mensch und Umwelt im Zentrum steht.

Die heisse Frage ist natürlich, wie bringt man Photovoltaik in die Fassade rein. Ich habe mich ja auch selber lange mit dieser Fragestellung der Integration beschäftigt und ich bin etwas skeptisch, dass man von den Unikaten wegkommt. Ich frage mich, ob fassadenintegrierte Photovoltaik nicht doch weiterhin ein Projekt bleibt und nur in kleinem Masse ein Produkt wird.

Sie befürchten, dass die Gebäudeintegration auch weiterhin nur als Einzellösung realisiert werden wird?
Die Standardisierung, die auf dem Dach möglich ist, ist in der Fassade fast nicht denkbar, weil jedes Gebäude wieder ein Unikat ist. Denn der Architekt will sich von dem abheben, was die anderen machen. Jeder hat seine Handschrift und variiert über ein Thema. Es gibt ja auch sehr viele verschiedene Fassadentypen, verputzte, hinterlüftete, vorgehängte, das sind ja alles schon bedeutende Unterschiede. Also bleibt uns nichts Anderes übrig, als uns relativ flexibel an die Wünsche des Architekten anzupassen. Wir beobachten die Entwicklung, suchen in unseren Projekten die besten Lösungen und ich sehe, dass wir uns auf die Projekte einlassen müssen. Daher denke ich nicht, dass es für die Photovoltaik standardisierte Fassadensysteme geben wird.

Weitere Standgespräche von der Smarter E, Intersolar Europe, EES, Power2Drive und EM-Power:

©Interview: Anita Niederhäusern, Herausgeberin und leitende Redaktorin ee-news.ch

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