04. Mai 2018

Adrian Kottmann: „Wir befinden uns also in einer spannenden Zeit. Spannend vor allem, wenn man sich in das Thema vertieft und die Gesetze und Verordnungen liest und sich schlau macht, denn dann hat man einen Marktvorteil.“

Adrian Kottmann: „Photovoltaikleistung wird sekundär, Cleverness ist gefragt!“

(AN) „Ich bin überzeugt, dass eine Zeit kommen wird, in der EWs sich bei jedem Hausbesitzer, der eine Photovoltaikanlage baut, bedanken werden und die anderen darum bitten werden nachzuziehen!“ erklärt Adrian Kottmann, Inhaber von BE Netz in Ebikon. Ein Gespräch über die Chancen und Hürden des neuen Energiegesetzes am Rande der Photovoltaiktagung.


Was hat sich mit
dem Inkrafttreten des neuen Energiegesetzes auf den 1.1.18 geändert?
Es hat sich sehr viel geändert. Ich finde die Energiestrategie sehr gut, weil für alle Bereiche der erneuerbaren Energien versucht wurde, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Das wichtigste Element unter den Neuerungen ist der Zusammenschluss für den Eigenverbrauch (ZEV). Dieser macht zwar nur einen kleinen Teil des neuen Gesetzes und der dazugehörenden Verordnungen aus, hat aber grosse Wirkung, denn er öffnet den Markt. Anders ausgedrückt: Heute ist es günstiger, mit Photovoltaik Strom zu produzieren, der kostet rund 15 Rappen die Kilowattstunde, als den Strom vom Energieversorger zu kaufen. Jetzt geht es darum, diesen günstigen Solarstrom intelligent zu verteilen. Mit dem Zusammenschluss für den Eigenverbrauch kann ich über die Nachbarschaft hinaus gehen und Areale bilden, das ist zwar nicht so einfach, aber wir haben viel mehr Spielraum, um etwas zu entwickeln. Es geht darum, die Energie vor Ort effizient zu verbrauchen, zu verkaufen und die Energieflüsse zu optimieren.

Also geht es gar nicht mehr primär um die Photovoltaik?
Sie steht jetzt nur noch am Rande als eigentlicher Auslöser, aber das ist ja gerade das Schöne daran: Mit der Photovoltaik fängt ein Projekt an und es hört dann schlussendlich beim ZEV mit der Monatsabrechnung auf. Dazwischen befinden sich die Speicherung – mit elektrischem Speicher und Warmwasserspeicher –, die Haustechnik, die Möglichkeiten der Optimierung der ZEV mit den Mietern oder der Nachbarschaft. Es gibt viel Spielraum, die ZEV gut zu organisieren. Das sind ganz neue Möglichkeiten, was ich als Revolution ansehe.

Also alles im grünen Bereich?
Nicht ganz, der Knackpunkt ist, dass zunächst die Gesetze und die entsprechenden Verordnungen gewälzt werden müssen. Damit fühlen sich viele Installateure überfordert, aber auch EWs haben ihre Mühe mit dieser Situation. Und die sagen, das könne doch nicht sein, sie seien doch für die Versorgungssicherheit zuständig und nicht fürs Wälzen von Gesetzestexten. Es gibt auch EWs, die cleverer reagieren und sich sagen, dass das nun die Marktwirtschaft ist. Diese Unternehmen sehen die dezentralen Stromproduzenten dann auch als Kunden an.

Treten denn einge EWs auch als direkte Mitbewerber auf, zum Beispiel von BE Netz?
Es gib EWs, die entscheiden, sich vom Photovoltaikmarkt zurückzuziehen, diese sehen ihren Auftrag darin, das Netz und dessen Nutzung sicherzustellen – diese Aufgaben bleiben auf jeden Fall bei den EWs. Das ist klar, dafür werden wir sie auch brauchen. Es gibt aber auch EWs, die den Verlust jedes Kunden als schlimm empfinden. Die wollen unbedingt in diesen Markt rein, da wird etwas gewurstelt, auch mit unfairen Mitteln. Zu diesen Mitteln gehören zum Beispiel unterschiedliche Preise, die für die Rücklieferung bezahlt werden. Ausserdem werden Dienstleistungen angeboten, die sich auf Informationen aus dem Monopolbereich stützen, und in der Werbung wird den Kunden suggeriert, dass sie ihre Solaranlage beim EW bestellen müssen, ansonsten seien die Anlagen vielleicht nicht sicher. Hier nutzen einige EWs ihre Stellung aus. Aber wir nehmen das sportlich! Das ist ja nichts Neues…

Diese Mitbewerber aus dem Monopolbereich und die vielen Verordnungen sind folglich die beiden Hauptstolpersteine?
Es gibt natürlich auch noch die Netzregulatoren, die die Werkvorschriften verteidigen. Die Beweggründe dahinter sind dieselben wie damals bei der PTT. Was dort vor 20-25 Jahren passiert ist, geschieht jetzt auch bei den EWs. Und davon gibt es in der Schweiz 600 oder 700, ganz klar, dass es ein Gerangel gibt.

Wir befinden uns also in einer spannenden Zeit. Spannend vor allem, wenn man sich in das Thema vertieft und die Gesetze und Verordnungen liest und sich schlau macht, denn dann hat man einen Marktvorteil. Das Schöne daran ist, dass jetzt ein junger dynamischer Unternehmer einem alten, über 100-jährigen EW erklären kann, was Sache ist.

Inwieweit wird es noch Änderungen auf Gesetzes- und Verordnungsebenen geben?
2018 wird natürlich noch sehr viel bereinigt werden. Die Tarife sind zum Beispiel noch nicht angepasst. Es wird ja neue Tarifgruppen geben. Da wird sich zeigen, welche EWs diese als Chance auffassen. Ich sage nach wie vor, dass das neue Energiegesetz für alle eine Win-win-Situation ist, auch für die EWs. Wenn diese das richtig angehen, werden sie selbstverständlich ihren Markt und ihre Verantwortung haben. EWs sollten uns Installateure jedoch als Partner betrachten und nicht als Gegner.

Werden die Branche und die Eigenproduzenten von den EWs immer noch als Gegner wahrgenommen?
Es gibt immer noch einige EWs die darunter leiden und gefrustet sind.. Ich bin überzeugt, dass das ein Glück ist und dass es eine Zeit geben wird, wo die EWs jedem, der eine Solaranlage baut, danke sagen werden, und den anderen sagen werden, macht doch auch eine! Heute ist häufig noch das Gegenteil der Fall, denn der neue Produzent bringt für den EW Arbeit mit sich.

Das BFE hat die 2-jährige Warteliste der Kleinen Einmalvergütung (KLEIV) auf einen Schlag abgebaut. Das waren alles bestehende Anlagen. Inwieweit hat dies direkte Auswirkungen auf den Geschäftsgang von BE Netz?
Es beeinflusst den Markt schon, dass die Anlagebesitzer jetzt ihre Fördergelder erhalten. Es ist schlecht für den Markt, wenn die Anlagebesitzer so lange auf ihre Förderbeiträge warten müssen. Denn unsere besten Werbeträger sind die bestehenden Kunden. Weil die dann erzählen, dass die Anlagen gut sind, sie Strom produzieren und auch die Fördergelder geflossen sind. Denn meistens baut ein Betreiber nur einmal eine Anlage. Darum fruchtet das, wenn er begeistert ist und dies seinem Nachbarn erzählt. Von daher war es sehr wichtig, dass der Bund die Gelder jetzt freigibt. Bei der Grossen Einmalvergütung (GREIV) beträgt die Wartefrist ja sechs Jahre, das ist schon etwas unglücklich.

Ist denn die GREIV nicht eine Totgeburt?
Sie ist zumindest keine ganz glückliche Lösung. Sie ist ein gutes Instrument fürs Marketing. Aber es gibt auch einen Mitnahmeeffekt, der darin besteht, dass die Wirtschaftlichkeitsrechnung an die GREIV angepasst wird. Angesichts der langen Wartefristen gibt es aber auch eine gewisse Zurückhaltung. Wenn jemand, der eine Anlage baut, darauf angewiesen ist, dass er die Förderung jetzt erhält, hilft die Wartefrist nicht. Aber auf lange Sicht wird das Instrument schon helfen. Momentan befinden wir uns jedoch noch in einer Art Lethargie. Der Funken ist noch nicht übergesprungen, aber ich bin überzeugt, dass die Anlagen gebaut werden, weil man mit den Fördergeldern rechnen kann. Auch wenn das Geld erst später kommt, die GREIV wird funktionieren.

Bei einer Wartefrist von sechs Jahren fragen sich schon viele, ob das Geld dann wirklich ausbezahlt wird
Das Geld wird ganz sicher kommen, davon bin ich überzeugt. Ich bin auch davon überzeugt, dass es bei den Verordnungen noch ein paar Revisionen geben wird, aber das Energiegesetz steht. Und ich bin der Meinung, dass es gut gelungen ist. Es ist auch klar, dass aufgrund der Sunsetklausel die Einspeisevergütung für Neuanlagen auslaufen wird und dann 2030 die Einmalvergütung für die Photovoltaik ebenso. Ich finde das richtig. Ich bin überzeugt, dass die Technologie ab 2030 auch ohne direkte Förderung auskommen wird. Ich war immer der Meinung, dass es eine Anschub- und nicht eine Dauerfinanzierung braucht. Wir können nun beweisen, dass dem so ist und mit der ZEV, KLEIV und der GREIV haben wir neue Möglichkeiten an der Hand. Da die Rückliefertarife zurzeit noch etwas tief sind, müssen wir die Anlagen zwar etwas kleiner planen, aber das wird sich einpendeln.

Inwieweit ist die GREIV für die KMU überhaupt ein gutes Angebot. Gibt es so viele KMU, für die die GREIV überhaupt in Frage kommt, so dass sich das auch positiv auf die Photovoltaiknachfrage auswirkt, auch wenn die Einmalvergütung erst später ausbezahlt wird?
Das Instrument GREIV profitiert davon, dass Geld, das auf der Bank liegt, praktisch nicht verzinst wird. Der Besitzer eines Gewerbegebäudes, das schon auf dem neusten Stand ist, erzielt keine Wertschöpfung, indem er die Büromöbel gegen neue austauscht. Daher ist es sinnvoller, das Geld auf dem Dach zu investieren, auch wenn es zurzeit noch nicht wirtschaftlich ist. Das ist nicht relevant, denn dank dieser Investition kann der Besitzer Steuern sparen. Ein KMU oder ein Gewerbler zahlt ja auf seinem Gewinn 20-30 Prozent Steuern. Die Photovoltaikanlage auf dem Dach ist folglich auch ein Mittel, die Höhe der Steuerzahlung zu reduzieren.

Ich bin überzeugt, dass das noch für viele Betriebe eine Option ist. Auch die, die sich noch nicht mit der Möglichkeit befasst, selbst Strom zu produzieren, weil es normal ist, die Energie vom EW einzukaufen. Es gibt ja auch viele Unternehmen, die auf dem freien Markt Strom einkaufen könnten und dies nicht tun, weil es ihnen zu kompliziert erscheint. Wenn sich diese KMU oder Dienstleistungsunternehmen die Zeit nehmen und die Möglichkeiten anschauen, wo sie investieren können, werden sie merken, dass eine Investition in eine Photovoltaikanlage unter dem Strich eine gute Sache ist und dass sie auch grosse Photovoltaikanlagen bauen können, deren Leistung über 100 Kilowatt liegt. Wenn sich ein Unternehmen dazu entscheidet, investiert es dieses Jahr 300‘000 Franken und freut sich, wenn in sechs Jahren ein Teil davon über die GREIV zurückkommt. Für die Buchhaltung ist die Anlage eine Ausgabe und der Betrag, der in sechs Jahren ausgezahlt ist, ist es dann ein Beitrag an die Pensionskasse. Ich bin überzeugt, dass das Zinsumfeld und auch die Banken, die, obwohl ihnen das Geld nichts kostet, immer noch Angst davor haben, das Geld auszugeben, ein Teil der Unternehmen ihre Gewinne auch in Photovoltaikanlagen investiert wird. Es braucht einfach Zeit.

Ein Beispiel?
Ein Betrieb mit einem jährlichen Eigenverbrauch von ca. 50‘000 Kilowattstunden bezahlt relativ viel für den Strom. Vielfach weisen solche Verbräuche hohe Leistungsspitzen auf, so dass es keine Seltenheit ist, wenn ein solcher Betrieb für die Kilowattstunde 30 Rappen bezahlt. Baut ein solches Unternehmen eine Photovoltaikanlage und schliesst sich mit seinem Nachbarn zusammen, hat es zwei Vorteile: Es verbraucht seinen eigenen Strom selbst und das zu Gestehungskosten von 15 Rappen und es kann dank dem Zusammenschluss mit einem benachbarten Unternehmen die Energie auf dem freien Markt einkaufen kann, da der Verbrauch des ZEV über 100‘000 Kilowattstunden steigt. Eine solche Anlage kann sehr schnell wirtschaftlich sein. Bei den Gewerbebetrieben gibt es da noch das Problem der Überproduktion an Wochenenden, doch hier gilt es zu überlegen, ob noch ein Restaurant in den Zusammenschluss aufgenommen werden kann, oder Wohnungen. Daraus können sich sehr spannende Lösungen ergeben.

Spannend ist, dass Cleverness gefragt ist, wenn es darum geht, Photovoltaikanlagen für die Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch zu bauen, denn hier geht es auch um architektonische Fragen. Es reicht nicht mehr zu sagen, das ist ein wahnsinniges Dach, da machen wir 100 Kilowatt drauf, speisen ein und erhalten dafür die KEV. Diese Denkweise ist vorbei. Jetzt geht es um die Architektur der Zusammenschlüsse. Wir als Unternehmen müssen intelligent an die Sache herangehen und dem Kunden auch vermitteln, wie wichtig Beratung ist.

Gibt es neue Entwicklungen in der Branche, die Sie verfolgen?
Ja, ich denke dabei vor allem an die architektonische Integration der Photovoltaikanlagen. Vor allem für farbige Module gibt es sehr viele verschiedene Produzenten, und da spielt der Markt. Und hier holen wir die Architekten ab. Hat ein Architekt verstanden, wie gut Photovoltaik funktioniert und ist auf unserer Seite, dann ist der Preis nicht mehr der Hauptdiskussionspunkt. Bei den klassischen Anlagen steht der Preis immer an erster Stelle. Spielt aber auch die Integration ins Gebäude eine Rolle, werden andere Dinge wichtiger als der Preis, das macht es spannend.

So dass BE Netz von den besonders schönen Photovoltaik-Projekten, wie zum Beispiel die Umweltarena oder das Mehrfamilienhaus in Brütten, profitieren kann?
Auf jeden Fall, diese haben uns geholfen, unsere Kompetenzen im Bereich Architektur zu erhöhen. Das sind genau solche Projekte, die für uns spannend sind.

Wir haben vorhin über eventuelle Änderungen der Verordnungen gesprochen. Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Die Verordnungen beinhalten noch Widersprüche. Bei einigen Punkten gibt es Interpretationsspielraum. Das wurde gestern an der Photovoltaiktagung auch gut erklärt. Da ging es um das Mieter- und das Energiegesetz und die verschiedenen Verordnungen sowie die Überschneidungen (siehe ee-news.ch vom 27.4.18 >>). Dort müssen wir schauen, dass wir allen gerecht werden. Im Rahmen der ZEV spielen da das Messwesen und das Monopol des öffentlichen Netzes eine Rolle. Es muss definiert werden, wo sich der Zähler befindet und wer welche Dienstleistungen anbietet. Zurzeit enthalten die Gesetze und Verordnungen noch Formulierungen, die in der Praxis so nicht umgesetzt werden können. Da erhoffen wir uns noch Verbesserungen. Und es geht auch darum, wie die EWs mit der neuen Gesetzeslage umgehen. Wenn wir den Gesetzeswillen umsetzen wollen, müssen wir pragmatisch an die Sache herangehen. Und da haben wir natürlich sehr gute und kreative EWs, die den Gesetzeswillen, sprich die Förderung der Photovoltaikanlagen, umsetzen wollen und bestrebt sind, einfache Lösungen zu finden, ohne zusätzliche Leitungen zu verlegen. Diese Unternehmen haben begriffen, dass sie auch bei Stromausschreibungen zum Zuge kommen, wenn sie gute Dienstleistungen anbieten. Diese Unternehmen haben realisiert, dass sie nun Teil des Marktes sind und schauen müssen, dass sie daran teilnehmen und dass es sich nicht auszahlt, den Verhinderer zu spielen. Also da braucht es noch Anpassungen. Da sehe ich auch noch nicht ganz durch, da stossen wir immer wieder auch auf neue Details, die so nicht umgesetzt werden können.

Dieses Interview wurde am Rande der Photovoltaik-Tagung, die Ende März in Bern stattgefunden hat, aufgenommen. Bericht vom 27.4.18 über die Tagung auf ee-news.ch >>

©Interview: Anita Niederhäusern, leitende Redaktorin und Herausgeberin ee-news.ch

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