27. Apr 2018

„Nur die Photovoltaik hat in der Schweiz das Potenzial, die Herausforderungen der Klimaerwärmung anzunehmen und die Abhängigkeit von den fossilen Energien zu reduzieren“, ist Roger Nordmann überzeugt.

Photovoltaik ist – neben der Windkraft – die einzige Technologie, die substanziell beitragen kann, unsere Energie- und Klimaprobleme zu lösen. Swissolar-Ausbaupfad Photovoltaik 2016-2024. ©Grafik: Nordmann/Swissolar

Pius Hüsser: "Spannend ist auch, dass die grossen Länder mit hohen CO2-Emissionen, wie Indien, USA, Australien und andere, plötzlich auch in der weltweiten Photovoltaikstatistik erschienen." Bild: Swissolar

Das in der Energiestrategie formulierte Ziel für 2020 von 1.26 Terawattstunden ist bereits deutlich überschritten. ©Grafik: Pius Hüsser / Swissolar

Jährlich installierte Leistung 2000 bis 2016. Grafik: PVPS

Die grössten CO2-Emmitenten setzen auf Photovoltaik. ©Grafik: Piuss Hüsser, Nova Energie

Der Photovoltaik- und Elektroautomarkt wachsen fast im Gleichschritt. ©Grafik: IEA PVPS

Adrian Kottmann: „Je mehr die Anlagen in die Gebäudehülle integriert werden, umso mehr müssen wir als Anlagebauer auch darüber Bescheid wissen.“ Bild: Swissolar

Inwieweit sind Miet-, Stromversorgungs- und Energierecht kompatibel? ©Grafik: Swissolar

Ein farbliches und technisches Highlight waren die Ausführungen von Stephen Wittkopf, Vizedirektor Fachbereich Bau HSLU in Luzern. Bild: Swissolar

Aufbau eines Photovoltaikmoduls. Grafik: Wittkopf/HSLU

Die neue Solarprofi-Werbung von Energie Schweiz wurde von David Stickelberger, Geschäftsleiter Swissolar, vorgestellt. Bild. Energie Schweiz

Nationale PV-Tagung: Wie gross ist der Beitrag der Photovoltaik an die (Schweizer) Energiewende?

(©AN) Das Programm der PV-Tagung am 19. und 20.4.18 in Bern war mehr als üppig. Zu Recht, denn neben der Windkraft hat nur die Photovoltaik in der Schweiz das Potenzial, einen wesentlichen Beitrag zur Lösung unserer Energie- und Klimaprobleme beizutragen. 2035 kann sie 17 TWh Strom produzieren. Ein Querschnitt durch einige Vorträge. (Siehe auch Interview vom 4.5.18 >>)


„Hätten wir vor 10 Jahren jemandem gesagt, dass die Photovoltaik heute die wichtigste Stromquelle ist, wären wir nicht ernst genommen worden“, erklärte Stefan Nowak, Vorsitzender IEA PVPS Programm. 2017 seien weltweit 100 GW Leistung zugebaut worden: „Die Hälfte davon in China, gefolgt von Japan und den USA.“ Selbst im World Energy Outlook 2017 zähle die Photovoltaik jetzt zu den wichtigsten vier Stromerzeugungstechnologien. Insgesamt seien heute weltweit über 400 GW Leistung installiert. „Die grossen Kraftwerke nehmen zu, während die Integration in die Dächer rückläufig ist.“ Werden die Zubauraten extrapoliert, zeichne sich ab, dass 2021 oder 2022 die weltweit installierte Leistung die 1-Terawatt-Hürde knacken werde. Die Preisreduktion der Photovoltaikmodule betrug über die letzten 10 Jahre eindrückliche 75 %! Stefan Nowak ist überzeugt, dass Photovoltaik mittlerweile Mainstream ist, so dass nun die Netze, die Speicherung, die Integration ins Gebäude wie auch die Mobilität die neuen Schlüsselthemen seien.

PVPS Report TRENDS in PhotovoltaicApplications 2017 >>

Weitere bedeutende Entwicklungen
Der Preisrückgang bei gleichzeitigem Leistungsanstieg pro Modul sei eindrücklich, wusste Christophe Ballif, Prof. EPFL STI IMT PV-LAB, CSEM in Neuenburg zu berichten: „Betrug die Leistung pro Modul lange 260 Watt, sind nun 320 Watt üblich“. Er nannte sieben Gründe für den Aufschwung der Branche: Einerseits habe die Diamantsägetechnologie erlaubt, dass die Siliziumplatten sehr viel dünner und ebenfalls mit weniger Abfall gesägt werden könnten. Zudem habe sich die Leistung der Sägemaschinen vervielfacht. Andererseits werde heute pro Modul weniger Silber gebraucht. Einen weiteren Durchbruch hätten die PERC-Zellen gebracht, dazu habe auch Meyer Burger bedeutend beigetragen. Beim Tracking sei ebenfalls eine deutliche Verbesserung erzielt worden, so dass nun deutlich höhere Spannungen möglich sind. So könnten bis zu 40 Module in Serie geschaltet werden. „Eine weitere Verbesserung bei den Erträgen haben die bifazialen Module gebracht“, erklärte Christophe Ballif. Und nicht zu vergessen die Robustheit, die um einiges höher sei als früher. Um dies zu unterstreichen, nahm Ballif ein Dünnschichtmodul in die Hand, warf es auf den Boden und sprang drauf herum. Bezüglich der Leistungssteigerung und der Preissenkungen ist Christoph Ballif überzeugt, dass da noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist.

Nur Photovoltaik hat das Potenzial
„Nur die Photovoltaik hat in der Schweiz das Potenzial, die Herausforderungen der Klimaerwärmung anzunehmen und die Abhängigkeit von den fossilen Energien zu reduzieren“, ist Roger Nordmann, Präsident von Swissolar und Nationalrat, überzeugt. Dafür seien bis 2035 17 Terawattstunden nötig, aber auch möglich. Im persönlichen Gespräch erklärte er, es gehe darum, durch die Förderung im Sommerhalbjahr möglichst billigen Solarstrom herzustellen: „Dann macht es nämlich Sinn, diesen in den Speicherkraftwerken oder mit Power-to-Gas für den Winter zu speichern.“ Weitere Möglichkeiten, um die sonnen- und wasserarmen Wintermonate zu überbrücken, sieht Nordmann in Fassaden integrierte Photovoltaikanlagenund in vertikal aufgeständerten Photovoltaikanlagen.

Schweizer Energiestrategie: Ziel 2020 bereits weit überschritten!
„Die Solarstromproduktion betrug Ende 2017 an ca. 1.9 Terawattstunden. Damit haben wir das in der Energiestrategie für 2020 formulierte Ziel von 1.26 Gigawattstunden Solarstrom bereits deutlich überschritten!“, freute sich Pius Hüsser, Vizepräsident Swissolar und Geschäftsleiter Nova Energie in Aarau. Somit ist die Schweiz mit rund 3.1 % Solarstromanteil auch international ins Mittelfeld gerückt. Im europäischen Vergleich belegt die Schweiz 2016 mit knapp über 30 Watt neu installierter Leistung pro Kopf sogar die zweite Stelle hinter Grossbritannien. Honduras ist Spitzenreiter mit 13.26 % Solarstrom. Deutschland, Italien und Griechenland weisen einen Anteil von über 7 % auf. „In sonnigen Ländern sind die Gestehungskosten von Solarstrom unter 3 Rappen pro Kilowattstunden gesunken“, weiss Photovoltaikfachmann Hüsser zu berichten. „Allein 2017 wurde weltweit rund 100 Gigawatt Photovoltaikleistung zugebaut, das entspricht 0.5 Prozent des weltweiten jährlichen Stromverbrauchs!“ Spannend sei auch, dass die grossen Länder mit hohen CO2-Emissionen, wie Indien, USA, Australien und andere, plötzlich auch in der weltweiten Photovoltaikstatistik erschienen: „Aus dem einfachen Grund, weil Photovoltaik sehr günstig ist!“, freut sich Hüsser.

Gleichzeitig mit der Photovoltaik ziehe auch der Verkauf von Elektroautos deutlich an, freut sich Pius Hüsser weiter. Die beiden Märkte wiesen eine sehr ähnliche Entwicklungskurve auf: „Mit einem Quadratmeter Photovoltaik erntet man jährlich rund 200 Kilowattstunden Solarstrom, damit kann man mit dem Elektroauto 1000 bis 1500 Kilometer fahren, sprich 70 bis 100 Liter Benzin sparen, und das jedes Jahr!“

Energieversorger liefert gleich selber eine Offerte…
1 Kilowatt installierte Leistung kostete 1987 noch ca. 50‘000 Franken, erinnerte Adrian Kottmann, Inhaber und Fachexperte der BE Netz aus Ebikon: „Eine Kilowattstunde Solarstrom kostete rund fünf Franken! Heute sind es noch 18 bis 15 Rappen.“ Photovoltaikanlagen bauen könnten heute viele, doch es würden immer mehr Kompetenzen benötigt, denn die Anlagen seien immer öfter nur der erste Schritt hin zu einem Speicher, einer Ladestation, der Einbindung des Stroms in eine Verbrauchskurve oder eben zu einem Zusammenschluss für den Eigenverbrauch. Immer wichtiger seien auch Kompetenzen im Baubereich: „Je mehr die Anlagen in die Gebäudehülle integriert werden, umso mehr müssen wir als Anlagebauer auch darüber Bescheid wissen.“ Die Zusammenschlüsse für den Eigenverbrauch seien eine grosse Chance für die Branche: „Zwar muss man sich richtig tief in die Materie und Verordnungen einlesen, letztlich bedeutet es für jeden, der dies tut, aber auch einen Marktvorteil.“ Neben der Stromlieferung könnten sich die Unternehmen auch gleich noch um die Wärme, die Mobilität und auch noch die Abrechnung kümmern. Etwas bedenklich äusserte sich Adrian Kottmann zu folgendem Sachverhalt: „Wir hatten auch schon Kunden, die, nachdem wir den Zusammenschluss für den Eigenverbrauch bei ihrem Energieversorger angemeldet hatten, von eben diesem einen Brief erhielten, dass der Energieversorger selber auch solche Projekte durchführt …“

Leitfaden Eigenverbrauchsanlagen
Swissolar hat gemeinsam mit dem Bundesamt für Energie einen neuen Leitfaden für Eigenverbrauchsanlagen und Zusammenschlüssen für den Eigenverbrauch (ZEV) herausgegeben. David Stickelberger, der Geschäftsleiter von Swissolar, stellte ihn an der Tagung vor. Wer seinen bestehenden Mieter den Solarstrom im Rahmen eines ZEV direkt vom Dach verkaufen will, dem empfiehlt Swissolar, einen Zusatz in den Mietvertrag einzufügen, den die Mietenden innert 30 Tage anfechten können. Bei Neumietern ist die Sachlage anders: Der Mietvertrag scheidet Stromkosten als Nebenkosten aus und der ZEV ist als fester Vertragsbestandteil unanfechtbar. Doch der zulässige Strompreis für die interne Elektrizität, sprich der Kilowattstundenpreis inkl. Netzentgelt, Messkosten und Abgaben, darf nicht höher sein als der extern bezogene Strom.

Kollision zwischen Miet-, Stromversorgungs- und Energierecht?
Ein heiss diskutiertes Thema ist indes, dass der Zins auf dem investierten Kapital sich nach Mietrecht richtet, das sind somit nach dem aktuellen Referenzzinssatz 1.5 %. Hinzu kommt ein Risikozuschlag von 0.5 %. Die Gretchenfrage ist nun, wer investiert in Solaranlagen, wenn die Rendite höchsten 2 % betragen darf? Anlässlich einer Podiumsdiskussion äusserte Thomas Nordmann, Geschäftsleiter TNC Consulting: „Die UVEK hat den Zinssatz für die VACC mit 4.98 % festgelegt. Dass die ZEV jedoch nun mit 2 % eingeschränkt wird, das wird sich nicht durchsetzen!“ Das sei eine babylonische Lösung. Er findet, der Leitfaden müsse in diesem Punkt angepasst werden. Michael Töngi vom Schweizerischen Mieterverband SMV dagegen findet die Verknüpfung von Miet-, Stromversorgungs- und Energiegesetz grundsätzlich falsch: „Die Mieter werden Zwangskonsumenten, das darf nicht sein!“ Nordmann konterte, dass die 2 % Rendite unter Umständen bereits von der Inflation weggefressen würden. Töngi verteidigte sich, dass tiefe Mieten halt die eigentliche DNA des Mieterschutzes seien. Eine mögliche Lösung, so wurde diskutiert, könne darin liegen, dass sich der Anlagebesitzer und die Mieter den Gewinn teilen. Wie auch immer, das Thema scheint noch nicht abgeschlossen.

Swissolar sieht folgenden Handlungsbedarf, da das Interesse an den ZEV heute schon gross und damit die Klärung der offenen Fragen dringend sei:

Ein hoher Eigenverbrauch ist zwingend für die Rentabilität von ZEV

Die Energieverordnung sollte in folgenden Punkten revidiert werden:
– Mieterschutz: 1 Deckel reicht! Vorgabe für max. Kapitalrendite ersatzlos streichen
– Maximal zulässiger Tarif im ZEV mit Mietern: gültiger Tarif ohne ZEV
– Möglichkeit der Nutzung des Stromnetzes des Verteilnetzbetreibers gegen Entschädigung statt Bau von Privatleitungen

– Eigenverbrauch angrenzend über einen Verkehrsweg (z. B. Bahntrassee, Strasse) oder einen Bach zulassen

Farbliches Highlight
Ein farbliches und technisches Highlight waren die Ausführungen von Stephen Wittkopf, Vizedirektor Fachbereich Bau HSLU in Luzern: „Es gilt zu unterschieden zwischen den aufgesetzten Anlagen, die völlig legitim an und auf den Gebäuden dort platziert werden, wo sie Platz haben, und der Integration von Photovoltaikmodulen als architektonische Steigerung.“ Ein PV-Modul ist immer nach dem gleichen Prinzip aufgebaut. Es besteht in aller Regel aus einem Glas, dahinter befindet sich eine Schmelzfolie, dann folgen die Zellen, dahinter befindet sich wieder eine Schmelzfolie und als Abschluss folgt wieder ein Glas. Dieser Aufbau bleibt auch bei allen aktuellen Farbmodulen erhalten. Um Farbe in die Module und damit ins Gebäude zu bringen, gibt es zurzeit acht verschiedenen Verfahren (siehe auch entsprechende Grafiken im PDF von Wittkopf):

  • Die Intervention in die Zelle selber, wie bei den Gräzel-Zellen
  • Die spektral-selektive Beschichtung der Hinterseite des Frontglases, wie bei den Modulen auf dem Kohlesilo in Basel.
  • Der mehrfarbige keramische Digitaldruck auf der Rückseite des Frontglases, wie bei den PV-Kantonswappen (siehe ee-news.ch vom 26.6.19 >>)
  • Der einfarbige satinierte Druck auf Glas, wie bei der Fassade des Mehrfamilienhauses «Hofwiesenstrasse/Rothstrasse» in Zürich (siehe ee-news.ch vom 22.6.16 >>)
  • Mehrfarbiger keramischer Digitaldruck auf der Vor- und Rückseite eines satinierten Frontglases
  • Farbvarianten dank gesandstrahlter Vorderseite des Frontglases, wie an der Fassade des Mehrfamilienhauses in Brütten. (siehe ee-news.ch vom 28.12.16 >>)

Rosinenpicken und Netzwerken hoch vier
Zwei Tage mit fünf Sessionen mit jeweils mehreren Vorträgen, die nationale Photovoltaiktagung hat auch dieses Jahr wie die Jahre davor für jeden etwas geboten. Jeder konnte sich nach seinem Gusto die Rosinen aus dem Programm rauspicken. Für das Netzwerken blieb auch genügend Zeit und eine jedes Jahr umfassendere Ausstellung, an der sich dieses Jahr über 30 Aussteller beteiligten, rundete die Tagung ab. Bleibt nur noch, dass Potenzial der Photovoltaik in die Tat umzusetzen, die Zutaten dafür sind bereit!

Text: Anita Niederhäusern, Herausgeberin und leitende Redaktorin ee-news.ch

1 Kommentare
> alle lesen
Max Blatter @ 27. Apr 2018 10:23

Was lese ich? "Neben der Windkraft hat nur die Fotovoltaik ... das Potenzial, ... zur Lösung unserer ... Energie- und Klimaprobleme beizutragen." Typisch: Beim Begriff "Energie" denkt man sofort an "Elektrizität". Leider denkt man nicht nur sofort, sondern auch ausschliesslich daran - und vergisst deshalb die Solarthermie, die thermische Nutzung der Erdwärme, die aus Biomasse oder anderen erneuerbaren Ressourcen erzeugten Brenn- und Treibstoffe und anderes mehr... Übrigens auch die Wasserkraft und künftige Geothermie-Kraftwerke! Gerade "wir Erneuerbaren" sollten das vernetze Denken vorleben.

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