21. Mär 2018

Schreiten Deutschland und Frankreich bei der Energiewende nicht im Gleichschritt voran, so kann es in beiden Ländern zu grossen energiewirtschaftlichen Verwerfungen kommen, zeigt die gemeinsame Studie. ©Bild: Agora

Frankreich und Deutschland: Nur gemeinsam gelingt die Energiewende

(PM) Die Stromsysteme von Frankreich und Deutschland sind eng miteinander verzahnt. Energiewirtschaftliche Entscheidungen in einem Land haben daher erhebliche Konsequenzen im anderen Land. Frankreich und Deutschland sollten daher ihre künftige Energiepolitik gemeinsam gestalten.


Nur so könne die Stromversorgung auf beiden Seiten des Rheins zuverlässig, nachhaltig und möglichst günstig bleiben. Bis 2030 bedeutet das gleichermassen ein starker Ausbau von Windkraft und Photovoltaik sowie eine deutliche Reduktion der Stromerzeugung konventioneller Kraftwerken – in Deutschland bei der Kohle, in Frankreich bei der Kernenergie. Dies zeigt eine gemeinsame Studie von Agora Energiewende und dem französischen IDDRI.

Alleingänge können teuer werden
Schreiten Deutschland und Frankreich nicht im Gleichschritt voran, so kann es in beiden Ländern zu grossen energiewirtschaftlichen Verwerfungen kommen: In Deutschland zu einem noch grösseren Verfehlen der Klimaziele oder zu einer stärkeren Abhängigkeit von Stromimporten, insbesondere aus Frankreich. In Frankreich hingegen können Alleingänge zu teuren und unnötigen Investitionen in einen überdimensionierten Kernkraftwerkspark führen. So lauten die wichtigsten Erkenntnisse einer gemeinsamen Studie von Agora Energiewende aus Berlin und des Institutes for Sustainable Development and International Relations (IDDRI) aus Paris. Die beiden Think Tanks empfehlen daher, dass Frankreich und Deutschland bei der Umsetzung ihrer jeweiligen Energiewenden intensiv kooperieren und sich eng darüber austauschen sollten, um die Wirkungen ihrer jeweiligen Energiepolitiken besser zu verstehen.

Frankreich solle aus wirtschaftlichen Gründen bis 2030 die Leistung seiner Kernkraftwerke von derzeit 63 auf 50 Gigawatt reduzieren, Deutschland aus Klimaschutzgründen seine Kohleverstromung halbieren. Parallel dazu sollten beide Länder die Erzeugung von Strom aus Erneuerbaren Energien wie geplant erhöhen: Bis 2030 soll den aktuellen politischen Zielen 40 Prozent des produzierten Stromes in Frankreich aus Erneuerbaren Energien stammen, in Deutschland soll ihr Anteil am Strommix laut Koalitionsvertrag auf 65 Prozent wachsen. Zudem sollten die Stromleitungen zwischen den Ländern Europas verstärkt werden, davon würden insbesondere die Stromverbraucher profitieren.

Schieflagen durch einseitige Massnahmen
Dieses Vorgehen würde im Ergebnis dazu führen, dass Deutschland, Frankreich und deren Nachbarn sich gegenseitig bei der Stromversorgung unterstützen würden. Bei einem CO2-Preis von 30 bis 50 Euro pro Tonne könnte zudem die Stromerzeugung aus den erneuerbaren Energien Windkraft und Photovoltaik weitgehend am Strommarkt finanziert werden. Einseitige Massnahmen würden der Studie zufolge unvermeidlich zu Schieflagen führen.

Sollte Frankreich im Jahr 2030 weiterhin Kernkraftwerke mit einer Leistung von 63 Gigawatt betreiben und dafür sämtliche bestehenden Kernkraftwerke mit grossem Kostenaufwand modernisieren, im gleichen Zuge aber auch die Erneuerbaren Energien ausbauen, so wäre ein erheblicher Stromüberschuss die Folge. Dieser würde sowohl zu einem Preisverfall am Strommarkt in Frankreich und der EU führen als auch zu erheblichen Stromexporten nach Deutschland und in andere europäische Länder.

Export-Strategie generiert zu wenig Einkommen
Eine solche Export-Strategie Frankreichs würde jedoch nicht genügend Einkommen generieren, um die Modernisierungen der Kernkraftwerke zu refinanzieren. Bereits Modernisierungen in einem Umfang von mehr als 50 Gigawatt Leistung würden zu Stranded Assets in Frankreich führen, wobei der wirtschaftliche Schaden mit jedem zusätzlichem Gigawatt modernisierter Kernkraftwerksleistung überproportional wachsen würde. Zu wachsenden Stromexporten Frankreichs würde es bereits kommen, wenn das Land mehr als 40 Gigawatt Kernkraftwerke im Jahr 2030 in Betrieb hielte. Zudem würde Frankreich sein Ziel, den Kernenergieanteil im Strommix auf 50 Prozent zu reduzieren, erst nach 2030 erreichen können.

„Wie rentabel Kernkraftwerke in Frankreich sein werden, hängt zudem sehr von der Entwicklung der CO2-Preise und der Kapazität der Stromleitungen zwischen Frankreich und seinen Nachbarn ab. Diese Faktoren lassen sich aber nicht auf rein nationaler Ebene entscheiden. Sie sind vielmehr das Ergebnis einer engen Abstimmung zwischen Frankreich und seinen Nachbarn, insbesondere Deutschland“, sagt Michel Colombier, wissenschaftlicher Direktor des IDDRI.

Erhöhung der CO2-Preise erforderlich
Für Deutschland zeigt die Studie, dass CO2-Preise von 30 bis 50 Euro zwar helfen, die Verstromung von Kohle zu reduzieren, allerdings nicht in dem Masse, das nötig wäre, um Deutschlands Klimaziel 2030 zu erreichen. Eine Erhöhung der CO2-Preise oder ein Kohleausstieg würde jedoch die Refinanzierung von Strom aus Erneuerbaren Energien am Markt bis 2030 deutlich verbessern. Die Studie empfiehlt daher ein derartiges politisches Eingreifen. Eine engere Zusammenarbeit von Deutschland und Frankreich würde zudem die Versorgungssicherheit in beiden Ländern auf hohem Niveau aufrechterhalten.

„Höhere CO2-Preise zum Beispiel durch einen CO2-Mindestpreis im Emissionshandel wären aus Klimaschutzsicht zentral. Sie würden zu einem moderaten Anstieg der Strompreise für die Verbraucher führen – übrigens in beiden Ländern gleich. Auf der Erzeugungsseite sind die Effekte unterschiedlich: Während französische Kernkraftwerksbetreiber von höheren CO2-Preisen wirtschaftlich profitieren, liegt auf deutscher Seite der Nutzen bei Gaskraftwerksbetreibern sowie bei der Umwelt durch geringere Kohleverstromung. Damit dies nicht zu sehr hohen Kernenergie-Stromexporten von Frankreich führt, besonders nach Deutschland, wäre eine politische Vereinbarung zwischen den beiden Ländern sinnvoll: Frankreich würde sich verpflichten, die Überkapazitäten seiner Kernkraftwerke zu verringern. Im Gegenzug würde Deutschland eine deutsch-französische Initiative für einen CO2-Mindestpreis aktiv unterstützen“, sagt Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende.

Über die Studie
In der Studie wurden acht Szenarien über die Entwicklung der Stromerzeugung in Deutschland und Frankreich modelliert und miteinander verglichen. Die Ausarbeitung wurde gemeinsam von Agora Energiewende und IDDRI koordiniert, die Modellierung stammt vom Beratungsunternehmen Artelys.

Studie: L‘Energiewende et la transitionénergétique à l’horizon 2030 >>

Zusammenfassung der Studie auf Deutsch: Die Energiewende und die französische Transition énergétique bis 2030 >>

Text: Agora Energiewende

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