02. Nov 2017

Wirtschaftlich soll die neue Anlage auch dadurch sein, dass der englische Projektierer durchweg günstige Komponenten einsetzt: Sowohl die Module wie auch der Wechselrichter stammen aus China. ©Bild: BSW-Solar

Solarstrom: Kommt in England schon ohne Förderung aus

(©BJ) Eine neue Freiflächenanlage in Bedfordshire soll sich alleine am Markt finanzieren – das ist möglich, weil Grossbritannien unter anderem durch eine nationale CO2-Steuer günstigere Standortbedingungen bietet als Deutschland. Zudem finanziert sich die Anlage auch aus Netzdienstleistungen, die eine angekoppelte 6-Megawatt-Batterie für das nationale Stromnetz erbringt.


Ausgerechnet in Grossbritannien soll jetzt eine Freiflächen-Solaranlage schaffen, was in Deutschland bislang noch als unrealistisch gilt: Das Photovoltaik-Kraftwerk Clayhill in der englischen Grafschaft Bedfordshire soll sich ohne Förderung rechnen. Es handelt sich dabei um einen Zehn-Megawatt-Solarpark des britischen Erneuerbare-Energien-Entwicklers Anesco. Dieser kündigte bei der Einweihung der Anlage bereits weitere Projekte an, die sich ebenfalls alleine am Markt refinanzieren sollen. Claire Perry, die britische Ministerin für Klimawandel und Industrie, sprach von einem „bedeutenden Moment für die sauberen Energien in Grossbritannien“.

Attraktiver Strommarkt
Nun gilt England nicht unbedingt als Sonnenparadies, womit die Frage auf der Hand liegt, warum dort die Photovoltaik schafft, was sie in Deutschland noch nicht vermag? Die Antwort ist einfach: Weil der Strommarkt auf der Insel attraktiver ist. „Das Preisniveau ist in England höher, am Spotmarkt liegen die potenziellen Erlöse für PV-Anlagen aktuell rund 50 Prozent höher als in Deutschland“, sagt Tobias Kurth, Geschäftsführer der Berliner Beratungsgesellschaft Energy Brainpool.

Zudem finanziert sich die Anlage nicht alleine aus dem Verkauf des Stroms, sondern auch aus Netzdienstleistungen, die eine angekoppelte 6-Megawatt-Batterie für das nationale Stromnetz erbringt. Der Speicher liefert Regelenergie, um unvorhergesehene Schwankungen auszugleichen, die in jedem Stromnetz auftreten. Nun gibt es Regelenergiemärkte natürlich auch in Deutschland, doch auch die sind für Batteriespeicher deutlich weniger attraktiv gestaltet als es bei den Briten der Fall ist. „In Grossbritannien lassen sich anders als in Deutschland auch durch Netzdienstleistungen im Bereich unter einer Sekunde, die ideal sind für Batterien, Erlöse erzielen“, sagt Marktexperte Kurth.

Komponenten aus China
Wirtschaftlich soll die Anlage zudem dadurch sein, dass der englische Projektierer durchweg günstige Komponenten einsetzt; es stammen sowohl die Module, wie auch – und das ist neu – der Wechselrichter aus China. Gleichwohl aber bleibt der spezifische Strommarkt auf der Insel (der nicht so sehr wie der deutsche durch Überkapazitäten bestimmt wird) für die Wirtschaftlichkeit der entscheidende Faktor.

24 Stunden ohne Kohle
Denn Grossbritannien vollzieht gerade den Ausstieg aus der Kohle. Im vergangenen Jahr trug der fossile Energieträger nur noch neun Prozent zum nationalen Strommix bei, im April dieses Jahres gab es bereits die ersten 24 Stunden ohne eine einzige Kilowattstunde Kohlestrom – erstmals seit der industriellen Revolution. Dieser Ausstieg aus der Kohle wird forciert durch einen spürbaren nationalen CO2-Preis. Unter dem Namen Carbon Price Floor werden in Grossbritannien zusätzlich zum Preis für die EU-Emissionszertifikate 30 Euro pro Tonne ausgestossenem CO2 fällig.

Vorbild für Deutschland
Das könnte auch ein Massstab für Deutschland sein, wie die Energiemarktkenner vom Energy Brainpool errechneten. „Ein Preis von rund 30 Euro pro Tonne würde aktuell jede Stunde zu einem spannenden Wettbewerb der Technologien führen, die Stromnachfrage emissionsarm zu decken“, bilanzieren die Marktbeobachter in einem aktuellen Papier. Denn ab diesem Preisniveau verdrängen moderne Gaskraftwerke die schmutzigen Braunkohlekraftwerke. Und die Erneuerbaren werden attraktiver, weil die Abgabe umgehend auf die Preise der konkurrierenden fossilen Stromerzeugung durchschlägt.

Voraussetzung CO2-Bepreisung
Am wirksamsten sei natürlich ein sektorenübergreifender, weltweiter CO2-Preis oder zumindest ein europäischer, betonen die Analysten. Kurzfristig durchsetzbar sei immerhin ein nationaler CO2-Preis zumindest im Stromsektor. Dieser sei „allemal effizienter und marktnäher als ein ordnungsrechtliches Technologieverbot“. Auch mit dem Vorbild Grossbritannien vor Augen sehen inzwischen immer mehr Energieexperten in Deutschland in der CO2-Bepreisung eine Voraussetzung für den weiteren Erfolg der hiesigen Energiewende: „Solange es keinen CO2-Preis gibt, sehe ich keinen wirklichen Markt für PV-Anlagen ohne Förderung“, sagt Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin.

©Text: Bernward Janzing

1 Kommentare
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Max Blatter @ 03. Nov 2017 09:35

Ja, ich denke, die Speicherbatterie ist ganz wesentlich für die Wirtschaftlichkeit! Regelenergie, die von der vorliegenden Anlage offensichtlich geliefert werden kann, ist für das abnehmende EVU die wertvollste Energieform. Das bedingt aber auf der technischen Seite zum einen, dass das EVU direkten Zugriff auf die Steuerung der Anlage hat, denn Regelenergie muss innert Sekunden aktiviert werden. Zum anderen ist die Einspeisung von Regelenergie in der 400V/230V-Niederspannungsebene zumindest nicht üblich, vielleicht auch nicht sinnvoll; bei kleinen, dezentralen Anlagen dürfte dieser Weg deshalb wohl eher nicht gangbar sein. Dennoch: Für Anlagen ab einer gewissen Mindestgrösse sicher ein Projekt mit Vorbildcharakter!

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