07. Okt 2017

Blick aus Süd-West auf den fertiggestellten westlichen Teilbereich Photovoltaikanlage, links ist der Recyclinghof zu sehen. ©Bild: Energieagentur Abfallbeseitigungs-GmbH Lippe NRW

Südlicher Deponiebereich. Am Rand des Deponiekörpers wurden Betonfundamente anstatt Rammpfosten als Tragwerk für die Dachkonstruktion verwendet. ©Bild: Abfallbeseitigungs-GmbH Lippe

Montage des Tragwerks für das Trapezblech. Zu sehen ist die ehemalige temporäre Oberflächenabdichtung der Deponie (schwarze Folie). ©Bild: Abfallbeseitigungs-GmbH Lippe

Photovoltaik auf Deponie: Schützt mit Solardach vor Sickerwasser

(PM) Wie man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt, zeigt das von Goldbeck Solar errichtete Sonnenkraftwerk auf der Deponie Hellsiek in Detmold (Kreis Lippe, Nordrhein-Westfalen). Neben der Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Deponieabdeckung eröffnet das preisgekrönte Projekt den Betreibern und der Abfallbeseitigungsfirma attraktive wirtschaftliche Perspektiven.


Die 10 Millionen teure Anlage mit 9.8 MW Leistung versorgt mehr als 1900 Haushalte mit grünem Strom – und soll sich nach rund 20 Jahren selbst finanziert haben. Das Projekt mit Modellcharakter für Deutschland wurde im Juni mit dem Intersolar-Award 2017 prämiert.

Photovoltaikanlage statt Verkapselung
Die in Detmold realisierte Kombination von gesetzlich vorgeschriebener Deponieabdichtung mit einer Photovoltaikanlage ist modellhaft für Deutschland. Zu Beginn mussten die Behörden davon überzeugt werden, von der in der Technischen Anleitung zur Verwertung, Behandlung und sonstigen Entsorgung von Siedlungsabfällen (TASi) vorgeschriebenen Abdichtungs-Variante abzuweichen, aber dann sie haben das Vorhaben tatkräftig unterstützt. Orientiert haben sich die Betreiber beim Bau an dem Schwesterprojekt auf der stillgelegten Deponie Dörentrup, die keine 20 Kilometer entfernt liegt. Carl-Georg Buquoy, Leiter des Fachbereichs Photovoltaik der Energieagentur NRW, zeigte sich begeistert über die neue, doppelt so grosse PV-Abdeckung: „Das ist ein zukunftsweisendes Konzept, weil man sich die Verkapselung des Mülls spart und stattdessen eine Photovoltaikanlage baut.“

Durchbruch in der Genehmigungsgeschichte
Normalerweise wird eine Deponie mit Schichten aus Schotter, Sand und Kunststoffdichtungsbahn belegt, um Sickerwasser zu minimieren. „Eine Sondergenehmigung war nur möglich, weil das mit Solarmodulen belegte Trapezdach ausserdem Strom erzeugt“, erläutert Berthold Lockstedt, der ehemalige Geschäftsführer der Photovoltaik Deponie Dörentrup GmbH & Co. KG. Der Projektpartner spricht von einem „Durchbruch in der Genehmigungsgeschichte. Es würde mich sehr freuen, wenn solche Projekte auch in anderen deutschen Bundesländern umgesetzt werden.“

Selbstfinanzierung statt 15 Mio. Euro Kosten
Ganz einleuchtend findet er es nicht, dass Solardächer auf Lagerflächen von Siedlungsabfall bislang nicht gängig sind. Denn seine Lösung bringt neben grünem Strom auch wirtschaftliche Vorteile. „Eine klassische Deponieabdeckung hätte rund 15 Millionen Euro gekostet. Nun haben wir ein Projekt angestossen, das sich binnen 20 Jahren selbst finanziert“, freut sich der Umweltschützer. Das gesparte Budget investiert die Abfallbeseitigungs-GmbH Lippe vielleicht in 20 Jahren in den Rückbau des Lagers. Denn hier liegen Tonnen von Wertstoffen, deren Wert in der Zukunft steigen wird. Diese Möglichkeit steht mit einem Dach als Abdeckung nach wie vor offen. „Irgendwann ist ein Schwellenwert erreicht. Da lohnt es sich dann, die Metalle und andere Wertstoffe herauszuholen und den Rest thermisch zu entsorgen“, so Lockstedt.

Regenwasser statt Deponiesickerwasser
Ebenfalls besonders ist, dass mit der Abdeckung 100 Prozent der Niederschläge, die auf das Dach treffen, als sauberes Regenwasser abgeleitet werden können. So muss dieses nicht mehr aufwändig und kostenintensiv als Deponiesickerwasser gereinigt werden. Beim bereits seit 2011 bestehenden Schwesterprojekt Dörentrup halbierten sich durch das Solardach die Klärkosten. „Das schont die Umwelt und spart Geld“, so Björn Lamprecht, Geschäftsführer des Errichters Goldbeck Solar. Für die neun Millionen Euro Investitionssumme legten die Stadtwerke Detmold und die Photovoltaik Deponie Dörentrup GmbH in mehreren Bau- und Auftragsabschnitten zusammen. Betreut wird das Konzept von der Lippe Energie Verwaltungs-GmbH. Insgesamt konnte man 15 der 16 lippischen Kommunen sowie den Kreis Lippe als Gesellschafter für die Photovoltaik Deponie Dörentrup GmbH & Co. KG gewinnen. Somit verbleibt die Wertschöpfung vollständig in der Region.

Unterkonstruktion passt sich Topographie an
Mit 37‘004 Solarpanelen, 111 Wechselrichtern und 66‘000 Quadratmetern Trapezblech auf vier Hektar Fläche war diese Anlage für die Solar-Firma Goldbeck eine technische Herausforderung. Denn die verbaute Unterkonstruktion muss in den nächsten Jahren noch Setzungen des Deponiekörpers auffangen. Gleichzeitig war es beim Rammen der Stützen wichtig, die Basisabdeckung, die den Untergrund vor Kontaminierung schützt, nicht zu durchdringen. Bautechnisch entschied sich der Errichter für ein mit PV-Modulen belegtes Trapezdach. Die Unterkonstruktion passt sich der Topographie und der Wölbung des Deponieköpers an und fällt zu den Rändern hin ab. Durch das Gefälle wird Regenwasser einfach nach aussen abgelenkt. Die Querverteilung des Gewichts fand nicht über zusätzliche Streben, sondern Gummistreifen statt. Die Reduzierung des Sickerwassers bewirkt zudem eine Stabilisierung des Deponiekörpers.

Auf den letzten Drücker
Als grösste Herausforderung in den neun Monaten Bauzeit betrachten die Beteiligten den zeitlich sehr engen Rahmen. Weil die EEG-Förderung, mit der die Anlage preislich kalkuliert worden war, Ende des vergangenen Jahres auslaufen sollte, musste das Kraftwerk in Hellsiek noch im Dezember 2016 ans Netz. „Wir haben die Übergangsfrist für Konversionsflächen ausgenutzt und sind auf den letzten Drücker fertig geworden“, freut sich Solarexperte Lamprecht. Sein Unternehmen greift auf langjährige Erfahrung in Sachen Freiflächenanlagen zurück. Auch auf Deponien realisierte das Unternehmen aus Hirschberg bereits einige Projekte. Der Erfolg des Projektes in Hellsiek sei allerdings nur möglich gewesen, weil alle Beteiligten an einem Strang gezogen haben.

Hoffnung auf Vorbildfunktion
„Warum passiert das nicht überall?“, fragt sich Lockstedt, der viele Jahre beim Kreis Lippe tätig war. Im Grunde spräche nichts dagegen, dass dieses Projekt als Vorbild für andere Kommunen wirkt. Nie zuvor ist ausserhalb von Lippe eine Freiflächen-PV-Anlage in Deutschland auf einer nicht endabgedeckten Deponie errichtet worden. Entsprechend intensiv waren die Vorgespräche mit der Genehmigungsbehörde, die das Vorhaben zwar von Beginn an befürworteten, jedoch eine tiefgreifende Prüfung durchführen mussten. Für die endgültige Zielerreichung waren zudem Gespräche mit dem Ministerium in Düsseldorf erforderlich, das die Realisierung letztendlich absegnete. Grundsätzlich können alle Deponie-Standorte, die sich in der Stilllegungsphase befinden, darüber nachdenken. Denn jede Halde muss sich früher oder später mit der Endabdeckung befassen. „Auch nach Auslaufen der garantierten EEG-Vergütung können PV-Anlagen wirtschaftlich sein“, weiss Lamprecht. Auf Konversionsflächen muss seit 2017 öffentlich ausgeschrieben werden. Je nachdem welche Bedingungen vorliegen, müsse im Einzelfall berechnet werden, wie schnell sich ein Solarkraftwerk bezahlt macht. Angenehmer Nebeneffekt für die Bürger im Kreis Lippe: Die Abfallgebühren für die Region können nun, entgegen dem Bundestrend, stabil gehalten werden.

Text: Energieagentur NRW

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