13. Apr 2015

Kurt Eichenberger sprach als Vertreter des WWF über die gemeinsamen Wege und den notwendigen gemeinsamen Lernprozess. „Ich möchte nicht, dass wir bei der Windkraft dieselben Fehler machen wie bei der Wasserkraft.“ ©Bild. Suisse Eole

Dass Umweltschutz, Tourismus und Windenergie kein Gegensatz sein müssen, zeigten die Ausführungen von Christian Ineichen, stv. Direktor und Regionalmanager der UNESCO Biosphäre Entlebuch. ©Bild. Suisse Eole

Niggi Hufschmid: „Ich bin der Meinung, dass der Kanton Basel-Landschaft die 2013 beschlossene Energiestrategie aufgrund der Resultate unserer Studie neu überarbeiten müsste.“ ©Bild. Suisse Eole

Jean Hauner, Sekretär des Vereins „Oui au Parc Eolien sur Grati“, ärgert sich vor allem über die Schauermärchen, die die Windenergiegegner erzählen würden. ©Bild. Suisse Eole

„Wir müssen an der Energiestrategie dran bleiben“, erklärte Büchel, Daniel Büchel, Vizedirektor des Bundesamts für Energie. ©Bild. Suisse Eole

Bastien Girod, ehemaliger Vize-Präsident von Suisse Eole und Nationalrat der Grünen: „Sorgen machen mir aber vor allem die politischen Halbwertszeiten“. ©Bild. Suisse Eole

Christian Mermet stellt fest, dass sich die Bevölkerung jetzt eine rasche Umsetzung wünscht: „Unsere Bürger werden ungeduldig und fordern, dass der Windpark jetzt gebaut wird.“ ©Bild. Suisse Eole

Chevalley Isabelle, Präsidentin von Suisse Eole und Nationalrätin, führte durch die Tagung. ©Bild. Suisse Eole

Suisse Eole-Tagung: Von politischen Halbwertszeiten und lautstarken Windenergiebefürwortern

(©AN) „Im Energiebereich befinden wir uns im Aufbruch zu neuen Welten“, erklärte Daniel Büchel, Vizedirektor des Bundesamts für Energie an der Tagung „Gemeinsam für Windenergie“ vom 25. März. Nach einer Phase, in der sich alle ans Alte geklammert hätten: „brauchen wir nun Leute wie Sie mit neuen Ideen!“


„Wir müssen an der Energiestrategie dran bleiben“, erklärte Büchel, auch wenn es nicht einfach sei. Er verglich die Energiestrategie mit der Wirtschaftstheorie Appartments of Change. Wir hätten uns in unserem System wohlgefühlt und darum nichts ändern wollen. Doch die Energiestrategie sei ein Aufbruch in neue Welten. Die sogenannte Phase des Denials, der Widerstand, sei lange sehr gross gewesen. Und nun befänden wir uns in der Phase des Chaos, in der niemand mehr richtig wisse, wo es langgehe. Aber genau da sei die Windbranche mit ihren Ideen gefragt. Der Bund definiere die Rahmenbedingungen, helfe in der Forschung und bei der Information. „Auch Frau Leuthard will das, sie steht hinter uns“, schloss Büchel. Doch es brauche alle Menschen, die die Energiewende mit ihrem Engagement voranbrächten.

„Die Fakten über die Windenergie haben wir schon sehr gut rübergebracht“, erklärte Chevalley Isabelle, Präsidentin von Suisse Eole und Nationalrätin, die durch den Nachmittag führte, den rund 140 Teilnehmern an der Tagung „Gemeinsam für die Windenergie“. „Aber bei den Emotionen müssen wir noch viel besser werden!“

Politische Halbwertszeiten
Das deutliche Nein zur GLP-Initiative Energie- statt Mehrwertsteuer hätte die Diskussion um die Energiestrategie erschwert, erklärte Bastien Girod, ehemaliger Vize-Präsident von Suisse Eole und Nationalrat der Grünen. Er verwies darauf, dass er in der Weltwoche vom 23. März einen Kommentar über die Vorteile der KEV veröffentlichen durfte. „Sorgen machen mir aber vor allem die politischen Halbwertszeiten“, fuhr er fort. Wer sich einmal für die Windenergie und die KEV ausgesprochen habe, rücke in der politischen Diskussion auch wieder davon ab. „Und es scheint sich abzuzeichnen, dass die Energiestrategie erst nach den Wahlen im Parlament entschieden wird, also mit einer neuen Besetzung.“ Würden sich die Tendenzen bei den Wahlen in Baselland schweizweit bestätigen, könnte die Energiestrategie arg verwässert werden. „Dann geraten die Windenergiepotenziale politisch wieder unter Beschuss. Umso wichtiger ist es, dass sie nach dem ‚Bottom-up-Prinzip‘ entwickelt werden!“

Im Interesse der Bevölkerung
„Die Abstimmung vom 18. Mai 2014 im Kanton Neuenburg hat klar gezeigt, dass 65 % der Bevölkerung die Windenergie ausdrücklich will“, erklärte Gemeinderat Christian Mermet aus dem Val-de-Travers. Die Wählerinnen und Wähler hatten den Gegenvorschlag des Neuenburger Grossrats zur Initiative „Avenir des crêtes: au peuple de décider !“ klar angenommen. Die Initiative indes wurde mit 60 % Nein-Stimmen deutlich abgelehnt. Auch die drei Gemeinden des Val-de-Travers – Les Verrières, Val-de-Travers und La Côte-aux-Fées – hätten sich mit 65 % für die Windenergie ausgesprochen, erklärte Mermet. Das Projekt eines Gaskombikraftwerks sowie geplante Schiefergasbohrungen hätten sicher auch zur breiten Zustimmung beigetragen, aber auch die Gründung von Neucheole, der Investitionsgesellschaft in den Händen der öffentlichen Hand.

Das vom Volk angenommene kantonale Windkonzept sieht maximal 59 Windturbinen an fünf Standorten vor. Als erstes soll nun der 19 Turbinen zählende Windpark „La Montagne de Buttes“, im Val-de-Travers gebaut werden. Er wird jährlich rund 100 Mio. kWh Windstrom produzieren. „Wir werden somit im Val-de-Travers mehr als 100 % erneuerbaren Strom erzeugen!“, freut sich Christian Mermet. Rechnet man die Wasserkraftwerke und eine Biomasseanlage mit ein, wird der Selbstversorgungsgrad 230 % betragen. „Wichtig war, dass alle Gemeinden im Val-de-Travers mit einer Stimme gesprochen haben“, erklärt der Gemeinderat von Val-de-Travers. Und dank dem deutlichen Ja arbeiten wir am Windpark jetzt im Interesse der Bevölkerung, das ist entscheidend, und nicht im Interesse von irgendjemand.“ Christian Mermet stellt zudem fest, dass sich die Bevölkerung jetzt eine rasche Umsetzung wünscht: „Unsere Bürger werden ungeduldig und fordern, dass der Windpark jetzt gebaut wird.“

Kantonaler Richtplan Basel-Landschaft

In seinem Vortrag stellte Niggi Hufschmid, ehemaliger Projektleiter beim Projekt Kantonaler Windenergie-Richtplan im Kanton Basel-Landschaft, das Vorgehen des Kantons beim Erstellen des Richtplans vor: „Wir haben zuerst eine flächendeckende Betrachtung des technischen Potenzials durchgeführt,“ erklärte Hufschmid. Dabei seien auch die kantonalen und nationalen Schutzgebiete einbezogen und die Windenergienutzung dem Landschaftsschutz gleichgestellt worden. Bei der technischen Evaluation wurden unter anderem folgende Kriterien festgelegt: ein Windaufkommen von 4.5 m/Sekunde, eine Nabenhöhe von 100 m, die Clusterbildung, die Gegebenheiten am Boden und die elektrische Erschliessung. Zudem wurde die Sichtbarkeit geprüft. „Erst in einer späteren Phase haben wir Ausschlusskriterien definiert.“ Das waren Gestehungskosten von über 25 Rp./kWh, ein Abstand von unter 700 Metern zum Wohngebiet, isolierte Einzelanlagen sowie regionale und nationale Schutzgebiete.

Das im Verfahren eruierte Windpotenzial ist beachtlich: rund 100 Turbinen, die in 14 Windparks gruppiert werden, sind rentabel und umweltverträglich und weisen ein Potenzial von 500 Mio. kWh auf, das entspricht rund 25 % des Endverbrauchs von Basel-Landschaft, darunter aber auch Anlagen in Schutzgebieten. Realistisch sei der Ausbau von rund 100 Mio. kWh oder 5 % des Stromverbrauchs (Stand 2012) in den nächsten 15 Jahren, weitere 200 Mio. kWh könnten in den nächsten 25 Jahren realisiert werden, zeigte Hufschmid auf. Der Landrat des Kantons Basel-Landschaft hat nun die Anpassung des kantonalen Richtplans angenommen, der neu sechs Potenzialgebiete für Windparks enthält, in denen die Projekte konkret geplant werden sollen. Weitere acht Potenzialgebiete werden als „Vororientierung“ aufgenommen. In der anschliessenden Podiumsdiskussion erklärte Niggi Hufschmid: „Ich bin der Meinung, dass der Kanton Basel-Landschaft die 2013 beschlossene Energiestrategie aufgrund der Resultate unserer Studie neu überarbeiten müsste.“

Unterstützungskomitee „
Oui au Parc Éolien sur Grati
Dass sich die Windenergiegegner zusammenschliessen, das kennen wir zur Genüge, doch dass dasselbe auch Windenergiebefürworter tun, das zeigen die Mitglieder des Unterstützungskomitees „Oui au Parc Éolien sur Grati“. Im Waadtländer Jura sind in den Gemeinden Premier und Vaulion auf dem Hügelzug des Grati 6 Windturbinen mit einer Leistung von je 3.05 MW geplant. Die Produktion soll sich auf jährlich 49 Mio. kWh belaufen. Christian Lirgg, der Windenergiebefürworter, erklärte: „Wir haben unseren Verein im Herbst 2014 ins Leben gerufen, um den Bau des Windparks zu unterstützen. Es ging uns nicht in erste Linie darum, die Gegner umzustimmen, sondern vor allem die Unentschiedenen zu überzeugen.“ Schon bald stünden erste wichtige Entscheide an: Am 21. April stimmen der Gemeinderat und der Generalrat der beiden Gemeinden Premier und Vaulion über das Projekt ab. Im Juni entscheidet dann der Kanton über den Windpark.

Jean Hauner, Sekretär des Vereins „Oui au Parc Eolien sur Grati“, ärgert sich vor allem über die Schauermärchen, die die Windenergiegegner erzählen würden. Ein Gespräch am Stammtisch könne da oft auch aufklärend sein. Einen grossen Vorteil sehen die beiden Windenergiebefürworter neben der nachhaltigen Stromproduktion in den jährlichen Einnahmen von über zehntausend Franken, von denen die beiden Standortgemeinden Premier und Vaulion, aber auch die Gemeinde Vallorbe, wo der Strom des Windparks eingespiesen werden soll, profitieren werden. Eine Prognose über die Abstimmungen in den Gemeinden will Jean Hauner jedoch nicht abgeben: „Wir werden die Resultate aber auf unserer Homepage oui-grati.ch veröffentlichen“, kündet er an. Dem Komitee „Oui au Parc Éolien sur Grati“ kann übrigens jeder beitreten, die Mitgliedschaft ist gratis. „Spenden sind willkommen!“, erklärt Jean Hauner.

Nicht dieselben Fehler wie bei der Wasserkraft

Kurt Eichenberger sprach als Vertreter des WWF über die gemeinsamen Wege und den notwendigen gemeinsamen Lernprozess. „Ich möchte nicht, dass wir bei der Windkraft dieselben Fehler machen wie bei der Wasserkraft“, erklärte der Biologe. Er sei wie auch der WWF für die Windkraft, aber gerade bei der Kleinwasserkraft sehe er im Wallis, dass immer noch gravierende Fehler gemacht würden, dem wollen er und auch der WWF bei der Windkraft vorgreifen. „Die Windenergie ist noch für alle Neuland, daher gilt es vorsichtig die Fragen des Umweltschutzes, insbesondere des Vogel- und Fledermausschutzes, abzuklären“, führt Eichenberger aus. Der WWF sehe das Windpotenzial der Schweiz mit 1.7 Mrd. kWh zwar nicht gleich hoch wie Suisse Eole, aber aufgrund des Ausstiegs aus der Atomkraft sei die Windkraft unbestritten. A und O sei die Standortwahl, dabei fordert Kurt Eichenberger eine Positiv- und Negativplanung: „Wenn wir wissen, wo gebaut werden darf und wo nicht, ergibt sich für uns alle mehr Rechtssicherheit“. Er verweist auf das Burgenland in Österreich, wo gemeinsam mit dem WWF ein Windkonzept erstellt worden sei. In der Schweiz lobt er die Planung des Kantons Neuenburg, die Windplanung im Kanton Luzern, die gemeinsam mit Pro Natura erstellt worden sei und die richtplanerischen Instrumente des Kantons Bern. „Ich wünsche mir den proaktiven Einbezug der Umweltverbände!“

Um den Know-how-Aufbau voranzutreiben, ist der WWF daran, einen Wind-Spider zu entwickeln. „Wenn Suisse Eole interessiert ist, werden wir ihn im Juni vorstellen“, führte Kurt Eichenberger aus. Dieser soll helfen, die richtigen Standorte für Windturbinen besser und leichter zu definieren. Eichenberger ist überzeugt, dass zwei- bis dreijährige Studien bezüglich der Vögel und Fledermäuse wichtig, aber auch wirtschaftlich vertretbar seien.

Nicht unter der Käseglocke
Dass Umweltschutz, Tourismus und Windenergie kein Gegensatz sein müssen, zeigten die Ausführungen von Christian Ineichen, stv. Direktor und Regionalmanager der UNESCO Biosphäre Entlebuch. Mitten im Biosphärenreservat produzieren zwei Windturbinen Strom. Die Anlagen sind bei der Bevölkerung sehr gut akzeptiert und haben inzwischen in der Standortgemeinde Entlebuch zu weiteren Energieinitiativen geführt: einer Minergie-Bauzone und dem Bezug von reinem Ökostrom. „Wir zeigen im Entlebuch, dass Tourismus und nachhaltige Entwicklung nicht unter einer Käseglocke stattfinden müssen,“ stellt Christian Ineichen fest.

©Text: Anita Niederhäusern, leitende Redaktorin ee-news.ch






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