Jacques Bonvin: "Die traditionelle Energiebranche hat in der kleinen Photovoltaikbranche einen Sündenbock gefunden, der nun Schuld sein soll am Überangebot und den stark gesunkenen Preisen."

Solstis: „Ich verstehe die Angst vor uns Solarzwergen nicht!“

(©AN) „Das Geschäft läuft gut dieses Jahr, vergleichbar mit dem guten Jahr 2013. Doch mir scheint, als habe sich der politische Diskurs geändert: Zieht das BFE noch am selben Strick wie die Solarbranche?“ Ein Gespräch mit Jacques Bonvin, Co-Geschäftsleiter von Solstis über den Photovoltaikmarkt und politische Entwicklungen.


Anita Niederhäusern: Läuft das Photovoltaikgeschäft so gut wie 2013?

Doch, es sieht ganz danach aus, dass wir das gute Niveau von 2013 erreichen. Einerseits gibt die im Frühling eingeführte Einmalvergütung wertvolle Impulse, die sich sicher noch weiter entfalten werden. Das System ist viel einfacher zu erklären und zu verstehen als die Kostendeckende Einspeisevergütung (KEV). Die Hausbesitzer entscheiden dann auch schneller, ob sie eine Photovoltaikanlage wollen oder nicht. Diese Klarheit schätzen wir. Der Kleinanlagenbereich wird sich sicher auf weiterhin gut entwickeln.

Der Markt der Grossanlagen ist aber deutlich härter umkämpft und die erforderlichen Renditen sind für viele Investoren nicht mehr in jedem Fall gegeben. Es könnte auch sein, dass wir die Zahlen von 2013 nicht ganz erreichen, weil uns der PV-Rush von Ende 2013 fehlen wird. Positiv auf den Markt auswirken wird sich jedoch die seit 1. Juli 2014 vom Kanton Waadt gesetzlich vorgeschriebene Regelung, dass in allen neuen Gebäuden 20 % des Stromverbrauchs erneuerbar produziert werden muss. Bereits seit mehreren Jahren müssen in Neubauten 30 % der Wärme erneuerbar produziert sein, der erneuerbare Strom ist eine wertvolle Ergänzung dazu.

Gilt das neue Gesetz nur für Einfamilienhäuser?
Nein, für alle neuen Bauten, vom Einfamilienhaus über Mehrfamilienhäuser bis hin zu Geschäftshäusern. Da das Gesetz erst kurz in Kraft ist, ist es natürlich zu früh, um die effektiven Auswirkungen auf den Photovoltaikmarkt abzuschätzen. Doch das Marktvolumen wird sicher grösser.

Befürchten Sie nicht, dass auch in der Schweiz wie in Deutschland aufgrund politischer Entscheide der Photovoltaikmarkt unter Beschuss gerät?
Es gibt schon Signale aus dem Bundesamt für Energie (BFE), die uns nachdenklich stimmen. So zum Beispiel, dass die Einmalvergütung auch auf Anlagen bis 100 kW ausgeweitet werden soll. Schlussendlich ist die Energiewende nicht mit Kleinstanlagen zu bewerkstelligen. Es muss für Investoren interessant sein Photovoltaikanlagen zu bauen, sonst kommt der Markt der grossen Anlagen zum Erliegen, was übrigens heute zum Teil schon bei den landwirtschaftlichen Anlagen der Fall ist. Die Meinungen im BFE scheinen sich weg vom Solarstrom zu orientieren, ich bin mir nicht sicher, ob wir noch am selben Strick ziehen. Ausserdem haben wir die 2 % Solarstrom, die vom Bund bis 2020 angestrebt wurden, ja praktisch schon erreicht. Dabei geht vergessen, dass Swissolar bis 2025 von 20 % Solarstrom ausgeht. Wenn nur noch Kleinstanlagen gebaut würden, kann dieses Ziel nie erreicht werden.

Welche Geschäftszweige betreibt Solstis neben dem Anlagebau?
Der Anlagebau ist mit 20 Megawatt, die wir 2013 und wohl auch 2014 bauen, immer noch der wichtigste. Wir haben aber auch ein Team unter unseren insgesamt rund 60 Mitarbeitenden, das ausschliesslich im Anlageunterhalt tätig ist.

Sie sind auch daran, den Markt in der Deutschschweiz zu bearbeiten. Wie sieht die Entwicklung aus? Und gibt es andere Märkte, die Solstis bearbeitet?
Wir werden 2014 wohl dasselbe Niveau erreichen wie 2013, damit sind wir, im Verhältnis zu dem, was in der Deutschschweiz zu holen ist, zufrieden. Es gilt natürlich zu beachten, dass einige unserer Mitbewerber schon recht gut etabliert waren. Als Unternehmen müssen wir immer die Augen offen halten und nach neuen Opportunitäten Ausschau halten. So sind wir zum Beispiel daran, Kontakte in Tunesien, aber auch in Asien aufzubauen. Oder innovative Projekte zu entwickeln, darunter ein 8 Megawatt-Carport mit farbigen Photovoltaikmodulen, die an der EPFL entwickelt wurden, wo Pascal Affolter, mein Co-Geschäftsleiter, und ich studiert haben.

Und Solstis bliebt ein 100%iges Photovoltaikunternehmen?
Absolut! Kein Zweifel, wir sind total auf Photovoltaik fixierte „Monotheisten“! Solstis gibt es ja seit 18 Jahren, wir sind also inzwischen volljährig und die Ausrichtung auf die Photovoltaik war ein richtiger Entscheid.

Der Photovoltaikmarkt explodiert rund um den Globus, in Asien, Indien, den USA … Was machen wir in Europa falsch, dass der Markt so ausgebremst wird?
Einerseits haben wir die starke Lobby der traditionellen Energieversorger, die um ihre Marktanteile kämpft, andererseits haben wir viel zu viel Strom. Wir sind fett geworden, und daher ist es uns gleich, in welche Richtung wir uns bewegen. Zudem vergessen wir schnell: Den Super-Gau von Fukushima haben wir bereits aus unserem Bewusstsein verdrängt. Die traditionelle Energiebranche hat in der kleinen Photovoltaikbranche einen Sündenbock gefunden, der nun Schuld sein soll am Überangebot und den stark gesunkenen Preisen. Das ist lächerlich, wir sind doch nur Solarzwerge, die in der Schweiz knapp 2 % Solarstrom produzieren, in Deutschland sind es inzwischen 6 %. Und keiner der Solarstromproduzenten ist ein Gigant, das zeigt auch die KEV-Statistik: Der KEV-Kuchen wird unter vielen kleinen Solarzwergen aufgeteilt. Deutschland hat zwar wichtige Vorarbeit geleistet, aber da wir zu viel Strom haben, weil nun die neuen sowie die alten Kraftwerke am Netz sind, besteht kein Handlungsdruck. Das ist in den anderen Ländern anders, zum Beispiel in China oder Indien, dort nimmt der Energiehunger immer noch stark zu, daher haben dort die Regierungen den Wert der Photovoltaik erkannt.

Welche Entwicklungen erwarten Sie für 2015?
Ich befürchte, dass sich das BFE nach dem Vorbild von Deutschland von der Photovoltaik abwenden wird und nur noch auf die kleinen Solarstrompotenziale im Einfamilienhausbereich setzt. Sollte das geschehen, haben wir bei Solstis ein Strukturproblem. Denn unsere besten Kunden sind die Energieversorger, die grosse Anlagen bauen, sprich die Service Industriel de Lausanne, Romande Energie oder ähnliche Unternehmen.


Über Solstis
Solstis plant und baut Photovoltaikanlagen in der Schweiz, in Frankreich und verschiedenen anderen Ländern. Als führendes Unternehmen in der französischen Schweiz bietet Ihnen Solstis auf der Grundlage seiner 18-jährigen Erfahrung ästhetisch überzeugende und leistungsstarke Lösungen an. Neben dem Anlagebau arbeitet Solstis mit Partnerunternehmen in der ganzen Schweiz zusammen. Wichtige Photovoltaikanlagen im Ausland sind zum Beispiel die Fassadenanlage am Minet Al Hosn in Beirut oder die Photovoltaikanlage auf der Schweizer Botschaft in Bangkok. Eine Anlage auf der Schweizer Botschaft in Kuala Lumpur ist in Planung. Solstis beschäftigt rund 60 Mitarbeitende und arbeitet mit rund 20 Partnerfirmen zusammen.


©Interview: Anita Niederhäusern

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