26. Mär 2018

Dr. Ferdinand Dudenhöffer, in Deutschland auch «Autopapst» genannt: „Die Brennstoffzelle hat sich seit 30 Jahren nicht weiterentwickelt und sogenannte Designerkraftstoffe sollen dann in Motoren mit 40 % Wirkungsgrad verbrannt werden!“ Bild: AEE Suisse

„Die IEA hat in den letzten 14 Jahren ihre Prognosen für den weltweiten Zubau von Wind- und Solarenergie 14 Mal nach oben angepasst! Irgendwann müssen wir aufhören, denen zu glauben!“, appellierte Michael Liebreich. Bild: AEE Suisse

„Die Zeit ist fast überreif“, ist Gianni Operto, Präsident der AEE Suisse, überzeugt, „und wenn wir uns nicht ernsthaft auf den Weg machen, bleiben wir auf der Strecke!“ Bild: AEE Suisse

„Die Kosten des Nichtstuns sind langfristig höher, als wenn wir heute in erneuerbare Energien investieren“, ist Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen, Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie an der Uni St. Gallen, überzeugt. Bild: AEE Suisse

Volle Reihen am AEE Suisse Kongress vom 20. März 2018 in der Umweltarena in Spreitenbach. Bild: AEE Suisse

AEE Kongress: Autopapst sagt baldiges Ende des Verbrennungsmotors voraus

(©AN) „Zögern ist tödlich!“ Davon ist Michael Liebreich von Bloomberg New Energy Finance bezüglich des Zubaus erneuerbarer Energien absolut überzeugt. Und der Zubau müsse auch im Inland stattfinden. „Das Zeitalter der Elektromobilität ist angebrochen, einen Gegentrend wird es nicht geben“, erklärte  der «Autopapst» Prof. Ferdinand Dudenhöffer.

 
„Die Zeit ist fast überreif“, ist Gianni Operto, Präsident der AEE Suisse, überzeugt, „und wenn wir uns nicht ernsthaft auf den Weg machen, bleiben wir auf der Strecke!“ AKW- und Kohlestrom seien nicht mehr wirtschaftlich. Die BKW habe das erkannt. „Passender als der Begriff Energiewende finde ich ‚Richtungskorrektur‘, denn wir sind ja schon auf dem Weg.“ So sei zum Beispiel Texas, wenn man diesen amerikanischen Bundesstaat als Land betrachte, weltweit der viertgrösste Windstromproduzent. GE habe im konventionellen Energiebereich weltweit 17‘000 Arbeitsplätze gestrichen, alles Indizien dafür, dass die Richtungskorrektur voll im Gange sei. Rund 300 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung sowie Wissenschaft und Bildung diskutierten am 6. Nationalen Kongress für erneuerbare Energien und Energieeffizienz am 20. März 2018 in der Umwelt Arena in Spreitenbach die Umsetzung der neuen Energiepolitik unter dem Motto «Vertrauen in die Zukunft». Dabei wurde deutlich: Die Energiewende braucht zusätzlichen Schub. Gefordert werden verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen, ein klarer Zubaupfad für eine breitgefächerte und sichere Vollversorgung mit erneuerbaren Energien sowie vielfältige Anreize für eine konsequente Anwendung energieeffizienter Lösungen.

Unglaubliche Kostendegression
„Die Trendwende findet wirklich statt!“, erläuterte Michael Liebreich von Bloomberg New Energy Finance: „Wurde 2014 weltweit mit 62 Milliarden Dollar noch 16 Gigawatt erneuerbare Energieleistung zugebaut, konnten 2017 mit 334 Milliarden Dollar unglaubliche 160 Gigawatt Leistung zugebaut werden!“ Durchschnittlich seien seit 2010 weltweit 300 Milliarden Dollar Investitionen in die erneuerbaren Energien geflossen, für dasselbe Geld gebe es aber immer mehr Leistung, der Trend sei ungebrochen. Die Erneuerbaren würden zunehmend ohne Förderung auskommen, Michael Liebreich erwähnte einige Ausschreibungen: „Basierend auf einem Vertragsabschluss von November 2017 wird Enel 2018 in Mexiko von ein Photovoltaikkraftwerk bauen, das Strom für 1.97 Dollarcents pro Kilowattstunde produziert. Ebenfalls in Mexiko wird 2019 Neoen einen Onshore-Windpark errichten, dessen Strom 1.77 Dollarcents pro Kilowattstunde kosten wird. Dong gewann 2016 in Deutschland eine Ausschreibung für einen Offshore-Windpark, der 2024 für 4.9 Dollarcents pro Kilowattstunde produzieren wird.

IEA passt sei 14 Jahren die Prognosen an
„Die IEA hat in den letzten 14 Jahren ihre Prognosen für den weltweiten Zubau von Wind- und Solarenergie 14 Mal nach oben angepasst! Irgendwann müssen wir aufhören, denen zu glauben!“, appellierte Michael Liebreich. Das schlimmste daran sei, dass sich viele Unternehmen und Regierungen immer noch nach den Vorhersagen der IEA richten würden. „Der Windstromanteil hat sich weltweit in den letzten 17 Jahren um den Faktor 5 vervielfacht, der Solarstromanteil sogar um den Faktor 8!“ Kohle sei aus der Mode, der weltweite Peak sei 2015 erreicht worden. „2040 wird ein Drittel des weltweiten Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien stammen, ein Drittel des Verkehrs wird elektrisch sein und die Effizienz wird um einen Drittel gestiegen sein“, sagt Michael Liebreich voraus.

Autobranche hat Vertrauen verspielt
„In Deutschland müssen Sie, wenn Sie ein Elektroauto kaufen wollen, Wartezeiten bis zu 12 Monaten in Kauf nehmen!“, freut sich Dr. Ferdinand Dudenhöffer, der in Deutschland auch «Autopapst» genannt wird. Für Dudenhöffer sind diese Wartezeiten ein deutliches Zeichen dafür, dass die Elektromobilität definitiv einen Durchbruch erlebe. Dieser Erfolg sei aus drei Gründen nicht mehr abwendbar: Erstens hätten die Autobauer mit den Verbrauchsangaben getrickst, so dass die Fahrzeuge in der Praxis bis zu 50 % mehr Sprit verbrauchten, zweitens habe die Branche die Umweltgesetzgebung im Bereich Diesel vorsätzlich gebrochen: „Das führt dazu, dass ein VW Polo heute bis zu 12 Mal mehr Stickoxide ausstösst als ein 40 Tonner-LKW!“ Wir müssten raus aus dieser Lügenwelt, die Autobranche habe ihr Vertrauen deutlich verspielt. Den dritten Grund sieht Dudenhöffer in der chinesischen Politik: „China ist mit Abstand der grösste Automarkt. Nun hat die Regierung für 2019 eine Elektroautoquote von 10 % festgelegt, für 2020 12 %, das sind gewaltige Impulse!“ Fossile seien raus, auch die von der Branche angekündigten Alternativen seien nicht wirklich zukunftsträchtig: „Die Brennstoffzelle hat sich seit 30 Jahren nicht weiterentwickelt und die so genannten Designerkraftstoffe sollen dann in Motoren mit 40 % Wirkungsgrad verbrannt werden!“ Weltweit werde es 2020 bereits 130 verschiedene Elektroautos und Busse geben. „Wir gehen in das Zeitalter der E-Mobilität!“, ist Ferdinand Dudenhöffer überzeugt.“ Die Digitalisierung werde die Autobranche zusätzlich drastisch verändern, so zum Beispiel mit autonomem Fahren und Ride- und Carsharing.

Die Schweiz als Transitland
„Die Schweiz ist die Wiege des europäischen Verbundsystems“, erinnerte Yves Zumwald, CEO von Swissgrid. 1958 legten die Schweiz, Frankreich und Deutschland in Laufenburg den Grundstein dafür. Diese Rolle als Strom-Transitland hat die Schweiz noch heute, auch wenn sie nicht Teil des EU-Marktes ist. Zumwald bemängelt, dass Swissgrid nicht von der Marktkopplung in der EU profitiere, das stelle ein Problem dar: „Doch das Schweizer Übertragungsnetz ist integraler Bestandteil des europäischen Verbundnetzes, deshalb kann die Netzstabilität nur im europäischen Kontext gewährleistet werden – heute wie morgen.» Ohne ein Stromabkommen mit der EU sei mittelfristig die Versorgungssicherheit gefährdet.

Nichtstun ist teuer!
„Die Kosten des Nichtstuns sind langfristig höher, als wenn wir heute in erneuerbare Energien investieren“, ist Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen, Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie und Leiter des Lehrstuhls für Management erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen, überzeugt. Die Klimarisiken belasteten das BIP mit 5 bis 20 %, die Schweiz importiere immer noch 80 % ihrer Energie aus dem Ausland, weitere Risiken seien die Atomkraft und die Schadstoffe aus dem Verkehr, wie der Dieselskandal gezeigt habe. „Dank der Lernkurven sind ‚Hard Costs‘ heute nicht mehr das Problem, darum ist die Senkung der ‚Soft Costs‘ matchentscheidend. Das sind insbesondere die Kapitalkosten und die politischen Risiken“, erklärte Wüstenhagen. Die Eigenverbrauchslösungen würden die politischen Risiken mildern. Und neue Investoren, wie zum Beispiel Privatleute, Pensionskassen usw., seinen bereit, erneuerbare Energien unter bestimmten Bedingungen zu tieferen Kapitalkosten zu finanzieren als Energieversorger. Letztere seien aber bereit, für höhere Renditen grössere Risiken in Kauf zu nehmen.

Energiedesign statt Strommarktdesign
Am 1. Januar 2018 wurde das erste Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050 in Kraft gesetzt, welches das Schweizer Stimmvolk im Mai 2017 mit 58.2 % angenommen hatte. Damit endete eine fast siebenjährige Auseinandersetzung um die Ausrichtung der Schweizerischen Energiepolitik. Heute ist klar, in welche Richtung sich das Schweizerische Energiesystem entwickeln soll. Erneuerbare Energien und Energieeffizienz anstelle von Kernkraftwerken und grosser Abhängigkeit von fossilen Energieträgern. Alle jetzt auf der politischen Agenda stehenden Energiegeschäfte – Revision Stromversorgungsgesetz, Marktmodelle, Marktöffnung, Wasserzinsregime, Revision CO2-Gesetz – haben sich an den Vorgaben der Energiestrategie 2050 und am Pariser Klimaabkommen zu orientieren. In den verschiedenen Podiumsgesprächen und Referaten am AEE Suisse-Kongress wurde indes klar, dass die Vertreter der Bundesbehörden sich noch sehr wage ausdrücken, wenn sie darüber sprechen, wie es nach Auslaufen des 1. Massnahmenpaketes weitergehen soll. Diese Arbeit ist umgehend an die Hand zu nehmen, denn es besteht ein grosser Handlungsbedarf. Verschiedene Redner wiesen darauf hin, dass es aufgrund der zunehmenden Sektorenkopplung kein Strommarktdesign, sondern ein Energiedesign braucht. 

Immer noch viele Zauderer
Die Energiezukunft hat längstens begonnen, darüber waren sich die rund 300 Gäste am Kongress in Spreitenbach einig. Viele Unternehmen, Private und Institutionen beteiligen sich schon heute aktiv am Aufbau einer modernen, erneuerbaren und effizienten Energieinfrastruktur. Wichtig dabei ist eine systemische Betrachtung der anstehenden Herausforderungen: Mobilität, Energieproduktion, -verteilung und -speicherung, Sektorkopplung, innovative Businessmodelle, aber auch die gesellschaftliche Akzeptanz spielen gleichermassen für die Weiterentwicklung der aktuellen Energiepolitik eine zentrale Rolle.

Bewusstsein der Veränderung noch nicht angekommen
Trotzdem hinterlässt die Konferenz den Eindruck, dass gerade die Vertreter der Strombranche, der Behörden, aber auch der Banken, noch nicht erkannt haben, wie sehr die dezentrale erneuerbare Energieversorgung kombiniert mit der Digitalisierung unsere Welt verändern wird. Die erneuerbaren Energien werden, auch wenn einige es noch nicht glauben, unsere Welt in einer Art verändern, die noch sehr viel einschneidender sein wird, als wir uns das heute vorstellen können. Ein Beispiel dafür ist das Betanken von Autos: Was bisher eine riesige Infrastruktur brauchte, kann heute ein Grossteil von uns – wenn er denn möchte - zu Hause tun.. Zudem ist der Unterhalt von Elektrofahrzeugen viel günstiger. Die immer preiswerteren erneuerbaren Energien kombiniert mit der Digitalisierung werden eine neue Welt schaffen und wir werden uns die Augen wischen angesichts der Geschwindigkeit, mit der der Wandel voranschreiten wird. Ob wir es schaffen, diesen Prozess auch politisch geordnet und in nützlicher Frist abzuwickeln, erscheint indes ungewiss, auch das hat die Konferenz gezeigt. Nach wie vor gibt es in der Schweiz zahlreiche Zauderer – darunter auch viele Politiker und Behörden. Die Trägheit unseres politischen Systems, das absolut seine Vorzüge hat, könnte sich gerade im Energiebereich als Hemmschuh entpuppen, wenn es darum geht, zügig zukunftsweisende Entscheide zum Wohle unseres Landes zu fällen.

©Text: Anita Niederhäusern, leitende Redaktorin und Herausgeberin ee-news.ch

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