Annette Ridolfi Lüthy: "Um uns gegen Atomkraftwerke zu entscheiden, bräuchten wir diese Studien eigentlich nicht. Was wir zuvor schon wussten hätte längst genügt: die Strahlung durch Uranabbau, die Reaktorunfälle und das ungelöste Abfallproblem."

«Strahlung schädigt unser Erbgut! »

(SB) Die Kinder-Onkologin Annette Ridolfi Lüthy ist überzeugt: Auch ohne Reaktorunfall erkranken Kinder um Atomkraftwerke häufiger an Leukämie oder sterben noch vor der Geburt. Auch das Bundesamt für Gesundheit nimmt sich der Frage an.

Nachdem eine deutsche Studie Fragen zum Einfluss von AKW auf die Geburtenrate von Mädchen aufgeworfen hat, äusserte sich anlässlich einer Fragestunde im Nationalrat auch Bundesrat Didier Burhkalter dazu. Sollten wissenschaftliche Studienresultate einen Zusammenhang zwischen ionisierender Strahlung und dem Zahlenverhältnis von Knaben- zu Mädchengeburten nachweisen, sähe sich der Bundesrat veranlasst, das Bewilligungsverfahren für neue Atomkraftwerke zu überprüfen. Die Kinder-Onkologin Annette Ridolfi Lüthy, Mitglied bei der Vereinigung «Ärztinnen und Ärzte für soziale Verantwortung» (PSR/IPPNW), erklärt im Interview die Hintergründe zu diesen Studien und zu den Auswirkungen von radioaktiver Strahlung.

Zwanzig Jahre lang arbeitete Annette Ridolfi Lüthy als leitende Ärztin und Kinderonkologin am Inselspital Bern. Sie setzt sich vehement gegen Atomkraft ein.

Annette Ridolfi Lüthy, Sie mussten schon vielen Eltern mitteilen, dass ihr Kind an Leukämie erkrankt ist. Wie haben sie jeweils reagiert?
Annette Ridolfi Lüthy: Die ersten Fragen waren immer: Woher kommt das? Und hat es etwas mit Atomkraftwerken zu tun? Ende der achtziger Jahre war es noch schwierig, eine Antwort zu geben. Ich sagte den Eltern, es gebe den Verdacht, dass radioaktive Strahlung eine Ursache sein könne, doch beweisen lasse es sich nicht.

Lässt sich inzwischen eine klare Antwort geben?
Ja, es gibt Beweise, es hat sich in der Medizin auch viel getan. Als ich als Onkologin angefangen habe, kannte man zwei verschiedene Leukämieformen und wusste wenig über die Therapie. Man behandelte die Kinder und die einen wurden gesund, die anderen starben, niemand wusste weshalb. Doch inzwischen hat man herausgefunden, dass sich die Leukämievarianten auf der Chromosomen-Ebene unterscheiden. Es gibt im Erbgut der kranken Blutzellen einen Defekt, der dazu führt, dass die Zellen nicht mehr tun, was sie tun sollten. Je nachdem, welche Gene betroffen sind, ist eine Leukämie besser oder nur sehr schwer zu behandeln. Radioaktive Strahlung verursacht Veränderungen in den Genen.

Wie bedrohlich ist Leukämie noch?
In meinem Lehrbuch stand noch: Leukämie ist nicht heilbar. Heute können acht von zehn Kindern geheilt werden. Das haben wir geschafft, weil wir jahrelang Dutzende von Behandlungsprotokollen ausgewertet haben und unablässig nach einer noch besseren Therapie gesucht haben. Inzwischen unterscheidet man viele verschiedene Leukämievarianten und kann sie gezielt behandeln, womit die Heilungschancen stark gestiegen sind. Doch die Angst bleibt. Manchmal entwickeln die Kinder nach einer erfolgreichen Behandlung auch einen Zweittumor, der vielleicht durch die erste Behandlung ausgelöst wurde.

Kinder in der Umgebung von Atomanlagen erkranken häufiger an Leukämie, das haben Studien in Deutschland inzwischen belegt. In der Schweiz wird derzeit auch an einer derartigen Studie gearbeitet. Was bringen all die Studien?
Um uns gegen Atomkraftwerke zu entscheiden, bräuchten wir diese Studien eigentlich nicht. Was wir zuvor schon wussten hätte längst genügt: die Strahlung durch Uranabbau, die Reaktorunfälle und das ungelöste Abfallproblem. Radioaktive Strahlung verursacht Krebs und schädigt unser Erbgut! Das birgt eine unglaubliche Gefahr. Die Studien zeigen jetzt aber darüberhinaus: schon die „minimale“ Strahlung der Atomkraftwerke bei sogenanntem Normalbetrieb ist für Kinder und schwangere Frauen bereits verheerend. Auch ohne Reaktorunfall erkranken Kinder um Atomkraftwerke häufiger an Leukämie oder sterben noch vor der Geburt.

Interview: Susan Boos, Redaktorin WOZ, Die Wochenzeitung. Das Interview ist in der Online Zeitung der Allianz «Nein zu neuen AKW» erschienen.

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