05. Sep 2017

Carlo Schmid-Sutter, Präsident der ElCom: „Im Rahmen des periodischen Berichts zur Versorgungssicherheit hat die ElCom im Berichtsjahr vor den Risiken einer zu ausgeprägten Importabhängigkeit gewarnt.“ Bild: Elcom

Elcom: Jahresbericht 2016 – bei heutiger Zubaurate der Erneuerbaren brauchen wir 100 Jahre um Kernkraft zu ersetzten

(ee-news.ch/ Elcom) Die Elcom hat ihren Jahresbericht 2016. Hier das darin veröffentlichte Editorial von Carlo Schmid-Sutter, Präsident der ElCom. Er schreibt: „Mittel- und langfristig werden die Herausforderungen für die Schweiz zunehmend grösser: Der Zubau von erneuerbaren Energien geht nur schleppend voran. Wenn wir die wegfallende Energie aus der Kernkraft mit Erneuerbaren kompensieren wollen, benötigen wir dafür mit der momentanen Zubaurate rund 100 Jahre.“


Das Jahr 2016 war für die schweizerische Strombranche ein bewegtes Jahr. Anfang Jahr lösten eine unterdurchschnittliche Produktionsverfügbarkeit auf der Spannungsebene 220 Kilovolt (kV) sowie limitierte Importkapazitäten erhebliche Diskussionen zur Versorgungssicherheit aus. Aufgrund günstiger Witterung und eingeleiteter Sofortmassnahmen hat sich die Situation daraufhin entspannt. Die Sofortmassnahmen waren nur durch die zeitnahe und ausgezeichnete Arbeit aller involvierten Akteure möglich. In dieser Hinsicht hatte der potenzielle Engpass durchaus positive Seiten: In der Krise haben die involvierten Parteien intensiv zu deren Entschärfung beigetragen, in Arbeitsgruppen die Zuständigkeiten definiert und die sachdienlichen Massnahmen eingeleitet. Auf technischer Ebene wurden zentrale Elemente beim Netzausbau vorangetrieben, so etwa der Transformator in Beznau. Es ist zu hoffen, dass die Schweizer Strombranche für die kommenden Winter ihre Lehren aus dem Winter 2015/2016 gezogen hat.

Aus Sicht des Regulators funktionierte die Stromversorgung in den vergangenen Jahren zufriedenstellend. So ist die Versorgungsqualität in der Schweiz ausgezeichnet. Durchschnittlich hatte ein Schweizer Konsument im Jahr 2015 – die Werte von 2016 sind erst im Sommer 2017 bekannt – mit 21 Minuten geplanter und ungeplanter Unterbrüche zu rechnen. Die ungeplanten Unterbrüche machten nur elf Minuten pro Konsument aus. Diese Zahlen gehören europaweit zu den Spitzenwerten.

Zufriedenstellend sind auch die Strompreise der Grundversorgung. Die Netznutzungskosten sind seit Beginn unserer Erhebungen 2009 stabil bei circa zehn Rappen pro Kilowattstunde (Rp./kWh). Die Energiepreise schwanken zwischen sieben und acht Rappen, die kantonal und kommunal unterschiedlichen Steuern und Abgaben bewegen sich im Bereich von rund einem Rappen. Einzig die KEV hat sich – allerdings mit der Zustimmung der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger der Schweiz – im Beobachtungszeitraum auf 1.5 Rappen mehr als verdreifacht.

Für die Zukunft sieht der Regulator allerdings schwierige Zeiten auf die Schweizer Stromversorgung zukommen. Kurzfristig, für den Winter 2016/2017, zeigt sich die Lage für die Schweiz einigermassen entspannt. Die Hausaufgaben wurden gemacht, auf Seiten Netz steht gegenüber dem Vorjahr eine bedeutend höhere Importkapazität zur Verfügung. Daher kann allfällig fehlende Bandenergie – sofern sie im Ausland verfügbar ist – importiert werden. Auch die Energiesituation ist in der Schweiz in kurzfristiger Hinsicht relativ unkritisch. Dies trotz vorübergehendem Ausfall der Kernkraftwerke Beznau 1 und Leibstadt.

Mittel- und langfristig werden die Herausforderungen für die Schweiz zunehmend grösser: Der Zubau von erneuerbaren Energien geht nur schleppend voran. Wenn wir die wegfallende Energie aus der Kernkraft mit Erneuerbaren kompensieren wollen, benötigen wir dafür mit der momentanen Zubaurate rund 100 Jahre. Das heisst, dass wir die Lücke zwischen Verbrauch und Produktion im Inland mindestens teilweise mit Eigenproduktion schliessen müssen, wie dies der Bundesrat bereits in seiner Botschaft zur Energiestrategie 2050 in Aussicht gestellt hat. Oder wir werden mehr Elektrizität importieren müssen. Im Rahmen des periodischen Berichts zur Versorgungssicherheit hat die ElCom im Berichtsjahr vor den Risiken einer zu ausgeprägten Importabhängigkeit gewarnt. Die Importe von Elektrizität sind nur dann möglich, wenn die Produktion und Transportinfrastruktur im Ausland sowie die Übertragungskapazität im Inland in Echtzeit verfügbar sind.

Bei zunehmender Importabhängigkeit nimmt auch die Bedeutung des internationalen Umfelds zu. Auf operativer Ebene sind die Beziehungen zu den Nachbarstaaten zwar intakt. Mit der Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden der EU (ACER) haben wir ein Memorandum of Understanding, das uns Beobachterstatus in verschiedenen Arbeitsgruppen gewährt. Die Haltung Brüssels gegenüber der Schweiz ist jedoch klar abweisend. So wird der Schweiz nicht nur der Zutritt zur Day-Ahead-Marktkopplung verwehrt, sondern sie wird auch aus dem Cross-Border-Intraday-Prozess ausgeschlossen. Die Situation präsentiert sich im Hinblick auf künftige Verhandlungen als problematisch. Die zunehmende Fokussierung auf institutionelle Fragen führt dazu, dass die Optimierung des Verbundbetriebs, das Funktionieren der Märkte und die Gewährleistung der Versorgungssicherheit zur Nebensache verkommen. Wenn formale Fragen weiter dominieren, ist dem Verbundbetrieb und der Versorgungssicherheit nicht gedient.

Im Bereich der Marktüberwachung wurde in der ElCom das Monitoring des schweizerischen Stromgrosshandels MATCH, das schweizerische Pendant zum europäischen REMIT, erfolgreich eingeführt. Im MATCH-System gehen seit 2016 bei der ElCom täglich zwischen 40’000 und 45’000 Standardverträge ein, ohne OTC-Meldungen und Fundamentaldaten. MATCH dient dem Regulator dazu, einen fairen Strompreis zu garantieren, über solide Marktkenntnisse zu verfügen sowie eine Übersicht über den Kenntnisstand auswärtiger Behörden betreffend sensible Schweizer Unternehmensdaten zu behalten.

Im Fachbereich Preise und Tarife haben wir die zweite und damit letzte Testphase der Sunshine-Regulierung erfolgreich abgeschlossen. 2017 werden wir Sunshine erstmals als Regulierungsinstrument anwenden. Die Ergebnisse werden wie in den Testjahren jedem Verteilnetzbetreiber individuell mitgeteilt und vorerst nicht öffentlich publiziert.

Im Bereich Recht bestätigte das CKW-Urteil des Bundesgerichts im Berichtsjahr die Gesetzeskonformität der sogenannten Durchschnittspreis-Methode, welche die ElCom und gut 80 Prozent der Netzbetreiber für die Preisgestaltung seit langem angewandt haben. Die Konsequenzen für jene Verteilnetzbetreiber, welche die Durchschnittspreis-Methode nicht angewendet haben, sind angesichts der parlamentarischen Reaktionen auf das Bundesgerichtsurteil abzuwarten.

Weiter hat die ElCom im April 2016 einen Grundsatzentscheid zur Vergütung von eingespeister elektrischer Energie – insbesondere Solarstrom – getroffen. Die Vergütung richtet sich nach dem Einkaufspreis, den der Netzbetreiber bei der Beschaffung von Strom ohne deklarierte Herkunft bezahlt.

Tätigkeitsbericht der ElCom 2016 >>

Text: Carlo Schmid-Sutter, Präsident der ElCom

1 Kommentare
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Diego Fischer @ 10. Sep 2017 23:50

Tja, nichts neues aus der ElCom also: wieso die Erneuerbaren so langsam vorankommen, wird nicht erklärt, man könnte fast den Eindruck gewinnen, dies sei ein Naturgesetz, und mehr sei gar nicht möglich. Und so droht uns schon wieder die schlimme Versorgungslücke, zu stopfen mit einer ominösen "Eigenproduktion", deren Natur aber nicht erklärt wird...
Kann bitte jemand der ElCom erklären, dass es da ein ganz einfaches Mittel gäbe: den Dreckstrom aus dem Ausland mit der schweizer CO2 Abgabe von 84 Fr/Tonne zu belasten (wie unser Gas und Heizöl). Dies ergäbe einen Aufschlag von 8.4 Rp/kWh auf den importierten Kohlestrom (1 kWh Kohlestrom = 1kg CO2), und schon würde die Photovoltaik in der Schweiz weitgehend konkurrenzfähig, und könnte statt um nur 250 MW/Jahr locker 2-3 mal schneller wachsen.

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