23. Jun 2017

Philipp Schröder: "Wir haben ja die Sonnen Community mit einer Produktionskapazität von 90 – 100 Gigawattstunden im letzten Jahr. Wir versorgen momentan 75‘000 Personen mit Strom."

Sonnen: „Wir wollen einer der grössten Energieversorger Deutschlands werden“

(AN) „Wir wollen einer der grössten Energieversorger Deutschlands werden“, erklärt Philipp Schröder, Vertrieb & Marketing von sonnen, Europas grösstem Hersteller von Stromspeichern, der in Deutschland 75‘000 Menschen mit Solarstrom versorgt. Ein Messegespräch an der Intersolar am 1.6.17 über neue Marktmodelle und die Zusammenarbeit mit Swisscom.


Anita Niederhäusern: Ende März haben Sie die Zusammenarbeit mit Swisscom in de
r Schweiz bekannt gegeben. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?
Philipp Schröder, Geschäftsführer Vertrieb & Marketing von sonnen: Wir arbeiten mit Swisscom Energy Solutions schon in Deutschland zusammen. Sie liefern uns eine Technologie für unsere Sonnen Community in Deutschland, sprich diese Technologie erlaubt es uns, unsere Batteriespeicher miteinander zu vernetzen und so aus vielen kleinen einzelnen Speichern einen grossen virtuellen Speicher darzustellen, der am Regelenergiemarkt teilnimmt. Wir stellen dem Netzbetreiber Leistung zur Verfügung, für die wir bezahlt werden. Die Einnahmen daraus finanzieren dann unsere Flatrate (siehe Kasten), gemeinsam mit den Einnahmen aus den Batteriespeicherverkäufen. Bei der sonnenFlat zahlt der Kunde bis zu einem bestimmten Verbrauch gar nichts für seinen Strom sondern lediglich eine feste Mitgliedschaft für unsere sonnenCommunity von 19.99 Euro/Monat.

Ist denn Regelenergie zurzeit noch etwas wert? Ich habe Klagen gehört, dass auch dort die Preise deutlich gesunken sind
Die Preise für Regelenergie unterliegen natürlich auch saisonalen Schwankungen. Es gibt ja verschiedene Regelenergiemärkte, den Primär-, Sekundär- und Tertiärmarkt. Der Primärleistungsmarkt ist der Handel für die nächste Minute. Wir sind bisher ausschliesslich in diesem Markt tätig, da wir mit unseren Sonnenbatterien dafür prädestiniert sind, weil wir sehr schnell, nämlich innerhalb von Sekunden, Energie liefern oder speichern können. Wir sind aber nicht allein von diesem Markt abhängig, es gibt weitere Netzdienstleistungen, mit denen wir zusätzliche Einnahmen erwirtschaften können.

Was zeichnet die Software-Lösung von Swisscom aus?
In der Schweiz betreibt Swisscom Energy Solutions bereits einen Schwarmspeicher unter dem Namen tiko Er ist der grösste virtuelle Pool Europas, der im Regelenergiemarkt tätig ist. Das Unternehmen hat folglich schon sehr viel Erfahrung, das ist auch der Grund, warum wir für die Sonnen Community die Lösung von Swisscom Energy Solutions verwenden.

Können Sie nun dank Tiko die Sonnen Community auch in der Schweiz aufbauen?
Nicht genau nach demselben Modell wie in Deutschland: Tiko bietet jetzt die Sonnenbatterien in der Schweiz ab 5500 Franken mit einem entsprechenden Tiko-Gerät unter dem Namen tiko storage an. Es gibt aber auch die Möglichkeit, für 39 Franken im Monat eine bestehende Photovoltaikanlage mit einem Batteriespeicher und den notwendigen Tiko-Geräten zu erweitern. Mit dem Batteriespeicher spart man schon mal rund 70 % Stromkosten und dazu kriegt man pro Jahr noch 250 Franken aus den Erträgen des Regelenergiemarkts.

Sind die 250 Franken garantiert?
Nein, es sind maximal 250 Franken,abhängig von der Größe des Speichers.

Wie sieht das Modell in Deutschland aus?
In Deutschland ist das Modell etwas anders. Wir haben unsere sonnenCommunity, bei der wir die Mitglieder miteinander vernetzen und sie bilanziell ihren Strom untereinander tauschen können. Im letzten Jahr haben wir dann unsere sonnenFlat eingeführt, bei der Strom kostenlos ist Die Einführung der sonnenCommunity war für unser Unternehmen ein wichtiger Schritt, denn davor hatten wir nur die Möglichkeit, die Speicher zu verkaufen. Wir hatten folglich nur einen Kontakt mit unseren Kunden, das ist jetzt natürlich ganz anders, denn jetzt haben wir eine langfristige Beziehung mit ihnen. Neben dem möglichst hohen Eigenverbrauch seines Solarstroms für sein eigenes Haus vernetzt sich der Kunde mit anderen und leistet zusätzlich Regelenergie. Die Speicher sind ja zu einem gewissen Teil des Tages ungenutzt, dank der Community nutzen wir sie, auch wenn es pro Tag nur ein paar Minuten sind. Und der Kunde merkt nichts davon. Es ist ja auch grundsätzlich sinnvoll, die Speicher ins Stromnetz einzubinden, weil wir ja durch den höheren, immer steigenden Eintrag von erneuerbarem Strom ins Netz einen immer weiter steigenden Bedarf an Speicherkapazitäten haben. Mit unserer Community können wir diese Schwankungen auch langfristig ausgleichen. Unser Netzwerk wird ja immer grösser, es ist dezentral ausgerichtet, so dass wir die Schwankungen auch dort ausgleichen können, wo sie auftreten, und die Lasten gleichmässig verteilen können. Wir monetisieren damit einen wichtigen Doppelnutzen.


Beschränkt sich die Tätigkeit von Sonnen in der Schweiz auf die Zusammenarbeit mit Tiko respektive Swisscom Energy Systems?
Wir hatten bereits vor diesem gemeinsamen Launch ein enges Netz von lokalen Installationspartnern in der Schweiz. Mit tiko arbeiten wir überregional zusammen.

Arbeiten Sie auch mit
Netzbetreibern zusammen?
Doch, wir haben mit Tennet ein sehr spannendes Projekt lanciert. Tennet ist der grösste deutsche Übertragungsnetzbetreiber. Hier nutzen wir den Pool unserer Speicher nicht mehr für die Primärenergienetzleistung, sondern für das sogenannte Redispatch. Das ist der Fall, wenn wir zum Beispiel in Norddeutschland durch den Windstrom genügend Energie im Netz haben, aber im Süden zu wenig. Nun kann der Strom nicht in den Süden transportiert werden, weil die Leitungen fehlen. Normalerweise würde Tennet jetzt die Windkraftwerke im Norden abstellen und im Süden Gaskraftwerke anstellen, um dieses Ungleichgewicht zu beheben. Dank unserer Zusammenarbeit werden wir nun den Windstrom in unsere Speicher einspeichern und im Gegenzug dazu liefern wir Tennet den Strom aus unseren Speichern im Süden. Wir legen also quasi für diesen Redispatch eine virtuelle Stromleitung. Dank sehr genauer Wetter- und Verbrauchsdaten können wir sicher vorhersagen, wo wir die Redispatch-Leistung liefern können.

Ihre Community kann folglich nicht mit grossen Speichern, sondern mit vielen kleinen ganz viel leisten
Genau, das ist der Witz an der Sache. Und das eigentlich Neue an der Zusammenarbeit mit Tennet ist nicht das Modell, sondern dass wir mit einer Blockchain arbeiten. Das ist weltweit das erste Mal überhaupt, dass so etwas über eine Blockchain gemacht wird.

Was ist Sonnen nun eigentlich, ein Batteriehersteller oder ein Energieversorger?
Eine sehr gute Frage! Wir sind Europas grösster Hersteller für Batteriespeicher, aber wir sind auch Energiedienstleister. Das heisst, das was wir seit eineinhalb Jahren mit der Sonnen-Community machen, ist nichts anderes, als dass wir uns quasi als Energieversorger aufbauen, aber nicht als klassischen, sondern als neuen Energieversorger. Wir bauen keine neuen Kraftwerke, sondern wir bringen die dezentralen Anlagen unserer Kunden, die Strom produzieren und speichern können, ein in unsere Sonnen Community. Dadurch sind die Anlagen miteinander vernetzt und dadurch können wir den Strom auch verteilen. Das ist unser Ansatz, den es in dieser Weise erst bei uns gibt. Damit kommen wir praktisch von unten herauf, um unsere Rolle als Energieversorger weiter auszubauen. Denn wir wollen tatsächlich in ein paar Jahren der grösste Energieanbieter Deutschlands sein.

Dann müssten Sie jedoch die Community auch in die grossen Unternehmen und KMU reintragen
Wir haben ja die Sonnen Community mit einer Produktionskapazität von 90 – 100 Gigawattstunden im letzten Jahr. Wir versorgen momentan 75‘000 Personen mit Strom. Diese Community besteht ja aus dezentralen Prosumern, die dezentral Strom produzieren, verbrauchen und speichern. Und sie wächst jeden Tag. Das ist aus unserer Sicht die Energieinfrastruktur, die zukunftsfähig sein wird. Damit verdrängen wir auch die klassischen Energieversorger. Denn jedes neue Mitglied der Community kommt ja von einem klassischen Energieversorger.

Das tönt in der Tat alles sehr spannend. Aber was tut denn die Kundin oder der Kunde, der keine Solarstromanlage hat?
In Deutschland ist das kein Problem: Wir haben seit Januar ein neues Angebot für Stadtbewohnerinnen und -bewohner in Miet- oder Eigentumswohnungen, die keine Möglichkeit haben, selber Strom zu produzieren. Das Angebot heisst Sonnenflat City, diesen Kunden bauen wir eine Sonnenbatterie in die Wohnung ein, und dort können wir nun die Überschüsse aus unserer Sonnen Community einspeichern. Wir haben gerade vom Frühjahr bis zum Herbst in der Regel einen Stromüberschuss. Die Wohnungsbesitzer können dann den Strom aus der Community verbrauchen und zusätzlich wird dieser Speicher auch, wie die andern, für den Regelenergiemarkt genutzt, um zusätzliche Gewinne zu erwirtschaften. Damit erhalten dann die Stadtbewohnerin oder der Stadtbewohner, die unser Angebot nutzen, 2200 Kilowattstunden kostenlosen Strom pro Jahr. Wer mehr braucht, zahlt 23 Eurocents pro zusätzlicher Kilowattstunde. Im Prinzip ist das der erste Tarif, der genau auf diese Zielgruppe mit einem Verbrauch von jährlich 2000 bis zu 2800 Kilowattstunden zugeschnitten ist. Wer nur 800 Kilowattstunden verbraucht, für den rechnet sich das bis jetzt noch nicht so schnell. Das Modell ist für die genannte Zielgruppe sehr attraktiv, da es sich innerhalb von sieben bis acht Jahren amortisiert.

Auch bei Strompreissteigerungen?
Wir geben für die sonnenFlat city eine Garantie von zehn Jahren auf den kostenlosen Strom. Das heisst, die Kunden frieren ihre Stromrechnung für 10 Jahre ein. Je stärker der Strompreis steigt, umso mehr sparen sie dann. Dadurch sind unsere Angebote so attraktiv, dass sie unserer Meinung nach eine Alternative zum Strom vom klassischen Energieversorger sind.

Waren sich die Gründer von Sonnen schon bewusst, dass sich aus der Sonnenbatterie auch eine Sonnen Community entwickeln wird?
Das war die eigentliche Grundidee bei der Gründung von Sonnen: dass sich die Leute mit ihrem eigenen Kraftwerk mehr oder weniger selbst versorgen können. Damals stand ja aufgrund der hohen Einspeisevergütung die 100-prozentige Einspeisung im Vordergrund. Als wir 2011 die erste Sonnenbatterie an der Intersolar ausstellten, sagen die meisten: „Was wollt ihr damit? Eigenverbrauch macht doch gar keinen Sinn und erst recht nicht mit einem Speicher! Ihr seid verrückt!“ Von den Unternehmen, die das damals gesagt haben, sind nicht mehr sehr viele übrig! Eigenverbrauch ist in Deutschland und auch in vielen europäischen Ländern ein Megatrend geworden. Mit der sonnenCommunity gehen wir jetzt den zweiten Schritt und vernetzen unsere Kunden und Speicher miteinander. Damit bauen wir ein komplett eigenständiges, dezentrales Energieversorgungssystem auf, das langfristig saubere und bezahlbare Energie liefert.

Weitere Intersolar Messegespräche

©Interview: Anita Niederhäusern, leitende Redaktorin ee-news.ch

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