15. Jun 2017

Die ETHZ schätzt das Stromsparpotential für Schweizer Haushalte auf insgesamt 20 bis 25 Prozent Die Resultate deuten aber darauf hin, dass der vorgesehene Richtwert von 15 Prozent realistisch ist, und darüber hinaus weiteres Potential besteht.

ETH Zukunftsblog: Schweizer Haushalte könnten Strom sparen

(©ETHZ/NB) Die ES 2050 sieht vor, dass die Schweiz schrittweise aus der Atomenergie aussteigt. Die fehlende Elektrizität soll durch neue erneuerbare Energie, den weiteren Ausbau der Wasserkraft und durch die Steigerung der Energieeffizienz ersetzt werden. Laut der Vorlage soll der Stromverbrauch pro Kopf bis 2020 um 3 Prozent gegenüber dem Verbrauch im Jahr 2000 sinken, bis 2035 sogar um 13 Prozent.


Ist das ein realistisches Ziel?

Effizienzpotential neu geschätzt
Am Zentrum für Energiepolitik und Ökonomie CEPE der ETH Zürich arbeiten wir seit einigen Jahren daran, das Effizienzpotential im Stromverbrauch von Schweizer Haushalten zu bestimmen. Die klassische Potentialabschätzung eines Ingenieurs folgt einem sogenannten «bottom-up»-Ansatz, wobei der Ingenieur Potentiale von einzelnen Haushalten misst und auf die Gesamtbevölkerung hochrechnet. Eine Prognos-Studie [1] hatte dies 2011 für die Schweiz gemacht und kam auf ein Stromeinsparpotential der Haushalte von 15 Prozent bis 2035. Ein Nachteil dieser Methode ist, dass jeweils Annahmen über zukünftige Technologien getroffen werden, was mit Unsicherheiten behaftet ist.

Unser Ansatz hingegen verläuft «top-down» und berechnet eine so genannte Best-Practice-Stromnachfragekurve basierend auf einem aktuellen und repräsentativen Datensatz zu Schweizer Haushalten. Punkte auf dieser Kurve repräsentieren die heute effizientesten Haushalte, welche die neusten und effizientesten Geräte zu Hause haben und diese optimal nutzen. Für alle anderen Haushalte kann man den Abstand zur Kurve messen, der das Effizienzniveau darstellt. So lässt sich das Potential in Bezug auf die besten zum jetzigen Zeitpunkt verfügbaren Technologien und unter Berücksichtigung des Nutzerverhaltens abschätzen, ohne aber Annahmen bezüglich zukünftiger Technologien treffen zu müssen.

Stromsparpotential von 20 bis 25 Prozent
In einem kürzlich publizierten Artikel [2] haben wir auf diese Weise ein Stromsparpotential für Schweizer Haushalte von insgesamt 20 bis 25 Prozent abgeschätzt. Dieses liegt deutlich über dem 2011 von Prognos geschätzten Gesamtpotential von 13 Prozent – und es liegt auch über dem in der Energiestrategie 2050 festgelegten Einspar-Richtwert von 15 Prozent, wobei dieser pro Kopf angegeben wird und nicht absolut, so dass ein direkter Vergleich nicht ganz korrekt ist. Dennoch deuten unsere Resultate darauf hin, dass der vorgesehene Richtwert realistisch ist, und darüber hinaus weiteres Potential besteht.

Beachtlicher Standby-Verbrauch
Die Kluft zwischen optimalem und tatsächlichem Stromverbrauch von Haushalten hat zwei Ursachen: Einerseits kann ein Haushalt alte, ineffiziente Geräte gebrauchen. Andererseits kann es auch sein, dass ein Haushalt seine Geräte nicht optimal benutzt. Dies ist zum Beispiel beim Standby-Verbrauch der Fall. Auf der Basis von Zahlen des BFE [3] stellten wir fest, dass beachtliche 6 bis 14 Prozent des gesamten Stromverbrauchs eines Haushalts allein durch Standby verursacht wird. Erstaunt fragten wir uns, ob Haushalte, die Standby vermeiden, auch tatsächlich ein höheres Effizienzniveau aufweisen und konnten zeigen, dass dies tatsächlich der Fall ist. In «bottom-up»-Studien sind solche Verhaltensaspekte meist nicht oder nur ungenügend berücksichtigt, was ein Vorteil unserer Methode ist.

Die Lücke erklären
Nach dieser ersten groben Potentialabschätzung für die Schweiz versuchen wir nun, die Kluft zwischen optimalem und tatsächlichem Stromverbrauch genauer zu untersuchen. Dabei interessieren uns vor allem verhaltensökonomische Aspekte: Die Resultate eines neuen Working Paper [4] deuten darauf hin, dass für Energie- und Investitionsfragen sensibilisierte Haushalte tendenziell einen geringeren Stromverbrauch haben. Zudem wollen wir herausfinden, ob man die Ersatzrate von Haushaltsgeräten mittels Informations- und Ausbildungstrainings beeinflussen kann. Dies könnte Hinweise für mögliche politische Massnahmen in der Zukunft liefern.

Weiterführende Informationen
[1] Prognos (2011), Energieszenarien für die Schweiz bis 2050, Erste Ergebnisse der angepassten Szenarien I und IV aus den Energieperspektiven 2007 - Zwischenbericht >> im Auftrag des BFE.
[2] Boogen, N. (2017), Estimating the potential for electricity savings in households, Energy Economics >> (63) , pp. 288–300.
[3] BFE (2006), Standby-Verbrauch im Haushalt - Schlussbericht >> im Auftrag des BFE, Bundesamt für Energie (BFE), Bern
[4] Blasch, J., Boogen, N., Filippini, M. und Kumar, N. (2017), The role of energy and investment literacy for residential electricity demand and end-use efficiency, CER-ETH Working Paper 17/269.

Text: Nina Boogen, ETH Zukunftsblog, ETH Zürich

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