17. Mai 2017

Bemerkenswert: 180 m2 Sonnenkollektoren in den Fassaden und ein 19 m hoher Wasserspeicher im ehemaligen Abluftschacht. Eine Wärmepumpe mit 2 Erdsonden und 180 m2 Photovoltaik auf dem Dach. ©Fotos: T. Rütti

Beat Kämpfen: «Die Vorgabe lautete: ‹umbauen statt ersetzen›. Die Bauordnung erlaubte eine moderate Verdichtung. Bei der baulichen und energetischen Erneuerung wurden ökologische Aspekte berücksichtig.»

Swissolar-Gechäftsführer David Stickelberger: «Die Sonne ist zentraler Bestandteil der künftigen Energieversorgung. In 2 Stunden strahlt sie so viel Energie auf die Erde, wie die Menschheit in einem Jahr verbraucht!»

David Dubois: «Das von meinem Vater erbaute und nun von mir und meiner Frau Ana energetisch auf Vordermann gebrachte Gebäude in Schwamendingen ist unser Beitrag zur Energiewende.»

Energieingenieur René Naef: «Das Plus-Energiehaus mit sehr gut gedämmter Gebäudehülle, der Nutzung von thermischer Solarwärme direkt und im kalten Erdsondenkreislauf sowie Photovoltaik zur Stromerzeugung.»

In der Hausmitte befand sich der Abluftschacht für die Tiefgaragen-Entlüftung. In den Schacht wurde ein 19 Meter hoher Solarspeicher abgesenkt, quasi das Herz der neuen Energiezentrale.

Sanierung statt Abriss: Plus-Heizenergie-Bilanz dank solarer Architektur

(©TR) Am 11. Mai 2017 wurde in Zürich-Schwamendingen die schweizweit erste Minergie-A Erneuerung eines Mehrfamilienhauses präsentiert. Die Architektur aus dem Jahre 1970 wurde ins Heute transformiert – nur eben besser. Der einstige Energieverbrauch von 30’000 Liter Heizöl pro Jahr liess sich in einen Energieüberschuss verwandeln.

Für den Umbau wurden nur etwa 25% der Grauen Energie aufgewendet, die bei einem vergleichbaren Ersatzneubau hätte aufgewendet werden müssen. «Das Umbauprojekt eines Mehrfamilienhauses, das es in dieser Form noch nie gab –zukunftsorientiert und kostenbewusst», verkündete Architekt Beat Kämpfen. «Neben der Photovoltaik auf dem Dach ist es vor allem die neue Fassade, die von sich reden macht: Sie produziert nicht nur Strom, sondern auch Wärme für Warmwasser und Heizung und liegt kostenmässig durchaus im Rahmen einer Fassadensanierung. Auslöser für das ausgeklügelte Energiekonzept war – neben grossen geschlossenen, aber gut besonnten Fassadenflächen – ein nicht mehr benötigter Abluftschacht in der Hausmitte», so der Inhaber der Zürcher Firma kämpfen für architektur ag.

Hoher Erneuerungsbedar
Das Mehrfamilienhaus an der Stettbachstrasse in Zürich-Schwamendingen wurde 1970 gebaut. Energetisch stammt es folglich aus einer ganz anderen Zeit. Die damals typische Betonkonstruktion wies systematische Wärmebrücken sowie eine nur minimale Innendämmung auf. Der Energieverbrauch lag bei 30’000 Liter Heizöl pro Jahr. Alle bisherigen baulichen Massnahmen beschränkten sich auf Unterhaltsarbeiten. Für die jetzt erfolge Gesamterneuerung hatte dies immerhin den Vorteil, dass keine «verschandelnden» Ergänzungen zurückgebaut werden mussten. Doch viele Bauteile waren ans Ende ihrer Lebensdauer angelangt. Die Bauherrschaft Ana und David Dubois entschied sich daher für eine tiefgreifende bauliche und energetische Sanierung, und zwar konsequent unter Berücksichtigung der ökologischen Aspekte der Jetztzeit. Statt das Gebäude abzubrechen, wie es heute mit Gebäude aus den Jahren 1940 bis 1970 vielfach gemacht wird. Die Bauordnung erlaubte eine moderate Verdichtung. Es war also möglich, ein Attikageschoss aufzustocken.

Reduktion des Energieverbrauchs: die Massnahmen
Der Energieverbrauch wurde bei gleichzeitiger Vergrösserung der Wohnfläche um 22 Prozent von rund 300’000 kWh/a auf rund 90’000 kWh/a reduziert. Pro Quadratmeter Wohnfläche bedeutet dies eine Verringerung um Faktor Vier! Möglich wurde das durch die Solarthermie: Insgesamt 180 m2 Sonnenkollektoren wurden an der Ost-, Süd- und Westfassade montiert. Dadurch lässt sich die nutzbare Solarenergie relativ gleichmässig übers Jahr verteilen. Die Sonnenkollektoren sind mit einem neuartigen, von der Firma Swissinso und der ETH Lausanne (EPFL) entwickelten bronzefarbenen, hell changierenden Glas abgedeckt, geliefert von der Firma Ernst Schweizer AG und ihrer Tochtergesellschaft Doma. «Solche Gläser eröffnen einem Architekten neue Gestaltungsmöglichkeiten. Denn sowohl Farbe als auch Format der kolorierten Gläser können in weiten Bereichen hergestellt werden. Verschärfte Qualitätssicherungsmassnahmen sorgen zudem dafür, dass die Solarkollektoren über ihre ganze Lebensdauer einwandfrei funktionieren», so Beat Kämpfen.

Gegen alle Schlechtwetterperioden gewappnet
Im Zentrum des Gebäudes befand sich der Abluftschacht für die Entlüftung der Tiefgarage. Die Entlüftung konnte verlegt und vereinfacht werden. In diesen Schacht wurde sodann ein 19 Meter hoher Solarspeicher der Firma Jenni Energietechnik aus dem emmentalischen Oberburg abgesenkt. «Dieser Speicher ist quasi das Herz der neuen Energiezentrale. Somit sind wir gegen Schlechtwetterperioden und deren Überbrückung gewappnet», sagte Architekt Kämpfen. Auf der Dachfläche wurde eine PV-Anlage mit 30 kW Leistung horizontal montiert. Der produzierte Strom reicht aus, um die Wärmepumpe und die Lüftungsanlagen zu betreiben sowie den Allgemeinstrombedarf zu decken. Mit dem Einbau einer kleinen Batterie wird ein möglichst hoher Eigenverbrauch angestrebt. Die Energiebilanz für die Gebäudetechnik liegt mit 10’000 kWh Überschuss pro Jahr im positiven Bereich.

Bedürfnisse einer nachhaltigen Zukunft ernst nehmen
Fachreferate hielten am 11. Mai 2017 nebst dem Architekten und weiteren Experten auch Swissolar-Geschäftsführer David Stickelberger, Energieingenieur René Naef sowie der Bauherr David Dubois. Er ist der Sohn des Architekten Dubois, der das Haus 1970 gebaut hatte. Nach Referaten und Rundgang war man sich beim Apéro einig: An der Stettbachstrasse 43 ist ein Vorzeigeobjekt mit einer Architektur entstanden, bei welchem Energieeffizienz und Sonnenenergienutzung, Umweltschonung und ein vernünftiger Ressourcenverbrauch respektiert werden. Möglich geworden ist dies nicht nur durch einen innovativen Architekten und sein Netzwerk, das Pionierlösungen sucht und umsetzt. Genauso wichtig war die Bauherrschaft, die die Bedürfnisse einer nachhaltigen Zukunft ernst nimmt.

©Text: Toni Rütti, Redaktor ee-news.ch

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