18. Apr 2017

Gesprächsrunde mit Olivier Meile, Bereichsleiter Gebäudetechnologie, BFE, Markus Koschenz vom Vorstand NNBS, Moderator Urs Peter Menti, Hochschule Luzern, und Andreas Meyer, Geschäftsleiter Minergie. ©Foto: T. Rütti

Andreas Meyer, Geschäftsleiter Minergie: «Ein energieeffizienter Betrieb bleibt leider solange eine Illusion, als es keine verlockenden wirtschaftlichen Anreize und einen spürbaren Komfortgewinn gibt.» ©Foto: T. Rütti

Laut Olivier Meile, Bereichsleiter Gebäudetechnologie beim Bundesamt für Energie, halten einer Erhebung zufolge Einfamilienhäuser die energetischen Anforderungen besser ein als Mehrfamilienhäuser. ©Foto: T. Rütti

180 Meinungsführer diskutierten am «Passerelle Workshop» vom 7. April 2017 das Thema Performance Gap, also die Diskrepanz zwischen theoretisch errechneten und möglichen sowie tatsächlich erreichten Messwerten. ©Foto: T. Rütti

2. Gesprächsrunde mit Andreas Hofer von der Baugenossenschaft «mehr als wohnen», Frederic Renier, Energiecontrolling und Nebenkosten bei der Enastra AG, und Dimitrios Gyalistras, Inhaber Synergy BTC AG. ©Foto: T. Rütti

Energieeffizienz: Der Performance Gap im Schweizer Gebäudepark

(©TR) Die errechneten positiven Effizienzwerte werden in der Praxis vielfach nicht erreicht. Wenn dies nicht eine Herausforderung für die gesamte Gebäudetechnikbranche ist! Die Differenz zwischen geplanter Zielgrösse und effektiv erreichtem Messwert, Performance Gap genannt, birgt ein grosses Potenzial, das es auszuschöpfen gilt. Dies ist eine Schlussfolgerung des 9. «Passerelle Workshops» in Luzern vom 7. April 2017.


Die Energiestrategie 2050 verfolgt bekanntlich das Ziel, den Energieverbrauch drastisch zu senken. Grosses Potenzial liegt dabei im Gebäudebestand. Immerhin ist er für über 40% des Energieverbrauchs und der CO2-Emissionen verantwortlich. Im Prinzip liesse sich mithilfe innovativer Technologien die Energieeffizienz in Wohn-, Büro- und Industriegebäuden massiv verbessern. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass die geplanten Effizienzwerte in der Praxis vielfach nicht oder kaum erreicht werden, insbesondere in der Sparte Mehrfamilienhäuser. Das ist ernüchternd für die gesamte Gebäudetechnikbranche. Dieser so genannte Performance Gap – die Differenz zwischen den Zielgrössen aus der Planung und den tatsächlich erreichten Messwerten im Betrieb – zeigt bezüglich der Energieeffizienz noch viel Spielraum nach oben. Das grosse Potenzial könnte weder allein bei den neuen Technologien, noch bei den Werkzeugen oder Prozessen liegen, sondern viel mehr in der Baukultur und im Zusammenspiel aller Faktoren.

Verschärfung der Anforderungen gefordert
Olivier Meile, Bereichsleiter Gebäudetechnologie beim Bundesamt für Energie, präsentierte die Resultate einer repräsentativen Erfolgskontrolle von Minergie-Gebäuden. Dabei zeigte sich, dass Einfamilienhäuser die energetischen Anforderungen besser einhalten als Mehrfamilienhäuser. «Die Bauherren von Einfamilienhäusern sind stärker auf das Thema Energieeffizienz sensibilisiert. Bei Mehrfamilienhäusern legen die Betreiber zwar die Grundeinstellungen fest, doch dann üben die Nutzerinnen und Nutzer eher einen geringen Einfluss aus», so der BFE-Vertreter. Zur Verminderung des Performance Gaps empfiehlt Olivier Meile «eine Verschärfung der Anforderungen an die Inbetriebsetzung und Übergabe von Gebäuden sowie eine intensivierte Sensibilisierung sowohl der Nutzenden und Mietenden als auch der Betreibenden und der Haustechnikdienste.»


Phasenübergreifendes Denken wichtiger denn je

Andreas Meyer, Geschäftsleiter Minergie, stellte unter anderem folgende These auf: «Ein energieeffizienter Betrieb bleibt leider solange eine Illusion, als es keine wirtschaftlichen Anreize und Komfortgewinn gibt.» Meyer machte den 180 Teilnehmern ausserdem die neuen Standards «MQS Bau» und «MQS Betrieb» beliebt, die den Performance Gap vermindern oder im Idealfall gänzlich vermeiden können. «Phasenübergreifendes Denken ist heute wichtiger denn je. Gebäudelabel mit einer neutralen Qualitätssicherung bieten allen Beteiligten bei Planung, Bau und Betrieb eine optimale Orientierungsmöglichkeit biete», betonte der Minergie-Geschäftsleiter am Schluss seiner Präsentation.

Kontinuierliche Energiedatenerfassung als Erfolgsfaktor
Für Markus Koschenz, Leiter Prime der Implenia Schweiz AG, ist Energie vorab ein strategisches Thema. Nur wenn das Energiemanagement definitiv Teil des Managementprozesses werde, liessen sich hier Erfolg und massgebliche Verbesserungen erzielen. Als weitere mögliche Erfolgsfaktoren nannte er die kontinuierliche Überwachung der Grenzwerte während allen Phasen, aber auch die umgehende Behebung von aufgetretenen technischen Problemen. Überdies möge man sich all die zur Verfügung stehenden neuen Technologien wie Datenübermittlung via Funk oder Data Mining zu Nutze zu machen. «Jedes Gebäude muss über eine Energiedatenerfassung verfügen. Das gehört dazu, wenn wir eine Energiestrategie verfolgen», so Koschenz. Und: «Es wäre falsch zu meinen, dass wir den Performance Gap alleine mit neuen Technologien vermeiden können. Wenn wir aber wieder besser planen, wird der Performance Gap von sich aus kleiner.»

Überwachung der energetischen Performance
«Seit Jahren sind wir dabei, Energie zu sparen, doch in der Summe passiert eigentlich nicht allzu viel. Vom Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft sind wir jedenfalls noch weit entfernt», so Andreas Hofer. Der Geschäftsleiter Baugenossenschaft «mehr als wohnen» sagte weiter: «Es mag sein, dass Einfamilienhäuser ihre Grenzwerte durchschnittlich einhalten. Doch in erster Linie geht es nicht um den Energieverbrauch pro Quadratmeter, sondern um die gesamte Infrastruktur, die dahinter steckt und um die Mobilitätsfolgen, die diese Entwicklung mit sich bringt.» Andreas Hofer zufolge sollte gemeinsam entschieden werden, wohin die energiepolitische Reise geht und in welche Richtung die technologische Entwicklung noch führen soll. Frederic Renier erläuterte das Potenzial des Energiecontrollings: Diese noch relativ junge Disziplin biete unter anderem Transparenz, lege das Potenzial für Betriebsoptimierung offen und deklariere energetisch relevante Fehlfunktionen, so der Bereichsleiter Energiecontrolling und Nebenkosten der Enastra AG. Doch mit der Implementierung eines Energiecontrolling Systems alleine sei es noch längst nicht getan: «Das System muss auch korrekt betrieben werden.» Wünschenswert sei, dass das Energiecontrolling als Thema prominenter positioniert und als eigenständige Disziplin behandelt werde. Dimitrios Gyalistras plädierte dafür, bei einer umfassende Analyse drei miteinander zusammenhängende Faktoren der Prüfung zu unterziehen: Environment, Operating Expenses und Energy Performance. Auf den Performance Gap möchte der Inhaber und Geschäftsleiter der Synergy BTC AG nicht mehr verzichten.

Den  Menschen von Anfang an miteinbeziehen
Organisiert wurde dieser 9. «Passerelle Workshop» vom Fachverein Gebäudetechnik und Energie (SIA FGE), der Schweizerische Verein von Gebäudetechnik-Ingenieuren (SWKI), die Hochschule Luzern – Technik & Architektur und das Netzwerk der Energieingenieure Alenii. Als Moderator führte Urs-Peter Menti von der Hochschule Luzern durch den Anlass. Beim Networking brachte der Projekt-Coach Rudolf Baumann-Hauser (Luzern) in einem Satz auf den Punkt, worauf es womöglich letztlich ankommt: «Auch in Zukunft werden wir nur dann Erfolg haben, wenn wir den Menschen von Anfang an miteinbeziehen.»

Der Workshop zum Herunterladen >>

©Text: Toni Rütti, Redaktor ee-news.ch

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