16. Feb 2017

Lärmschutzwand mit Durchblick in Neuötting. ©Bild: Solar-professionell

Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung sind mehr als positiv. Dabei hatten gerade alteingesessene Neuöttinger grosse Bedenken, wie die Lärmschutzwand das Ortsbild verändern würde. ©Bild: Solar-professionell

Lärmschutzwand in Neuötting: Mit Durchblick und Sonnenstrom

(PM) Ein beispielhaftes Konzept für Gestaltung und Finanzierung einer Lärmschutzwand mit integrierter Photovoltaik wurde 2016 in der oberbayerischen Gemeinde Neuötting entlang der Staatsstrasse 2550 realisiert. Mit dem Konzept wurden optisch und konzeptionell neue Wege beschritten. Ein Leuchtturmprojekt, das bei Kommunen, Energiegenossenschaften und Behörden Schule machen darf.


Ein Sprichwort sagt, „Lärm macht nichts Gutes und Gutes macht keinen Lärm“. So platt Sprichwörter manchmal sein mögen, so genau bringen sie komplexe Zusammenhänge mit wenig Worten auf den Punkt. Im Fall Neuötting war klar, dass ein neu ausgewiesenes Baugebiet und die neue Montessori-Schule einen Lärmschutz brauchten. Für die Stadt und insbesondere für das Bauamt von Neuötting eine grosse Herausforderung, denn es bestand die Pflicht zum Bau eines Lärmschutzes auf kleinem Grund, mit 5 Meter Höhe und der Pflicht die Kosten möglichst klein zu halten. 2016 wurde ein neuer Lärmschutz in Neuötting gebaut, mit dem optisch und konzeptionell neue Wege beschritten wurden.

Neuer Ansatz
„Die günstigste Lösung wäre die blickdichte, graue Lärmschutzwand aus Beton gewesen, die in Neuötting aber keiner haben wollte“, kommentiert Bauamtsleiter Alois Schötz den rein monetären Blick auf das Thema. Um den bestmöglichen Lärmschutz zu realisieren, hat die Stadt Neuötting bereits lange vor der Ausschreibung das Gespräch mit Ingenieurbüros und Lärmschutzherstellern gesucht. Gemeinsam wurde bereits vor der Ausschreibung diskutiert, wie der Lärmschutz gestaltet werden kann, um den geforderten Schutz bei attraktiver Optik und guter Funktionalität zu liefern. Dazu musste auch die Ausschreibung so gestaltet werden, dass Neuötting einen Lärmschutz erhält, der sich möglichst harmonisch in das Landschaftsbild einfügt, den Anwohnern den Blick hinter den Lärmschutz ermöglicht und der nachhaltig und bezahlbar ist.

Lärmschutzwall versus Lärmschutzwand
Zuerst dachten wir an einen Lärmschutzwall“, erklärt Bauamtsleiter Alois Schötz, „ aber der hätte zu viel Fläche verbraucht, die wir nicht zur Verfügung hatten und auch nicht erwerben konnten. Deshalb war schnell klar, dass wir auf der vorhandenen Fläche nur eine Lärmschutzwand realisieren konnten. Uns war aber sehr wohl bewusst, dass eine 5 Meter hohe Wand ein massiver Eingriff in das Landschaftsbild bedeutet und wir deshalb eine intelligente Lösung brauchten.“

Lärmschutz mit Durchblick und Sonnenstrom
Ein Zufall war es, der die Neuöttinger zur Firma Kohlhauer gebracht hat, einem führenden Unternehmen für Lärmschutzkonzepte und -Bauten an Verkehrswegen und bekannt für innovative Lösungen. Getroffen hatte man sich vor Jahren an der Kommunale in Nürnberg, an der die Firma Kohlhauer als Aussteller vertreten war. Die Gemeindevertreter führten ein kurzes Gespräch, das die Initialzündung für die Partnerschaft bei Entwicklung und Bau der Neuöttinger Lärmschutzwand war. Die Lösungen von Kohlhauer sind zwar nicht günstig, dafür profitieren die Erbauer aber von guter Qualität, Optik und der Akzeptanz ihrer Bauwerke. „Eine Lärmschutzwand ist auf 20 Jahre Nutzung ausgelegt“, erklärt Reinhard Kohlhauer, „in dieser Zeit muss das Objekt am besten ohne Mängel funktionieren“. Die Neuöttinger Lärmschutzwand ist modular aufgebaut. Zwischen Trägern wird auf 4 Metern Breite Lärmschutz aus einem patentierten Gitterdämmsystem, Acryl-Glas und Photovoltaik installiert. Das Konzept ist flexibel, so dass dort, wo die Photovoltaik unrentabel ist, das Gitterdämmsystem eingesetzt wird. Ausserdem können einzelne Elemente jederzeit ausgetauscht werden, sollte einmal ein Schaden durch z. B. Unfall oder Vandalismus entstehen. Das ist nachhaltig und hält Wartungskosten klein.

Lärmschutz in 3 Zonen
Die 234 Meter lange Lärmschutzwand besteht aus einem Bohrpfahlfundament mit Tragpfosten für die Lärmschutzsegmente im Abstand von 4 Metern. Die Pfosten sind mit einer Neigung von ca. 5° in die Fundamente eingelassen, um die Ausrichtung der Solarstrommodule zur Sonne zu verbessern. Die Felder zwischen den Pfosten sind 5 Meter hoch und sind jeweils in 3 Zonen aufgeteilt:

  • Zone 1 besteht aus einem akustisch wirksamen Gitterdämmsystem, das kurz über der Geländeoberkante auf einem Betonsockel ruht und 1 Meter hoch ist.
  • Zone 2 beginnt 1.28 Meter über Geländeoberkante, besteht aus Acrylglas in Aluminium-Rahmen und ist 1.50 Meter hoch. Es ist das transparent, durchsichtige Element, das den freien Blick auf die jeweils andere Seite der Schallschutzwand gewährt.
  • Zone 3 besteht aus 2 PV-Elementen mit je 2 Modulen auf der Südseite und akustisch wirksamen Gitterdämmsystem auf der Nordseite. Den oberen Abschluss der Konstruktion bildet der Kabelkanal, in dem alle Leitungen des Photovoltaikgenerators verlaufen, gut geschützt vor UV-Strahlung und Beschädigung.

Immer über Kopfhöhe
Das Photovoltaiksegment ist standardisiert und wird bei Kohlhauer unter dem Namen Kohlhauer Volta geführt. Das System ist für Photovoltaik-Module mit den Massen 1.65 Meter mal 1.00 Meter vorbereitet, kann aber auch an andere Masse angepasst werden. „Lärmschutz ist immer individuell für den jeweiligen Standort geplant“, weiss Reinhard Kohlhauer und noch ein Hinweis für ein langes, wartungsfreies Leben hat er parat: „Photovoltaik sollte immer über Kopfhöhe angebracht werden, denn dort ist das Risiko von Verschmutzung, Vandalismus- und Graffiti-Angriffen wesentlich geringer als im unteren Bereich“. Die Photovoltaik will er deshalb ausserhalb der Reichweite von Sprayern und Strassenschmutz wissen, weil Photovoltaikmodule mit Farbe ausgetauscht werden und verschmutzte Module gereinigt werden müssen.

Energiegenossenschaft springt ein
„Um die Lärmschutzwand von der ersten Idee, bis zur Fertigstellung zu realisieren, war viel Abstimmungsarbeit notwendig“, erklärt Bauamtsleiter Alois Schötz. „Im ersten Schritt ging es darum, die Ausschreibung so zu gestalten, dass Neuötting genau den Lärmschutz bekommt, der gewünscht wurde, nämlich eine Lärmschutzwand mit Durchblick, die erneuerbaren Strom produziert. Es war klar, dass diese Variante zu den teuersten gehört, aber Neuötting lebt mindestens 20 Jahre mit der Lärmschutzwand. Da sollte sie sowohl optisch als auch funktional die bestmögliche Lösung bieten.“

Im nächsten Schritt musste die Gemeinde feststellen, dass die Photovoltaikanlage für sie zu teuer geworden wäre. Ausserdem fehlte das Fachwissen für Betrieb und Wartung. Deshalb wurde die PV-Zone an die Energiegenossenschaft Inn-Salzach als Betreiber vergeben. Geplant und installiert hat die Photovoltaikanlage die Maxsolar GmbH in Traunstein, die auch Wartung und Überwachung der Anlage übernimmt. Alles erfolgte in enger Abstimmung mit der Stadt Neuötting und der Kohlhauer GmbH. Den Bau der Lärmschutzwand bis zur Photovoltaik führte BECK Lärmschutz GmbH aus Mainburg aus, ein regionales Unternehmen an das die Stadt Neuötting den Bau vergeben hatte.

Optimiert für Photovoltaik
Die Lärmschutzwand ist nicht lotrecht, sondern um 5° Richtung Norden geneigt. Dadurch steigert sich die Jahresleistung der 65 Kilowatt-PV-Anlage um rund 5 % gegenüber einer senkrechten Ausrichtung. „Wir sind von einem kalkulierten Jahresertrag von 800 - 850 kWh pro kW ausgegangen, was sehr konservativ und vermutlich zu vorsichtig angesetzt ist. Eine langfristige Auswertung ist noch nicht vorhanden. Wir sehen aber schon an den vergangenen Wintermonaten, dass der Trend zu einem positiveren Ergebnis geht“, erklärt Christoph Strasser, Leiter Vertrieb beim Photovoltaik Projektierer Maxsolar GmbH.

Überwachung durch Maxsolar
Der Vorsitzende der Energiegenossenschaft Inn-Salzach e.G. Pascal Lang ergänzt zum Engagement bei der Realisierung einer lärmschutzintegrierten Photovoltaikanlage: „Als Genossenschaftsprojekte in Zusammenarbeit mit den Kommunen können solche Lärmschutzwände Renditen von 4 % bis 6 % erzielen und sind somit für eine Umsetzung durchaus interessant, vor allem aber auch unter dem Aspekt der Eigenversorgung ortsnaher Verbraucher. Als reine Investorenanlagen rechnen sich diese Projekte eher weniger. Sobald aber ein Verbraucher, beispielsweise der Neubau der Montessori-Schule Neuötting, versorgt werden kann, steigert das die Rentabilität der Anlage.“ Die erwartete Jahresleistung der lärmschutzintegrierten 65 Kilowatt-peak Photovoltaik liegen nach Berechnungen der Maxsolar GmbH am Standort bei rund 55‘000 Kilowattstunden. Die Nutzung der Lärmschutzwand durch die EnergieGenossenschaft Inn-Salzach e.G. ist in Form eines Gestattungsvertrags mit der Gemeinde geregelt. Entgelte für die Nutzung fallen für die Genossenschaft nicht an. Dafür hat sie die Kosten für den oberen Teil der Lärmschutzwand übernommen. Die Leistungen der Kohlhauer GmbH enden am Stecker. Verwaltet, überwacht und gewartet wird die Photovoltaik in Zukunft durch den Photovoltaik-Projektierer Maxsolar GmbH im Auftrag der EnergieGenossenschaft Inn-Salzach e.G.

Hohe Akzeptanz
Alois Schötz, der engagierte Bauamtsleiter von Neuötting hat hart für dieses spezielle Konzept der Lärmschutzwand gekämpft. Es hat Jahre und viele Verhandlungen gedauert, bis alles geregelt war, aber es hat sich gelohnt. Der Amtsleiter mit tiefer, ruhiger Stimme bringt echte Begeisterung rüber: „Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung sind mehr als positiv. Dabei hatten gerade die alteingesessenen Neuöttinger grosse Bedenken, wie eine 5 Meter hohe Lärmschutzwand das Ortsbild verändern würde. Aber selbst von den Skeptikern kommt nur Lob“, erklärt Alois Schötz. Die O-Töne aus der Bevölkerung reichen von „das hatten wir uns viel schlimmer vorgestellt“ bis „sieht richtig gut aus“. Besonders gut kommt die Transparenz des Lärmschutzes an, denn direkt hinter der Lärmschutzwand führt ein Wirtschaftsweg entlang, der intensiv von Spaziergängern genutzt wird. Die freuen sich über den zwar eingeschränkten, aber noch möglichen Blick in die Umgebung hinter dem Lärmschutz.

Norah: Lärm verletzt die Psyche
Norah ist die bisher grösste europäische Studie zur Untersuchung gesundheitlicher Folgen von Verkehrslärm und steht für Noise-Related Annoyance, Cognition and Health. Die Studie die Verkehrssituation in Frankfurt am Main untersucht und analysiert Fluglärm, Strassenlärm und Lärm an Schienenwegen. Ein Ergebnis der Studie ist, dass Menschen, die regelmässig Lärm ausgesetzt sind, eher unter psychischen Erkrankungen leiden und weniger an z. B. Herzinfarkt, wie bisher angenommen. Bei einer immer mobileren Gesellschaft wird Lärmschutz immer wichtiger. Damit steigt auch das Potential für intelligenten Lärmschutz mit integrierter Photovoltaik und somit auch die Möglichkeiten für Beteiligungsmodelle von Investoren und Genossenschaften.

PV in Lärmschutzwänden unter 1 Prozent
Seit 1996 kombiniert die R. Kohlhauer GmbH aus dem badischen Gaggenau Lärmschutz und Photovoltaik. Im Interview verrät Reinhard Kohlhauer, dass der Anteil der Lärmschutzwände mit integrierter Photovoltaik allerdings bei unter 1 Prozent liegt. „Eigentlich ist das eine prima Sache, aber trotz massiv gesunkener Preise für die Photovoltaik-Komponenten trauen sich die Entscheider nicht an das Thema ran. Dass nicht mehr schallschutzintegrierte Photovoltaik verbaut wird, ist meiner Ansicht nach eine Kopfsache“, so der Lärmschutzexperte. Dabei gibt es sehr gute Gründe für das Konzept:

  • PV-Komponenten werden immer günstiger.
  • Die Montage in der Lärmschutzwand ist einfach, der Planungsaufwand gering.
  • Immer mehr Lärmschutzwände müssen aus Altersgründen erneuert werden. Sie können mit integrierter Photovoltaik aufgewertet werden.
  • Gleiches gilt für die nachträgliche Erhöhung von Lärmschutzwänden auf Grund von steigendem Verkehrsaufkommen und Grenzwertüberschreitung.
  • In jungen Industrienationen steigt das Verkehrsaufkommen und somit der Bedarf an Lärmschutz. Länder mit starker Sonneneinstrahlung wie Indien, Malaysia und Türkei sind daher interessante Entwicklungsgebiete für lärmschutzintegrierte Photovoltaik.

„In Deutschland blockieren meistens die Behörden das PV-Schallschutz-Konzept, sei es aus Unwissenheit oder der Pflicht, dem billigsten Angebot den Zuschlag zu erteilen. Man hat Angst vor zusätzlichen Kosten, einem höheren Aufwand bei Bau und Wartung mit der Elektrik und die wollen die Zuständigkeiten zwischen den einzelnen Gewerken nicht abstimmen. Dabei wird wenig Rücksicht auf Akzeptanz in der Bevölkerung oder Nachhaltigkeit genommen“, so Kohlhauer.

Investoren ins Boot holen
Sowohl für die Firma Kohlhauer wie auch für die Gemeinde Neuötting war das Konzept der Teilfinanzierung und Realisierung einer Lärmschutzwand mit einem Investor ein neuer Weg. Dafür mussten sich alle Beteiligten, Behörden und Unternehmen mental für das neue Konzept öffnen. Originalton Baumamtsleiter Alois Schötz: „Die Abstimmungsarbeit mit so vielen Beteiligten ist eine Herausforderung, aber die Arbeit hat sich gelohnt.“ Als Ergebnis der Mehrarbeit hat die Stadt Neuötting einen hochwertigen Lärmschutz realisieren können, bei überschaubaren Baukosten. Von der Bevölkerung wird der Bau sehr positiv angenommen und er vermittelt durch die integrierte PV ein nachhaltiges Image, das allen Beteiligten, aber in erster Linie natürlich der Stadt Neuötting zu Gute kommt. Die Energiegenossenschaft Inn-Salzach konnte ihr Portfolio mit einem weiteren Leuchtturmprojekt mit Vorbildfunktion erweitern, dass langfristig Rendite erwirtschaften wird. Planung, Installation und Betreuung wurden in die Hände der Maxsolar GmbH gegeben, einem erfahrenen Unternehmen, das bereits viele aussergewöhnliche Photovoltaikobjekte zum Erfolg geführt hat. Reinhard Kohlhauer sieht noch viel Potential für lärmschutzintegrierte Photovoltaik in Investorenhand: „Gerade bei Nachrüstung von Lärmschutz im Bestand können Verantwortliche mit einem Investorenmodell Baukosten senken, die Akzeptanz von Lärmschutz erhöhen und ihr Image verbessern. Man muss es nur wollen.“

Text: Solar-professionell

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